Bevor der letzte Zug fährt: Roman

Rezensionen zu "Bevor der letzte Zug fährt: Roman"

  1. Messerscharfes Portrait eines Frauenlebens

    Welch eine Entdeckung hat der Dörlemann Verlag der deutschen Leserschaft mit diesem Buch beschert, das bereits 1958 im englischen Original erschien und von Kristine Kress nun endlich übersetzt wurde!

    Die 37-jährige Ruth Whiting lebt in einem gediegenen Vorort von London, wo sie sich die meiste Zeit des Jahres einsam und wertlos fühlt. Wie viele Frauen ihrer Generation „musste“ sie mit 19 Jahren heiraten, weil Tochter Angela unterwegs war. Die Beziehung zum dominanten Zahnarztgatten Rex, mit dem sie eine Wochenendehe führt, gestaltet sich gefühl- und wortlos, die beiden jüngeren Söhne leben im Internat und auch Angela ist nur während der Semesterferien zu Hause. Da Ruth vor Kurzem offensichtlich eine depressive Phase durchlebt hat, wurde ihr mit Miss de Beer eine Haushaltshilfe zur Seite gestellt, die „auf sie aufpassen“ soll. Ruth verbringt die Zeit mit meist oberflächlichen, nachbarschaftlichen Verabredungen. Diese Begegnungen portraitieren sowohl die Spießigkeit als auch die eingeschweißten Verhaltensmuster der gehobenen Gesellschaft ganz hervorragend. „Ein solches Einverständnis (wie die Männer) haben die Frauen nicht. (…)Einige sind glücklich, einige vergiftet von Langeweile, einige trinken zu viel, und einige sind, unterhalb der Demarkationslinie, leicht verrückt; manche lieben ihre Ehemänner, und manche gehen an Lieblosigkeit ein…“ (S. 44)

    Angela langweilt sich ebenso wie ihre Mutter abseits der Stadt. Leider können die beiden Frauen nicht offen miteinander sprechen, ihr Verhältnis ist angespannt, nicht zuletzt, weil Ruth ihre mütterlichen Gefühle nicht zeigen kann. Als Angela merkt, dass sie schwanger ist, scheint sich Ruths Schicksal von einst noch einmal zu wiederholen. Das jedoch will sie nicht zulassen. Auf bemerkenswerte Weise erwacht sie aus ihrer Lethargie und sucht gemeinsam mit Angela nach Wegen aus der vermeintlich vorgezeichneten Misere…
    Nun könnte man meinen, so etwas schon hundertmal gelesen zu haben… Hat man aber nicht. Die Autorin hat nämlich keine Übermutter oder starke Frau geschaffen, die mit einem Schlag über sich hinaus wächst, um ihre Tochter zu retten… Stattdessen bleibt Ruth eine von Anfang bis Ende höchst glaubwürdige Figur, die ihre Erziehung und ihre Werte nicht abstreift, sondern zweifelt, reflektiert und sich hinterfragt – und trotzdem der Tochter zur Seite steht. Das ist eine schwierige Aufgabe, zumal Vater Rex natürlich unwissend bleiben muss und die Solidarität unter Frauen nicht unbedingt trägt.

    Der auktoriale Erzähler sorgt für Distanz. Man fühlt sich als intimer Beobachter einer Szenerie, zu der man eng in Beziehung steht, denn so lange ist es gar nicht her, dass Frauen in Rollen gepresst wurden, die keinen Raum für Selbstbestimmung ließen. Der Patriarch hatte das Sagen, die Frauen beugten sich dessen Vorstellungen. Zahlreiche Dialoge sorgen für Kurzweil, dennoch sind sie messerscharf in ihrer Aussage, legen Emotionen, Koalitionen und Einstellungen ihrer Zeit offen. Manche Szene wirkt fast komödiantisch, bei anderen bleibt das Lachen im Hals stecken, so wirklichkeitsgetreu wirkt die selbstverständlich gelebte Misogynie. Der Kindsvater Tony ist erwartungsgemäß keine Hilfe. Er stellt seine eigenen Interessen in den Vordergrund, wie er es zeitlebens gelernt hat. „Die Haltung war unentschieden, aber die Absicht war klar: Ich werde niemals irgendetwas für irgendwen tun, denn ich glaube nicht, dass außer mir noch jemand existiert. Daran war nicht zu rütteln, das war nicht zu ändern. Allein der Versuch war sinnlos.“ (S. 128)

    Dieser Roman wird brillant erzählt und hat mich von der ersten bis zur letzten Seite unglaublich gefesselt. Er wirkt seiner Entstehungszeit weit voraus, enthält zahlreiche Gedanken, die ihn modern und zeitlos wirken lassen. Trotzdem zeigt er eindrücklich, wie eng das Korsett der Möglichkeiten für Frauen noch vor wenigen Jahrzehnten gesteckt war. Penelope Mortimer hat ein buntes Figurenkarussell erschaffen, in dessen Zentrum unterschiedliche weibliche Charaktere stehen, die jedoch von den männlichen ausgebremst und bestimmt werden. So ist ein realistischer Spiegel der 1950er Jahre entstanden. Vieles hat sich zum Glück seitdem geändert, aber es bleibt noch genug zu tun. Daran erinnern grandiose, feministische Romane wie dieser sehr anschaulich.

    Der Roman hält viele tiefgründige Textstellen bereit und glänzt in seiner Vielschichtigkeit. Viele elementare Themen rund um Frausein und Mutterschaft werden angesprochen, Abtreibung wird nicht nur als Problemlösung sondern auch als innerer Konflikt dargestellt. Es geht um Ehe, Familie, Freundschaft, patriarchische Strukturen, Solidarität und im Besonderen um die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Ruth und Angela.

    „Bevor der letzte Zug fährt“ ist eine Perle am Literaturhimmel dieses Frühjahrs, die in gewohnt hochwertiger Dörlemann Leinenausstattung jedes Bücherregal schmücken dürfte.

    Dringende Lese-Empfehlung!

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