Das Bücherzimmer: Roman (dtv großdruck)

Rezensionen zu "Das Bücherzimmer: Roman (dtv großdruck)"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jan 2019 

    Politisch und gesellschaftlich sehr wertvoll

    Gleich vorneweg gesagt, wow was für ein Buch. Supergut geschrieben, die Thematik ist zwar eine ernste, aber historisch gesehen sehr gut recherchiert, sehr gut in eine literarische Sprache gepackt, es gibt sehr empathische Figurenbeschreibungen mit differenzierten Charakteren. Ich habe die ganze Geschichte sehr authentisch erlebt. Von der ersten bis zur letzten Seite hat die Autorin mich und Tina gepackt. Dies ist das erste Werk von Rosemarie Marschner, das ich gelesen habe. Ich werde mir diesen Namen unbedingt merken.

    Den Nationalsozialismus mal aus der Perspektive der Österreicher betrachtet, immerhin ist Adolf Hitler Linzer, fand ich hoch interessant. Außerdem noch spannend waren die komplizierten verstrickten Familienbiografien und das Einzelschicksal eines jungen Mädchens. Auch wenn dieses Buch als ein Frauenbuch deklariert ist, möchte ich sagen, dass dies kein Schnulz-Liebesromanbuch ist. Es ist ein Buch über starke Frauen, aber auch ein Buch über starke gesellschaftliche Zwänge, wo man Frauen, die nicht der Norm entsprechen, ihre Existenzberechtigung nimmt …

    Hier geht es zum Klappentext, zum Autor*inporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

    Die Handlung
    Mira Zweisam hat 1918 ein uneheliches Kind namens Marie auf die Welt gebracht. Dadurch ist Mira von der Dorfgemeinschaft abgeschnitten, da sie Schande über sie gebracht habe. Mira wird ausgegrenzt, sodass sie zusammen mit ihrem Kind ein einsames Leben fristet. Es gibt nur einen Angehörigen, es ist der Bruder von Mira, der Kontakt zu ihr und der Marie hält. Auch ist er der Vormund von Marie. Er entscheidet, über Maries Zukunft.

    Marie wächst auf dem Land auf. In der Schule ist sie Musterschülerin. Der Lehrer setzt sich für das Kind ein, damit sie nach der Schulpflicht eine höhere Schule besuchen kann. Sowohl die Mutter als auch der Vormund lehnen ab, denn mit Marie sind andere Pläne vorgesehen.

    Mit 14 Jahren wird Marie fortgeschickt, und man weiß als Leserin noch gar nicht wohin. Man erfährt, wie Marie von der Mutter an den Bahnhof begleitet wird und ohne große Abschiedszeremonien geht die Mutter wieder zurück nach Hause. Schwer trägt sie den inneren Abschiedsschmerz, den sie der Tochter nicht zeigen möchte, um ihr die Trennung zu erleichtern. Marie ist nun auf sich selbst gestellt. Mit einer fremden Adresse in der Hand fährt sie nach Linz, um dort die adlige Familie Horbach in der Villa aufzusuchen. Bei dieser Familie wird sie als Dienstmädchen eingestellt werden ... Marie steht am Tor der Horbach, und man wollte ihr erst nicht aufmachen, da man sie mit einer Bettlerin verwechselt hat …

    Marie lernt die gleichaltrige Elvira kennen, das einzige Kind der Horbachs. Elvira besucht eine Privatschule. Marie würde alles geben, selbst auch noch eine Schule besuchen zu dürfen. Elvira verhält sich ihr gegenüber überheblich und behandelt sie von oben herab, schikaniert sie vor ihren Freund*innen, vor dem Geschwisterpaar Ohnesorg, die sich allerdings recht einfühlsam Marie gegenüber verhalten und weisen Elvira in ihre Schranken ….
    Am Beispiel von Elvira hatte Marie beobachtet, dass ein Leben, selbst ein ganz junges, eine klar festgelegte Linie haben konnte. Von Elvira wurde erwartet, dass sie ihre Schule abschloss und dann eine passende Ehe ansteuerte. Künftige Bewerber zeigten sich bereits. Sie würde heiraten und dann das gleiche Leben führen wie ihre Mutter. Ein Leben, das zumindest gesichert und behaglich war. (2012, 47)
    Nach einem behaglichen Leben träumte auch Marie. Auch sie hatte Bewerber. Sogar einen, der wirklich zu ihr gepasst hätte, wenn das Schicksal sie zusammen geführt hätte. Zusätzlich hat sich in Marie ein junger Bäcker verliebt, der ihr später mit seinem Motorrad bis aufs Land folgt, als sie von jetzt auf gleich ihre Zelte bei den Horbachs abbrechen musste …

    In dem Haushalt ist Amelie eingestellt, die für das Kochen und für die Wäsche zuständig ist. Amelie ist Maries Vorgesetzte, und erlebt durch sie verschiedene nachdenkenswerte Ereignisse.

    Die Horbachs geben jeden Mittwochnachmittag eine Gesellschaft. Marie bekommt frei, weil die feine Dame Beate Horbach Marie nicht dabeihaben möchte. Sie weiß nicht sehr viel mit der freien Zeit anzufangen, mit diesen vielen Stunden draußen umzugehen. Sie kommt sich als Landmädchen in der großen Stadt verloren vor. Sie trauert um ihr Zuhause, sehnt sich nach der Mutter und nach deren Zärtlichkeiten zurück. Sie gerät immer wieder in eine Identitätskrise, und bekommt die Nachteile, die sie in der Gesellschaft als ein uneheliches Kind einzustecken hat, deutlich zu spüren. Marie schaut anderen zu, was sie in ihrer Freizeit treiben, wo sie ausgeschlossen ist, wie z. B. vom Tennisspiel oder vom Besuch der öffentlichen Badeanstalten. Als Dienstmädchen stehen ihr Aktivitäten dieser und anderer Arten nicht zu.

    Nicht nur, dass sie ein Bauernkind ist. Sie fühlt sich auch schuldig, ein Bastardkind zu sein, denn als solches wird sie häufig bezeichnet.

    Elviras Großvater, ein emeritierter Notar, der sich häufig in seiner Bibliothek verkriecht, entdeckt in Marie eine literarische Begabung. Marie findet in dem Haus eine große Bücherstube und ist von den vielen Büchern recht angetan. Es stellt sich schnell heraus, dass Marie lesen kann, und auch an den Zeitungen interessiert ist …

    Der Notar engagiert Marie zu seiner Vorleserin. Durch seine Mithilfe schafft sie es, dass Marie auf seinen Namen einen Bibliotheksausweis ausgestellt bekommt und, sodass sie sich aus der Stadtbücherei Bücher ausleihen konnte ... Es entsteht zwischen dem Notar und Marie eine stillschweigende Bindung. Jeden Nachmittag sollte Marie dem Notar in der Bücherstube vorlesen. Jeden Tag empfand Marie so viel Vorfreude auf diese eine einzige Lesestunde …

    Eines Tages holt der Onkel Marie wieder nach Hause, da die Mutter durch eine schwere Erkrankung im Sterben liegt. Die Anstellung bei den Horbachs wird gekündigt.

    Nach dem Tod der Mutter fühlt sich Marie alleine auf der Welt. Einsam und verlassen … Der Bäckerjunge Franz Janus schafft es, Marie für sich zu gewinnen. Die Nöte, nirgendwo richtig dazuzugehören, treibt Marie in die Arme dieses jungen Mannes ...

    Nachdem der Vormund mit Franzens Eltern alles Notwendige geklärt hat, zieht Marie mit der Familie Janus nach St. Peter, ein Vorort von Linz. Der Familie wurde Maries Herkunft verschwiegen ... Nun hat Marie endlich eine Familie, in der sie dazugehört, doch der Schein trügt. Sie wird von der Schwiegermutter schwer ausgenutzt und zieht einen Keil zwischen diesen beiden Jungvermählten, der sich über mehrere Jahre hinzieht … Imma Janus ist von Hitler angetan und erwirbt einen Parteiausweis und weiß sehr genau ihre politischen Vorteile gegen Marie auszuspielen ...

    Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
    Ich fand viele Szenen sehr traurig, aber sie haben zu den Ereignissen dazugehört. Allerdings hat mich diese adlige Familie angewidert. Gerade die vornehmen Damen von alt bis jung wissen oftmals nicht ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. Beate Horbach, Elviras Mutter, musste sich oft vom Nichtstun erholen. Ihr Job bestand lediglich daraus, die feine Dame zu spielen. Schlimm fand ich, dass die ältere Hauswirtschafterin Amelie sehr krank wurde, und sie die Horbachs ohne Vorwarnung verlassen hat. Man hat sie tot in einem Fluss gefunden, zusammen mit den vielen Kochbüchern der Beate Horbach. Amelie brauchte diese schweren Bücher, die sie alle in ihren Koffer gelegt hatte, sie eine Schnur um den Koffer, und diese wiederum um die Füße gebunden hatte, damit der Koffer sie bei dem Sturz von der Brücke in die Tiefe reißen konnte. Sie hat einen Suizid begannen, und niemand außer Marie trauerte um Amelie. Beate Horbach schimpfte über sie, da sie ihre Kochbücher gestohlen hätte. Könnte man Tote anzeigen, dann hätte sie die gestohlenen Bücher zur Anzeige gebracht. Auch Amelie hatte keine Angehörigen auf der Welt. Deshalb fand ich auch ihr Schicksal sehr traurig.
    Es gibt noch viele andere Szenen, die im Umgang mit anderen Figuren grausam waren …

    Zur politischen Lage
    Auch in Österreich feierte Hitler seine Verehrer aber viele erkannten, dass es ein Fehler war, sich in Hitlers Politik zu begeben. Außerdem wurden nicht nur Juden aus ihren Häusern vertrieben. Es gab viele Österreicher, die ähnlich wie die Juden Land und Haus abgesprochen bekommen haben. Weitere Details sind dem Buch zu entnehmen.

    Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
    Mir hat gefallen, dass Susanne Ohnesorg Marie die Freundschaft angeboten hatte, obwohl Elvira sie schikasniert hatte.

    Welche Figuren waren für mich Sympathieträger?
    Marie und Mira Zweisam.

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Emmi Janus.

    Meine Identfikationsfigur
    Marie Einsam.

    Cover und Buchtitel
    Hat mich beides angesprochen.

    Zum Schreibkonzept
    Auf den 414 Seiten ist dieses Buch in drei Büchern unterteilt. Und jedes Buch beginnt erneut mit dem ersten Kapitel … Zu Beginn der Lektüre bekommt man einen Prolog zu lesen, aber ohne dass es mit einem Prolog betitelt wurde. Hier ist Marie eine alte Frau, die ein Testament an ihren Neffen Thomas hinterlassen hat. Mit dem ersten Kapitel lernen wir Maries Kindheit und Jugend kennen, später Marie als eine junge Erwachsene. Ganz zum Schluss findet man eine Anknüpfung zur alten Marie aus dem Prolog. Ich habe allerdings bei so vielen Kapiteln habe ich ein Inhaltsverzeichnis vermisst. Im Austausch mit Tina war es ein wenig mühsam, da sie das Buch auf einen eReader gelesen hat, und dort keine Seitenzahlen angegeben wurden. Tina war hundert Seiten weiter als ich, und ich hatte keine Ahnung, auf welcher Seite sich ihr Kapitel befand. Nach vielem Rumgeblättere habe ich es schließlich aufgegeben zu suchen. Wir haben uns schließlich dann erst ausgetauscht, nach dem wir beide mit dem Buch durch waren.

    Meine Meinung
    Vorsicht Spoiler
    Was mich und Tina ein wenig gewundert hat, ist, dass Marie einen Enkel besaß, wir aber nicht wissen, wer ihr Kind war? Dem Kontext erschließend hat Marie nach ihrer Scheidung nicht neu geheiratet, obwohl sie einen jungen Mann kennengelernt hat, zu dem sie sich diesmal hingezogen gefühlt hat.

    Mein Fazit
    Auch wenn wir jetzt nicht wissen, woher dieser Enkel stammt, und die Autorin uns eigentlich eine Antwort schuldig ist, können wir mit dieser Lücke trotzdem leben, weil alles andere den Stoff aufgewertet hat. Sie muss ihre Gründe gehabt haben. Ein superspannendes Buch, das von mir/uns die volle Punktzahl erhält.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Jan 2019 

    Ein selbstbestimmtes Leben?

    Den Roman hat @Momo in der Rubrik "Frauenromane" entdeckt. Obwohl die Protagonistin eine Frau ist, ist er auch ein Roman gegen das Vergessen und ein Beispiel dafür, wie schwierig es für Frauen in der Zeit vor dem 2.Weltkrieg gewesen ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

    Uns beiden hat der Roman gut gefallen und wir haben uns intensiv über das Leben Marie Zweisams ausgetauscht - über die Zwänge, in denen sie aufgrund ihrer Herkunft und auch ihrer Entscheidung zu heiraten gefangen gewesen ist.

    Inhalt
    Im Prolog betritt der Enkel Marie Zweisams ihre Villa und entdeckt in den Unterlagen seiner erfolgreichen und gerade verstorbenen Großmutter ein Hochzeitsfoto, obwohl diese seinen Großvater nie geheiratet hat. Er fragt sich, wer der Mann auf dem Foto ist.

    Die Geschichte Maries setzt im Jahr 1932 ein und erstreckt sich bis zur Zeit kurz vor dem 2.Weltkrieg.

    Sie wächst als uneheliches Kind auf dem Land in Österreich auf. Ihre Mutter, die sich in einen Adligen verliebt hat, der jedoch auf Druck seiner Eltern keine Bindung mit ihr eingegangen ist, wünscht sich für Marie ein besseres Leben. Daher schickt sie sie nach Linz in den angesehenen Haushalt des Notars Horbachs, wo sie als Hausmädchen arbeitet. Ein einsames, eintöniges Leben unter den Blicken der Köchin Amalia, die ihr aber wohl gesonnen ist, und den kritischen Augen der Hausherrin, die selbst in ihrem Leben gefangen scheint.

    Auf diese Weise füllte sich nach und nach das schiefe alte Kleiderschränkchen oben im zweiten Stock in der Mädchenkammer mit den Kaufsünden und Fehlentscheidungen einer verwirrten Frau, die sich nicht eingestand, daß viel zu schnell ein Abschnitt ihres Lebens zu Ende gegangen war und ein neuer begonnen hatte, dessen Wert sie nicht begriff. Eine Frau, die immer lächelte, sogar noch vor dem Spiegel, wenn sie allein war. Nur manchmal, an späten Nachmittagen, wenn die Geschäftigkeiten des Tages sie müde gemacht hatten, vergaß sie zu lächeln. Wenn sie dann unerwartet im Spiegel ihrem Gesicht begegnete, erschrak sie über die Fremde, die sie da so unverhohlen fixierte. Hungrig und verlassen. (S.73)

    Ihr Vater, der alte Notar, befiehlt, dass Marie ihm täglich im Bücherzimmer aus der Zeitung vorlesen soll. Da Marie eine sehr gute Schülerin gewesen ist, fällt es ihr leicht, und sie profitiert von den Monologen des alten Herren, der die politischen Ereignisse kommentiert.

    Da fiel ihr das Bücherzimmer ein, in dem der Herr Notar seine schwachen Augen marterte, und sie dachte, daß dies der Platz wäre, an dem sie glücklich sein könnte. (S.52)

    Während ihrer Zeit im Hause Horbach lernt sie den adligen Richard Ohnesorg kennen, eine Verbindung, die aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede nicht möglich ist.

    Marie stand außerhalb. Außerhalb wie überall hier in der Stadt. Nur in der Horbach-Villa war ihr eine Rolle zugewiesen worden, aber die – das wurde ihr bewußt, während sie von außen in den Garten Eden hineinblickte –wollte sie nun selbst nicht. (S.64)

    Als ihre Mutter erkrankt, muss sie zurück in ihre Heimat und gibt ihre Stellung auf - als verheiratete Frau kehrt sie nach Linz zurück und erlebt das Erstarken des Nationalsozialismus und die Annexion Österreichs.

    Gleichzeitig muss sie feststellen, dass ihre Heirat nicht die von ihre erhoffte Freiheit bietet - ist sie im falschen Leben gefangen?

    Was soll aus mir werden? Wo gehöre ich eigentlich hin? Gibt es auf dieser Welt einen Platz, an dem ich so sein darf, wie ich bin? Ja, was will ich überhaupt? Und habe ich eine Chance, es zu erreichen? (S.147)

    Bewertung
    Der Roman hat mir aus mehreren Gründen gefallen, da er

    - aufzeigt, wie sehr die gesellschaftliche Herkunft die Lebenschancen beschränkt; auch Marie kann sich nur aufgrund eines glücklichen Zufalls daraus befreien,

    - ein authentisches Bild der politischen Verhältnisse in Linz und im Vorort St.Peter in der Umbruchzeit bis hin zum 2.Weltkrieg zeichnet: die anfängliche Begeisterung für den Führer einerseits, die beginnende Desillusionierung in weiten Teilen der Bevölkerung andererseits,

    - mit der sympathischen Protagonistin eine starke Identifikationsfigur schafft und die weiteren Figuren authentisch und differenziert darstellt.

    Schade fanden wir, dass die Zeit des Weltkriegs und Maries Weg zum Erfolg selbst nicht thematisiert wurden. Die Autorin beschränkt sich auf die Phase bis zu Maries "Befreiung" und lässt einige Fragen offen. So schließt sich am Ende zwar der Rahmen mit dem Enkel, über dessen Eltern erfährt man sich jedoch nichts.