Country Place: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Country Place: Roman' von Ann Petry
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Country Place: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
Verlag:
EAN:9783312012237

Rezensionen zu "Country Place: Roman"

  1. Lennox - eine Kleinstadt-Idylle

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Jul 2021 

    Schauplatz des Romans "Country Place" von Ann Petry ist der beschauliche Touristenort Lennox im amerikanischen Bundesstaat Connecticut. Hier verbringen Touristen gern ihre Sommerfrische und begeben sich auf die Suche nach Ruhe, Wärme und Erholung.
    Es scheint, dass Lennox eine Idylle paradiesischem Ausmaßes ist. Da zu einem anständigen Paradies auch mindestens ein Sündenfall gehört, ist natürlich auch Lennox nicht davor gefeit. Dafür sorgen die Bewohner von Lennox und einige davon im Besonderen.
    Diese Beobachtung macht auch der Apotheker vor Ort: Doc Fraser, von vielen Pop genannt, der sich gleich zu Beginn des Romans als Ich-Erzähler präsentiert. Im Verlauf der Geschichte wird er diese Rolle jedoch nur sporadisch einnehmen. Denn in diesem Roman wechseln die Erzählperspektiven zwischen den Hauptfiguren, welche sind
    - die alte Mrs. Gramby und ihr Sohn Mearn, sehr wohlhabend, bewohnen ein Anwesen inklusive Hausangestellten. Die beiden sind angesehene Stützen der Gesellschaft, Mrs. Gramby noch mehr als ihr Sohn. Mearn ist verheiratet mit

    - Lil, ehemalige Schneiderin, die sich den reichen Mearn geangelt hat, um in die höheren Gesellschaftskreise aufzusteigen und ein Leben in Saus und Braus zu führen. Schwiegermutter und Schwiegertochter können sich nicht ausstehen, versuchen jedoch den Schein zu wahren – was ihnen mehr schlecht als recht gelingt. Lil ist in den 40ern und hat eine Tochter:

    - Glory, die in einem Laden in Lennox als Verkäuferin arbeitet. Einfach gestrickt und charakterlos wie ihre Mutter betrachtet sie Männer als Versorger, weshalb sie verheiratet ist, mit

    - Johnny Roane, der die letzten Jahre in Vietnam verbracht hat, soeben aus seinem Kriegseinsatz zurückgekehrt ist und nun auf eine glückliche Zukunft mit seiner Glory hofft.

    Neben diesen Hauptfiguren treffen wir in Lennox auf Nebendarsteller, die aber trotz ihrer untergeordneten Rolle einen enormen Einfluss auf die Handlung haben.

    "Jetzt fiel ihm wieder ein, dass überall geklatscht und getratscht wurde - im Postamt, im Gemischtwarenladen, im Drugstore und sonntags nach dem Gottesdienst vor den Kirchen. Diese Sorte Grinsen im Gesicht des kleinen Mannes hinterm Lenkrad stand für die ganze Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit der Stadt, für ihr hinterhältiges Gespött über andere."

    Der Roman erzählt die Geschichte dieser Menschen und entwickelt sich zu einer Tragödie, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Es wird geliebt, gehasst, geneidet, gegiert und betrogen. Eifersucht und Intrigenspiel gehören dabei auf die Tagesordnung.

    Ann Petry nimmt den Leser an die Hand und führt ihn durch Lennox. Die Menschen, die uns dabei begegnen werden von ihr in den schillernsten Farben bis ins kleinste Detail geschildert. Dominiert wird dabei das Geschehen von den Frauenfiguren dieses Romans, wobei Ann Petry klar zwischen Gut und Böse unterscheidet. Die Femmes Fatales bekriegen sich mit den Charakteren von untadeligem Ruf.

    Trotz aller hochkochender Emotionen behält dieser Roman seine Beschaulichkeit, die durch den Ferienort Lennox assoziiert wird, bei. Der Sprachstil ist ruhig und sortiert. Petry konzentriert sich auf die Rolle des Beobachters, die teilweise durch den Apotheker besetzt wird, der sich als Chronist der Ereignisse vorstellt, aber diese Rolle nicht gänzlich ausfüllt.

    Ann Petry hat mit "Country Place", der im Jahre 1947 erstmalig veröffentlicht wurde, ihren zweiten Roman geschrieben. Ihr erster Roman "The Street" aus dem Jahre 1946 sorgte für Furore, weil er in einer Zeit veröffentlich wurde, als afroamerikanische Literatur eine Männerdomäne war und eine deutliche Anklageschrift gegen Rassismus und das vorherrschende Frauenbild war. Mit "Country Place" konnte die Autorin nicht in Gänze an ihren Erfolg anknüpfen. Denn hier fehlte die "Protestnote", die in "The Street" zu finden war. "Country Place" ist gemäßigter als sein Vorgänger. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Personal in diesem Roman weiß-amerikanisch. Aber "weiß" ist nicht gleich "weiß", wie der Umgang der Bevölkerung von Lennox mit einem jüdischen Anwalt sowie nicht-amerikanischen Hausangestellten der Familie Gramby verdeutlicht.

    Hat mir "The Street" von Ann Petry schon ausgesprochen gut gefallen, hat sie mit "Country Place" mein Herz erobert. Mir gefällt diese Mischung aus Ruhe und Beschaulichkeit eines amerikanischen Kleinstadtromans, gepaart mit der emotionalen Dramatik, die durch das Miteinander der Charaktere entsteht.

    Ich freue mich, dass der Verlag Nagel und Kimche Ann Petry für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt hat. Der Roman "The Street" wurde bereits im letzten Jahr veröffentlicht, "Country Place" erschien im Mai diesen Jahres. Für das Frühjahr 2022 ist nun der dritte und letzte Roman von Ann Petry avisiert Und ich bin sehr gespannt, ob für mich noch eine Steigerung zu "Country Place" möglich sein wird.

    © Renie

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  1. Ein wunderbares Porträt eines amerikanischen Kleinstadtlebens…

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Jun 2021 

    Gleich zu Beginn ein kleiner Abschnitt, der vielen Lesebegeisterten gefallen wird, weil sie sich darin wiederfinden:
    „Die ganze Highschool durch verschlang er Bücher wie ein Allesfresser, im Stück. Die Bibliothekarin sah ihn immer leicht verwundert an, wenn er ihr fünf, sechs, sieben Bücher auf einmal hinlegte. Sie sagte auch jedes Mal dasselbe. „Liest du die wirklich alle?“ Und er nickte und trat die Flucht an, um möglichst schnell ins Innere möglichst vieler Bücher zu gelangen.“ (S. 129)

    Der Roman „Country Place“ spielt 1946 in Lennox, Connecticut, einem von überwiegend konservativen und rigiden Weißen bevölkerten fiktiven „Provinznest an der Mündung des Connecticut River“ (S. 9), das im Sommer ein Ferienort für Städter und die restliche Zeit über „allem Anschein nach ein stilles, verschlafenes Dorf“ (S. 10) ist.

    Schon die erste Seite ist stark!
    Was wir lesen, ist witzig, originell, verwunderlich und empörend.
    Der Ich-Erzähler Doc Fraser, ein Apotheker mit eigenem Drugstore und Katze, stellt sich und eine seiner Grundhaltungen offenherzig und in locker-lebendigem Plauderton vor:
    Er sei ein Durchschnittsmann und hege „Vorurteile gegenüber dem Weiblichen jeglicher Art und Gattung, menschlich wie tierisch.“ (S. 7)

    Im Nu hat Ann Petri mich gepackt. Spätestens auf Seite 10, als der Ich-Erzähler, der etwas schrullig und altmodisch und trotz seiner freimütig eingestandenen Voreingenommenheit gegen Frauen irgendwie sympathisch wirkt, auf den oben genannten Begriff „allem Anschein nach“ eingeht und andeutet, dass sich im Vorjahr bedauerliche Dinge ereignet haben, von denen er auf den folgenden Seiten berichten möchte, konnte ich kaum mehr aufhören zu lesen.

    Die Geschichte wird uns dann aber nicht nur von Doc Fraser in der Ich-Perspektive, sondern v.a. von einem allwissenden Erzähler nahegebracht, der uns neben der Handlung und den Orten des Geschehens v. a. die zwischenmenschlichen Beziehungen und das Innenleben der Figuren lebendig, detailliert und nachvollziehbar schildert.

    Wir erfahren, dass der 26-jährige Johnnie Roane eines morgens im September nach vier Jahren Abwesenheit mit dem Zug nach Lennox heimkehrt. „Frisch zurück aus dem Krieg, den Armeesack schräg über dem Rücken“. (S. 14)

    Er nimmt ein Taxi und lässt sich heimfahren.

    Er ist „so froh, zu Hause zu sein, dass es weh tut!“ (S. 20), voller Sehnsucht nach seiner jungen und schönen Ehefrau Glory und gleichzeitig voller Abneigung gegen diese „gottverdammte Stadt“ (S. 19) mit ihren selbstgefälligen alteingesessenen Bürgern und mit deren Klatsch, Tratsch und Gespött über andere. Schon als kleiner Junge wollte er in einer großen Stadt leben und jetzt, als Mann, träumt er davon, mit seiner Frau nach New York zu ziehen, zu studieren und Maler zu werden.

    Das Misstrauen erweckende Gespräch mit dem Taxifahrer, genannt Wiesel, und die überfahrene Katze, „ein Matsch aus schwarzem Fell und dunkelrotem Blut“ entfachen eine Vorahnung, dass da etwas höchst Unangenehmes und vielleicht sogar Bedrohliches auf Johnnie, die Stadt bzw. uns Leser zukommt. Das aufkommende Unwetter, das uralte Bäume entwurzeln wird, tut sein Übriges…

    Ich werde diesbezüglich nicht das Geringste verraten, da ich niemandes Lesegenuss verringern möchte.
    Nur so viel: originelle Idee, klasse Komposition, wunderbare Sprache.

    Im Verlauf der Lektüre lernen wir nicht nur Johnnie, sondern auch seine Frau Glory und deren äußere und innere Lebenswelten gut kennen.
    Die selbstbezogene, arrogante und habgierige Glory, die sich gern selbst bemitleidet, neidisch auf Andere schaut, immer das Gefühl hat, zu kurz zu kommen und meint, sie sei etwas Besseres.
    Der künstlerisch ambitionierte und empfindsame Kriegsheimkehrer Johnnie, der schon als Kind gern las und malte, bei der Armee einen Künstler kennengelernt hat und nun davon träumt, nach New York zu ziehen, zu studieren und Maler zu werden.
    Es macht Spaß, ist bewegend, fesselnd und unterhaltsam, die beiden, deren Angehörige und weitere Bewohner von Lennox kennenzulernen und zu begleiten.

    Ich bin angetan von Ann Petrys Stil. Sie vermittelt die Kleinstadtatmosphäre wunderbar und überzeugt mit glaubwürdigen Dialogen und authentischen Charakteren. Es gelingt ihr dabei scheinbar spielerisch, Spannung aufzubauen. Für mich war der Roman ein sehr unterhaltsamer Pageturner.

    Ann Petry ist eine präzise Beobachterin, die das Beobachtete wunderbar und anschaulich in Worte fassen kann. Sie schmettert dem Leser keine Botschaften entgegen.
    Stattdessen streift sie ganz unaufdringlich viele Themen und regt damit zum Nachdenken an. Es geht um Werte, Neid, Missgunst, Gier, Vorurteile, Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus, Klassengesellschaft und Betrügereien.
    Daneben spielen Wandel und Veränderung … Phänomene, die von Erschütterungen ausgelöst werden, eine bedeutende Rolle.

    „Country Place“ war nach „The Street“ der zweite Roman der 1908 geborenen afroamerikanischen Autorin Ann Petry.
    Er erschien bereits 1947.
    Die Geschichte spielt in Connecticut, wo die Schriftstellerin aufwuchs und nach kurzer Unterbrechung bis zu ihrem Tod lebte.
    Ann Petry zeichnet ein wunderbares Porträt eines Kleinstadtlebens in Neuengland der damaligen Zeit. Und das konnte sie, weil sie es selbst hautnah miterlebt hatte.

    Ich empfehle „Country Place“ sehr gerne weiter.
    „The Street“ liegt schon bereit und auf „The Narrows“, ihren dritten Roman, der nächstes Jahr auf Deutsch erscheinen wird, freue ich mich schon!

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