Das Böse kommt auf leisen Sohlen (detebe)

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Böse kommt auf leisen Sohlen (detebe)' von Ray Bradbury
3.7
3.7 von 5 (7 Bewertungen)

Eines Nachts kommt heimlich und verstohlen ein Jahrmarkt in eine kleine Stadt in Illinois und schlägt seine Zelte auf. William »Bill« Halloway und James »Jim« Nightshade, zwei Jungs aus der Stadt, spüren als Erste, dass mit dem Jahrmarkt etwas nicht geheuer ist. Sie entdecken das dunkle Geheimnis eines Karussells, das auf zerstörerische Weise in das Leben der Fahrgäste eingreift. Ihre Entdeckung bleibt nicht unbemerkt: Auf leisen Sohlen, aber unerbittlich werden die Jungen vom Bösen verfolgt und in die Enge getrieben.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:272
Verlag: Diogenes
EAN:9783257208665

Rezensionen zu "Das Böse kommt auf leisen Sohlen (detebe)"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Jan 2017 

    Verlockungen...

    Eines Nachts kommt heimlich und verstohlen ein Jahrmarkt in eine kleine Stadt in Illinois und schlägt seine Zelte auf. William »Will« Halloway und James »Jim« Nightshade, zwei Jungs aus der Stadt, spüren als Erste, dass mit dem Jahrmarkt etwas nicht geheuer ist. Sie entdecken das dunkle Geheimnis eines Karussells, das auf zerstörerische Weise in das Leben der Fahrgäste eingreift. Ihre Entdeckung bleibt nicht unbemerkt: Auf leisen Sohlen, aber unerbittlich werden die Jungen vom Bösen verfolgt und in die Enge getrieben.

    "Eines Jahres begann Allerheiligen schon am 24. Oktober, drei Stunden nach Mitternacht. In diesem Jahr war James Nightshade (...) dreizehn Jahre, elf Monate und dreiundzwanzig Tage alt. William Halloway von nebenan war dreizehn Jahre, elf Monate und vierundzwanzig Tage alt. Beide streckten ihre Hände nach dem vierzehnten Geburtstag aus und spürten ihn fast schon leise zitternd zwischen ihren Fingern. Das war jene Woche im Oktober, in der sie über Nacht erwachsen wurden, in der das Jungsein ihnen entglitt..."

    Obwohl die beiden Jungen fast auf den Tag genau gleich alt sind und beste Freunde noch dazu, sind sie von ihrer Wesensart her komplett verschieden. Jim ist der, der Angst hat, das Leben zu verpassen - immer vorneweg und ohne Furcht vor irgendetwas, doch mit viel Sehnsucht nach dem, was da noch kommen mag. Will dagegen ist der, der nachdenkt, der träumt, der innehält - doch er läuft mit Jim, um ihn nicht zu verlieren. Heimliche nächtliche Ausflüge sind an der Tagesordnung, der Weg durchs Fenster statt durch die Tür ist Ehrensache. Beide Jungen treiben aufs Erwachsenwerden zu, doch während Jim es kaum abwarten zu können scheint, tastet sich Will eher vorsichtig heran.

    Als ein Blitzableiterverkäufer in die kleine Stadt kommt, erfasst eine erste dunkle Ahnung die Jungen. Und der unterschiedliche Charakter der beiden offenbart sich einmal mehr: während Will darauf besteht, den Blitzableiter am Haus zu befestigen, wagt Jim das Spiel mit dem Feuer und reißt ihn wieder ab. In derselben Nacht kommt unerwartet ein alter Zirkus in die Stadt. Die Jungen wachen bei dessen Ankunft auf und beobachten die dunklen Schatten, die den Zirkus aufzubauen scheinen. Doch tagsüber scheint alles normal...

    "Ein Jucken spür' ich, ganz verstohlen,
    Das Böse kommt auf leisen Sohlen."
    Shakespeare

    Der Zirkus zieht die Menschen magisch an, mit seinen Karussells, seinen Attraktionen, seinen Monstrositäten. Doch Jim und Will spüren, dass hier das Böse Einzug hält. Unsichtbar für jeden, nur nicht für die empfindsamen, vibrierenden Seelen der Heranwachsenden. Aber werden sie sich der Gefahr erwehren können? Oder auch nur wollen? Denn die Verlockungen sind groß...

    Bei Ray Bradbury kommt das Grauen nicht zähnefletschend und bluttriefend daher. Sondern mit Zuckerwatte, Musik und verlockenden Versprechungen. Ein subtiles Gefühl von Bedrohung, von Düsternis, aber auch von Melancholie, erfasste mich immer wieder beim Lesen. Vor allem zu Beginn die 'Ruhe vor dem Sturm', die 'bleierne Stille vor dem Gewitter' - die fand ich richtig gelungen. Hier wird allegorisch eine Geschichte erzählt über das Leben, über Trauer, über Freundschaft, über Träume, über die Verbundenheit von Vätern und Söhnen und natürlich über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, der nicht hoffnungslos sein muss.

    "Der Rest des Weges ging glatt, wunderbar, leicht, herrlich. Sie schwangen sich über das Fensterbrett und blieben dort eine Weile sitzen, gleich groß, gleich schwer, getönt von denselben Sternen. Sie umarmten sich mit dem Gefühl herrlicher Erschöpfung, lachten leise miteinander preßten einander die Hand auf den Mund, aus Angst, jemanden zu wecken – Gott, das Land, die Frau, die Mutter, die Hölle. Sie spürten die warem Quelle der Heiterkeit dort, blieben noch einen Augenblick so sitzen, die Augen hell und feucht vor Liebe.“

    Und doch hatte ich trotz des überzeugenden Ansatzes einige Probleme mit der Lektüre. Zum einen fiel es mir schwer, mich an den doch altertümlich anmutenden Schreibstil zu gewöhnen (die Originalausgabe erschien bereits 1962 unter dem Titel 'Something Wicked This Way Comes', die deutsche Ausgabe erstmals im Jahr1969). Zum anderen gab es hier einige Schwachpunkte, die den Gruseleffekt für mich immer wieder verwischten oder unterbrachen:

    Ein stellenweise inflationär anmutender Gebrauch von Bildern und Metaphern war gelegentlich anstrengend zu lesen und zwang die Gedanken beim Lesen immer wieder auf die mögliche hintergründige Bedeutung zwischen den Zeilen. Langatmige Passagen philosophischer Gedankengänge und Monologe wirkten auf mich teilweise zu raumfordernd und der Spannung abträglich. Manche Szenen wirkten (alb-)traumartig und surreal und verwirrten mich damit mehr als dass sie den Gruseleffekt verstärkten. Und auch wenn am Ende das Tempo noch einmal deutlich anzog, war mir die Auflösung letztlich zu einfach, zu 'platt'.

    "Nein, ganz stimmte das auch nicht. Aus sich selbst heraus macht er ein Geräusch, er seufzt wie der Wind, der deine Gardinen bläht weiß wie der Atem des Schaums. Oder er macht ein Geräusch wie die Sterne, die sich in deinem Traum drehen. Vielleicht kündigt er sich auch an wie Mondaufgang und Monduntergang. Ja das ist am besten: Wie der Mond über die Tiefen des Alls segelt, so treibt ein Ballon dahin.“

    Dennoch war mein erstes Buch von Ray Bradbury insgesamt eine interessante Lektüre - sein sicherlich bekanntestes Werk 'Fahrenheit 451' möchte ich auch unbedingt noch lesen. Als einer der bekanntesten und schöpferischsten Schriftsteller Amerikas hat Ray Bradbury viele seiner schreibenden Kollegen der nachfolgenden Generationen zwangsläufig beeinflusst und inspiriert. So offensichtlich auch Stephen King: Parallelen von 'Das Böse kommt auf leisen Sohlen' beispielsweise zu 'Es' lassen sich einfach nicht leugnen.

    Ein Buch voller Symbolik und Allegorien, das nicht immer einfach zu lesen ist, das aber den Leser fordert, in die Abgründe hinter den Zeilen einzutauchen.

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Jan 2017 

    Der Zirkus kommt

    Die beiden fast 14jährigen Will und Jim sind dicke Freunde. Zusammen gehen sie durch dick und dünn. Natürlich sind sie nicht immer einer Meinung, mal scheint der eine etwas erwachsener mal der andere. So langsam ist es an der Zeit von der Kindheit Abschied zu nehmen. Was kann ihnen da besseres passieren als die Ankunft eines Zirkus. Mitten in der Nacht erreichen die Wagen den Ort. Ein ungewöhnlicher Zirkus scheint es zu sein, ein unheimlicher. Doch Will und Jim lassen sich nicht abschrecken, sie wollen unbedingt sehen, was die Artisten und Menschen mit besonderen Fähigkeiten zu bieten haben. Wills Vater Charles allerdings ist etwas besorgt.

    Die Geschichte über die Freundschaft der beiden Jungen Will und Jim, die an der Schwelle zum Erwachsen werden auf eine harte Probe gestellt wird, fesselt und lässt einen schaudern. Schließlich handelt es sich bei den Artisten des Zirkus` um eine gar unheimliche Schar. Da ist zum Beispiel Mr. Dark, der illustrierte Mann, dessen Tätowierungen eine seltsame Lebendigkeit entfalten. Die blinde Hexe scheint durch ihre geschlossenen Augenlieder in die Seelen hinein sehen zu können. Und dieses Spiegelkabinett, das nicht alle seine Besucher wieder zum Vorschein kommen lässt, wirkt sehr unheimlich. Diese und noch mehr Besonderheiten zeichnen diesen seltsamen Zirkus aus. Warum wird der Heimatort von Will und Jim aufgesucht oder sollte man besser sagen heimgesucht.

    Ein Schauerroman von Ray Bradbury, der einen gefangen nimmt und bei dessen Lektüre es einen gruselt. Auch wenn man solch düstere leicht ins Horrorgenre spielende Geschichten nicht unbedingt täglich liest, kann man diesem Roman doch einiges abgewinnen. Schön beschrieben ist die Freundschaft der Jungen Will und Jim und auch die Fürsorge, die Charles sowohl seinem Will als auch Jim angedeihen lässt. Eigentlich lernt Will seinen Vater durch die Ereignisse viel besser kennen und schätzen. Und gerade diese Vertiefung der Beziehung zwischen Vater und Sohn überzeugt und regt zum Nachdenken an. Schließlich waren auch die eigenen Eltern mal was anderes als nur Eltern. Da treten die Gruselelemente fast ein wenig in den Hintergrund, obwohl es einen beim Lesen schon tüchtig schaudert.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 09. Jan 2017 

    Ein Horrorroman ohne richtigen Spannungsbogen

    Ich hatte vorher Fahrenheit 451 gelesen (vor Urzeiten), und ich erinnere mich daran als sehr beeindruckend. Leider hat der zweite Roman, den ich von Bradbury gelesen habe, nicht meine Erwartungen erfüllt.

    Die Geschichte an sich ist phantasievoll, und mir gefällt Bradburys Idee eines Karussells, das die Zeit für den, der sich darauf befindet, zurückdreht oder vorwärtslauten lässt. Das kann sehr gruselig sein, und auch ein Zirkus ist ein tolles Setting für einen Horrorroman, wie andere Autoren, unter anderem Stephen King am Beispiel von Elementen aus dieser Welt (Clown) bewiesen haben.

    Dennoch finde ich aus mehreren Gründen, dass "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" kein guter Roman ist. (Ich weiß, dass wahrscheinlich tausende von Fans jetzt gerne kübelweise Unmut über mir ausgießen würden, aber da bin ich, um im Bild des Horrorromans zu bleiben, eher von der furchtlosen Sorte.)

    Zum einen war die Sprache durchmixt mit einem Wust von Bildern, die meines Erachtens weder zur Handlung noch zueinander passten. Es kam mir bisweilen vor, als hätte der Autor einfach alles aufgeschrieben, was ihm so durch den Sinn geschossen ist, egal, ob die Bilder stimmig sind. Wo war der Lektor? Hat es mit der Übersetzung zu tun? Es wirkte gestopft, und vieles davon war mir der Horror ;) Die Überfrachtung mit bildhafter Sprache sorgte bei mir ganz schnell für Überdruss, ich habe nicht gerne weitergelesen.

    Zum anderen fehlt das, was wir sonst sehr oft im Horror (und in der Spannungsliteratur, in der Genreliteratur allgemein) finden: Cliffhanger, Spannungsaufbau in den Szenen. Bradbury ist zwar bisweilen sehr poetisch, aber das kostet ihn vielfach Tempo, die philosophischen Betrachtungen unterbrechen den Fluss der Handlung. Und da, wo es in der Szenengestaltung meist heißt: "Spät kommen, früh gehen", erzählt er alles aus.

    Außerdem hat mir tatsächlich die Auflösung nicht gefallen. Den ganzen Roman über werden Jim und Will als Helden aufgebaut. Zwischendurch kommt mal der Mr Halloway vor, Wills Vater. Dass er dann noch eine wichtige Rolle spielen wird, ist klar - aber dass er den beiden die Auflösung ihres Abenteuers fast komplett aus der Hand nimmt, ist enttäuschend. Der Showdown findet immer zwischen Protagonist und Antagonist statt. Die Jungen hätten meiner Ansicht nach das Böse selbst bekämpfen sollen. Und dass es am Ende so einfach ist, den Oberbösen Mr. Dark zu killen, fand ich überdies nicht besonders clever gemacht.

    Fazit: Nur für diejenigen, denen Stephen Kings Frühwerke zu spannend sind und die sich bei Serien wie "The Walking Dead" die Hände vor die Augen halten. Für mich bitte das nächste Mal wieder richtigen Horror. Oder Romane, die wirklich poetisch, phantasievoll und philosophisch sind - zum Beispiel von Neil Gaiman oder, wenn's um Klassiker der phantastischen Literatur geht: Philip K Dick, Douglas Adams, Roald Dahl oder Aldous Huxley, der ein so schönes Quote für die U4 bei Bradbury gespendet hat...

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Jan 2017 

    gruselig und gewöhnungsbedürftig

    Ray Bradbury war mir bisher nur als Autor der Dystopie Fahrenheit 451, bekannt, die er 1953 veröffentlicht hat. Ich kann mich noch gut an die Romanverfilmung mit Oskar Werner in der Hauptrolle des Bücher verbrennenden Feuerwehrmannes erinnern. Doch der Science Fiction Autor Bradbury beherrscht noch ein anderes Genre: Horrorliteratur.
    In einer Leserunde bei Whatchareadin bin ich in den Genuss von Horror gekommen, wie ich ihn mag: intelligent, fantasievoll und blutarm. In "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" inszeniert Ray Bradbury ein Szenario, das mich mächtig gruseln ließ.

    Worum geht es in diesem Roman?
    Der Inhalt ist schnell zusammengefasst. Die Handlung spielt in den 20er/30er Jahren. In einer amerikanischen Kleinstadt gastiert ein Wanderzirkus. Doch dieser Zirkus ist kein gewöhnlicher Zirkus: merkwürdige und unheimliche Dinge geschehen mit einigen Leuten, die diesen Zirkus mit seinen Attraktionen - Karussel und Spiegelkabinett - besuchen. Einzig die beiden Jungen Will und Jim - Freunde vom Tag ihrer Geburt an - kommen dem Zirkus und seinem Geheimnis auf die Spur. Sie bringen sich dadurch in große Gefahr, denn die Zirkusleute wollen sich nicht von zwei Kindern ins Handwerk pfuschen lassen.

    "Der Zirkus ist wie Menschen - nur menschlicher. Ein Mann und eine Frau gehen nicht voneinander, sie bringen einander nicht um, sondern sie martern einander ein Leben lang, reißen sich die Haare, die Fingernägel einzeln aus, und die Qual des einen ist dem anderen das Narkotikum, das ein Leben erst lebenswert macht. Der Zirkus spürt von Magengeschwüren geplagte Egos aus meilenweiter Entfernung auf und fliegt herbei, um Hand an die Schmerzen zu legen. Er riecht Jungen, die sich damit abquälen, Männer zu werden, und die dabei schmerzen wie große dumme Weisheitszähne aus zwanzigtausend Meilen Entfernung, einen in Winternacht gebetteten Sommer." (S. 192 f.)

    Den Anfang dieses Romanes habe ich zwiegespalten erlebt. Bradbury hat einen sehr eigenwilligen Sprachstil: von Metaphern durchzogen und teilweise wirre Gedankengänge. Der Einstieg war daher nicht leicht für mich. Aber irgendetwas hatte die Geschichte, dass ich nicht mehr von ihr lassen konnte. Mit der Zeit habe ich mich an den Sprachstil gewöhnt und konnte ihm sogar einiges abgewinnen. Insbesondere die teilweise sehr morbide Wortwahl hat es mir angetan.

    Bradbury entführt den Leser in eine Gedankenwelt, die herzlich wenig mit Logik und Vernunft zu erklären ist. Gerade die beiden Jungs Jim und Will nehmen unglaubliche Dinge wahr, die mich oft verunsichert haben. Häufig tauchte bei mir die Frage auf, ob diese Dinge, die die beiden Jungen erleben, in dem Roman tatsächlich passieren oder nur eine Ausgeburt ihrer kindlichen Fantasie sind. Diese Frage hat mich tatsächlich bis zum Ende nicht losgelassen.

    Es gehört schon einiges dazu, wenn ein Autor von der ersten Seite an eine unheimliche Stimmung vermittelt, die bis zur letzten Seite anhält, ohne dass sie jemals merklich nachlässt. Ray Bradbury ist genau dies gelungen. Seine Qualität als Horror-Autor haben auch schon andere namhafte Schriftsteller dieser Zunft erkannt. So ließ sich z. B. Stephen King von Bradbury's Geschichten inspirieren. "Es" lässt grüßen.

    Fazit:
    Dieser Roman weiß durch seine unheimliche Stimmung zu überzeugen. Bradbury hat es geschafft, mit seinem eigenwilligen Sprachstil, Horror vom Feinsten zu schreiben - intelligent und fantasievoll, dabei relativ blutarm. Das "Böse" ist dem Leser dabei ständig präsent - mal unterschwellig, dann auch wieder sehr direkt. Die eigene Fantasie läuft zur Höchstform auf. Das Kopfkino liefert Bilder, die die Nerven doch sehr strapazieren. Das ist einfach nur gruselig, und so soll es sein!

    © Renie

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Jan 2017 

    Gewöhnungsbedürftig aber lesenswert

    Es gibt diese Autoren, von denen man dauernd hört, sie hätten diesen oder jenen anderen Schriftsteller beeinflusst. Speziell im Bereich der Phantastik wird man an diesem Punkt immer wieder auf einen Namen stoßen: Ray Bradbury. In unseren Interviews outeten sich bereits große Namen wie Joe R. Lansdale oder Michael Robotham als Fans. Und auch der Großmeister des Horrors, Stephen King, hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Bradbury ein großer Einfluss für ihn ist. Ich selbst hatte noch nie etwas von ihm gelesen, dieser Umstand änderte sich erst mit einer Leserunde auf whatchareadin.de. Und ich viel so viel vorweg nehmen: Es war nicht immer ganz einfach.

    Zu Beginn war ich mir nicht ganz sicher, was ich von dem Buch halten sollte. Zwar gelingt es Ray Bradbury sehr gut, eine ganz spezielle und sehr unheimliche Atmosphäre aufzubauen, jedoch fiel es mir zunächst schwer, Zugang zum Buch zu finden. "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" ist kein typischer Horror- oder Fantasy-Roman. Vielmehr kann man es als eine Mischung aus einem Coming of Age-Buch und den oben genannten Genres sehen. Praktisch eine (sehr viel) klassischere Version von dem, was King mit "ES" (welches in vielen Passagen Bradburys Einfluss gar nicht leugnen könnte) oder Brian Keene mit "Leichenfresser" im modernen Gewand geschrieben haben. Bradbury setzt dabei aber oftmals nicht unbedingt nur auf den Spannungsaufbau, sondern verleiht seinem Roman eine sehr viel philosophischere Note. Darauf muss man sich einlassen wollen, das Buch ist kein schnell weggelesener Stoff für Zwischendurch (zumindest solange nicht, bis man einmal wirklich drin ist). Trotzdem kommt, besonders zum Finale hin, die Spannung insgesamt auch nicht zu kurz. Vor allem die immer wieder eingewobenen Spannungsspitzen des Buches wissen absolut zu überzeugen und haben mich teilweise so sehr in die Geschichte hineingezogen, dass ich zum Beispiel dachte, direkt neben den Protagonisten im Keller eines Tabakwarenladens zu sitzen.

    Die Figuren wissen zu gefallen. "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" hat mit Will und Jim zwei Jungs im Alter von 14 Jahren als Hauptcharaktere. Die beiden mögen zwar beste Freunde sein, sind aber dennoch in ihren Ansichten sehr unterschiedlich und individuell ausgefallen. Gerade diese Unterschiedlichkeit gibt der Geschichte aber einen besonderen Reiz, denn während Jim Gefahr läuft, den Versuchungen des Karussells zu erliegen, ist es immer Wills Ansinnen, ihn genau davor zu bewahren. Die Antagonisten wissen ebenfalls zu gefallen, als Teil der Jahrmarktsmannschaft sind sie zudem auch ziemlich einzigartig und oftmals schon skurril. Näheres kann ich dazu aber nicht sagen, da die Gefahr zu groß ist, der Story einen nicht unwesentlichen Teil ihres Reizes zu nehmen. Besonders gefallen hat mir zudem die immer umfangreichere Rolle von Wills Vater, der zunächst als recht blasse Nebenfigur eingeführt wurde, im weiteren Verlauf dann aber eine sehr tragende und wichtige Rolle eingenommen hat.

    Wie ich bereits erwähnte, ist der Stil Bradburys für mich sehr gewöhnungsbedürftig gewesen. Daran änderte sich auch erst ab der Hälfte des Buches etwas. "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" ist extrem bildhaft geschrieben und Ray Bradbury scheint es geliebt zu haben, in Metaphern zu sprechen, zumindest aber in ihnen zu schreiben. Dem sowie dem Umstand, dass der Autor stellenweise noch einen Schritt weiter geht und fast schon ins Lyrische abdriftet, kann man mitunter nur schwer folgen, wenn man nicht ohnehin ein Faible für diese Art zu erzählen hat. Auch für die philosophische Denkweise und den Umstand, dass man lange Zeit nicht erkennen kann, ob sich die Geschehnisse nur in der Fantasie der beiden Jungs abspielen muss man sich erst einmal öffnen. Meinen Respekt an Norbert Wölfl, der sicherlich mit der Übersetzung keinen sonderlich einfachen Job zu erledigen hatte.

    Fazit:

    "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" ist kein Buch, welches man nebenbei lesen sollte. Man sollte sich die Zeit nehmen, Bradburys Worte auf sich wirken zu lassen. Außerdem sollte man von vornherein darauf eingestellt sein, eine sehr klassische Erzählweise präsentiert zu bekommen, der die Zugänglichkeit moderner Romane zumindest zu Beginn fehlt. Denn ganz ehrlich: Es wird einfacher, je weiter man vorankommt. Man wird dafür mit einer außergewöhnlichen Atmosphäre belohnt, die den aktuellen Genrekollegen oftmals abgeht. Dazu kommen zwei interessante Hauptfiguren und viel, was zum Nachdenken anregt. Über allem schwebt außerdem der Grundtenor, dass man das Lachen nicht verlernen sollte.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Jan 2017 

    Gut vs Böse

    Gut vs Böse

    Jim Nightshade und Will Halloway sind unzertrennlich. Trotz ihrer Gegensätze ziehen sie sich magisch an. Als dann ein Zirkus in das kleine Städtchen zieht ist Jim außer Rand und Band und auch Will schafft es nicht ihn zu bremsen. Der Zirkus wird von Mr. Dark und Mr. Cooger geführt, zwei Zwielichtes Gestalten, die es scheinbar auf die Seelen der Menschen abgesehen haben. Will und Jim erkennen sehr schnell, dass das Karussell des Zirkus eine morbide Anziehung ausübt. Es hat magische Fähigkeiten, die einen auf seine Weise an den Zirkus binden.
    Die Jungen sind nun auf der Flucht, den wen der Zirkus in seine Fänge bekommen möchte, den bekommt er auch......

    Dies ist mein erster Roman von Ray Bradbury, und er lässt mich schaudernd zurück. Bradbury verleiht diesem Buch eine bizarre und morbide Note. Der Schreibstil ist anstrengend, dennoch lohnt es sich am Ball zu bleiben. So konfus das gelesene mir auch oft erschien, finde ich doch, dass der Kern der Sache deutlich wird, nämlich dass das Gute gegen das Böse Bestand hat. Surreal bis zur letzten Seite verpackt Bradbury seine Weisheiten hinter der Fassade des krotesken Grusels. Ein phantastischer Roman!

    Die Charaktere sind gut beschrieben. Vor allem der Blick in die Gefühlswelt der Personen ist interessant. Während der Geschichte lernt man Jim, Will und dessen Vater sehr gut kennen, und muss erkennen, dass der erste Eindruck auch täuschen kann.
    Mr. Dark verkörpert für mich das Böse! Bradbury gibt ihm gekonnt Macht, in dem er vieles unterschwellig andeutet und der eigenen Phantasie das eigentliche Grauen überlässt.

    Ich kann diesen Roman jedem empfehlen, der den beiden Jungen auf ihrem Weg zum Erwachsen werden die Hand reichen möchte. Der ihnen beistehen möchte, mit dem Schauder und dem Schrecken klarzukommen, den die Welt bereithält. Denn das Böse kommt wirklich auf leisen Sohlen, und es wartet immer und überall auf uns. Schön wäre es natürlich, wenn wir auch Menschen finden, wie Will und Jim, die uns bei dem Kampf gegen das Böse beistehen werden.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Jan 2017 

    Mr. Dark - der Seelenfänger

    Gelesen habe ich diese ungewöhnliche Geschichte im Rahmen einer Leserunde bei whatchareadin, vielen Dank auch an den Diogenes Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

    Inhalt

    Im Mittelpunkt dieses Romans stehen zwei Jungen, die in einer kleinen Stadt in Illionois leben, wahrscheinlich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

    Die Geschichte spielt kurz vor dem 14.Geburtstag von Jim Nightshade und Will Halloway, eine "Woche im Oktober, in der sie über Nacht erwachsen wurden, in der das Jungsein ihnen entglitt..." (S.13).

    Wills Vater, Charles Halloway arbeitet in der Bibliothek der kleinen Stadt, die wunderbar beschrieben wird:

    "Alles geschah hier. Hör nur! Zehntausend Menschen schrien mit so hoher, schriller Stimme, daß nur Hunde die Ohren spitzten. Millionen schleppten Kanonen, schärften Guillotinen; Chinesen marschierten bis in alle Ewigkeit in Viererreihen. Unsichtbar, lautlos - doch Jim und Will besaßen die Gabe des Gehörs, des Geruchs und Geschmacks. Die Bibliothek war eine Fabrik für Gewürze aus fernen Ländern. Hier schlummerten fremdartige Wüsteneien. Ganz vorn stand der Tisch, an dem die freundliche alte Miss Watriss die entliehenen Bücher eintrug, doch dahinter lagen Tibet, die Antarktis, der Kongo. Dort wandelte Miss Wills, die andere Bibliothekarin, durch die Äußere Mongolei und trug schweigend Brocken von Peking und Yokohama und Celebes auf dem Arm. Weit untern hinter der dritten Regalreihe raschelte im Düstern der Besen eines alternden Mannes und fegte die zu Boden gerieselten Gewürze zusammen." (S.24)

    Zu Beginn der Handlung, in der ein Blitzableiterverkäufer Jim einen Blitzableiter für das nahende Gewitter schenkt, steht vor allem der Kontrast der beiden Jungen im Mittelpunkt. In verschiedenen Szenen wird beschrieben, dass sie beste Freunde sind, aber vom Charakter und ihrem Wesen her kaum unterschiedlicher sein könnten.

    Charles Halloway sagt in der Bibliothek zu ihnen:

    "Jim trägt große schwarze Hüte und liest die entsprechenden Bücher. Bald wird er hier von Fu Mandschu zu Machiavelli aufsteigen - weicher Filzhut, dunkel. Oder auch zu Dr. Faustus - extragroßer schwarzer Zauberhut. Für dich, Will, sind die weißen Hüte da. Ghandi. Daneben steht der heilige Thomas. Und dann, auf der nächsten Stufe - vielleicht Buddha." (S.26)

    Nachdem Will wieder einmal hinter Jim her rennt, fällt ihm auf:

    "Es ist immer dasselbe. Er rennt. Ich rede. Ich drehe Steine um. Jim greift in den kalten Schlick darunter. Ich erklimme Hügel. Jim schreit von der höchsten Kirchturmspitze herab." (S.52)

    Wie treffend diese Charakterisierung ist, zeigt der weitere Verlauf der Geschichte.
    Auf dem Rückweg von der Bibliothek entdecken die beiden ein Papier, auf dem die Ankunft eines Jahrmarktes angekündigt wird: Cooger & Dark, der verschiedene Sensationen verspricht:
    Mephistophele, der Feuerfresser, Mr. Elektriko, der illustrierte Mann, ein Skelett, die Staubhexe und ein Spiegellabyrinth.

    Aufgeregt laufen sie nach Hause, Punkt Mitternacht wachen beide auf, da sie die Jahrmarktsorgel hören und beobachten von ihrem Fenster aus eine uralte Lokomotive, mit der der Zirkus anreist. Sie verlassen ihre Betten und beobachten heimlich, den Aufbau des Zeltes auf der Mondwiese. Die ganze Szenerie ist unheimlich und mysteriös.

    "In einem Zirkus sollte man Knurren und Brüllen hören wie im tiefen Wald (...). Aber das war wie ein alter Stummfilm, eine schwarz-weiße Bühne voller Geister, die ihre Lippen bewegten; mondweiß stand der Atem vor ihren Gesichtern, und alle Bewegungen vollzogen sich in so vollkommener Stille, daß man den Wind in den Härchen auf der Backe flüstern hörte." (S.55)

    Am nächsten Tag im hellen Sonnenlicht verlieren die Jungen ihre nächtlichen Ängste und besuchen den Zirkus. Dort treffen sie ihre Lehrerin Miss Foley, die ihren Neffen Robert sucht. Zunächst hat es den Anschein, als ob sich alles Gruselige der Nacht in Wohlgefallen auflöst. Doch dann müssen die beiden Miss Foley aus dem Spiegelkabinett retten, die dort fast "ertrunken" wäre.
    Auch Jim verliert sich kurzzeitig im Anblick der vielen Spiegelungen und am Abend auf dem Nachhauseweg entdecken die beiden Jungen plötzlich die Tasche des Blitzableiterverkäufers. Wo ist er hin? Und warum hat er seine Tasche zurückgelassen?

    Deutet sich bisher nur an, dass etwas Böses auf leisen Sohlen näher kommt, betritt jetzt der Illustrierte Mann - Mr. Dark - die Bühne, dessen ganzer Körper mit schauerlichen Tattoos bedeckt ist. Die Jungen treffen ihn auf einem Karussell, das außer Betrieb ist. Voller Entsetzen werden sie heimlich Zeuge, wie sein Partner Mr.Cooger auf dem Karussell, nachdem es repariert ist, auf einer Rückwärtsfahrt zu einem 11-jährigen Jungen wird. (Wer "Herr der Diebe" von Cornelia Funke kennt, auch dort gibt es ein solches Karussell. Ob sie Ray Bradburys Geschichte gelesen hat?)

    Als sie ihm nachlaufen, entdecken sie, dass er zu Miss Foleys Haus läuft. Ist es wirklich ihr Neffe? oder entspringt alles nur ihrer Fantasie.
    Dieses In-der-Schwebe-lassen zwischen der Möglichkeit, die Jungen bildeten sich alles nur ein oder einer tatsächlichen fantastischen Begebenheit wird noch eine ganze Weile aufrecht erhalten. Erst im letzten Teil des Romans wird das Geheimnis um den Zirkus und Mr.Dark gelüftet.
    Großartig ist die Szene, in der Will und Jim bei der Parade des Zirkus unter dem Gullydeckel sitzen, während der Illustrierte Mann sich mit Charles unterhält, weil er die beiden Jungen sucht. Da kommt das Böse auf leisen Sohlen.
    Wills Vater spielt im Kampf dagegen eine immer größere Rolle und seine nächtlichen Gespräche mit Will - und auch Jim verlangsamen die Handlung, halten die Spannung noch länger aufrecht und sind zudem philosophisch gefärbt.

    "Manchmal trägt der Mann, der am glücklichsten von allen aussieht, der immer mit dem breitesten Lächeln durch die Stadt läuft, die allergrößte Sündenlast. Es gibt solchen und solche Lächeln, man muß lernen, die dunklen von den lichten zu unterschieden. Wer bellend lacht, richtig laut und herzhaft, der hat meist etwas zu verbergen. (...) Andererseits sieht man manchmal Menschen vorbeigehen, unglücklich, bleich, niedergeschlagen -das sind zuweilen die wirklich guten Menschen, Will. Gut sein ist nämlich furchtbar schwierig. Die Menschen strengen sich an und zerbrechen dabei oft. (...)
    Ach, wie herrlich wäre das, wenn man nur gut sein und Gutes tun müßte, nicht immer darüber nachdenken!" (S.129)

    Bewertung
    Ray Bradburys Schreibweise ist besonders bilderreich und erinnert mich an Harper Lee.

    "Sein Leben lang hatte er [Charles] Bücher geschrieben, geschrieben in die gewaltigen Räume gewaltiger Gebäude, und sie waren zu den Fenstern hinausgeflogen." (S.193)

    Es gelingt ihm mit diesen Bildern von Anfang an eine unheimliche, gruselige Atmosphäre zu zeichnen, die die Leser/innen lange im Unklaren lassen, ob das alles der Fantasie der Jungen entspringt, oder ob hier etwas Böses am Werk ist. Und wenn, was oder wer ist das Böse?
    In der Leserunde wurde erwähnt, dass Bradbury Stephen King beeinflusst haben soll, darüber kann ich wenig sagen, da ich überwiegend seine Filme kenne. Einige Szenen erinnern mich aber an "Es", das zunächst harmlos Wirkende, dass sich dann als besonders gefährlich erweist - der Clown, der Zirkus.
    Ein bemerkenswerter Roman, der durch seine besondere Sprache überzeugt und mit philosophischen Exkursen aufwartet. Und auch die Botschaft ist eine zeitlose, wie das Ende des Romans offenbart.

    !SPOILER!
    Der illustrierte Mann erweist sich nämlich als moderner Mephisto, der die lebenden Seelen der Menschen einfängt und sie als Abbilder auf seinem Körper erscheinen lässt, eine "Kreatur, die es gelernt hat, von Seelen zu leben." (S.192)

    Er versteht es, die Menschen mit ihren unerfüllten Sehnsüchten, Ängsten und Schmerzen anzulocken und zu binden. Sie zu erlösen.
    Charles Halloway gelingt es, dem Bösen etwas entgegenzusetzen - das Lachen. Es vertreibt die Ängste, die Schmerzen und kann die Seele befreien. Obwohl man gerade ihm, der unter seinem Alter leidet, zugetraut hätte, den Verlockungen des Karussells zu erliegen, erweist er sich als großer Held, der den illustrierten Mann, den Seelenfänger mit seinem Lachen, das seine eigenen Ängste und die Sehnsucht nach Jugend vertreibt, besiegt.