Charlotte: Roman

Rezensionen zu "Charlotte: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Feb 2016 

    Das Cover ziert ein

    Das Cover ziert ein Selbstbildnis von Charlotte. Ernst schaut sie darauf aus. Ein schönes Leben hat sie aber auch nicht gehabt.

    Als ich das Buch aufschlug, habe ich mich gewundert: Verse? David Foenkinos hat seine ganz eigene Art, über das Leben der Charlotte Salomon zu schreiben. Er erklärt es, und dann passt es auch. Ich empfinde jeden Satz wie in Stein gemeißelt. Keine Schnörkel. Nur, worauf es ankommt.

    Zu Beginn erfahre ich, wie sich Charlottes Eltern kennengelernt haben. Als sie dann geboren wurde, bekam sie den Namen ihrer Tante Charlotte, Schwester ihrer Mutter, die von der Brücke ins eisige Wasser sprang und einen qualvollen Tod starb.
    Als Charlotte neun ist, bringt sich ihre Mutter um, springt aus dem Fenster. Es liegt wohl in der Familie.

    Das erste Weihnachtsfest ohne die Mutter. Charlotte spielt ein bisschen Theater, damit es nicht ganz so traurig ist.

    Es ist 1930, der Vater lernt die Konzertsängerin Paula kennen und als er Charlotte eröffnet, dass sie heiraten werden, ist diese glücklich. Und mit Paula zieht Leben in die Wohnung. Kunst und Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Erich Mendelsohn oder Albert Schweitzer. Charlotte wird zur leidenschaftlichen Leserin: Goethe, Hesse, Remarque, Nietzsche und Döblin verschlingt sie regelrecht.
    Doch sie hat keine Freunde. Nur Paula.

    1933. Ein Jahr, bevor Charlotte ihr Abitur machen kann, muss sie die Schule verlassen. Der Hass gegen die Juden schlägt Wellen. Paula darf nicht mehr auftreten. Die vom Vater erbrachten medizinischen Leistungen werden nicht mehr abgerechnet. Bücher werden verbrannt.
    Doch immer noch halten einige an dem Glauben fest, dass alles schnell vorbei geht. Doch Charlotte, jung wie sie ist, glaubt nicht daran.

    Das sind nicht ein paar Spinner, das ist ein ganzes Volk.
    Das Land wird von einer gewalthungrigen Meute regiert.

    In dieser Zeit entdeckt Charlotte ihre Liebe zur Malerei. Die Großeltern nehmen sie mit nach Italien, wo sie die Berufung zur Künstlerin spürt.

    Zurück in Deutschland holt sie die Wirklichkeit ein. Die Großeltern verlassen das Land.

    Warum glauben so viele zu dieser Zeit immer noch, dass alles gut wird?

    Charlotte schafft es, an der Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst zu studieren.

    Und dann erfahren wir vom Autoren, wie er Charlotte gefunden hat. Und wie er gegrübelt hat, über sie zu schreiben:

    Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
    Notizen über Notizen, jahrelang.
    Ich blätterte dauern in meiner Ausgabe von Leben? Oder Theater?
    Charlotte fand in meinen anderen Romanen Erwähnung.
    Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
    Aber wie?
    Durfte ich selbst darin vorkommen?
    Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
    Welche Form sollte das Ganze annehmen?
    Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
    Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
    Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
    Es ging einfach nicht weiter.
    Das war körperlich beklemmend.
    Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
    Um durchatmen zu können.

    Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

    Die Lage wird immer brenzliger. Kristallnacht. Der Vater wird abgeholt. In ein Lager gebracht und kommt nach Wochen wieder nach Hause. Paula kennt noch einige Leute, die ihr wohlgesonnen sind. Doch er ist kaum mehr zu erkennen.
    Charlotte soll zu den Großeltern nach Frankreich. Sie brauchen lange, um sie zu überzeugen. Und sie gibt nur widerstrebend nach und verlässt das Land und ihren Liebsten Albert.

    Doch auch in Frankreich marschiert der Feind ein. Um nicht verrückt zu werden, malt Charlotte. Malt ihr ganzes Leben. Und dann, bevor es zu spät ist:

    Nun steht Charlotte vor Moridis' Tür.
    Sie läutet.
    Der Doktor selbst macht ihr auf.
    Ah... Charlotte, sagt er.
    Sie erwidert nichts.
    Sie schaut ihn an.
    Und hält ihm ihren Koffer hin.
    C'est toute ma vie, sagt sie schließlich.

    Mordis haben wir es zu verdanken, dass wir diesen Satz kennen.
    C'EST TOUTE MA VIE.
    Das ist mein ganzes Leben.

    Charlotte lernt Alexander kennen. Eine neue Liebe? Sie wächst nur sehr langsam. Und sie wird schwanger.

    Die beiden heiraten und leben in der Villa L'Ermitage. Doch sie werden denunziert. Ein Anruf bei einem der grausamsten SS-Männer, Alois Brunner, ging ein und verrät die junge deutsche Jüdin.

    Der Lastwagen fährt leise vor.
    Die Soldaten haben die Scheinwerfer abgeblendet.
    Dann betreten sie von zwei Seiten den Garten.
    Charlotte kommt gerade aus dem Haus.
    Sie läuft den Soldaten regelrecht in die Arme.
    Die Männer greifen zu, packen Charlotte am Arm.
    Sie schreit aus vollem Hals.
    Schlägt um sich, will weglaufen.
    Einer der Männer zieht sie heftig an den Haaren.
    Und tritt sie in den Bauch.
    Charlotte fleht um Gnade, sie sei doch schwanger.
    Ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen.
    Den Männern ist das vollkommen egal.

    Eingepfercht in einem Zug kommen Charlotte und Alexander in dem Durchgangslager Drancy an, dem Wartezimmer des Todes.

    Dann müssen sie wieder in einen Zug. Drei Tage später sind sie am Ziel. Über einem Eingangstor ist zu lesen: Arbeit macht frei.
    Bei der Registrierung werden Charlotte und Alexander getrennt. Alexander bricht nach drei Monaten tot zusammen.
    Für Charlotte bleibt der Weg in die Duschbäder.

    Und ich? Ich sitze hier und weine und weiß nicht, wohin mit meiner Wut.

    Aber Charlotte hat ein Platz in meinem Herzen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Sep 2015 

    ein erschütterndes Schicksal

    Ein aufwühlender und verstörender Roman über die jüdische Malerin und Schriftstellerin Charlotte Salomon, die im Alter von 26 Jahren im KZ Auschwitz Birkenau umgebracht worden ist. Ihr kurzes Leben war von Schwermut und Hoffnungslosigkeit geprägt.

    Der Roman beginnt in ihrer Kindheit: Als Charlotte 9 Jahre alt ist, begeht ihre Mutter Selbstmord. Ihr Vater heiratet ein zweites Mal.
    Ihre Schulzeit verbringt Charlotte an einem Mädchengymnasium, das sie jedoch 1933, ein Jahr vor ihrem Abitur verlässt, um den antisemitischen Anfeindungen zu entgehen. Aufgrund der Verdienste des Vaters im 1. Weltkrieg, erhält sie jedoch die Möglichkeit, die Kunsthochschule zu besuchen. Hier wird sie von einem Professor protegiert, der ihr künstlerisches Talent erkennt und den Mut besitzt, sich über die antisemitischen Repressalien hinwegzusetzen. Als Charlotte eine Auszeichnung für ihre Arbeit aufgrund ihrer jüdischen Herkunft versagt wird, bricht sie die Schule ab.
    Mittlerweile ist der Druck der Nationalsozialisten auf die jüdischen Mitbürger kaum auszuhalten. Ihre Eltern schicken Charlotte ins Exil nach Südfrankreich, wo ihre Großeltern mütterlicherseits bereits vor einiger Zeit ausgewandert sind.
    Eine Zeit lang ist Charlotte in Sicherheit. Doch irgendwann holt sie der Nationalsozialismus ein. Sie wird denunziert und nach Auschwitz verfrachtet. Hier stirbt sie im Alter von 26 Jahren.

    In dem Buch gibt es 2 Handlungsebenen. Zum Einen wird die Geschichte aus der Sicht von Charlotte erzählt, angefangen in ihrer Kindheit, ihrem Schulbesuch, dem Selbstmord ihrer Mutter, dem Exil in Frankreich und ihrem Ende in Auschwitz. Die 2. Handlungsebene findet in der Gegenwart statt. Dabei berichtet der Autor David Foenkinos über einzelne Episoden seiner Recherche, und was ihn bewogen hat, dieses Buch zu schreiben.

    Wenn man das Buch aufschlägt, fällt einem sofort die ungewöhnliche Schriftform auf: In jeder Zeile ist nur ein Satz gedruckt. Dies hat zunächst unangenehme Auswirkungen auf den Lesefluss. Man neigt dazu, nach jedem Satz eine Pause zu machen, bevor man die nächste Zeile liest. Dadurch stockt der Lesefluss und macht das Lesen mühsam. Aber nach einigen Seiten versteht man, dass es eigentlich gar keine andere Möglichkeit gibt, die Geschichte von Charlotte Salomon zu erzählen. Denn das, was man liest ist verstörend und macht fassungslos - genauso fassungslos, wie der Erzähler über das schreckliche Schicksal von Charlotte berichtet. Und diese Fassungslosigkeit lässt einen stocken. Man hat den Eindruck, dass der Autor mit den Worten ringt.

    "Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.Aber wie?Durfte ich selbst darin vorkommen?Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?Welche Form sollte das Ganze annehmen?Ich schrieb, löschte, kapitulierte.Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.Es ging einfach nicht weiter.Das war körperlich beklemmend.Ich verspürte ständig das Verlanden, eine neue Zeile zu beginnen.Um durchatmen zu können.
    Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genauso schreiben musste." (S. 73 f.)

    Als Charlotte 9 Jahre alt ist, bringt sich ihre Mutter Franziska um. Franziska ist nicht die Erste in der Familie, die sich das Leben nimmt. Fast alle Verwandten Charlottes mütterlicherseits haben ihrem Leben ein gewaltsames Ende bereitet. In der Familie wird die Depression von Generation zu Generation weiter gereicht. Zunächst verheimlicht man vor Charlotte die Hintergründe des Todes ihrer Mutter. Doch schnell zeichnet sich ab, dass auch Charlotte später mit dieser Krankheit zu kämpfen hat.
    Charlotte hat keine Chance. Die Familiendepression hinterlässt Schatten auf dem Lebensweg von Charlotte. Sie kann ihrem Schicksal nicht entgehen, und das weiß sie auch. Diese entsetzliche Hoffnungslosigkeit begleitet den Leser während des gesamten Buches und macht fassungslos.

    "Und alle drei haben ihrem Leben doch auf sehr ähnliche Weise ein Ende gesetzt.Mit einem Sprung ins Nichts.Jedoch von drei verschiedenen Lebensstufen aus.Erst das Mädchen, dann die Mutter, schließlich die Großmutter.Demzufolge gibt es keine Lebensstufe, die es wert ist, gelebt zu werden.Charlotte stellt eine Rechnung an.1940 + 13 = 19531953 wird sie sich umbringen.Wenn sie denn so lange durchhält." (S. 174)

    Charlotte spürt, dass sie nicht mehr lange leben wird. Sie beginnt, ihre Familiengeschichte und ihre Gedanken in ihren Bildern und Schriften zu verarbeiten. Kurz bevor sie verraten wird, überlässt sie ihr Lebenswerk einem Freund in Frankreich, der es für die Nachwelt aufbewahrt.

    "Es geht darum, die Geschichte ihrer Familie zu erzählen.Bevor es zu spät ist.Einige Zeichnungen gleichen eher Skizzen.Es ist mehr ein eiliges Hinwerfen als ein Sich-in-die-Arbeit-Versenken.Man spürt in der zweiten Hälfte von Leben? Oder Theater? eine Getriebenheit...Die durch Mark und Bein geht.Malen am Rande des Abgrunds.Abgeschieden von der Welt, ängstlich und ausgezehrt.Charlotte vergisst sich selbst und löst sich auf.Bis ihr Werk vollendet ist." (S. 195)

    Das Schicksal von Charlotte Salomon hat mich verstört und aufgewühlt. Dazu hat mit Sicherheit auch die besondere Schriftform dieses Romans beigetragen. Nachdem ich das Buch beendet hatte, war ich erschüttert. Und ich merke auch jetzt noch, nachdem ich bereits ein paar Tage Abstand zu dem Gelesenen habe, dass ich immer noch fassungslos bin und mich schwer tue, die passenden Worte für diese Rezension zu finden.
    Dieses Buch ist außergewöhnlich. Es ist ein Buch "Gegen das Vergessen". Denn das, was man liest, brennt sich ins Gedächtnis und lässt einen nicht mehr los. Klare Leseempfehlung!

    © Renie