Dankbarkeiten: Roman

Rezensionen zu "Dankbarkeiten: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mär 2020 

    Wenn die Worte fehlen...

    Als ich auf dieses Buch stieß, da hatte ich das Gefühl, dass mich etwas Besonderes erwartet. Doch was ich bekam, hat meine Erwartungen übertroffen.

    In der Geschichte geht es um die alleinstehende Michka, die spürt, dass sich etwas verändert in ihrem Leben. Albträume quälen sie und immer mehr fallen ihr Worte nicht mehr ein. Wird ihr der Umzug in ein Seniorenheim helfen?

    Interessant fand ich, dass die Handlung nicht über Michka selbst dem Leser nahe gebracht wird, sondern über Jerome und Marie, die immer im Wechsel als Ich- Erzähler agieren und dem Leser aufzeigen wie stark sie sich verändert. Während Logopäde Jerome eher losen Kontakt zu Michka hat, besteht zwischen ihr und Marie eine sehr enge Bindung, da sie Marie in jungen Jahren sehr geholfen hat.

    Mich hat es tief berührt zu lesen wie die Demenz bei Michka immer mehr voranschreitet und was für Einschränkungen dadurch in ihrem Leben entstehen. Das war mir vorher gar nicht so bewusst. Auch zeigt es, dass die Veränderungen nicht nur nahen Verwandten auffällt, sondern auch Fremden. Auch mochte ich das Einflechten von Michkas Vergangenheit sehr, da man spürt wieviel sie bereits durchgemacht hat und jetzt noch durchmachen muss.

    Ebenso musste ich an meine Eltern denken, die zwar derzeit noch nicht in dem Alter sind, dass sie daran leiden könnten, aber ich würde mir nach dieser Lektüre wünschen, dass sie genau dieses Schicksal nicht ereilt.

    Gut fand ich zudem, dass die Autorin auch den Nebenfiguren Raum gibt.

    Der Autorin gelingt es mit diesem Buch sehr intensiv das Schicksal einer Demenzkranken aufzuzeigen und das nicht abschätzend oder abwertend, sondern mit einer direkten, ansprechenden Sprache, die berührt und wachrüttelt. Man spürt die Wichtigkeit dieses Themas und dass man viel Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Betroffenen benötigt.

    Das Ende hatte ich so nicht kommen sehen. Geschockt musste ich die Lektüre daher sacken lassen, bevor ich dazu nun etwas schreiben konnte.

    Fazit: Ein Roman, der mich emotional gepackt und einige Tränen eingefordert hat. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus. Eine Bereicherung im Bücherregal.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Mär 2020 

    Dankbar für den Roman

    Die französische Autorin Delphine de Vigan hat auch in Deutschland viele treue Leser. Ich kenne einige Bücher von ihr und sie hat mich mit jedem aufs Neue begeistern können. Nach „ Loyalitäten“ ( ihrem letzten Roman) geht es hier um „Dankbarkeiten“, auf vielfältige Weise.
    Der Roman ist ein Kammerspiel mit drei Personen.
    Die dreißigjährige Marie wohnt mit Michka im selben Haus. Michka, eine kinderlose Frau, kümmerte sich um die kleine Marie, damals, als deren Vater verschwunden und die Mutter in Depressionen versunken war. Nun ist Michka alt und braucht selbst Hilfe, denn nach und nach entfallen ihr die Wörter. Ausgerechnet ihr, die ihr Leben lang mit Sprache gearbeitet hat. Sie war früher Korrektorin in einem großen Verlag. Aphasie nennt sich das Krankheitsbild.
    Der Umzug ins Seniorenheim steht an. Die alte Dame muss ihre Selbständigkeit aufgeben, ihre vertraute Umgebung verlassen. Das neue Umfeld ist schwierig für sie. Immer wieder wird Michka von Ängsten und Alpträumen heimgesucht.
    Zum Glück besucht Marie sie regelmäßig. Außerdem kümmert sich Jerome um sie. Er ist Logopäde und kommt zweimal die Woche zur Therapie. Mit viel Engagement kämpft er darum, dass der Verlust der Sprache langsamer verläuft. Er sieht in Michka auch nicht nur eine alte Patientin, sondern interessiert sich für die Frau, die sie einmal war. Umgekehrt zeigt Michka Interesse an seinem Leben.
    Doch da gibt es noch etwas, was Michka belastet. Sie möchte vor ihrem Tod unbedingt dem Ehepaar danken, das sie als Kind aufgenommen und somit gerettet hat. Die Suche erweist sich als schwierig, aber am Ende kann Michka gelassen sterben.
    Delphine de Vigan entwickelt ihre Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven der drei Figuren. Alle haben in ihrem Leben Verletzungen erlitten und Verluste erlebt, allerdings gab es auch immer Begegnungen, für die sie dankbar waren.
    Eindringlich zeigt die Autorin, was es heißt, wenn einem die Worte abhanden kommen. Kommunikation wird zusehends schwieriger, auch wenn manche Formulierungen einen gewissen Witz entwickeln. Für die Übersetzerin war es sicher nicht leicht, den Roman ins Deutsche zu übertragen. Michka‘s Sprachverlust führt manchmal zu komischen Versprechern ( die über die Komik hinausgehen und eine neue Bedeutung erhalten ), wie z.B. „Heimdragoner“ statt „ Heimbewohner“, „Grollstuhl“ statt „Rollstuhl“, „Vorherbestattung“ statt „ Feuerbestattung“.
    Der Roman behandelt einfühlsam ernste Themen, die jeden betreffen : Alter, Krankheit, Tod,Verletzungen und Verluste, aber auch die Bedeutung von Mitmenschlichkeit. Und er lässt den Leser mit den Fragen zurück: Wofür sollte ich dankbar sein in meinem Leben? Habe ich meine Dankbarkeit immer angemessen gezeigt?
    Es gab im Buch viele Stellen, die ich mir angestrichen habe. Nur eine davon möchte ich zitieren: „ Es ist wirklich so, am Ende wird es schwierig. Man glaubt immer, man hätte noch genug Zeit, die Dinge zu sagen und dann ist es plötzlich zu spät. Man glaubt, es würde reichen, wenn man es zeigt,..., aber das stimmt nicht, man muss es sagen.“
    Auch wenn die Geschichte manchmal etwas sentimental wird, so macht das nichts. Ab und zu braucht man solche Bücher.
    „Dankbarkeiten“ ist ein Roman, der tröstet und für den ich dankbar bin.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Mär 2020 

    Am Ende des Lebensweges

    Die kinderlose Michka Seld muss ins Seniorenheim. Die bislang rüstige und selbständige Dame hat diffuse Verlustängste und verliert zunehmend die Sprache, was sie sehr quält, da sie zeitlebens Worte sowie die Literatur liebte. Zum Glück gibt es Marie. Die junge Frau lebte als Kind im gleichen Wohnblock. Ihre Mutter war oft nicht zu Hause und vernachlässigte das Mädchen. In diesen Situationen war Michka zur Stelle, sie nahm die Stelle der Zieh-Großmutter ein, die eine wichtige Rolle in Maries Leben spielte und der sie große Dankbarkeit entgegenbringt.

    Marie kümmert sich nun auch rührend um die alte Frau. Sie suchen gemeinsam einen Heimplatz. Auch wenn Michka die Notwendigkeit umzusiedeln voll und ganz anerkennt, fällt der Abschied vom Zuhause doch schwer: „Sie zieht ihre Wohnungstür hinter sich ins Schloss, diese Tür, die sie hunderte Male geschlossen hat, doch heute weiß sie, dass sie es zum letzten Mal tut. Sie besteht darauf, selbst abzuschließen. Sie weiß, dass sie nicht zurückkehren wird.“ (S. 28) Es sind solche Sätze, die Vigan beherrscht, und die tief in die Seele ihrer Figuren blicken lassen.

    Im Heim hat Michka Schwierigkeiten sich einzugewöhnen. Sie hat Albträume und leidet unter dem zunehmendem Sprachverlust. Letzterem soll Logopäde Jerome entgegenwirken.
    Jerome liebt seinen Beruf und sagt über die alten Menschen: „Ich empfinde Zärtlichkeit für das Zittern ihrer Stimme. Für diese Zerbrechlichkeit. Diese Sanftheit. Ich empfinde Zärtlichkeit für ihre verzerrten, ungenauen, verirrten Wörter und für ihr Schweigen. Und ich hebe alles auf, auch wenn sie gestorben sind.“ (S. 41)

    Jerome besucht die alte Dame zweimal wöchentlich, er spricht mit ihr, macht kleine Tests und Spiele, die den Wortschatz trainieren sollen, die der Patientin aber nicht immer gefallen. Michka versteht es, den jungen Mann in Gespräche zu verwickeln, beide werden vertraut und teilen manches ihrer Geheimnisse miteinander. Michka hat in ihrer Kindheit große Verluste erlitten. Es gab aber auch Menschen, die ihr in dieser Zeit sehr geholfen haben. Es ist ihr ein lebenslanges Anliegen gewesen, ihnen zu danken. Ein Wunsch, der bislang unerfüllt blieb.

    Der Roman wird wechselweise aus den Perspektiven von Marie und Jerome erzählt. Sämtliche Passagen haben Michka als zentrale Figur, in deren Gefühlswelt man sich hervorragend hineinversetzen kann. Der Prozess des Alterns wird geschildert, die individuelle Angst vor dem Sprachverlust und dem Verlust ihres Selbst beschäftigt die Seniorin immens. So sagt Michka auf S. 60: „Wir werden bald so weit sein, glaub mir. Es dauert nicht mehr lange bis zum Ende, das weißt du, Marie. Ich meine das Ende des Verstands, der ist dann futsch und alle Wörter verflogen…“. Die Dialoge sind anrührend. Zunehmend verändert sich Michkas Sprache. Sie kann zwar nach wie vor flüssig denken, vertauscht aber beim Sprechen einzelne Worte durch ähnlich klingende. Mich hat die daraus resultierende (unfreiwillige?) Komik, die aus meiner Sicht im Kontrast zur ernsten Handlung steht, stellenweise irritiert. Vielleicht ist diese kleine Schwäche aber auch der Übersetzung geschuldet, die mit Sicherheit keine leichte Aufgabe war.

    Der Roman hält auch Hoffnung und Lichtblicke bereit. Ein Leben geht zu Ende, ein anderes beginnt. Das Leben ist ein Fluss, in dem Alter und Tod einen festen Platz haben. Davon wird mit großem Mitgefühl, aber auch mit unpathetischem Selbstverständnis erzählt.

    Der Autorin ist es wunderbar gelungen, sich in einen alten Menschen, seine Gebrechlichkeiten und Gedanken hineinzuversetzen: „ Alt werden heißt verlieren lernen. Heißt jede oder fast jede Woche ein weiteres Defizit, eine weitere Beeinträchtigung, einen weiteren Schaden verkraften müssen.“ (S. 123)
    Vigan beschreibt behutsam den Prozess des Abschiednehmens am Ende eines langen Lebens sowohl aus der Sicht der Betroffenen selbst als auch aus der Perspektive derjenigen, die auf diesem Weg begleiten und unterstützen. Es ist ein Buch, das wehmütig stimmt und gleichzeitig Mut macht.

    Das Motiv der Dankbarkeit durchzieht dabei den kleinen Roman, der mit zahlreichen wunderschönen, allgemeingültigen Sätzen aufwartet. Wichtige Dinge darf man nicht aufschieben, irgendwann kann es zu spät sein.

    Delphine de Vigan ist eine herausragende Erzählerin, ich spreche für diesen intensiven, 163-Seiten-starken und zutiefst menschlichen Roman eine große Leseempfehlung aus.