Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers: Roman

Rezensionen zu "Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Aug 2017 

    Ein nicht ganz typischer Indianer

    Hi, ich heisse Arnold, zumindest nennnen mich die Weißen an meiner Schule so (also alle in Springdale). Daheim, im Spokane-Reservat wo ich mit meiner Familie lebe, rufen sie mich Junior, für einen Spokane-Indianer ein völlig normaler Name. Wie beinahe alle im Reservat sind wir arm, richtig arm. Damit meine ich nicht, dass ich keinen i-Pod oder nur das vorletzte Modell der Nike-Treter habe, nein, wir sind so arm dass immer wieder mal das Essen ausfällt oder ich die 35 km von der Schule zu Fuss heimgehen muss. Und wie fast alle Familien haben wir ein Alkoholproblem: Mein Vater säuft, aber immerhin verprügelt er mich nicht. Als ob das alles nicht reichen würde für ein glückliches Leben, wurde ich regelmäßig verdroschen weil ich ein 'Schwachkopf' bin (Ich seh' ein bisschen merkwürdig aus und lisple und stottere). Deshalb blieb ich meistens daheim und zeichnete Karikaturen und Comics.
    Wie ich dann als einziger Indianer an eine 'weiße' Schule gekommen bin? Das habe ich Mr. P zu verdanken, meinem Mathematiklehrer dem ich in der ersten Stunde in der Highschool im Reservat mein Geometriebuch ins Gesicht geworfen hatte (er hatte danach ein gebrochenes Nasenbein). Ohne seine Hilfe hätte ich mich nie getraut nach Springdale zu gehen, ich wäre kein guter Basketballspieler geworden, hätte nie Penelope kennengelernt (das schönste Mädchen an der Highschool) und wüsste nicht, dass man auch mit Büchern einen Ständer bekommen kann (nein, nicht solche Bücher ;-)) Aber bis dahin zu kommen war nicht leicht. Wie das genau abging, kannst du in meinem Tagebuch nachlesen. Ein paar Comics und Karikaturen habe ich auch 'reingemalt. Vielleicht trifft man sich ja wieder. Und damit du dir deine Mäuse sparen kannst, schreibe ich noch ein paar Sätze für deine Eltern - dann bekommst du das Geld für das Buch bestimmt von ihnen.

    Es ist kaum zu glauben, wieviel ernste Themen Sherman Alexie in diesem Buch anspricht ohne auch nur ansatzweise mit dem allseits bekannten Zeigefinger zu winken. Rassismus (und zwar sowohl Weiß gegen Rot wie Rot gegen Weiß), das Armuts- und Alkoholproblem der (Spokane-)Indianer, nichtexistente Eltern (insbesondere Väter), Magersucht undundund. All dies und noch mehr mündet immer wieder in ein Plädoyer, für seine Träume zu kämpfen, Grenzen auch gegen Widerstände zu überschreiten, sich nicht unterkriegen zu lassen egal wie hart es kommt und sich darüber im Klaren zu sein, dass Freundschaften nicht von der Hautfarbe abhängig sind. Erzählt wird dies alles in einer wunderbar schnoddrigwitzigen Form sowie durch Comiczeichnungen und Karikaturen, dass einem selbst bei den betrüblichsten Ereignissen zumindest etwas die Mundwinkel zucken.
    Uneingeschränkt empfehlenswert ab ca. 12, 13 Jahren.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Sep 2014 

    Wanderer zwischen den Welten

    Als Arnold Spirit genannt Junior von der Schule im Reservat fliegt ist es eigentlich das Beste, was ihm passieren kann. Arnold ist 14, er ist Halbindianer und sein bester Freund Rowdy hat seinen Namen zur recht. Doch Arnold will mehr, er will nicht wie so viele Indianer aus dem Res am Suff sterben. Und so ist der Wechsel an die Schule der Weißen in Reardon eine Chance. Doch dort ist er der einzige Indianer und damit natürlich der vorprogrammierte Außenseiter und ins Res gehört er auch nicht mehr richtig. Und Rowdy war mal sein bester Freund.

    Arnold Spirit ist ein toller Typ, eigentlich, es merkt nur zunächst keiner. Doch gegen alle Wiederstände boxt Arnold sich durch. Sein Leben ist wirklich nicht das Leichteste. Das Reservat scheint fast wie ein Ghetto, wo die Indianer ganz gut aufgehoben sind und man sie auch schnell vergessen kann. Und die Indianer fügen sich in ihre Rolle. Nur wenige verlassen das Res und selbst von denen scheitern noch die meisten. Arnold jedoch sucht die Chance, er nimmt seine Chance wahr. Vermutlich hätte er es leichter im Res, bei seinen Eltern und Freunden, mit Rowdy. Doch er versucht es auf der weißen Schule, wo er aus der Menge hervorsticht wie nur was. Nicht mal die Lehrer glauben, dass er so was wie Intelligenz besitzen könnte. Doch als Gordy, das Schulgenie, ihm in einer Sache recht geben muss, erlangt er so langsam etwas wie Respekt. Und ganz langsam lebt er sich in der neuen Schule ein, dabei gibt es tragische Rückschläge, doch Arnold gibt nicht auf. Er will raus aus dem Res, er steht zu sich, er wird es schaffen.

    Bei diesem Hörbuch/Roman haben mich sowohl die Lesung von Konstantin Graudus, die Arnolds Stimmungen und Empfindungen ausgesprochen gut rüberbringt, obwohl der Leser um einiges älter ist als Arnold, als auch der Inhalt sehr angerührt. Arnold ist wirklich einer, dem man nur das Beste wünschen möchte, auch wenn das Leben ihm leider nicht nur das Beste beschert. Gerade wenn es mal läuft, ahnt man schon, dass das Res wieder zuschlägt. Doch wie Arnold jedes Mal wieder aufsteht und versucht seinen Traum zu leben, das überzeugt. Wie Arnold selbst erkennt, gehört er vielen Stämmen an, und genau mit dieser Erkenntnis stehen ihm viele Wege offen. Das ist es, was ihn von anderen abhebt, die Erkenntnis, dass er nicht nur aufs Res beschränkt ist. Ein Buch/Hörbuch, von dem man einiges mitnehmen kann und das deshalb und auch wegen seiner schönen Gestaltung in meinem Regal bleiben wird.
    4,5 Sterne