Bleib bei mir: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Bleib bei mir: Roman' von Elizabeth Strout
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5 von 5 (2 Bewertungen)

In einer Kleinstadt im einsamen Norden der USA hat Pastor Tyler Caskey nach dem tragischen Tod seiner Frau das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er hadert nicht nur mit sich und der Welt, sondern zweifelt auch an Gott und seinem Glauben. Und in der Gemeinde, in der er bis dahin geliebt und geachtet war, fragen sich immer mehr Leute, ob Tyler sich nicht zu sehr gehenlässt in seinem Schmerz … Mit unnachahmlicher Leichtigkeit und großer Menschenkenntnis zeichnet Elizabeth Strout das Porträt einer ganz gewöhnlichen Kleinstadt. Und sie schreibt von Menschen wie du und ich, von ihren Stärken und Schwächen, von ihrer Warmherzigkeit und Freundlichkeit, aber auch von ihrem Misstrauen und ihrer Engstirnigkeit.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:336
EAN:9783630874456

Rezensionen zu "Bleib bei mir: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Aug 2018 

    Tradition trifft auf Moderne

    "Kein Gott ist wie eine Mutter, denn keiner ist so für ihr Kind da wie sie, wenn das Kind leidet."
    Bei diesem Zitat handelt es sich um ein nigerianisches Sprichwort aus dem Roman "Bleib bei mir" von Ayobami Adebayo.
    In Nigeria werden also Mütter mit Göttern verglichen. Ein eigenartiger Vergleich.

    Yejide, die Protagonistin dieses Romans, gehört zu einer Generation Frau in Nigeria, die sich ein Stück weit in Richtung Emanzipation bewegt hat. Allerdings nur ein kleines Stück. Trotz eines Studiums und ihrem beruflichen Erfolg, ist ihr Leben doch den übermächtigen Traditionen unterworfen. Die Traditionen begegnen ihr in Form ihrer Schwiegermutter, deren Glückseligkeit über die Hochzeit zwischen Yejide und ihrem Sohn Akin durch die anhaltende Kinderlosigkeit der Beiden getrübt ist. Man sollte erwähnen, dass sich in ihrem Weltbild und somit auch dem des traditionellen Nigerias eine Frau über ihre Mutterschaft definiert. Je mehr Kinder sie zur Welt bringt, umso besser. Eine Frau, die auch noch Enkelkinder vorweisen kann, wird zur Naturgewalt. Daher ist Schwiegermutters Druck auf Yejide und Akin entsprechend hoch, wobei - wen wundert's - Yejide die Schuld für die Kinderlosigkeit zugesprochen wird.

    "' ... Los, sag schon, Yejide, hast du Gott je auf einer Entbindungsstation gesehen? Frauen machen Kinder, und wenn du das nicht kannst, bist du nur ein Mann und verdienst es nicht, eine Frau genannt zu werden. ...'"

    Die Eheleute führen ein modernes Leben. Beide sind beruflich und finanziell erfolgreich. Ihre Hochzeit war eine Liebesheirat. Im Prinzip könnten sie sich auch ein Leben ohne Kinder vorstellen - wenn da nicht dieser enorme Druck der Gesellschaft wäre.
    Doch in Nigeria gibt es die Möglichkeit, derartige Probleme der Kinderlosigkeit in den Griff zu bekommen. Selbst, wenn die Reproduktionsmedizin versagt, gibt es immer noch eine Lösung: eine zweite Ehefrau. Die Schwiegermutter lässt nichts unversucht, um ihren Sohn Akin von dieser Idee zu überzeugen. Dem widerstrebt zwar der Gedanke. Doch im seinem inneren Kampf zwischen modernem Denken sowie Liebe zu Yejide und Gehorsam gegenüber seiner Mutter, siegt der Gehorsam. Yejide wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Aus Angst, ihren Mann zu verlieren, steigert sie sich in ihren Kinderwunsch hinein. Sie lässt nichts unversucht. Der Wunsch nach einer Schwangerschaft wird zur Besessenheit. Aus Verzweiflung lässt sie sich sogar auf ein fragwürdiges Ritual eines traditionellen Heilers ein, was zeigt, wie tief auch eine moderne Frau in der Tradition, in der sie aufgewachsen ist, verwurzelt ist.

    "Als ich im elften Monat schwanger war, beschloss ich, den Berg der beispiellosen Wunder noch einmal aufzusuchen."

    Der Roman behandelt die Entwicklung der Ehe von Yejide und Akin, Yejides Kampf gegen Ehefrau Nr. 2 sowie die seelischen Wunden, die sie erleidet. Die Handlung nimmt Wendungen an, die mich überrascht haben, und die an Tragik nicht zu überbieten waren. Natürlich nimmt die Ehe von Yejide und Akin Schaden. Ob es für die Beiden in diesem Buch eine Zukunft gibt, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

    Die Handlung findet über einen Zeitraum von mehreren Jahren statt. Sie wird aus wechselnden Perspektiven erzählt: Zum Einen aus der Sicht von Yejide, zum Anderen aus der Sicht von Akin. Es wird deutlich, dass die Beiden sich lieben. Aber dennoch schaffen sie es nicht, dem Druck, der auf Yejide ausgeübt wird, gemeinsam stand zu halten. Die Verzweiflung, die Yejide an den Tag legt, war für mich permanent spürbar. Doch je verzweifelter Yejide ist, umso hilfloser wirkte Akin auf mich. Hinzu kommt, dass beide während der Leidenszeit nicht aufrichtig miteinander umgehen. Insbesondere Akin hat seine Geheimnisse, die sich erst zum Ende des Romans offenbaren.

    "Ich weiß noch, wie ich beim Zusammenfalten der Zeitung dachte, dass sich die Situation spätestens in ein paar Wochen geklärt haben würde. Ich ging davon aus, das Militär wäre sich der eigenen Unpopularität bewusst und würde noch vor Jahresende in die Kasernen zurückkehren. Hätte mir an diesem Morgen jemand gesagt, dass Nigeria noch sechs Jahre lang eine Militärdiktatur bleiben würde, hätte ich gelacht."

    Das Leben in Nigeria wird nicht nur von Traditionen dominiert. Auch die Politik hat einen ungeheuren Einfluss auf den Alltag der Menschen. Die Handlung spielt zu einer Zeit (1987 bis 2008), in der das Land von politischen Unruhen erschüttert wird. Umsturz folgt auf Umsturz. Ständig ändert sich das politische Machtgefüge. Politik ist ein bestimmendes Thema im Umgang miteinander. Denn die Menschen leben in großer Unsicherheit bis hin zur Angst.
    Die Autorin Ayobami Adebayo äußert in ihrem Roman viele Kritikpunkte an ihrem Land. Dennoch liebt sie ihr Land und respektiert dessen Traditionen. Denn Tradition muss nicht schlecht sein, solange man eine gesunde Balance zwischen Moderne und Althergebrachtem findet.

    Die Autorin hat mich durch ihre poetische und feinsinnige Spache verzaubert. Insbesondere ihre fantasievollen Vergleiche habe ich sehr genossen.
    Die Geschichte hat mich gefangengenommen. Es ist immer spannend, einen Einblick in fremde Kulturen zu erhalten, insbesondere, wenn er in einer Intensität vermittelt wird wie hier. Ayobami Adebayo beschreibt das Leben ihrer Protagonisten auf eine Weise, die unter die Haut geht. Auch wenn ich den Titel "Bleib bei mir" anfangs kitschig fand, musste ich am Ende feststellen, dass es keinen passenderen Titel gibt. "Bleib bei mir" - ein Ausspruch, der die Verzweiflung der Protagonisten in drei einfache Worte fasst.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Sep 2016 

    ein großartiger Roman!

    Es gibt Schriftsteller, deren Namen mir nahezu überall begegnen. Bücher dieser Schriftsteller befinden sich natürlich auch auf meinem SuB. Ich nehme mir ständig vor, endlich eines dieser Bücher zu lesen. Aber immer kommt mir ein anderes Buch dazwischen. Elisabeth Strout ist so eine Schriftstellerin. Die Pullitzer-Preisträgerin von 2009 habe ich schon geraume Zeit im Blick. Der Roman „Bleib bei mir“ lag schon seit langem auf meinem SuB. Aber irgendwie hatte mich bisher dieser doch sehr kitschige deutsche Titel dieses Romans abgeschreckt. Jetzt habe ich diesen Roman endlich doch gelesen. Und ich muss gestehen, dass es mich jetzt ein wenig ärgert, dass ich nicht schon früher zu einem der Bücher von Elizabeth Strout gegriffen habe.

    In dem Roman „Bleib bei mir“, der im Jahre 2014 in Deutschland veröffentlicht wurde (Originaltitel: Abide with me*, erstmalig erschienen in 2005) , geht es um Folgendes:

    In einer Kleinstadt im einsamen Norden der USA hat Pastor Tyler Caskey nach dem tragischen Tod seiner Frau das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er hadert nicht nur mit sich und der Welt, sondern zweifelt auch an Gott und seinem Glauben. Und in der Gemeinde, in der er bis dahin geliebt und geachtet war, fragen sich immer mehr Leute, ob Tyler sich nicht zu sehr gehenlässt in seinem Schmerz… Mit unnachahmlicher Leichtigkeit und großer Menschenkenntnis zeichnet Elizabeth Strout das Porträt einer ganz gewöhnlichen Kleinstadt. Und sie erzählt von Menschen wie du und ich, von ihren Stärken und Schwächen, von ihrer Warmherzigkeit und Freundlichkeit, aber auch von ihrem Misstrauen und ihrer Engstirnigkeit. (Quelle: Random House/Luchterhand)

    Der Roman setzt ca. 1 Jahr nach dem Tod von Tylers Frau Lauren ein. Der Leser erfährt, wie Tyler seinen Alltag meistert. Die jüngste Tochter wächst bei seiner Mutter auf. Die ältere befindet sich in seiner Obhut. In Rückblicken erinnert sich Tyler an seine Ehefrau, die Zeit des Kennenlernens, ihre gemeinsame Ehe und das Verhältnis zu seinen Schwiegereltern.

    "Vielleicht war es das, mehr noch als alles andere, was seine anhaltende Beliebtheit in der Gemeinde ausmachte: diese Momente plötzlicher Ratlosigkeit, fundamentaler Verunsicherung. Gerade angesichts seiner sonstigen Beherrschtheit, der sanften, zerstreuten Ergebenheit, mit der er sein Unglück trug, erlaubten es diese Augeblicke offen eingestandenen Nicht-weiter-Wissens den Menschen - besonders den Frauen, aber keineswegs nur ihnen -, ihren Pastor als jäh und ungeahnt verwundbar zu sehen, was ihn die restliche Zeit nur umso stoischer erscheinen ließ. Heldenhaft fast schon." (S. 18)

    Tyler war schon immer ein Idealist, eigentlich ist er zu gut für diese Welt. Sein Anspruch ist, ständig Gutes zu tun. Er ist für seine Gemeinde da. Mit der Zeit wird er immer mehr von seiner Gemeinde vereinnahmt und man hat den Eindruck, dass er seinen „Schäfchen“ bald mit Haut und Haar gehört. Insbesondere die Damen des Ortes erweisen sich als wahre Herrscherinnen über das Gemeindeleben. Zu ihren Lebzeiten ist Lauren mehr schlecht als recht mit den Damen der Gemeinde zurechtgekommen. Sie entsprach einfach nicht dem Bild einer Pastorenfrau, was die Gemeinde ihr und ihm - schließlich hat er sie in die Gemeinde gebracht - krummgenommen hat. Nach Laurens Tod und einer angemessenen Zeit der Anteilnahme, wird Tyler misstrauisch beäugt. Wie wird er sein Leben meistern? Ist er in der Lage, seine Kinder allein großzuziehen? Sollte er nochmal heiraten? Wenn ja, wann und wen? Die Damen der Gemeinde machen sich so ihre Gedanken über ihren Pastor.

    "Nicht lange, und Frauen in West Annett, die seit Jahren nicht mehr geweint hatten, standen schluchzend in der Küche. Dass Lauren Caskey sich für etwas Besseres gehalten hatte, war vergessen oder vergeben. Ihr Schicksal ermöglicht ein Schwelgen in Gefühl, wie es sich lange Zeit keiner mehr gegönnt hatte. Das arme, arme Ding, sagten die Leute - wie furchtbar." (S. 107)

    Tyler ist überfordert, wenn er auf Widerstand stößt. Insbesondere die anfangs versteckte Kritik der Gemeinde, die mit der Zeit immer gehässiger wird und sogar in böser Nachrede ausartet, macht ihm zu schaffen. Er weiß einfach nicht damit umzugehen, da er sich im Traum nicht vorstellen kann, dass es Menschen gibt, die ihm etwas Böses wollen.

    Die Gemeinde treibt es auf die Spitze. Man sollte meinen, dass sie Tylers Unfähigkeit, sich zur Wehr zu setzen, als Ansporn sieht, weiter auf ihn einzudreschen. Zum Ende, als sich die Ereignisse überschlagen, erinnert mich das Szenario an Kinder, die sich prügeln und am Ende erschrocken sind, wenn eines sich dabei eine blutige Nase holt. Genauso geht es Tyler. Nur, dass seine blutige Nase ein Nervenzusammenbruch ist. Die Gemeinde ist zu Tode erschrocken, über das, was sie angerichtet hat. Aber am Ende beruhigen sich alle wieder, lecken ihre Wunden, sind wieder nett zueinander und das Gemeindeleben geht weiter.

    "An diesem Tag klingelten nicht viele Telefone, und an den folgenden Tagen auch nicht. Die Leute aßen ihr Sonntagsessen schweigend, ermahnten höchstens einmal ihre Kinder, die Serviette zu benutzen oder beim Abräumen zu helfen. Es war wie bei einem Todesfall, der erst verarbeitet sein wollte, und so wurde über das Vorgefallene ein Mantel neuenglischer Zurückhaltung gebreitet, ein respektvolles Schweigen, vermischt mit einer Portion schlechten Gewissens." (S. 313)

    Elizabeth Strout macht diese Geschichte aus dem Kleinstadtleben zu etwas Besonderem. Von Beginn an war ich von ihrer lebhaften und farbenfrohen Sprache fasziniert. Sie hat Spaß daran, fantasievolle Metaphern einzusetzen, die beim Leser ein wunderbares Kopfkino in Gang setzen. Man taucht in der Kleinstadtwelt ab, reibt sich an der Engstirnigkeit und Spießigkeit der Bewohner und leidet mit dem sehr naiven Gutmenschen Tyler. Elizabeth Strouts Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet. Das wird einem insbesondere bei den unterschiedlichen Perspektiven bewusst, aus denen die Handlung erzählt wird. Neben Tylers Sicht wird die Geschichte auch aus den Perspektiven anderer Gemeindemitglieder erzählt. Elizabeth Strout lässt den Leser dadurch in das tiefste Innere dieser Charaktere blicken. Und man wundert sich manches Mal über die Denkweise einzelner Charaktere.

    Der Roman hat mich auf den Geschmack gebracht. Elizabeth Strout könnte aufgrund ihrer wundervollen Sprache zu meiner Lieblingsautorin werden. Keine Frage! Dieses Buch bekommt daher von mir eine klare Leseempfehlung!

    © Renie

    *"Abide with me", der Originaltitel dieses Romans, ist im Übrigen der Titel eines englischen Kirchenliedes:
    ... Abide with me ist als Abend- und Sterbelied bis heute jedem Briten vertraut. Es erklingt bei Begräbnissen und anderen Anlässen der königlichen Familie, bei den militärischen Gedenkfeiern Festival of Remembrance in der Royal Albert Hall und ANZAC Day, aber auch alljährlich zu Beginn des Finalspiels des FA Cup sowie in zahlreichen Spielfilmszenen. (Quelle: Wikipedia)