Böhmen ist der Ozean

Buchseite und Rezensionen zu 'Böhmen ist der Ozean' von Rhea Krčmářová
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Böhmen ist der Ozean"

Erzählungen
Gebundenes Buch
Das Wasser schlängelt sich durch die Orte Böhmens, als wären es Inseln. Mal tritt es über die Ufer, mal verschluckt es Land und Leute, eine Verbindungslinie, die hinter den Eisernen Vorhang führt, oder kuriose Urgewalt, die Leben und Tod bringt. Und es birgt Rusalkas, Wassermänner und Frühlingsgöttinnen, die Zeugen einer anderen Zeit sind, Vergangenes ans Tageslicht holen oder für immer in den Tiefen des Ozeans verschwinden lassen.

Rhea Krcmárová erzählt in ihren Geschichten von den Spuren, die der Kommunismus hinterlassen hat. Emigration und Sprachverlust machen die Figuren zu Suchenden: nach der eigenen Herkunft, nach einem kleinen Stück Heimat. Dabei schafft sie eine Sprache, die wie das Wasser in ihren Geschichten als verbindendes Element durch die Geschichten fließt - von bezaubernder Musikalität und Vielstimmigkeit.

"Ich bin elf oder zwölf, nach einem halben Leben werde ich an die Moldau zurückgespült, besuchsweise. Nichts hat sich verändert, an jeder Ecke Golems und Geister, überall glaube ich den vodník zu sehen."

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783218011051

Rezensionen zu "Böhmen ist der Ozean"

  1. Geister der Vergangenheit

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Mär 2019 

    Wasserwesen aller Art, Nymphen, Wassermänner, Irrlichter, Flüsse, Meere, Fähren, alles Metapher für eine Reise durch Böhmen, geografisch, historisch, politisch. Sprachlich ausufernd, überbordend, bildhaft, voller Symbolik. Wir tauchen ein in eine Welt der Mythen, Gottheiten, Legenden und deren Gespenstern, aber auch der ganz realen Geistern der Vergangenheit.
    Rhea Krcmarova, die selbst als Kind aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich immigrierte, erzählt von der Suche nach Heimat, sprachlicher Identität, Wurzeln. Ihre Erzählstimmen sind durchwegs weiblich, aus der Sicht von 8 bis 80 jährigen, Kindern, Auswanderinnen, Dissidentinnen, lesen wir über die den Prager Frühling, Selbstverbrennungen, Verfolgungen, Emigration, der Sehnsucht nach dem Meer und dem Ort der Kindheit. Wasser und Feuer, widerstreitende Elemente, die wiederholt auftreten. Jede Erzählung ist für sich ein kleines Juwel und zusammen bilden sie eine wunderbare Einheit. Letztlich ist das Leben ein Fluss, „panta rhei“, alles fließt, Leben ist Wandel, selbst wenn wir an einen Ort zurückgespült werden, gleicht er nicht mehr dem, an den wir uns aus der Vergangenheit erinnern können.
    Ich mochte das Geheimnisvolle, Tiefgründige an den Erzählungen, die sprachlich äußerst anspruchsvoll sind. Am meisten bewegt hat mich die Geschichte, in der eine Frau vergeblich gegen das Vergessen ankämpft, gegen nicht eingestandene Schuld, ohne die es kein Vergeben geben kann.
    Neben all der literarischen Schönheit ist auch das Cover bemerkenswert, optisch und haptisch ein Genuss, ein Buch bei dem es sich lohnt, auch unter den Schutzumschlag zu schauen.