Brüder

Buchseite und Rezensionen zu 'Brüder' von Jackie Thomae
4.5
4.5 von 5 (4 Bewertungen)

Zwei Männer. Zwei Möglichkeiten. Zwei Leben. Jackie Thomae stellt die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind.

Mick, ein charmanter Hasardeur, lebt ein Leben auf dem Beifahrersitz, frei von Verbindlichkeiten. Und er hat Glück – bis ihn die Frau verlässt, die er jahrelang betrogen hat. Gabriel, der seine Eltern nie gekannt hat, ist frei, aus sich zu machen, was er will: einen erfolgreichen Architekten, einen eingefleischten Londoner, einen Familienvater. Doch dann verliert er in einer banalen Situation die Nerven und steht plötzlich als Aggressor da – ein prominenter Mann, der tief fällt. Brüder erzählt von zwei deutschen Männern, geboren im gleichen Jahr, Kinder desselben Vaters, der ihnen nur seine dunkle Haut hinterlassen hat. Die Fragen, die sich ihnen stellen, sind dieselben. Ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:433
Verlag: Hanser Berlin
EAN:

Rezensionen zu "Brüder"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Nov 2019 

    Was macht uns zu dem, der wir sind?

    „Brüder“ erzählt die Geschichten von Mick und Gabriel, die von ihrem Vater nur die dunkle Hautfarbe geerbt haben. Ihre Leben nehmen geradezu gegensätzliche Verläufe, bis sie sich lose überschneiden.

    Im ersten Teil des Buches folgen wir dem Leben von Mick, 1985 bis 2000. Mick bringt sich schon als Jugendlicher ständig in Schwierigkeiten: er trinkt und kokst und dealt und versucht, mit Klein- bis Großkriminalität das schnelle Geld zu machen.

    Dazu kommen bedeutungslose Frauengeschichten, fragwürdige Freunde und eine generelle Haltlosigkeit. Er ist kein schlechter Kerl, eigentlich nicht, nur auf Abwege geraten – immer wieder. Was machst du denn, du bist doch nicht dumm? Warum dieser ganze Schwachsinn, du bist doch kreativ? Das wollte ich ihn beim Lesen immer wieder fragen. Man ahnt, er könnte das, was er sucht, finden, wenn er nur endlich einen Gang runterschalten und seine eigenen Ressourcen ausloten würde. Denn die hat er; da ist ganz viel Potential, das er nur nicht ausschöpft.

    Dann kommt in einem Intermezzo Idris zu Wort, der Vater.

    Man erfährt etwas über seinen Hintergrund: Wie es ihn aus dem Senegal in die DDR verschlug und wieder zurück. Was ihn motivierte. Wie es kam, dass er im selben Jahr zwei Söhne von zwei verschiedenen Frauen bekam. Letztendlich bleibt jedoch nur eines mit absoluter Sicherheit stehen: er ließ beide Mütter und beide Söhne im Stich. Ein Samenspender also, kein Vater – doch jetzt langsam in einem Alter, in dem er seine ganze Familie um sich versammeln will.

    Der zweite Teil des Buches schließt zeitlich an den ersten an und handelt von Gabriel. Gabriel ist diszipliniert, karriereorientiert und dabei gleichzeitig ein Advokat sozialer Gerechtigkeit. Sein Leben verläuft strikt nach Schema, er überlässt nichts dem Zufall.

    Albert, sein Sohn im Teenager-Alter, rebelliert gegen diese Starre, und seine Frau Fleur predigt ihm schon seit langem, er leide an Burnout, was er vehement abstreitet. Es ist Albert, der Dreadlocks trägt, während Gabriel sich von einer Freundin anhören muss, er sei ein „Oreo“ – außen schwarz, innen weiß, ein Möchtegern-Weißer.

    Als er schließlich unter dem Karrieredruck zerbricht und eine schwarze Studentin aus banalstem Grund demütigt, muss er sich vor Gericht verantworten und wird als Rassist gebrandmarkt.

    Im Epilog, der 2017 spielt, laufen die Geschichten zusammen.
    Mick und Gabriel kennen sich nicht, sie wissen noch nicht einmal voneinander, bis Idris sie kontaktiert. Man kann sich ohnehin kaum vorstellen, dass sie sich mögen würden – ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich nach Gemeinsamkeiten suchte und mich stattdessen an frappanten Unterschieden stieß. Gemeinsam haben sie tatsächlich nur ihre Haltlosigkeit: beide wissen so gut wie nichts über ihre Herkunft und die Kultur ihres Vaters, sie nennen keine tragfähige afrodeutsche Identität Ihr eigen.

    Die Auflösung wird nicht so vollständig und nahtlos vollzogen, wie man es sich als Leser vielleicht gewünscht hätte. Dennoch: da schließen sich Kreise, da eröffnen sich neue Möglichkeiten, und mehr kann man sich nicht erwarten. Ein erzwungenes Allround-Happy-End würde dem Buch nicht gerecht werden, es ist schon gut so, wie es ist.

    So unterschiedlich die Brüder sind, so unterschiedlich lesen sich auch die beiden Teile des Buches. Das führt zu einem drastischen stilistischen Bruch, der aber als passendes Stilmittel unterstreicht, wie gegensätzlich die Brüder in jeder Hinsicht sind.

    Das Leben von Mick wird in der dritten Person erzählt. Das wirkt mal wie eine augenzwinkernde Gaunerschmonzette, mal wie ein Spannungsroman. Gabriel hingegen spricht nüchtern und vernunftsbetont in der ersten Person, und auch seine Frau Fleur kommt direkt in der Ich-Perspektive zu Wort.

    Es kommen viele Themen zur Sprache – Rassismus, gesellschaftlicher Druck, Familie, die Zustände in der DDR –, doch keines davon wird so plakativ überreizt, dass dahinter die subtile Charakterisierung der beiden Brüder verloren gehen würde.

    Die Autorin ist ohnehin eine Meisterin der Grauzonen.

    Hier ist nichts und niemand eindeutig gut oder schlecht. Sie spricht von verpassten und ergriffenen Chancen, von Akzeptanz und Verrat, von Glücks- und Unglücksfällen… Von verschiedenen Leben, deren Echos über Generationen widerhallen, ob man davor die Ohren verschließt oder nicht.

    Daraus ergibt sich ein beeindruckender Tiefgang, dem die Leichtigkeit dennoch nicht abhanden kommt. Die Charaktere wirken so echt, dass ich immer noch das Gefühl habe, ihre Leben müssten nun, wo ich das Buch beendet habe, auch ohne mich weiterlaufen. Sie sind in jeder Hinsicht vielschichtig und stimmig, so dass man auch dann gewillt ist, ihren Geschichten zu folgen, wenn sie schlechte Entscheidungen treffen.

    Fazit

    Mick und Gabriel sind schwarz. Mehr hat ihr Vater Idris ihnen bisher nicht geschenkt.

    Sie wissen nichts voneinander, ihre Leben verlaufen so unterschiedlich, wie es nur möglich ist: Mick ist der mit der kleinkriminellen Jugend, Gabriel ist der studierte Architekt. Dennoch ist es Gabriel, der die Nerven verliert und eine Studentin so attackiert und demütigt, dass die Sache vor Gericht geht. Als Idris seine Söhne kennenlernen will, überschneiden sich die drei Leben.

    Jackie Thomae erzählt das mit Leichtigkeit, unterhaltsam und doch keineswegs banal. Ein Buch, dem man Zeit geben sollte, das dabei aber nie langweilig wird.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Nov 2019 

    Lesetipp: Brüder

    Nur ganz kurz zum Inhalt:
    Idris, ein junger Afrikaner aus dem Senegal kommt in den 1970er Jahren in die ehemalige DDR um zu studieren. Er geht später wieder in seine Heimat zurück und hinterlässt zwei Söhne: Mick in Berlin und Gabriel in Leipzig.

    Die beiden einander unbekannten Brüder, deren Familien und Lebenswege werden dem Leser in dem Roman auf sehr berührende, interessante, einnehmende und unterhaltsame Art nähergebracht.

    Auf völlig unterschiedliche Weise führt uns Jackie Thomae in die Leben der beiden sehr unterschiedlichen Brüder Mick und Gabriel ein und das macht den Roman unglaublich abwechslungsreich.

    Mick, den Partyjunkie ohne Berufsabschluss, lernen wir überwiegend als Ich-Erzähler kennen, wobei die Autorin auch kurz seine Mutter und seinen Freund zu Wort kommen lässt.

    Gabriel, der Londoner Stararchitekt und Familienvater wird uns näher gebracht, indem abwechselnd er und seine Frau Fleur erzählen. Dabei lernen wir auch Fleur immer besser kennen und erfahren z. B. auch, wie sich die beiden getroffen haben und wie sich deren Beziehung entwickelt hat.

    Jackie Thomae lässt den Leser in die nicht alltäglichen Lebensgeschichten und in die Gedanken- und Gefühlswelten der Protagonisten eintauchen.

    Ganz unaufgeregt, en passant und alles andere als melancholisch oder dramatisierend setzt sich die Autorin mit ernsthaften Themen wie Rassismus, alleinerziehende Mütter, Halbwaise mit abwesendem Vater, Kindheit in der DDR, Hautfarbe, Herkunft, Burnout... auseinander. Viele Themen sind das, aber die Geschichte erscheint zu keinem Zeitpunkt krampfhaft konstruiert oder überladen.

    Der Aufbau des Romans ist originell. Erst der Teil über Mick, fast am Ende der Teil über Gabriel, dazwischen ein Intermezzo – der Teil über Idris, den Vater der beiden. Und ganz zuletzt ein Epilog, in dem Mick, Idris und Albert, der Sohn von Gabriel, zu Wort kommen.

    Der Roman ist ungewöhnlich, interessant, spannend, berührend und fesselnd. Ich bin sehr froh, ihn gelesen zu haben und meines Erachtens stand er zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019.

    Große Empfehlung!
    Unbedingt lesen!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 28. Sep 2019 

    International

    Mick wächst noch in der ehemaligen DDR auf. An seinen Vater kann er sich nicht erinnern. Der kam als Gaststudent aus Afrika und verließ Berlin bald wieder. Und so schlägt sich Mick durchs Leben. Irgendwie hat er eine Künstlernatur, der es am besten in der Club-Szene gefällt. Was Mick nicht weiß, seinen Vater hat es auch nach Leipzig verschlagen und dort hat sein unbekannter Bruder Gabriel seine Jugend verbracht. Inzwischen ist er erfolgreicher Architekt in London. Gabriel ist der, der zielstrebig seine Karriere vorantrieb, geheiratet hat und einen Sohn zeugte.

    Die Brüder Mick und Gabriel, nahezu gleich alt wissen sie nichts voneinander. Wegen ihrer dunklen Haut fallen sie auf. Doch sie lassen sich davon nicht beeinträchtigen. Wo Mick mit Leichtigkeit durchs Leben geht und irgendwann feststellen muss, dass er doch nicht mit allem durchkommt, ist Gabriel der Ernsthafte, der bei seinen Großeltern aufwächst und anscheinend viel von der Durchsetzungskraft seines Großvaters übernommen hat. Wo Mick manchmal lügt oder sich die Wahrheit zurechtbiegt, kennt Gabriel keine Lüge. So unterschiedlich die Brüder sind, so suchen sie doch beide nach etwas. Ihr Vater Idris, der ehemalige Medizinstudent, müsste inzwischen in die Jahre gekommen sein. Denkt er noch an seine Zeit in Deutschland.

    Eine kunterbunt zusammengewürfelte Familie hat sich die Autorin ausgedacht. Die Geschichte zweier Brüder, die nichts voneinander wissen, ist ein spannender Ansatzpunkt, der die Phantasie beflügelt. Kann ein Zufall sie zusammenführen, werden sie den Vater suchen oder wird der Vater sie suchen. Die Brüder wirken in ihrer Gegensätzlichkeit etwas extrem. Jeder ist auf seine Art eigen und eigentlich kein Familienmensch. Mick als Bruder Leichtfuss erscheint erst spät gesetzt und Gabriel, dem eher drögen, könnte mehr Spontanität gut tun. Die Geschichte entwickelt sich ganz anders als nach dem ersten Gedanken vermutet werden kann. Zwei getrennte Lebensläufe, die auf ihre Art einen unfertigen Eindruck erwecken. Die kluge Idee dieses heutzutage zum Glück nicht mehr so ungewöhnlichen Hintergrundes ist dennoch ansprechend beschrieben.

    3,5 Sterne

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Sep 2019 

    Facettenreiche Protagonisten reißen mit

    Es sind erstaunlich viele Romane auf der Longlist/Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019, die mir gefallen. "Brüder" gehört mit zu meinen Favoriten.

    In dem Roman „Brüder“, der ganz und gar zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht, läßt die Autorin vor dem Leser nacheinander zwei Biografien entstehen. Zwei sehr unterschiedliche Männer treten auf, die einander nicht kennen und nicht wissen, dass sie denselben Vater haben, der im Leben der zwei Frauen auftauchte - und schnell wieder verschwand.

    Der eine Mann, Mick, ist ein Hallodri, Lebenskünstler, der wie eine Katze immer wieder auf die Füße fällt, der andere, Gabriel, ein kontrollierter Stararchitekt.

    Beide Lebensläufe nehmen den Leser völlig gefangen. Jackie Thomaes Protagonisten sind nicht Null acht Fünfzehn. Gemeinsam haben die beiden Männer ihre Vaterlosigkeit und den Migrantenhintergrund, denn ihr Vater ist schwarz. Wie sie damit umgehen und inwieweit beides ihr Leben prägt oder auch nicht prägt, ist mitreißend erzählt. Notgedrungen müssen sie sich immer wieder einmal mit der Thematik Ausgrenzung, Diskriminierung, Identität auseinandersetzen, wenngleich ihr jeweiliger Fokus woanders liegt.

    Die Autorin läßt ihre zwei Geschichten nicht ineinanderfließen, sondern präsentiert sie hintereinander, fast wie zwei getrennte Romane, es gibt nur einen schmalen Faden, der sie verbindet. Aber das reicht. Ihre Protagonisten sind klug ausgesucht, die Geschichte voller wunderbarer, abstruser und völlig überzogener Details, die aber genau so hätten passieren können. Das Leben ist so: bunt und verrückt.

    FAZIT: „Brüder“ ist ein Roman von großer gestalterischer Kraft. Die Erschaffung der facettenreichen Protagonisten ist das große Plus dieses Romans. Und nachdem ich nun alle sechs Romane der Shortlist gelesen habe, meine ich, „Brüder“ ist der einzige Roman der diesjährigen Shortlist, der mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer mithalten kann. Ich bin begeistert und auch gespannt darauf, welcher von den Autoren die Siegesrede halten wird. Mir fiele die Entscheidung zwischen Thomae und Scheuer schwer. Beide Romane sind auf ihre Weise genial.

    Von mir gibt es daher eine, selten ausgesprochene, direkte LESEEMPFEHLUNG für diesen klugen, einfühlsamen, kreativen und eindrucksvollen Roman.

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman
    Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises
    Verlag: Hanser, 2019