Carrie: Roman .

Buchseite und Rezensionen zu 'Carrie: Roman .' von Stephen King
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Carrie: Roman ."

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:304
Verlag: Lübbe
EAN:9783404180066

Rezensionen zu "Carrie: Roman ."

  1. Fort, verdammtes Blut!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Nov 2021 

    Carrie White ist siebzehn als sie – für sie völlig überraschend – im Duschraum nach dem Sportunterricht ihr erste Periode bekommt. Ihre Schulkolleginnen überschütten sie mit Spott und Gelächter, bis die Sportlehrerin endlich für Ruhe sorgt. Die beteiligten Mädchen werden mit Nachsitzen bestraft. Sue, der die ganze Sache nachträglich leidtut, bitte sogar ihren Freund Tommy, statt mit ihr mit Carrie zum Frühlingsball zu gehen. Nur die Rädelsführerin, die von diesem Ball ausgeschlossen wurde, sinnt auf Rache.

    „Carrie“ ist der erste Roman, der von Stephen King, damals 1974, erschienen ist. Seine Frau Tabitha fand das Manuskript zu diesem Roman im Papierkorb und bat ihren Mann, der seine Familie damals eher schlecht als recht als Englischlehrer durchbrachte, dieses Buch fertigzustellen. Danke, Mrs. King!
    Mit der Veröffentlichung des Buches wurde der Grundstein einer beispiellosen schriftstellerischen Karriere gelegt.

    Die Protagonistin dieses Buches, Carrie, lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter Margret sehr zurückgezogen. Margret ist verblendet von einem völlig durchdringenden religiösen fundamentalistischen Wahn. Alles ist Sünde, insbesondere die ganz normale körperliche Entwicklung ihrer Tochter.

    „Erst das Blut, dann die Kraft…und nun ein Junge und Tanzen…“

    Carrie ist der typische Loser-Teenager. Was wir heute Mobbing nennen ist damals wie heute gemeine Bösartigkeit. Die anfängliche Szene stellt sich als äußerst realistisch dar, wenn da nicht etwas ganz Besonderes vorginge, wie zerschellende Deckenlampen und verrücktspielende Spender von Hygieneartikeln.

    „…als würden solche Dinge immer in Carries Nähe geschehen, wenn sie erregt war, verletzt, verwirrt – als würde das Missgeschick sie auf Schritt und Tritt verfolgen.“

    Carries telekinetische Fähigkeiten kulminieren, sie richtet ihre (weibliche) Kraft gegen alle und jeden, die sie verletzen. Die Einladung zum Frühlingsball, die sie zunächst für einen Scherz hält, und der Abend mit Tommy unter Schulkollegen, gibt ihr das erste Mal einen Anstrich von Normalität, Freude und Glück. Doch was dann passiert, ist ein derart furioses Finale an Blut und Feuer, immens spannend und schockierend.
    Mit Carrie hat Stephen King noch lange nicht seine epische Grandesse erreicht, aber das Buch gibt einen Vorgeschmack, auf alles was der Meister später zu erzählen hatte. Das Storytelling ist einfallsreich. Neben den erzählten Ereignissen in Chamberlain/Maine werden Zeitungsberichte, Interviews, Zeugenaussagen und wissenschaftliche Abhandlungen zum Fall Carrie White abgedruckt. King zeigt schon in seinem Erstling (ich weiß, die Bücher, die er als Richard Bachmann später herausbrachte wurden früher geschrieben), dass er weit mehr kann als grausige Horrorgeschichten zu erzählen.

    Vieles überrascht aus heutiger Sicht. Erstaunlich ist, dass der Roman mit seinem Menstruationsplot (heute würde vielleicht sogar jemand fragen wollen, ob ein Mann so einen Roman überhaupt schreiben „darf“) in den prüden USA so erfolgreich und Sissy Spacek in der späteren Verfilmung von Brian de Palma für die Rolle der Carrie sogar mit einem Oscar nominiert war.

    Erstaunlich auch ist der progressive Schuldirektor. Vielleicht hätte sich King so einen Boss gewünscht, als er noch unterrichtete.

    Sehr interessant fand ich im Übrigen auch das Nachwort im Buch zum Roman und Film, über die Entstehungsgeschichte (s. Danke, Mrs. King!) und Kings maßgeblichen Einfluss auf das Horrorgenre.

    „Früher waren es Werwölfe, Vampire oder moderne, zeitgemäße Monster, die die Autoren und Regisseure sich einfallen ließen – jetzt sind es plötzlich ganz normale Menschen, die einfach nur anders sind, als man es gewohnt ist.“

    Carrie White (!) und das rote Blut. Blut, das ist Leben. Blut ist Familie. Blut ist Tod, Opfer, Ritual. Blut ist Religion. Blut ist weibliche Adoleszenz. Blut finden wir in der Bibel, bei Shakespeare, in Märchen und bei Stephen King. Von der biblischen Blutschuld, der schneeweißen Unschuld, den Betreibungen der Lady Macbeth landen wir bei Carrie White. Fort, verdammtes Blut!

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