Cloris: Roman

Rezensionen zu "Cloris: Roman"

  1. Stilistisch gescheitert und unnötig brutal

    bewertet:
    1
    (1 von 5 *)
     - 15. Aug 2020 

    Kurzmeinung: Würde ich keinem Jugendlichen in die Hand geben.

    Die Story ist schnell erzählt. Zwei Storylines. Eine 72jährige Überlebende eines Flugzeugsturzes über dem Bitterroot National Forrest, eben „unsere Cloris Windrup“ – und eine derangierte Merlot-abhängige Rangerin Debra Lewis.

    Der eine Erzählstrang ist ein bisschen bizarr, zum Beispiel wenn Cloris in allen Einzelheiten schildert, wie der schwer verletzte Pilot stirbt und vorher stundenlang ein bestimmtes Lied singt, wie ihr Mann tot im Baum hängt und wie sie Wasser aus dessen abgerissenenem Stiefel trinkt, wie sie ihr Gebiss in einem Fluss verliert und ein kleines süßes Zicklein Erasmus benennt und dann umbringt und aufisst.

    Aber wenn man einer leicht ironischen, überhöhten Erzählart „Drinnen war es so dunkel wie im Hintern einer Kuh“, etwas abgewinnt, ist der Part wie die alte Dame ums Überleben kämpft, lebendig, lustig, manchmal beinahe spannend. Wenn er nicht so absurd wäre. Aber sei es drum.

    Der andere Part aber, der die Rangerin Debra Lewis als Mittelpunkt hat, muss man trotz allerhand skurrilem Personal und Einfällen als vollkommen misslungen betrachten. Um sich erzählstil-technisch von dem Cloris-Windrup-Teil abzugrenzen, also in bester Absicht, hat der Autor einfach zu viel getan. Als ich ungefähr zum hundertsten Mal lese, dass Rangerin Debra sich den Merlot von den Zähnen lutscht, tausendmal „gottverdammt“ nuschelt, in wirklich jedem zweiten Satz der Merlot erwähnt wird, oder sogar in jedem ? - gebe ich das Buch auf.

    Ich mache mir noch einen Spaß daraus, ein wenig nachzulektorieren, und die Flüche und Merlotsätze zusammenzustreichen, aber bin ich Ryes Lektorin? Das beste Gericht schmeckt nicht, wenn man zu viel Salz hineinstreut, das beste Gemälde taugt nichts, wenn man Kerzenwachs drauf träufelt und zu viel Merlot ist eben zuviel Merlot. Von den schrägen Sexszenen muss ich da gar nicht mehr reden.

    Eines noch: man hat nachgerade den Eindruck, dass der Autor, um bei der abgebrühten ? Jugend zu punkten, möglichst oft, ekelhafte und brutale Szenen einfügt, zum Beispiel, wenn er schildert, wie im strengen Winter ein Eichhörnchen sein gerade geborenes Junges auffrisst und genüßlich am aufgebrochenen Köpfchen schleckt. Schocktherapie? Dafür habe ich so gar kein Verständnis!

    Fazit: Der Ansatz ist gar nicht übel. Das Thema Flugzeugabsturz und Kampf ums Überleben kriegt mich immer, aber ein Mindestmaß an Stilsicherheit muss sein und unnötige Brutalitäten mag ich auch nicht.

    Kategorie: Jugendbuch
    C.H. Beck, 2020

  1. Wege ins Leben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Aug 2020 

    Erst einmal gibt es hier einen wirklich interessanten Plot, eine alte Frau stürzt mit ihren Mitinsassen und mit ihrem Kleinflugzeug über den Bitterroot Mountains in Idaho und Montana ab, überlebt und kämpft sich ins Leben zurück. Das klingt richtig interessant und auch sehr schwierig. Daraus kann man etwas zaubern. Dachte ich mir so.

    Aber Rye Curtis macht daraus eine derartig verschrobene und auch unrealistische und auch überaus spannende Geschichte! Ich wunderte mich in den ersten zwei Dritteln des Buches über höchst eigenartige Charaktere und blätterte mich durch eine etwas märchenhafte und auch unwirkliche Handlung. Dabei begleitete mich ein eigener Humor der Charaktere, der mit vielen Kraftausdrücken garniert war. Gewöhnungsbedürftig, aber unsagbar spannend und dadurch auch wunderbar unterhaltend. Doch wer sind diese Charaktere, erstens gibt es hier die namensgebende zweiundsiebzigjährige Texanerin Cloris Waldrip, eine willensstarke, mutige und auch etwas verschrobene Frau, erst etwas eingeengt in ihrem Denken, lockert sich dieses im Laufe ihrer "Irrfahrt", dann gibt es die traumatisierte Rangerin Debra Lewis, als Einzige glaubt sie nach einem Notruf an das Überleben der alten Frau, derbe und Merlot trinkend stapft sie durch die Wildnis auf ihrer Suche nach Cloris und auch nach sich selbst und ist bei dieser Suche nicht allein, sie wird von einer Gruppe sehr kauziger Freunde des Waldes begleitet. Und auch Cloris scheint nicht allein zu sein. "Cloris" ist definitiv spannend und auch äußerst unterhaltend geschrieben und ist ein Erstling! Hier verbirgt sich sicher ein Autor von dem noch mehr zu erwarten wäre und sicher noch Besseres, die Spannung des Buches und auch die recht verschrobenen Charaktere und die eigenwillige Handlung lassen mich das vermuten.

    Im letzten Drittel verändert sich das Buch etwas in meinen Augen, wird schneller und auch besser, die verschrobenen und recht unwirklichen Charaktere befinden sich eher in einer Sinnsuche, die sie auch irgendwie meistern. Dennoch sind die Entscheidungen der Charaktere etwas unglaubwürdig, aber dieses Unglaubwürdige hat mich nicht abgestoßen, eher hat mir diese Art gefallen. Ein spannender und auch unterhaltender Roman, der Leser begeistern wird, die auch an etwas Abwegigem Gefallen finden können.

  1. Zu viel gewollt

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 21. Jul 2020 

    Dieses Buch ist speziell. Einerseits finde ich sehr viel fragwürdig, andererseits liest es sich schnell und ist tatsächlich unterhaltsam.
    Hier erzählt eine alte Dame im Plauderton von ihrem Flugzeugabsturz, das ist schon mal das Erste, was befremdet. Man meint fast, sie gibt es in ihrem Bridgeclub zum besten und kann im Nachhinein die Situation mit Galgenhumor betrachten, auch wenn der Tod ihres Gemahls natürlich bedauerlich ist.
    Gleichzeitig macht sich ein Retterteam auf die Suche, das an Skurrilität nicht zu überbieten ist. Während die Rangerin etwa drei Mal pro Seite einen ordentlichen Hieb Merlot nimmt und alles „gottverdammt“ findet, rollt der Leiter der Luftrettung zwanghaft Kreide in den Händen, ruft „Koojee“ und weiß selbst nicht, was das heißen soll. Der Hubschrauberpilot singt ständig Kirchenlieder und der Assistent stickt gerne, wobei er ein mittelalterliches Häubchen trägt.
    Natürlich hat das alles seinen Grund und jeder eine eigene Geschichte, allerdings sind hier die Protagonisten so übertrieben originell angelegt, dass sie vor lauter Marotten zu Witzfiguren werden.

    Auch der Erzählstil setzt auf ungewöhnliche bildhafte Vergleiche und schießt dabei über das Ziel hinaus.
    „… und dann saß ich da, die Arme um die Schultern geschlungen, dass es aussah wie die Scharniere am Schrank unter meinem Spülbecken.“
    „Sein dünner schwarzer Schatten tauchte auf wie ein Insekt aus einem Riss im Fußboden.“
    „Jetzt wandte er ihr den Kopf zu und zitterte wie eine klapprige Theaterkulisse an einem Flaschenzug… sagte er und hustete gegen die dicken Enden seiner Finger.“
    Oft werden Anekdoten eingeworfen, die am Rande des guten Geschmacks anzusiedeln sind, nicht zur Handlung beitragen und offensichtlich nur provozieren sollen.

    „Erst kürzlich habe ich ein wundervolles Kunstwerk erstanden, von einem Traktormechaniker in Washburn, Arkansas. Jorge Moosley. Er benutzt seine Mutter als Leinwand. Die liegt im Koma. Bemalt sie von Kopf bis Fuß mit Landschaften und fotografiert sie dann. Ich habe jetzt White Water Vapids von ihm bei uns zu Hause in Missoula hängen. Es bricht einem das Herz.“

    Mit diesem Buch wollte der Autor wohl neue Wege beschreiten. Es erzählt von einer Katastrophe und soll gleichzeitig die Abgründe menschlicher Existenz ausloten, von Grenzerfahrungen erzählen, von Aussteigern, von Liebe in allen Erscheinungsformen, vom Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Nur ist so etwas ein hehres Unterfangen, das Weisheit und Fingerspitzengefühl erfordert. Hier wird es eher mit der Brechstange angegangen und durch sensationsheischende, slapstickhafte Elemente unterwandert. Natürlich hat das Unterhaltungswert, nur bleibt die Tragik, die das Thema bietet, komplett auf der Strecke.
    Ich habe hier hoch Dramatisches erwartet und eher absurdes Theater bekommen. Nichts gegen absurdes Theater…