Cloris: Roman

Rezensionen zu "Cloris: Roman"

  1. Wege ins Leben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Aug 2020 

    Erst einmal gibt es hier einen wirklich interessanten Plot, eine alte Frau stürzt mit ihren Mitinsassen und mit ihrem Kleinflugzeug über den Bitterroot Mountains in Idaho und Montana ab, überlebt und kämpft sich ins Leben zurück. Das klingt richtig interessant und auch sehr schwierig. Daraus kann man etwas zaubern. Dachte ich mir so.

    Aber Rye Curtis macht daraus eine derartig verschrobene und auch unrealistische und auch überaus spannende Geschichte! Ich wunderte mich in den ersten zwei Dritteln des Buches über höchst eigenartige Charaktere und blätterte mich durch eine etwas märchenhafte und auch unwirkliche Handlung. Dabei begleitete mich ein eigener Humor der Charaktere, der mit vielen Kraftausdrücken garniert war. Gewöhnungsbedürftig, aber unsagbar spannend und dadurch auch wunderbar unterhaltend. Doch wer sind diese Charaktere, erstens gibt es hier die namensgebende zweiundsiebzigjährige Texanerin Cloris Waldrip, eine willensstarke, mutige und auch etwas verschrobene Frau, erst etwas eingeengt in ihrem Denken, lockert sich dieses im Laufe ihrer "Irrfahrt", dann gibt es die traumatisierte Rangerin Debra Lewis, als Einzige glaubt sie nach einem Notruf an das Überleben der alten Frau, derbe und Merlot trinkend stapft sie durch die Wildnis auf ihrer Suche nach Cloris und auch nach sich selbst und ist bei dieser Suche nicht allein, sie wird von einer Gruppe sehr kauziger Freunde des Waldes begleitet. Und auch Cloris scheint nicht allein zu sein. "Cloris" ist definitiv spannend und auch äußerst unterhaltend geschrieben und ist ein Erstling! Hier verbirgt sich sicher ein Autor von dem noch mehr zu erwarten wäre und sicher noch Besseres, die Spannung des Buches und auch die recht verschrobenen Charaktere und die eigenwillige Handlung lassen mich das vermuten.

    Im letzten Drittel verändert sich das Buch etwas in meinen Augen, wird schneller und auch besser, die verschrobenen und recht unwirklichen Charaktere befinden sich eher in einer Sinnsuche, die sie auch irgendwie meistern. Dennoch sind die Entscheidungen der Charaktere etwas unglaubwürdig, aber dieses Unglaubwürdige hat mich nicht abgestoßen, eher hat mir diese Art gefallen. Ein spannender und auch unterhaltender Roman, der Leser begeistern wird, die auch an etwas Abwegigem Gefallen finden können.

  1. Zu viel gewollt

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 21. Jul 2020 

    Dieses Buch ist speziell. Einerseits finde ich sehr viel fragwürdig, andererseits liest es sich schnell und ist tatsächlich unterhaltsam.
    Hier erzählt eine alte Dame im Plauderton von ihrem Flugzeugabsturz, das ist schon mal das Erste, was befremdet. Man meint fast, sie gibt es in ihrem Bridgeclub zum besten und kann im Nachhinein die Situation mit Galgenhumor betrachten, auch wenn der Tod ihres Gemahls natürlich bedauerlich ist.
    Gleichzeitig macht sich ein Retterteam auf die Suche, das an Skurrilität nicht zu überbieten ist. Während die Rangerin etwa drei Mal pro Seite einen ordentlichen Hieb Merlot nimmt und alles „gottverdammt“ findet, rollt der Leiter der Luftrettung zwanghaft Kreide in den Händen, ruft „Koojee“ und weiß selbst nicht, was das heißen soll. Der Hubschrauberpilot singt ständig Kirchenlieder und der Assistent stickt gerne, wobei er ein mittelalterliches Häubchen trägt.
    Natürlich hat das alles seinen Grund und jeder eine eigene Geschichte, allerdings sind hier die Protagonisten so übertrieben originell angelegt, dass sie vor lauter Marotten zu Witzfiguren werden.

    Auch der Erzählstil setzt auf ungewöhnliche bildhafte Vergleiche und schießt dabei über das Ziel hinaus.
    „… und dann saß ich da, die Arme um die Schultern geschlungen, dass es aussah wie die Scharniere am Schrank unter meinem Spülbecken.“
    „Sein dünner schwarzer Schatten tauchte auf wie ein Insekt aus einem Riss im Fußboden.“
    „Jetzt wandte er ihr den Kopf zu und zitterte wie eine klapprige Theaterkulisse an einem Flaschenzug… sagte er und hustete gegen die dicken Enden seiner Finger.“
    Oft werden Anekdoten eingeworfen, die am Rande des guten Geschmacks anzusiedeln sind, nicht zur Handlung beitragen und offensichtlich nur provozieren sollen.

    „Erst kürzlich habe ich ein wundervolles Kunstwerk erstanden, von einem Traktormechaniker in Washburn, Arkansas. Jorge Moosley. Er benutzt seine Mutter als Leinwand. Die liegt im Koma. Bemalt sie von Kopf bis Fuß mit Landschaften und fotografiert sie dann. Ich habe jetzt White Water Vapids von ihm bei uns zu Hause in Missoula hängen. Es bricht einem das Herz.“

    Mit diesem Buch wollte der Autor wohl neue Wege beschreiten. Es erzählt von einer Katastrophe und soll gleichzeitig die Abgründe menschlicher Existenz ausloten, von Grenzerfahrungen erzählen, von Aussteigern, von Liebe in allen Erscheinungsformen, vom Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Nur ist so etwas ein hehres Unterfangen, das Weisheit und Fingerspitzengefühl erfordert. Hier wird es eher mit der Brechstange angegangen und durch sensationsheischende, slapstickhafte Elemente unterwandert. Natürlich hat das Unterhaltungswert, nur bleibt die Tragik, die das Thema bietet, komplett auf der Strecke.
    Ich habe hier hoch Dramatisches erwartet und eher absurdes Theater bekommen. Nichts gegen absurdes Theater…