Böses Mädchen. Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Böses Mädchen. Roman' von Amélie Nothomb
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4 von 5 (2 Bewertungen)

„Ich war sechzehn. Ich hatte nichts ... Keine Freunde, keine Liebe und noch nichts erlebt.“ Blanche studiert an der Uni Brüssel, fühlt sich als Mauerblümchen, ist mit 16 noch Jungfrau und himmelt die umschwärmte Christa an, mit der sie gerne befreundet wäre. Als sich die Freundschaft tatsächlich ergibt, zeigt Christa plötzlich ein ganz anderes Gesicht. Es ist zu spät, stellt Blanche verzweifelt fest: „Ich hatte verloren ... Es hatte mich nie gegeben.“

Das Buch erinnert stark an den damaligen, beachtlichen Erstlingserfolg von Anne- Sophie Brasme Dich schlafen sehen. Auch hier spielt die Freundschaft von zwei ungleichen Mädchen die zentrale Rolle, auch hier ist die Ich-Erzählerin die schwache, die, die unterworfen, beherrscht, dominiert wird. Dennoch hier anders, nicht im Tagebuchstil, sondern lebhafter, viele Dialoge, viel innerer Gedanken-Disput, rege Rede und Gegenrede, wenn Gut und Böse miteinander streiten. Die Seelenqualen einer 16-jährigen, mitten in der Pubertät, literarisch dargestellt in Form einer Protagonistin, die sehr überzeugt, in ihrem Leiden, Empfinden, ihrer Wut und Enttäuschung glaubhaft und sehr real erscheint. Christa, die zur „Antichrista“ wird, das ist das „Miststück“, die „Besatzerin“, die mit dem „Expansionsbedürfnis“. „Ihre Falschheit verschlug mir die Sprache. Die Freude über die gewonnene Traum-Freundin schlägt schnell um, als Blanche die perfiden Absichten der nach außen Perfekten und Schönen erkennt. Wer bis zur völligen Unterwerfung alles hinnimmt, sinnt eben irgendwann auf Rache: „Ich werde dich zerschmettern wie einen Wurm ... Die Apokalypse war nahe!“

Es ist die ganz eigene und so erfolgreiche Art der Amélie Nothomb: ungemein unterhaltsam, dabei niveauvoll, zutiefst boshaft, aber hinreißend und reizvoll, ausgesprochen klug konstruiert und dabei den Anschein erweckend, als sei der Roman einfach wie nebenbei locker hingeschrieben. Die 140 Seiten lesen sich einfach viel zu flott weg. --Barbara Wegmann

Format:Taschenbuch
Seiten:144
Verlag: Diogenes
EAN:9783257235524

Rezensionen zu "Böses Mädchen. Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Mär 2019 

    Eine metaphysische Prüfung

    Die sechzehnjährige Blanche ist ein stilles, introvertiertes Mädchen. Nichts sehnlicher wünscht sie sich eine Freundin. Trotz ihrer jungen Jahre studiert sie schon an der Universität in Brüssel. Dort trifft sie auf Christa und fühlt sich sofort von ihr angezogen. Doch die Freundschaft zu dem charismatischen Mädchen endet in einem desaströsen Machtspiel.

    „Plötzlich schoss es mir durch den Kopf: Sie hieß gar nicht Christa. Ihr wahrer Name war „Antichrista“.“

    Es geht eine ungeheuer zerstörerische Kraft von Christa aus. Christa holt Blanche nicht aus ihrer Unsichtbarkeit. „Christa hatte nicht mich gesehen – sie hatte mein Problem gesehen. Und zu ihrem Werkzeug gemacht.“ Punktgenau legt Christa aus reiner Freude an der Boshaftigkeit immer wieder den Finger auf Blanches wunde Punkte. Blanche hatte ihr dazu keinen Anlass gegeben. Christa agiert so, weil sie es kann. Mit Lügen und vorgetäuschtem Charme wickelt sie sogar Blanches Eltern um den Finger, spielt Tochter und Eltern gegeneinander aus. Blanche übt sich in immer wiederkehrenden inneren Dialogen, um sich gegen die Intrigen zur Wehr zusetzten. In Gedanken nennt sie Christa nur mehr die Intrigantin, die Besatzerin, die Antichrista. Es braucht viel Mut, bis Blanche Christa demaskiert und das wahre Gesicht Christas zum Vorschein kommt. „Die Gleichung lautet folgendermaßen: Christa war so schön wie Antichrista scheußlich.“

    Lange habe ich überlegt, ob Blanche und Christa nicht eins sind, zwei Seiten einer Medaille, die Gute, Helle - Blanche – gegen das Böse, Dunkle – Christa. Viel spricht dafür, mache Entwicklungen im Roman dagegen. Es ist vor allem der Schluss, der mich zum Grübeln brachte.

    Böses Mädchen ist kurz und knapp, ganz Amélie Nothomb. Blanche sieht sich mit einer „metaphysischen Prüfung“ konfrontiert“. Es ist die Suche nach einer Identität, nach einem Platz, einer Haltung im Leben eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsen werden. Der Roman bietet einen enormen Interpretationsspielraum und bleibt bis zum Schluss rätselhaft.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Feb 2019 

    Freunde oder Feinde

    Blanche, ein 16-jähriges Mädchen, Tochter zweier Lehrer, in gutsituiertem Umfeld lebend, beginnt an der Universität Brüssel zu studieren, ist Einzelkind und Einzelgängerin, liest für ihr Leben gern, ist aber auch sehr einsam, wird aufgrund ihrer Schüchternheit auch nicht von Anderen wahrgenommen, wünscht sich dringend eine Freundin. Und getreu dem Motto "Wehe, was ich rief" taucht eine "Freundin" auf. Christa, ebenfalls 16-jährig, aber das genaue Gegenteil der stillen Blanche, ist lebenslustig und allseits beliebt. Blanche wird von ihr in der Uni angesprochen; Blanche wundert sich zwar warum, sie reagiert aber schließlich leichtgläubig, denn der Drang zur Freundschaft obsiegt schlussendlich über ihre Zweifel. Christa schleicht sich listig und manipulierend in das Leben von Blanche und ihren Eltern ein, dominiert alle sogar, bis der Figur Blanche dann die Manipulationen auffallen und sich ihr das Bild der Antichrista eröffnet.

    Amélie Nothomb besitzt einen Schreibstil mit einem riesigen Sog, man kann das Buch schlecht weglegen. Die Sprache ist einfach, aber auch sehr schön und die Handlung und die Charaktere sind gut entworfen. Es gibt kleinere Mängel, z.B. dass die Eltern von Blanche der Figur Christa verfallen, finde ich etwas abwegig. Aber die Art der Schreibe macht mich neugierig auf mehr von Frau Nothomb.