Da sind wir: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Da sind wir: Roman' von Graham Swift
4.65
4.7 von 5 (14 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Da sind wir: Roman"

Ein Zauberer und ein Entertainer verlieben sich in dieselbe Frau Jack Robbins und Ronnie Dean sind Freunde, beide träumen vom Ruhm – Jack als Entertainer, Ronnie als Zauberer. Nach ihrer Militärzeit lassen sie endlich das berüchtigte Londoner East End hinter sich: Im mondänen Seebad Brighton steigen sie Ende der Fünfzigerjahre ins flirrende Showgeschäft ein. Als die bezaubernde Evie White zu ihnen stößt, kommt der ganz große Erfolg, und aus den Freunden werden Rivalen. Denn Evie – erst Ronnies Assistentin, später seine Verlobte – beginnt eine Affäre mit Jack. Wenig später verschwindet Ronnie während eines Auftritts und bleibt unauffindbar. Als könnte er wirklich zaubern. Hypnotisch erzählt der große englische Romancier Graham Swift von den magischen Momenten im Leben, die sich selten im Rampenlicht abspielen.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
EAN:9783423282208

Rezensionen zu "Da sind wir: Roman"

  1. Eine Magie, die mich nicht erreicht hat!

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 20. Mai 2020 

    Ich habe dieses Buch in einer Leserunde kennenlernen dürfen, in einer Leserunde voller begeisterter Mitleser, was sehr schön ist, nur war ich so gar nicht begeistert, was nicht so schön ist. Zu diesem Buch und zu dieser Geschichte habe ich so gar keinen Zugang gefunden. Was nicht an der Schreibe des Autors direkt lag. Diese ist interessant, klangvoll und hat definitiv ihren Reiz. Es war eher die Geschichte und ihre Interpretationsmöglichkeiten, welche mich verwirrte, und auch abstieß, mir war hier einerseits (in der Geschichte) zu viel offen gelassen und es gab in meinen Augen zu viele Interpretationsmöglichkeiten. Man kann einiges in der Geschichte als Analogien sehen, was die Gestaltung des Romans definitiv erhöht, mir aber nicht weiter hilft, wenn mir der richtige Zugang zu diesen Analogien fehlt, bzw. wenn ich mich frage: Was soll das Ganze? .

    Wir haben hier eine Dreiecksgeschichte, eine klassische Dreiecksgeschichte ?!?!, … mitnichten. Wäre es so eine gewesen, vielleicht hätte mich Swift mit seiner doch klangvollen Sprache überzeugen können. Drei Menschen treffen im Showgeschäft im Brighton der Fünfzigerjahre aufeinander und alles wird anders, bzw. es wird nicht anders, sondern einer sieht nur klarer, wird erwachsener; zwei "Freunde", zwei "befreundete" junge Männer, Jack, der Entertainer und Ronnie, der Zauberer, seit ein paar Jahren befreundet, miteinander bekannt, seit ihrem Militärdienst, einen gleichen/ähnlichen Weg gehend. Jack ist der Erste in Brighton und holt Ronnie dazu, wenn er es schafft mit einer Assistentin zu erscheinen. Ronnie schafft das und Evie ist von jetzt an mit von der Partie, wird erst seine Assistentin, später Ronnies Partnerin. Eine Zeit lang geht alles zwischen den drei Menschen/Freunden gut, aber irgendwann erkennen manche ihre Unterschiede und manche ihre Gemeinsamkeiten und das Drama nimmt seinen Lauf. Nur das Ronnie eine ganz eigene Art entwickelt, mit diesem7seinem Drama umzugehen. Der Autor vermittelt dem Leser die Unterschiede der Freunde in gewissen Rückblicken und die ganze Geschichte/der ganze Roman ist geschickt durchsetzt mit gewissen Analogien. Analogien, die erst nach und nach einen Sinn ergeben, die auch nicht schlecht gemacht sind, aber nicht in mein Herz vordringen. Ich habe mir vorgenommen, dieses Buch noch einmal zu lesen, weil ich testen möchte, ob dieses Buch zu einer falschen Zeit zu mir kam. Denn dass dieses Buch Begeisterungsstürme bei Lesern auslöst, die ich sehr schätze, verwundert mich durchaus. Wenn ein Re-Read etwas anderes in mir auslösen sollte, melde ich mich noch einmal.

  1. Der wahre Zauber liegt im Detail

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Mai 2020 

    Ende der Fünfzigerjahre:

    Im Seebad Brighton hat Jack Robbins bereits als Entertainer “Flinker Jack” Fuß gefasst und holt Ronnie Dean, einen Freund aus seiner Militärzeit, als Zauberkünstler “Pablo” an Bord. Doch dessen Nummer fehlt noch der letzte Kick, nur ein bisschen Glanz, Glamour und Verführungskraft, und so wird die attraktive Evie White als Ronnies Assistentin künftig zersägt und zum Schweben oder Verschwinden gebracht.

    Evie ist bald nicht mehr nur Ronnies Assistentin, sondern auch seine Verlobte – aber es knistert zwischen ihr und Jack. Wer jetzt (verständlicherweise) entnervt aufstöhnt “Oh nein, nicht schon wieder so eine Dreiecksgeschichte!”, dem sei gesagt: der Roman hat weit mehr zu bieten als das.

    Der Schreibstil transportiert sehr viel Bedeutung in durchdachten, ausdrucksstarken Formulierungen und Bildern. Er verleiht dieser Geschichte in sachtem Rhythmus eine ganz eigene Magie – eindringlich und als Kontrapunkt überaus passend für einen Roman, der in weiten Teilen in einer Welt der Illusion und des Showbusiness angesiedelt ist.

    Graham Swift lässt den Leser einen Blick in die Ära der Fünfziger werfen, zugleich verklärt durch Glimmer und Rauch der Bühnenwelt und glasklar zu erkennen.

    Er gibt die schillernde Atmosphäre einer Aufführung vor atemlosem Publikum genauso mühelos wieder wie den schnöden Alltag der Schausteller abseits der Bühne. Er schüttelt Details aus dem Ärmel wie Spielkarten und spielt mit Zeitebenen: da sind wir, da waren wir, da werden wir sein. Mal sind wir mitten im Krieg, mal im Nachkriegsboom, dann wieder schauen wir mit der 75-jährigen Evie zurück auf die magischen Jahre – der Autor packt ein halbes Jahrhundert in nur 160 Seiten.

    Swift ist der Magier, von dem man sich gerne bezaubern und blenden lässt – nicht, ohne sich zu fragen, wie der Trick funktioniert.

    Die Handlung ist geschickt konstruiert. Versteckte Hinweise und Andeutungen erhalten im Rückblick ein ganz neues Gewicht. Fast meint man, das ganze Buch sei aufgebaut wie ein aufwendig konzipierter Zaubertrick – bis hin zu einem Schluss, der dem Magier nicht in die Karten schaut.

    Das Ende wird sicher die Gemüter spalten, da vieles offen bleibt. Bei aller Illusion, bei allen Tricks und Trügereien , ist die Geschichte jedoch keineswegs Schall und Rauch. Es lohnt sich mit Sicherheit, den Roman ein zweites Mal mit Hintergrundwissen zu lesen.

    Graham Swift gelingt eine sehr feinfühlige, dezente Charakterführung.

    “Wo ist Pablo? Da bin ich!”

    So wie der Papagei Pablo, den der kleine Ronnie von seinem stets abwesenden Vater geschenkt bekam und der ihm von seiner Mutter prompt entwendet wurde, bekräftigen auch die Charaktere immer wieder ihre eigene Existenz und Bedeutung – und wirken dabei ungemein verloren. Swift lässt hier und dort Variationen von “Da bin ich!” in den Text einfließen und etabliert damit ein Leitmotiv des Romans.

    Dass Ronnie viele Jahre später den Namen seines Papageis (eine Variation seines zweiten Vornamens) als Künstlernamen erwählt, rückt die Thematik der Selbstfindung und Selbstbehauptung in den Mittelpunkt. Es geht meines Erachtens darum, wie die Protagonisten sich in verschiedenen, teils widrigen Lebensumständen durchsetzen – oder daran scheitern! – und um Anerkennung ihrer ganz persönlichen Identität ringen.

    Es sind unterschiedliche Lebensläufe, die sich überschneiden: Ronnie zum Beispiel findet als Kind in der Landverschickung unerwartet sowohl eine liebende Pflegefamilie als auch seine Berufung als Bühnenmagier. Der Krieg und die Trennung von seiner Mutter hätten für einen kleinen Jungen traumatisch sein müssen, werden für Ronnie jedoch zum Segen auf Zeit. Insgeheim wünscht er sich, der Krieg möge noch lange weitergehen – nach Kriegsende bleibt er indes, doppelt entwurzelt, stets auf der Suche nach sich selbst.

    Evie hingegen wurde von ihrer eigenen Mutter schon von klein auf für ein Leben im Rampenlicht gedrillt: lächeln, winken, lächeln, mit dem Po wackeln, Zähne zusammenbeißen, lächeln. Ihre Bedeutung wurde konsequent auf ihr Äußerliches reduziert und sie blüht erst als Gehilfin des Zaubermeisters auf.

    Als dunkles Echo der Selbstbestätigung geht es immer wieder um Verschwinden und Verlust. Beides geschieht während der Show und im echten Leben – wobei ohnehin längst nicht mehr klar ist, wo die Grenzen verlaufen. Wie hält man fest am eigenen Selbst, wenn der Lebensunterhalt darin besteht, ein glamouröseres, geheimnisvolleres Ich auf die Bühne zu bringen?

    Krieg und dysfunktionale Familien spielen besonders im dem Teil der Geschichte eine große Rolle, in dem Ronnie und die Landverschickung im Mittelpunkt stehen, schwingen jedoch als leise wummernder Unterton auch im Rest des Buches mit.

    Der Autor verpackt die grundlegenden Thematiken in eine originelle Geschichte, die den Leser gefangen nimmt, ohne dass strenggenommen allzu viel passiert. Hier geht es in meinen Augen weit mehr um Persönlichkeit und Innenleben als um tatsächliche Handlungen und Geschehnisse.

    Fazit:

    In den Fünfzigern sind die Freunde Jack und Ronnie erfolgreich als Teil der gleichen Bühnenshow für ein privilegiertes Publikum – Jack als Entertainer, Ronnie als Zauberkünstler. Als Ronnie die bildhübsche Evie als Assistentin in seine Nummer einbaut, kommt es zu unterschwelligen Spannungen und notdürftig verdrängten Konflikten. Und zu einem Zaubertrick, der vielleicht eine Illusion ist, vielleicht aber auch ein Verbrechen…

    Doch diese Dreierkonstellation ist weder schmalziges Rührstück noch gewagte Erotik, sondern eher die Kulisse für eine tiefgründige Geschichte rund um die Themen Selbstfindung, Selbstbehauptung, Selbstverlust.

  1. literarisch und magisch

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Mai 2020 

    Meine Buchbesprechung zu Graham Swifts Buch "Da sind wir" möchte ich mit meinem einzigen Kritikpunkt beginnen, so dass ich im Anschluss ausreichend Platz habe, mir meine Begeisterung über diesen Roman von der Seele schreibe:
    Die deutsche Übersetzung "Da sind wir" wird dem englischen Titel "Here we are" nur ansatzweise gerecht. Dieses "Here we are" ist eine englische Redewendung, die in England in unzähligen Varianten verwendet wird und auch unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Hier sind ein paar Beispiele:
    - "Bitteschön" (wenn man bspw. etwas präsentiert) - man stelle sich dazu einen Tusch vor
    - ein sattes "So!" (der Schwabe sagt auch "Sodele")
    - "Da wären wir " (das kommt dem deutschen Titel noch am nächsten)
    Ich hadere daher mit dem deutschenTitel, der in der 1:1 Übersetzung und im Vergleich zur englischen Redewendung sehr sperrig wirkt und die Bedeutungsvielfalt des Originals nicht wiedergibt.

    Dennoch bin ich von diesem Roman begeistert und hier schildere ich, warum.

    Der Roman entführt uns in das englische Seebad Brighton, das eh und je ein beliebter Urlaubsort für die Engländer war. Bis 1975 prägte eine Seebrücke mit dem malerischen Namen Brighton Palace Pier das Bild dieser Stadt. Sie beherbergte bis zu diesem Zeitpunkt einen Vergnügungspark mit einem Pavillon, in dem Veranstaltungen wie Shows oder Konzerte durchgeführt wurden. Und ebendieser Pavillon ist zunächst Schauplatz des Romans "Da sind wir", der in den 50er Jahren einsetzt. Hier lernen wir die 3 Protagonisten kennen:
    Jack Robbins, Entertainer und Conferencier einer Abendshow
    Ronnie Dean, Zauberer in der Show
    und Evie White, Assistentin und Verlobte von Ronnie

    Jack und Ronnie sind beste Freunde seit dem Krieg. Jack hat ihnen das Engagement in Brighton besorgt, wo Evie erst dazustößt. Und kaum ist eine Frau im Spiel, wird die Männerfreundschaft auf eine harte Probe gestellt. Eines Tages verschwindet Ronnie während eines Auftritts und ward nie wieder gesehen.
    Um diesen kleinen, aber malerischen Plot spinnt Graham Swift nun ein Netz aus Spekulationen, was mit Ronnie passiert ist, und wie es zu dem unerklärlichen Ereignis kommen konnte. Dabei springt Swift munter und unbeeindruckt von jeglicher Chronologie zwischen den Perspektiven und persönlichen Lebensgeschichten der Protagonisten hin und her. Dieses Erzählgebahren erscheint zunächst sehr verwirrend. Doch schnell ist man verzaubert von der Lebhaftigkeit, die Swifts Erzählstil ausstrahlt.

    Die Geschichte der Dreier-Konstellation um Jack, Ronnie und Evie ist gut gemacht und psychologisch ausgefeilt. Aber dennoch habe ich die Beziehung der drei Personen nicht als etwas Besonderes empfunden: 2 Männer, die eng befreundet sind und eine Frau, die sich erst für den einen, dann den anderen entscheidet und Schluss ist's mit der Freundschaft. Aus diesem Stoff sind schon viele Romane entstanden.
    Was diesen Roman jedoch zu einer Glanzleistung macht, ist die Art und Weise, wie diese Dreiecksgeschichte erzählt wird.
    Ich gebe zu, ich brauchte eine Weile, bis ich Graham Swift auf die Schliche gekommen bin. Aber dann habe ich gestaunt, wie ein kleines Kind. Denn ich bin davon überzeugt, dass Swift seinen Roman wie eine literarische Zaubershow angelegt hat.
    Hier nenne ich ein paar Indizien für meine Idee:
    - der englische Titel dieses Romans, der mich an ein "Vorhang auf: der Künstler betritt die Bühne" erinnert
    - die extremen Sprünge in Perspektive und Zeitebene, die mich an schnell aufeinanderfolgende Kunststücke erinnern, die einem Zuschauer kaum Zeit zum Luftholen lassen
    - obwohl man viele Zaubertricks kennt und weiß, wie sie ausgehen (Kartentricks, Tauben aus dem Zylinder, zersägte Jungfrau), ist man fasziniert und gespannt. Bei der Handlung dieses Romans ist es ähnlich. Gleich zu Anfang ist klar, dass Ronnie in der Dreieckskonstellation auf der Strecke bleiben wird. Nur das wie, ist nicht bekannt (s. "die zersägte Jungfrau": man weiß, dass die Jungfrau am Ende zersägt sein wird, aber wie der Zauberer es gemacht hat, wissen nur die Wenigsten)
    - In diesem Roman spielen Farben eine Rolle, maßgeblich Schwarz, Weiß und Rot - Farben, die auch in einer klassischen Zaubershow zu finden sind (Frack und Zylinder, schwarz-weißer Zauberstab). Und es ist kein Zufall, dass Evie eine geborene "White" ist, Ronnies Augen schwarz sind, was mehrfach betont wird, usw. usw. usw.
    Mit diesen Beispielen kratze ich nur an der Oberfläche. Denn ich bin sicher, dass es noch viele ähnliche Hinweise gibt, die ich überlesen habe, so dass ich die feste Absicht habe, dieses Buch ein weiteres Mal zu lesen.

    Letztendlich kann ich mir aber nicht sicher sein, was meine Theorie betrifft. Vielleicht überinterpretiere ich auch. Ich möchte aber gern glauben, dass Swift seinen Roman als literarische Zaubershow angelegt hat. Denn das hat für mich die eigentliche Faszination dieses Romans ausgemacht. Und schließlich ist Graham Swift Booker Prize Gewinner. Der müsste doch so etwas können. ;-)

    © Renie

  1. Magischer Kurzroman

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Mai 2020 

    „Da sind wir“, der Roman des englischen Altmeisters Graham Swift, spielt im Varieté-Milieu in England Ende der 1050er Jahre und ist ein kleines magisches Meisterwerk, obwohl eine altbekannte Geschichte zweier Männer mit einer Frau dazwischen erzählt wird.

    Jack und Ronnie, Freunde seit dem Zweiten Weltkrieg, beglücken im Sommer 1959 im mondänen Britischen Seebad Brighton das Sommerpublikum mit ihren Showeinlagen: Jack als Entertainer und Ronnie als Magier mit seiner bezaubernden Assistentin Evie White. Es ist die altbekannte menage au trois – eine Frau zwischen zwei Männern, und dennoch neu und überraschend lebensnah erzählt. Evie ist mit Ronnie verlobt, verfällt jedoch dem womanizer Jack und beginnt mit ihm eine Affäre, und aus den beiden Freunden werden Rivalen, bis Ronnie letztlich bei einer seiner aufregenden Tricks in der letzten show des Sommers verschwindet, und verschwunden bleibt. Kann er wirklich zaubern oder steckt mehr dahinter, wie die Polizei glaubt?

    Gekonnt, hypnotisch, mit vielen weichgezeichneten Übergängen erzählt Graham Swift diese Geschichte, bei der er mit sanft aufgebauter Spannung die Vergangenheiten der drei Figuren ausleuchtet, aber dabei nie den roten Faden aus den Augen verliert. Die liebevolle Gestaltung seiner Charaktere und die Nähe zum Geschehen machen den Kurzroman zu einem kleinen Juwel guter Erzählkunst. Das kleinbürgerliche und enge Kriegsmilieu Londons werden ebenso fassbar wie die schillernden Bühnenshows voller Glitter und Glamour im Seebad Brighton, eine perfekte Komposition der Handlung mit stimmungsvollen manchmal fast schwebenden Bildern sorgen für ausgezeichnete Unterhaltung.
    Bravo dafür und unbedingte Leseempfehlung von mir.

  1. Sein letzter Trick

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Mai 2020 

    Es ist 1959 in Brighton by the Sea. Jack, Robbins, der flinke Jack, ist Conférencier in einem kleinen Theater am Pier. Er liebt das Publikum und das Publikum liebt ihn. Aber am meisten lieben die Leute den zauberhaften Auftritt des „Großen Pablo“, den Magier mit seiner charmanten Assistentin Eve, der mit seinen Tricks den krönenden Abschluss des Abends liefert. Im wirklichen Leben heißt Pablo Ronnie Dean und die bezaubernde Eve ist schlicht Evie White. Und Ronnie liebt Evie, bis das wirkliche Leben zwischen die beiden gerät und Evie eine Affäre mit Jack beginnt und Ronnie einfach verschwindet….

    „Da sind wir“ ist der wunderbare und einzigartige neueste Auftritt des großen Graham Swift. Es ist eine Geschichte von Freundschaft, Liebe, Verlust und Magie. Von großen Auftritten, doppelten Böden, Tricks, Illusionen und letzten Vorhängen.…
    „Da sind wir.“ Here we are“ im Originaltitel. „Da wären wir“, „sodala“ oder wie wir in Wien sagen würden: “Na ois dann!“ Bietet schon der Titel dieses Buches einen enormen Interpretationsspielraum, ist der gesamte Roman des britischen Schriftstellers Graham Swift ein wahrer Zauberhut an magischen Spielereien, Tricks und Illusionen. Lässt sich der Titel schon nicht eins zu eins in die deutsche Sprache übersetzten, findet sich ein ähnliches Moment beim „flinken Jack“ wieder. Swift wählt die Namen seines Personals nicht zufällig. Und weil ich so an Namen hänge: Es ließ mir keine Ruhe mit "Flinker Jack": Ich habe recherchiert. So lautet es im Original Text“....Jack Robbins, later to be known as "Jack Robinson" (wird im deutschen Text als "Flinker Jack" übersetzt....)
    Nun, wer ist "Jack Robinson": a figure of speech, a phrase. Multiple citations explain references to Jack Robinson as meaning quickness of thought or deed. The normal usage is, "(something is done) faster than you can say Jack Robinson", or otherwise, "before you can say Jack Robinson"
    Ich neige sogar dazu, dem Autor zu unterstellen, dass er „Evie White“ ganz gezielt gewählt hat: Die erste Frau der Geschichte, die verführt wird und verführt hat mit der Farbe der Unschuld zu versehen.
    Nur der „Große Pablo“ ist Ronnie, Ronnie Dean. Ronnies Geschichte beginnt in einfachen Verhältnissen. Der Vater bei der Handelsmarine, die Mutter hatte spanisches Blut, daher auch der Künstlername Pablo. Doch Pablo war auch Ronnies erster Freund, sein Papagei. Fragte man den Vogel „Wo ist Pablo?“ antworte dieser „Hier ist Pablo“. Pablo wurde von Ronnies Mutter verkauft. „Entflogen“ antwortete sie, als Ronnies Vater sich nach Pablos Verbleib erkundigte. Papageien (ein solcher findet sich auch auf dem Cover des Buches wieder) können sehr alt werden. Doch sie können auch entfliegen, verschwinden. So wie Ronnie, der Große Pablo, Jahre später. Während des Krieges wurde Ronnie aus London evakuiert, kam zu Pflegeeltern. Sein Ziehvater lehrte ihn das Zaubern. "Doch dann war der Krieg vorbei und dieses - wie sollte man es nennen? verzauberte Leben musste nicht nur ein Ende haben, es lief sogar wieder in die Gegenrichtung."

    Krieg als Zeit des Schreckens für die Allgemeinheit. Für das Kind Ronnie eine wunderbare Zeit, weil er bei den Pflegeeltern wohl behütet, geliebt, unterstützt, gefördert wurde. Die Zeit nach dem Krieg, ein Aufatmen, eine Erleichterung für alle, für Ronnie ein Zurückkehren in die Armut, Beengtheit, zu der Mutter, die sein Leben nicht versteht. "Zauberer, Ronnie. Was soll der Mist verdammt?"

    Und nach dem Krieg, als die Schrecken verblassen, die Menschen Ablenkung in der Unterhaltung finden, reüssieren der Entertainer Jack Robbin(son), der Große Pablo in der aus heutiger Sicht verstaubten Atmosphäre des Sommertheaters am Pier von Brighton.
    Nur Vordergründig ist Swifts Roman die Geschichte einer Dreiecksbeziehung. Es ist vor allem ein Vexierspiegel, in den wir schauen und ein anderes Bild sehen als erwartet. „Alle Menschen arbeiten mit Tricks“, sagt Ronnie “Aber Magier - er sagte das nicht zum ersten Mal – arbeiten mit Illusionen.“
    Zauberei, Magie, Tricks, Illusionen, auf den ersten Blick alles ähnlich. Was ist für mich der Unterschied zwischen Tricks und Illusion. Tricks haben entweder etwas Spaßiges oder auch Gemeines, Betrügerisches an sich. Eine Illusion hat für auch viel mit Wünschen Träumen, etwas Schönem an sich. Aber ich glaube der größte Unterschied liegt darin: Bei einem Trick wird mir etwas vorgemacht, bei einer Illusion mache ich mir selbst etwas vor.
    Ronnies Verschwinden ist sein letzter Trick. Und um die großartigen Mark Knopfler von Dire Straits zu zitieren:
    I don't know how it happened
    It all took place so quick
    But all I can do is hand it to you
    And your latest trick
    Sodala, na ois dann.

  1. The Show Must go on

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Apr 2020 

    The Show Must go

    Im neuen Roman " Da sind wir" von Graham Swift, dem Man Booker Prize Gewinner von 1996, geht es um den Zauberer Ronnie Deane und Evie White, seine Assistentin und spätere Verlobte, und Ronnies Freund Jack Robbins.
    Hört sich erstmal einfach und banal an, ist dann aber doch ein sehr kompliziertes Geflecht aus Showbusiness und Beziehungen.

    Ronnie wird im Krieg von seiner Mutter nach Oxford geschickt, um diesen unbeschadet zu überstehen. Dort gelangt er zum älteren Ehepaar Eric und Penny Lawrence, die sich seiner liebevoll annehmen. Eric war in jungen Jahren Zauberer und bringt Ronnie eine Menge bei, warnt ihn aber auch vor diesem Beruf. Doch der Junge ist im wahrsten Sinne wie verzaubert und will gerne später auf der Bühne stehen.
    Als Ronnie nach dem Krieg die Lawrences schweren Herzens verlassen muss und zu seiner Mutter zurückkehrt, merken beide schnell, dass sie nicht mehr gut miteinander auskommen.
    Ronnie geht erst zum Militär, doch seine wahre Berufung soll das zaubern werden. Als sein Freund Jack Robbins ihm zu einer Assistentin rät, kommt Evie White ins Spiel. Sie treten nach kurzer Zeit gemeinsam als Pablo und Eve auf.
    Der Autor erzählt zu allem eine eigene kleine Geschichte, ein wahrer Pluspunkt dieses Romans. Wie Ronnie zu Pablo, dem Künstlernamen kommt, ist beispielsweise eine dieser kleinen, tiefgreifenden Dinge die so eingestreut werden.
    Pablo und Eve sind sehr erfolgreich, auch privat kommen die zwei sich näher. Die Verlobung soll zum Ende der Saison stattfinden, doch der Leser weiß vom Anfang des Romans, dass Evie seinen Ring wegwirft. Wie kam es dazu, was haben die Charaktere erlebt, dass es so gekommen ist?

    Graham Swift skizziert im weiteren Roman rückblickend das Leben von Evie, dessen Leben anders verlaufen ist, als ich erwartet habe. Jack, der Freund von Ronnie, der die Weichen stellte für die Show, begann eine Affäre mit Evie. Was machte all dies mit Ronnie, brachte ihn das Ende seiner Beziehung zu der Handlung am Ende seiner letzten Show?

    Der Autor lässt einige Dinge offen. Er beschreibt dem Leser ein Leben, welches vom Showbusiness geprägt wurde. Aber er erzählt uns am Ende nicht, was Ronnie bewegt hat diesen Schritt zu tun. War es ein letzter Geniestreich? Hat er die Magie genutzt, die ihn immer bewegt hat, um am Ende zu verschwinden? Wir als Leser können nur vermuten, und den Weg mitverfolgen. Wir können versuchen zwischen den Zeilen zu lesen, wenn Evie von sich und ihrem Leben mit Jack erzählt. Einem Leben, das ohne Ronnie in der Form nie stattgefunden hätte. Ist das am Ende der ganze Zauber?

  1. (K)eine normale Dreiecksgeschichte...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Apr 2020 

    Jack Robbins und Ronnie Dean sind Freunde, beide träumen vom Ruhm – Jack als Entertainer, Ronnie als Zauberer. Nach ihrer Militärzeit lassen sie endlich das berüchtigte Londoner East End hinter sich: Im mondänen Seebad Brighton steigen sie Ende der Fünfzigerjahre ins flirrende Showgeschäft ein. Als die bezaubernde Evie White zu ihnen stößt, kommt der ganz große Erfolg, und aus den Freunden werden Rivalen. Denn Evie – erst Ronnies Assistentin, später seine Verlobte – beginnt eine Affäre mit Jack. Wenig später verschwindet Ronnie während eines Auftritts und bleibt unauffindbar. Als könnte er wirklich zaubern.

    Dieser Klappentext verrät definitiv zu viel. Graham Swift enthüllt die Zusammenänge, Geschehnisse und Konstellationen nämlich ganz behutsam, manchmal auch als Jack-in-the-Box-Effekt, jedenfalls immer wieder als Überraschung. Ein Klappentext, der zu viel verrät, verdirbt die Überraschung - und damit eine Besonderheit dieses Romans.

    Zwei Männer, eine Frau - da bietet sich eine Dreiecksgeschichte an. Und die bekommt man hier auch. Aber auf eine unglaublich unaufgeregte Art und Weise, denn Graham Swift ergeht sich gerne in Andeutungen und Metaphern. Dabei gewährt er Einblicke in alle drei Perspektiven und springt dabei immer wieder auch in den Zeiten. Und obschon er anhand der Schilderungen von Ronnies Kindheitserinnerungen zeigt, wie feinfühlig er sich in Charaktere hineinversetzen kann, belässt Swift diese doch in der Regel auf Distzanz zum Leser.

    Zwei Männer, eine Frau - das sind Jack Robbins, der Entertainer, Ronnie Deane, der Zauberer, und Evie White, seine Assistentin. Gemeinsam treten sie 1959 in einem Varieté-Theater im englischen Seebad Brighton auf und sorgen für eine grandios Unterhaltung der Sommergäste. Dabei hält Graham Swift den Werdegang von Jack und Evie recht kurz - im Grunde ist mit diesem Absatz alles gesagt:

    "Jack Robbins und Evie White waren vom selben Schlag und gehörten einer damals recht verbreiteten Art an. Evie entdeckte, dass auch Jakc eine Mutter hatte, die ihn, wie ihre es getan hatte, vom frühesten Atler an wie einen kleinen Hund auf der Bühne abgerichtet hatte." (S. 21)

    Bei Ronnie verhält es sich anders. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter - der Vater war Seefahrer, und glänzte meist durch Abwesenheit, wurde schließlich auch auf See als vermisst gemeldet - lebte er in ärmlichen Verhältnissen. Im Krieg wurde er wie Hunderte anderer Kinder aufs Land verschickt, während seine Mutter daheim blieb. Er traf es glücklich an und kam zu Leuten, die ihn in ihrem großen Haus wie einen Sohn aufnahmen. Und trotz allers Schuldgefühle seiner eigenen Mutter gegenüber, begann er diese Gasteltern zu lieben und fühlte sich erstmals in seinem Leben wirklich angenommen.

    Eric Lawrence, sein Ziehvater, war nicht nur ausgesprochen liebevoll, sondern auch ein Zauberer. Und er begann, den kleinen Ronnie in die Welt der Illusionen einzuführen. Den Schritt von der Illusion zur wahren Magie vollzog Ronnie dann später selbst. Ronnie wird hier gezeichnet als ein ernsthafter, eher introvertierter Charakter, der nur zu wenigen Menschen Vertrauen fasst. Aber die Welt der Zauberei ist alles, was er je wollte, und dies setzte er auch gegen den Willen seiner Mutter durch.

    50 Jahre nach dem Sommer im Varité-Theater lässt Graham Swift dann Evie zu Wort kommen, und da erfährt der Leser dann Überraschendes - doch nicht alle Geheimnisse werden gelüftet.

    Durch die steten Wechsel in Perspektive und Zeitachse hat der Autor einen interessanten Aufbau geschaffen, der jedoch die stete Aufmerksamkeit des Lesers erfordert, zumal hier nicht in Kapitel unterteilt wird, sondern nach einem kleinen Abschnitt oft wieder ein Sprung erfolgt. Manches geht rasch übergangs- und absatzlos ineinander über. Bei längeren Passagen entwickelte der Text auf mich einen Sog, da konnte ich ganz ins Geschehen eintauchen. Viele häufige Wechsel empfand ich zuweilen als anstrengend, keinesfalls jedoch als uninteressant.

    Bei Graham Swift erscheint kein Wort zufällig, selbst der Namensgebung seiner Charaktere lässt sich eine Bedeutung zumessen. Ich bin froh, dass ich den Roman im Rahmen einer Leserunde gelesen habe, denn viele der dort geäußerten Interpretationen hätten sich mir sicher alleine nicht erschlossen. Auch so hatte ich oft genug noch das Gefühl, nur 'an der Oberfläche' zu lesen, und das, was es in der Tiefe zu entdecken gegeben hätte, nicht zu entdecken. Das empfand ich als schade.

    Das Cover - diesmal äußere ich mich auch einmal dazu - ist nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern auch ungemein passend, da der Papagei im Roman immer wieder kurz auftaucht und auch als Metapher dient - wofür, verrate ich hier nicht. Den deutschen Titel, obschon scheinbar 1:1 aus dem Englischen übersetzt, finde ich dagegen wenig gelungen. Das englische 'Here we are' hat doch zahlreiche Bedeutungen und zieht sich in den verschiedenen Nuancen auch durch den kompletten Roman. Hier hätte man es wohl besser beim Originaltitel belassen.

    Für mich war es der erste Roman von Graham Swift, aber dabei bleibt es sicher nicht...

    © Parden

  1. ...die magische Welt des Showbusiness und vieles mehr!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Apr 2020 

    „Da sind wir!“ - Ich muss gestehen: mir gefällt der Titel nicht.
    Er ist nichtssagend bzw. irreführend.
    Der Originaltitel hingegen,„Here we are“, lässt Bilder vor dem geistigen Auge entstehen. Bilder, die zu der Geschichte passen.

    Obwohl der Roman nur 159 Seiten hat, geht es um so vieles:
    Erscheinen und Verschwinden...
    Illusionen und Tricks...
    Zauber und Magie...
    Die Welt des Showbusiness...
    Mütter und Väter...
    Beziehungen und Dreieckskonstellationen...
    Krieg...
    Kindliche Nöte und Strategien, um mit den Gegebenheiten klar zu kommen...
    Schuldgefühle...

    Jack, der Entertainer und Ronnie, der Zauberer, haben sich beim Militärdienst in England kennengelernt.
    Nach ihrer Militärzeit bleiben sie in Kontakt und 1958 verhilft der als Alleinunterhalter erfolgreiche Jack seinem Freund Ronnie zu einem Engagement in seiner Show im Seebad Brighton.
    Evie wird Ronnies Assistentin und ... Verlobte.
    Und dann verschwindet Ronnie...

    All das erfährt man schon auf den ersten Seiten.
    Währenddessen lässt Graham Swift beiläufig Andeutungen und Bemerkungen einfließen, die Fragen aufwerfen, den Leser neugierig machen und die Spannung steigern.

    Dann drosselt er das Erzähltempo und lenkt den Blick in eine andere Richtung.
    Wir lesen vom Aufwachsen des 1931 geborenen Ronnies in ärmlichen Verhältnissen in London und davon, wie und wo er die Kriegsjahre verbracht hat und wer sein „Zaubermeister“ wurde.

    Aber Swift erzählt diese Biographie nicht einfach. Er bringt sie uns höchst empathisch nahe und zeigt dabei ein außerordentliches Einfühlungsvermögen in das Innenleben eines Kindes.

    Standen zu Beginn Neugier und Spannung im Vordergrund, so verfolgt man jetzt mit einer Vielzahl von Gefühlen diesen feinfühligen Schilderungen. Empörung, Traurigkeit, Freude... wunderbar, wie er die verschiedenen Emotionen im Leser zum Klingen bringt.

    Im weiteren Verlauf erzählt Swift abwechselnd von Ronnie, Evie und Jack.
    Wie bei einem Puzzle fügen sich die einzelnen Teilchen zu einem Gesamtbild und am Ende ist so manche, aber nicht die entscheidende Frage des Lesers beantwortet.

    Es ist beeindruckend, was in so einem schmalen Bändchen alles erzählt werden kann. Und nicht nur WAS erzählt werden kann, sondern vor allem, WIE es erzählt werden kann.

    Graham Swift spielt mit den Zeitebenen und mit den Perspektiven. Fließend und gekonnt schwenkt er den Spot in der Horizontalen zwischen den verschiedenen Protagonisten und in der Vertikalen zwischen den Zeiten hin und her.
    Kein Wort ist zu viel, keines zu wenig.

    Die Lektüre verlangt Aufmerksamkeit. Würde man einen Satz überlesen, hätte man etwas verpasst.

    Klare Leseempfehlung!

  1. Graham Swift zaubert mit Worten

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Apr 2020 

    Im englischen Original heißt der Roman „Here we are“, und dabei hätte man es meiner Meinung nach auch belassen sollen. Denn diese Floskel wird mannigfaltig eingesetzt. Sie passt, wenn man eine Bühne betritt, einen Drink serviert, eine Feststellung trifft oder einfach eine Lücke füllt. Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch im Roman wieder, was leider durch die deutsche Über¬setzung etwas verloren geht.

    In dem Roman werden retrospektiv mehrere Geschichten auf verschiedenen Zeitebenen erzählt. Ausgangspunkt ist ein Sommer in den 1950ern in Brighton, wo besser betuchte Briten gern ihren Urlaub verbrachten und sich die Abende mit Bühnenshows versüßen ließen. Entertainer dieser Show ist Jack und die beste Showeinlage ist die Zaubershow seines Freundes Ronny und seiner Assistentin-Verlobten Evie. Am Ende des Sommers ist Ronny jedoch ver¬schwun¬den und Evie hat den Verlobungsring ins Meer geworfen. Auf 160 Seiten wird beleuchtet, wie es dazu kam. Dabei wachsen sich die in Rück- und Vorblenden erzählten Geschehnisse teils in eigenständige kleine Geschichten aus, die von der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, Freundschaft und Liebe handeln.

    Obwohl der Roman recht kurz ist, spielt sich zwischen den Buchdeckeln unheimlich viel ab. Graham Swift ist ein großartiger Erzähler und schafft es, dass die Geschichte selbst und alle Geschichten in der Geschichte auserzählt und rund wirken. Er verwendet viele Symbole, deren Entdeckung beim Lesen und Diskutieren in der Leserunde viel Spaß bereitet hat. So sind die Namen der Protagonisten nicht zufällig gewählt und der auf dem Cover abgebildete Papagei nimmt eine wiederkehrende Rolle ein. Zudem spielt Swift mit Worten und Konzepten, wie Zauberei, Tricks und Illusion. In unserer Leserunde wurde daher die Frage aufgeworfen, ob der ganze Roman einer Zaubershow nachempfunden ist. Das ist ein Aspekt, der mich zum nochmaligen Lesen animieren wird. Von mir gibt es aufgrund der gelungene Erzählkunst und der Vielschichtigkeit daher fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

  1. Von der Zauberei zur Magie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Apr 2020 

    Eine Dreiecksgeschichte steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Graham Swift, jenem britischen Autor, der spätestens mit "Ein Festtag" auch international bekannt wurde. Aber nicht was er erzählt, macht "Da sind wir" zu einem ganz besonderen Roman, vielmehr ist es das Wie, sein Spiel mit Zeitebenen, der komprimierter Stil, die wiederkehrenden Motive und die verschiedenen Blickwinkel in einem Text, der völlig ohne Kapiteleinteilung auskommt. Einzig der Titel vermag nicht die Mehrdeutigkeit des englischen Originaltitels "Here We Are" wiederzugeben.

    Der Varieté-Sommer 1959
    Der Hauptteil der Handlung spielt im Jahr 1959 und vor allem in einem Varieté für die Sommergäste im englischen Seebad Brighton. Dort ist Jack Robbins, der „Flinke Jack“, bereits zum zweiten Mal als Conférencier engagiert und führt durch eine schillernde Show. In diesem Jahr hat er seinem Freund aus dem gemeinsamen Militärdienst, Robbie Deane, ein Engagement als Zauberer verschafft. Der hat sich extra dafür eine Assistentin gesucht, Evie White, eine ehemalige Revuetänzerin, und gemeinsam treten die beiden Verlobten als „Pablo und Eve“ auf. Im Laufe der Saison verfeinert Robbie sein Programm, lässt die gewöhnlichen Zaubertricks immer mehr hinter sich zugunsten wahrer Magie, erarbeitet sich den begehrten Platz als letzte Nummer der Show und ganz oben auf den Plakaten, bis er schließlich zum „Großen Pablo“ avanciert, aber gleichzeitig Evie verliert.

    Vor und nach dem Varieté-Sommer
    Am meisten erfahren wir über Ronnies Vergangenheit und seine zwei Kindheiten: der ersten vor dem Krieg bei seiner Mutter unter ärmlichen Verhältnissen im Londoner Stadtteil Bethnal Green mit einem kaum anwesenden Vater, die zweite während seiner Kinderlandverschickung nach Oxfordshire zwischen 1939 und 1945. Wäre der Loyalitätskonflikt nicht gewesen, der Junge hätte das Leben dort in bescheidenem Luxus, in Sicherheit und liebevoll umsorgt uneingeschränkt genießen können:

    "Genau betrachtet hatte er zwei Kindheiten gehabt – fast schon zwei Leben -, und die zweite hatte die erste verdrängt. Er war von einem Ehepaar, den Lawrences, aufgenommen und wie ihr eigener Sohn aufgezogen worden. Und nicht nur das – Mr Lawrence, Eric Lawrence, war zudem Zauberer, dem es in Kriegszeiten an Gelegenheiten mangelte, seinen Beruf auszuüben.
    Doch dann war der Krieg vorbei, und dieses – wie sollte man es nennen? – verzauberte Leben musste nicht nur ein Ende haben, es lief sogar wieder in die Gegenrichtung."

    In einer weiteren Zeitebene treffen wir Evie 50 Jahre nach dem Varieté-Sommer, die auf ihr erfülltes Leben zurückblickt, auf Höhen und Tiefen, aber auch auf Geheimnisse.

    So viel Magie
    Geheimnisvoll wie so vieles andere in der Geschichte ist der prächtige Papagei vom Cover, den der Vater einst von einer Seereise mitbrachte, von Ronnie geliebt, von der Mutter kurzerhand verkaufte. Er taucht bei der Abschiedsvorstellung in Brighton wie aus dem Nichts anstatt der Taube auf. Illusion? Magie?

    Es ist kaum zu glauben, wieviel Graham Swift auf nur knapp 160 Seiten zu erzählen vermag. Auch das grenzt an Magie.

  1. Von Zauberkunst und wahrer Magie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Apr 2020 

    Das englische Seebad Brighton Ende der 1950er Jahre: In einer allabendlichen Varietéshow während der Sommermonate tritt der 28-jährige Jack Robbins als Conférencier auf. Er bezeichnet sich selbst als den „Flinken Jack“ und ist beim Publikum beliebt. Auch sein gleichaltriger Freund Ronnie Deane macht sich auf dem Brighton Pier als Zauberer unter seinem Künstlernamen Pablo einen Namen. Zusammen mit seiner Assistentin und Verlobten Evie White (25) wird der Magier zum Highlight der Show. Beruflich läuft es gut für die beiden jungen Männer, doch privat bahnt sich Ärger an. Auch Jack hat ein Auge auf die ansehnliche Evie geworfen…

    „Da sind wir“ ist ein Roman von Graham Swift.

    Meine Meinung:
    Der Roman ist zwar in Abschnitte, nicht jedoch in Kapitel unterteilt. Erzählt wird aus einer auktorialen Perspektive heraus, jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge. Zeiten und Orte wechseln hin und her.

    Der Schreibstil ist sehr besonders. Der Autor beweist, dass er mit Sprache vortrefflich umgehen kann. Davon zeugen unter anderem seine Wortspiele und Metaphern. Manche Formulierungen und Motive tauchen immer wieder auf, sie bilden einen roten Faden. Vor allem zu Beginn habe ich mich mit dem Schreibstil allerdings ein wenig schwergetan, da sich dort Vorausdeutungen und Rückblenden vermischen.

    Die beiden Freunde und Evie stehen im Fokus der Geschichte. Vor allem Ronnie und dessen Vergangenheit werden intensiv und in aller Tiefe beleuchtet. Mit ihm beschäftigt sich ein Großteil des Romans. Doch der Leser erhält auch Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt von Jack und Evie. Die drei Charaktere wirken vielschichtig und authentisch.

    Vordergründig dreht sich alles um eine Dreiecksgeschichte, kein origineller, neuer Stoff. Doch der Roman behandelt viel mehr als eine einfache Lovestory. Auf nur rund 160 Seiten stecken viele Themen und Details. Es geht unter anderem um Zaubertricks und wahre Magie, um Illusionen und Träume, um die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg, um dysfunktionale Familienverhältnisse und um die Suche nach einem Platz im Leben. Und immer wieder sind da die ganz grundlegenden Fragen. Wie offen und ehrlich sind wir gegenüber anderen und uns selbst? Ist das ganze Leben nur eine Show und wir sind die Schauspieler?

    Dem Autor gelingt es, den Leser bei der Stange zu halten. Obwohl es inhaltliche Wiederholungen gibt und bereits früh vorweggenommen wird, wie die Geschichte in ihren Grundzügen endet, kommt beim Lesen keine Langeweile auf, denn nach dem ersten Viertel entsteht ein Sog, dem man sich schwerlich entziehen kann.

    Das Cover ist nicht nur für sich betrachtet ein richtiger Hingucker, sondern passt auch inhaltlich hervorragend, da das Motiv des Papageis mehrfach im Buch auftaucht. Der deutsche Titel ist nicht so treffend wie das englischsprachige, mehrdeutige Original („Here we are“), das sich allerdings nicht einfach übersetzen lässt.

    Mein Fazit:
    „Da sind wir“ von Graham Swift ist ein empfehlenswerter Roman, in dem trotz seiner Kürze dank einer ausgeklügelten Erzähltechnik sehr viel steckt.

  1. Here we are

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Apr 2020 

    Den englischen Titel habe ich deswegen zitiert, da wir uns in der Leserunde einig sind, dass die deutsche Übersetzung die englische Redewendung nur unzureichend widerspiegelt.

    "Da wären wir" trifft es vielleicht besser, es sind Worte, die der "flinke Jack", so heißt einer der Protagonisten, der durch eine Varieté-Show in Brighton in den 50er Jahre führt, sagen würde, wenn er auf die Bühne kommt.
    Zu Beginn des Romans steht eben jener Jack am Rand der Bühne, kurz vor seinem Auftritt, es scheint fast, als habe er Lampenfieber und brauche einen "Schubs" auf die Bühne. In der Show treten neben ihm Pablo und Eve, ein Zauberer und seine Assistentin auf, die das Publikum mit "Illusionen" begeistern. Die beiden sind bzw. waren ein Paar, einige Andeutungen weisen darauf hin, dass sie sich getrennt haben und Eve statt dessen mit Jack eine Affäre hat.
    Der erste Rückblick führt die Leser*innen in Ronnies, das ist der bürgerliche Name des Zauberers, Kindheit. Im 2.Weltkrieg wurde er von seiner Muter, die in London als Putzfrau arbeitet und dessen Vater auf See ist, aufs Land geschickt. Ronnie hat Glück. Ein kinderloses Ehepaar nimmt ihn auf, Eric und Penny. Von Eric, dem großen Lorenzo, lernt er die Zauberei und hält an ihr fest, auch gegen den Willen seiner Mutter. In der Militärzeit lernt er Jack kennen, der ihm rät, eine Assistentin einzustellen. So trifft er auf Evie White, die zu Eve wird und "da wären wir".
    Ein überraschender Zeitsprung führt uns zur 75-jährigen Evie White, die sich an die Ereignisse in Brighton zurückerinnert.
    Die wechselnden personalen Perspektiven ermöglichen einen Einblick in alle der Hauptfiguren, wobei vieles nur angedeutet und wenig direkt ausgesprochen wird. Man ist als Leser*in gefordert, die Leerstellen zu füllen und gerade das macht den Reiz dieses kleinen, aber feinen Romans aus.

    Zudem entführt er uns auch in die Welt der Zauberei, was ist ein Trick, was Magie und Illusion?
    Zu erwähnen ist auch der Papagei, der das Cover ziert. Einst ein Geschenk des Vaters, hat die Mutter ihn verkauft - auch er heißt Pablo und Ronnie muss oft an ihn denken. Fühlt Ronnie sich "wegegeben" von der Mutter, will er frei sein? Fragen, die sich teilweise im Lauf des Romans beantworten lassen, doch einiges bleibt offen...

    Aufgrund der Rückblicke und wechselnden Perspektive erhaschen wir immer nur Ausschnitte dieser Dreiecks-Geschichte und müssen uns letztlich selbst ein Bild machen. Dennoch verzaubert dieser Roman - auch aufgrund der wunderbaren Sprache Swifts.
    Sicherlich nicht der letzte Roman, den ich von diesem Autor lese ;)

  1. Ein Roman voller Zauber u d Magie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Apr 2020 

    Der 1949 in London geborene Graham Swift zählt zu den großen englischen Gegenwartsautoren. Zwei seiner Romane wurden verfilmt; für den Roman „ Letzte Reise“ erhielt er 1996 den Man Booker Prize. Seit dem Erscheinen seiner Novelle „Ein Festtag“ ist Swift auch international ein bekannter Schriftsteller. Mit „Da sind wir“ hat er nun erneut ein kleines Meisterstück vorgelegt.
    Hier entführt er uns in das bekannte Seebad Brighton in den 1950er Jahren, in die Welt der Varietés. In einer der abendlichen Shows treten die beiden Freunde Jack und Ronnie auf. Die beiden kennen sich seit ihrer Militärzeit. Jack führt als Conferencier und Entertainer durch das Programm, während Ronnie mit Zauberkunststücken das Publikum begeistert. Noch mehr Erfolg aber hat Ronnie, als ihm die junge, hübsche Evie als Assistentin zur Seite steht. Sie soll mit ihrem Lächeln und ihren wohlgeformten Beinen das Publikum ablenken, während Ronnie unbemerkt diverse Schubladen öffnet, um Dinge verschwinden zu lassen oder Gegenstände hervorzuzaubern.
    Bald sind die beiden nicht nur auf der Bühne ein Paar, sondern auch im richtigen Leben. Doch Jack hat ebenfalls ein Auge auf die reizende Frau geworfen und es kommt, wie es kommen muss. Als Ronnie zu seiner sterbenden Mutter fährt und ein paar Tage wegbleibt, um deren Beerdigung zu organisieren, landen Jack und Evie miteinander im Bett. Bei seiner Rückkehr spürt Ronnie sofort, was geschehen ist. Aber beide schweigen über die Affäre. Stattdessen plant Ronnie seinen letzten großen Auftritt - weg von der Zauberei , hin zur Magie.
    Swift bleibt aber nicht nur auf dieser Zeitebene, sondern geht zurück in die Vergangenheit und wirft einen Blick in die Zukunft.
    Er erzählt Ronnies Kindheitsgeschichte. Der wächst auf in ärmlichen Verhältnissen in London. Der Vater ist als Seemann ständig unterwegs, die Mutter wird zunehmends verbittert. Bei Kriegsausbruch wird der 8-jährige Junge, wie so viele Kinder dieser Zeit, aus dem unsicheren London aufs Land geschickt. Hier meint es das Schicksal gut mit ihm. Er kommt nicht zu Leuten, die ihn als Arbeitskraft missbrauchen ( wie es öfter geschehen ist ), sondern findet in Evergrene ein neues Zuhause. Das kinderlose Ehepaar Lawrence liebt ihn wie einen eigenen Sohn und Mr. Lawrence führt ihn in die Kunst der Zauberei ein. Ronnie hat seine Berufung gefunden, zum Entsetzen seiner Mutter.
    Fast fünfzig Jahre nach diesem Sommer in Brighton erinnert sich die alte Evie an jene Zeit. Mittlerweile ist sie Witwe, ihr Mann Jack ist vor einem Jahr gestorben. Er hatte Karriere als Schauspieler und Entertainer im Fernsehen gemacht, Evie war seine Managerin.
    Die Sprache und der Erzählstil des Buches sind besonders. Virtuos verwebt Swift ständig die verschiedenen Zeitebenen in einem kleinen Abschnitt. Auch einzelne Motive des Romans tauchen immer wieder auf, wie der bunte Papagei, der das Buchcover ziert oder der Ausspruch „Here we Are“, wie der Roman im Original heißt.( Der deutsche Titel trifft die Bedeutung nicht ganz.)
    Er lässt die vergangene Welt der Varietés wieder auferstehen und schafft dabei Bilder voller Atmosphäre.
    Feinfühlig spürt er den ambivalenten Gefühlen seiner Protagonisten nach. Das schafft lebendige, glaubhafte Figuren.
    Der schmale Roman ist unglaublich dicht; jeder Satz ist gleich wichtig, jedes Wort hat seine Bedeutung. Das ist kein Buch zum oberflächlichen Lesen, eher eines, das eine nochmalige Lektüre verlangt. Erst dann versteht der Leser die vielen Hinweise und Vorausdeutungen.
    Ein wunderbarer Roman, voller Zauber und Magie, dem ich viele Leser wünsche.

  1. Eine magische Dreiecksgeschichte virtuos erzählt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Apr 2020 

    Eine typische Seebadshow im Ferienort Brighton in den 1950er Jahren. Conferencier Jack führt durch das Programm. Der Höhepunkt ist der Auftritt von Ronnie und Evie. Gemeinsam haben sie eine extrem erfolgreiche Saison hinter sich. In der letzten Vorführung geschieht jedoch etwas Unvorhersehbares, in dessen Folge Ronnie als vermisst gilt…

    Was ist Ronnie passiert? Diese Spannung kolportiert Swift bereits in den ersten Seiten seines Romans. Diese letzte Aufführung bildet den Rahmen, dazwischen wird aus verschiedenen Erzählperspektiven berichtet. Im Zentrum steht dabei Ronnie, der die ersten acht Jahre seines Lebens in armen Verhältnissen in Bethnal Green lebte. Mit Beginn des Krieges wird er zusammen mit anderen Kindern aufs Land nach Oxfordshire geschickt. Ihn trifft es gut, er kommt nach Evergrene zum Ehepaar Lawrence, wo er eine wunderschöne zweite Kindheit verlebt und wo die Grundlagen für seinen späteren Broterwerb gelegt werden. Die Leidenschaft zur Zauberei findet hier ihren Anfang. Swift gelingt es hervorragend, die ambivalenten Gefühle des jungen Ronnie in Worte zu kleiden, der die Jahre in Evergrene genießt, jedoch seinen leiblichen Eltern gegenüber auch ein schlechtes Gewissen hat. „Ronnie mochte Penny mit der Zeit immer mehr – und er begann zu verstehen, wie Eric Lawrence sie mochte. Ronnie mochte auch Eric. Manchmal fragte er sich, aber das ließ er schnell wieder, was seine Mutter denken würde, wenn sie ihn mit Penny Lawrence im Gespräch sehen könnte.“ (S. 40)

    Ronnie hat das Gefühl sein Leben eingetauscht zu haben. Doch der Krieg geht vorbei und er muss zurück nach London. Das Verhältnis zu seiner Mutter bleibt schwierig: Wie kann man von einer verhärmten, bombengebeutelten Frau erwarten, dass sie Verständnis für die Zauberei aufbringt? Wie kann man nach Bildungsjahren bei den großherzigen Lawrences wieder in die enge Welt der Ursprungsfamilie hineinfinden? Ronnie kann die Situation unglaublich gut analysieren: „Er hingegen sehnte sich nach den Lawrences und allem, was er jetzt nicht mehr hatte. Das verstand sie nicht, und hätte sie es verstanden, hätte sie kein Mitgefühl gehabt. Aber sie wusste, dass er ein anderes Zuhause gefunden hatte, ein anderes, besseres Leben. (…) All das war ihm bewusst. Er hatte ihr das angetan. Aber er war lediglich als Unschuldiger in eine große historische Notsituation hineingeraten.“ (S. 53)

    Ronnie geht seinen Weg. Als sein alter Kumpel Jack ihm ein Engagement in Brighton anbietet, scheint es aufwärts zu gehen. Zuvor sucht er sich noch eine Assistentin. Ronnie findet Eve, beide empfinden sich als Glücksfall, sie verloben sich schnell und planen die Hochzeit am Saisonende.

    Zahlreiche Rückblicke zu Stationen ihres Lebens bringen uns Ronnie, aber auch Evie und Jack näher, die schon in der Kindheit von ihren ehrgeizigen Müttern für eine Bühnenkarriere abgerichtet wurden. Aus einer kameradschaftlichen Freundschaft entwickelt sich schließlich eine Dreiecksbeziehung, aus der einer als Verlierer hervorgehen muss. Wir nehmen intensiv teil an den Leben der Protagonisten, die geprägt sind von wechselhaften Erfahrungen und Erlebnissen, von Verlusten, von Vertrauensbrüchen, aber auch von lebenslanger Treue und Scham. Durch sehr persönliche Reflexionen wird man quasi hinter die Bühne, hinter das Offensichtliche, geführt und bekommt intime Einblicke in die Gedankenwelt der Figuren. Dass die Handlung in der magischen Welt einer Zaubershow angesiedelt ist, macht einen weiteren Reiz aus.

    Zudem ist die Art, wie diese Geschichte erzählt wird, hervorzuheben: die Zeitsprünge, die wiederkehrende Symbolik, die wohl überlegten und gesetzten Worte; das alles ergibt ein wunderbares Ganzes mit einem Ende, das völlig zur Gesamtkonzeption passt. Man sollte den Text auf sich wirken lassen, zum reinen Konsum ist dieser Roman viel zu schade. Ein unglaublicher Genuss, Swift versteht sein Handwerk. Ein Lob muss man auch der Übersetzerin Susanne Höbel aussprechen, der es meisterhaft gelungen ist, die Atmosphäre dieses magischen Romans ins Deutsche zu übertragen. Dafür kann es nur meine vollste Lese-Empfehlung geben: Großartige Leistung, die Lust auf weitere Werke Graham Swifts macht!
    5/5 Sterne