Betrug: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Betrug: Roman' von Zadie Smith
4.25
4.3 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Betrug: Roman"

London 1873. Mrs. Eliza Touchet ist die schottische Haushälterin und angeheiratete Cousine des einstmals erfolgreichen Schriftstellers William Ainsworth. Eliza ist aufgeweckt und kritisch. Sie zweifelt daran, dass Ainsworth Talent hat. Und sie fürchtet, dass England ein Land der Fassaden ist, in dem nichts so ist, wie es scheint. Mit ihrer Schwägerin besucht sie die Gerichtsverhandlungen des Tichborne-Falls, in der ein ungehobelter Mann behauptet, der seit zehn Jahren verschollene Sohn der reichen Lady Tichborne zu sein. Andrew Bogle, ehemaliger Sklave aus Jamaika, ist einer der Hauptzeugen des Prozesses. Eliza und Bogle kommen ins Gespräch und der Wahrheit näher. Doch wessen Wahrheit zählt? Basierend auf realen historischen Ereignissen ist »Betrug« ein schillernder Roman über Wahrheit und Fiktion, Jamaika und Großbritannien, Betrug und Authentizität und das Geheimnis des Andersseins.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:464
EAN:9783462005448

Rezensionen zu "Betrug: Roman"

  1. Ein herausfordernder Roman

    Mit ihrem Roman „Betrug“ führt uns Autorin Zadie Smith ins 19. Jahrhundert. Seinerzeit erregte der Tichborne-Fall großes Aufsehen. Ein Mann, wahrscheinlich ein Metzger aus Australien, behauptete der verschollene Sohn und Erbe der Lady Tichborne zu sein. Als Zeuge soll der ehemalige Sklave Andrew Bogle aussagen. Um diesen Prozess herum rankt sich die Geschichte der verwitweten Mrs. Eliza Touchet, die ihrem angeheirateten Cousin, dem ehemals erfolgreichen Schriftstellers William Ainsworth, den Haushalt führt. Als sie die Gerichtsverhandlung besucht, kommt sie mit Bogle ins Gespräch und erfährt seine höchst eigene Geschichte.
    Die Autorin hat es mir wahrlich nicht leicht gemacht mit ihrem Roman. Die Zeitsprünge und Perspektivwechsel wie auch die unterschiedlichen Namen der Beteiligten erfordern höchste Aufmerksamkeit beim Lesen. Manches ist nur angedeutet und man muss sich selbst einen Reim darauf machen, was dahintersteckt. Gefallen hat mir allerdings die Sprache, die wirklich toll, manchmal sogar witzig ist.
    Von den Personen ist mir eigentlich niemand wirklich sympathisch, ausgenommen Eliza Touchet, die eine beeindruckende Frau ist. Ihr Leben ist nicht immer einfach gewesen. Sie ist unangepasst, klug und selbstkritisch, hat einen realistischen Blick auf das Leben und die Umstände und weiß auch den eigentümlichen Ainsworth richtig einzuschätzen. Er betrachtet sich als Genie, hat einen erfolgreichen Roman verfasst und ansonsten nicht viel zustande gebracht. Eliza zweifelt sogar, ob er talentiert ist. Aber auch Bogles Geschichte ist interessant.
    Während Eliza versucht, der Wahrheit im Tichborne-Fall näher zu kommen, setzt sich so nach und nach ein Bild zusammen.
    Wie der Romantitel besagt, geht es um Betrug und Wahrheit. Aber es geht auch um das Frauenbild jener Zeit, um Rassismus, Kolonialismus und die gesellschaftlichen Umstände. Die Themen sind auch heute noch aktuell.
    Wirklich begeistert hat mich dieser ausschweifende Roman nicht. Man muss sich auf ihn einlassen können.

  1. 5
    23. Dez 2023 

    Alternative Fakten im Viktorianischen Zeitalter

    Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, wenn man die Leseeindrücke über Zadie Smiths aktuellen Roman „Betrug“ wiedergeben möchte. Selten hat ein Roman dermaßen nach einer zweiten Lektüre verlangt wie dieser.

    Folgt man der Beschreibung des Verlages, ist „Betrug“ „… ein schillernder Roman über Wahrheit und Fiktion, Jamaika und Großbritannien, Täuschung und Authentizität und das Geheimnis des Andersseins.“
    Zugegeben, diese Beschreibung ist viel- und nichtssagend zugleich. Und erst nachdem ich diesen Roman beendet habe, kann ich diesen Hinweis auf einen äußerst facettenreichen Roman nur bestätigen.

    „Basierend auf realen historischen Ereignissen“
    Zunächst einmal sind die meisten Charakter in diesem Roman realen Personen nachempfunden. Wir bewegen uns in Schriftstellerkreisen des späten Viktorianischen Zeitalters, maßgeblich im Haushalt des Schrifststellers William Ainsworth. Die Protagonistin dieses Romans ist seine entfernte Cousine Eliza Touchet, die in jungen Jahren zur Witwe wurde und kurz nach dem Ableben ihres Mannes in das Haus von Cousin Willie gezogen ist, wo sie sich fortan um den Haushalt, Willies Töchter, sowie Willies Wohlergehen gekümmert hat. (Eine Mrs. William Ainsworth gab es anfangs übrigens auch, doch auch diese verstarb irgendwann. Willie hat später noch einmal geheiratet.) Eliza entwickelt sich zur Vertrauensperson für Willie, was nicht verwunderlich ist, da die beiden bereits in jungen Jahren eine besondere Verbindung zueinander hatten. Sie las seine Manuskripte Korrektur und stand ihm mit Rat und Tat zur Seite. Willie pflegte intensiven Kontakt zu zeitgenössischen Autoren, viele davon konnte er als seine Freunde bezeichnen. Einer seiner besten Freunde war bspw. Charles Dickens.
    Als Nichtkennerin des Ainsworthschen Werkes kann ich leider Willies schriftstellerische Fähigkeiten nicht beurteilen. Doch die Art und Weise, wie Zadie Smith den guten Willie beschreibt und den Leser an seinem Werk teilhaben lässt, lässt Schlimmes befürchten. Während also Willie mehr oder weniger erfolgreich an seinem Ruf als Schriftsteller arbeitet, wird die Londoner Gesellschaft von einem Skandal in Atem gehalten, der in einem Gerichtsprozess mündet, und der die Handlung dieses Romans unterschiedlich ausgeprägt begleitet. Stellenweise bestreitet der Gerichtsprozess sogar die Handlung. Wir verfolgen zusammen mit Eliza das Verfahren, die Vernehmung von Zeugen,
    erleben aber auch, welche Auswirkungen dieses Verfahren auf den Londoner Alltag hat.
    Der Skandal, um den es geht, ist der sogenannte Tichborne Fall, der tatsächlich im Jahre 1873 stattgefunden hat. Was ist passiert? Roger Tichborne war ein Adelsspross, der auf einer Schiffsreise nach Südamerika angeblich umgekommen ist. Jahre später taucht der verschollene Roger wieder auf und will seinen Anspruch auf sein Erbe gerichtlich geltend machen. Nur dass alles darauf hindeutet, dass es sich bei diesem Roger um einen Betrüger handelt. Dennoch hält er an seiner Geschichte fest und versucht, in besagtem Gerichtsverfahren zu seinem angeblichen Recht zu kommen.

    „Wahrheit und Fiktion sowie Täuschung und Authentizität“
    Es lässt sich aus heutiger Sicht kaum auseinanderhalten, was in diesem Fall Wahrheit und was Fiktion ist, zumal es Zadie Smith auch gelingt, beim Leser für Verunsicherung zu sorgen, was den Wahrheitsgehalt von Roger Tichbornes Geschichte angeht. Der gute Roger hat es zumindest geschafft, mit seiner eigenen Wahrheit viele Fürsprecher zu bekommen, insbesondere das einfache Volk war ihm sehr gewogen. Und trotz offensichtlicher Schwächen in seiner Darstellung, die seine Lügen offensichtlich machten, hielt das Volk an seinem Helden fest. Die Unterschicht betrachtete ihn als einen der Ihren, was ja auch korrekt ist, lässt man das klitzekleine Detail, dass er sich selbst als Adelsspross betrachtet, außer Acht.
    Dieser Part des Romans hat verblüffende Parallelen zu unserer heutigen Zeit und manch origineller Auslegung von Tatsachen in der Öffentlichkeit. Man kann nicht umhin, in diesem Zusammenhang an den Begriff der sogenannten „Alternativen Fakten“ zu denken, den wir seit 2017 einer Beraterin des seinerzeitigen US-Präsidenten Donald Trump zu verdanken haben und die damit Falschaussagen des Weißen Hauses eine Legitimation erteilen wollte.

    Der gesellschaftliche Disput über die Authentizität des Mr. Tichborne wird bis in den Haushalt der Familie Ainsworth hineingetragen. Auch hier tun sich zwei Lager auf: die Zweifler und die Gläubigen. Letztere haben ihre vehemente Verfechterin in der aktuellen Mrs. Ainsworth, die selbst aus einfachen Verhältnissen stammt und deren Hochzeit mit Willie sie in die gehobenere Klasse katapultiert hat. Zadie Smith überzeichnet diesen Charakter ein wenig und gibt ihn anfangs der Lächerlichkeit preis. Gerade, wenn Mrs. Ainsworth den Mund aufmacht, kann sie ihre Herkunft nicht verleugnen. Die plumpe Ausdrucksweise der Mrs. Ainsworth im Gespräch mit den anderen Familienmitgliedern, die über eine sehr gewählte Ausdrucksweise verfügen, hat einen hohen Unterhaltungswert. Doch Zadie Smith gestattet diesem Charakter eine Weiterentwicklung zum Positiven, in dem im Handlungsverlauf schnell klar wird, dass Mrs. Ainsworth alles andere als eine dumme und oberflächliche Person ist.

    „Jamaika und Großbritannien“
    Als Hintergrund zum Tichborne-Prozess macht Zadie Smit mit uns einen Ausflug in die Geschichte der Sklaverei, Schauplatz ist in diesem Fall Jamaika, das seinerzeit eine Kronkolonie von Großbritannien war. Am Beispiel eines der Protagonisten, Mr. Bogle – ein langjähriger Bediensteter von Mr. Tichborne, gibt sie einen sehr umfangreichen Einblick in die Geschichte der Sklaverei und die perfiden Methoden, die angewandt wurden, um Schwarze zu unterdrücken. Dieser Ausflug in die dunkle britische Geschichte war mir zu ausufernd und hat mich ganz weit von dem bisherigen Verlauf des Romanes weggeführt, so dass ich im Anschluss an diesen Teil Schwierigkeiten hatte, wieder in die Geschichte reinzufinden.

    „Das Geheimnis des Andersseins“
    Die wichtigste Figur in diesem Roman ist Eliza. Zur Zeit des Tichborne Prozesses ist sie bereits um die 70, was sich jedoch nicht auf Anhieb erschließt. Denn Eliza scheint in guter Damenmanier ihr tatsächliches Alter unter Verschluss halten zu wollen, wird dabei von Zadie Smith unterstützt, so dass man selbst als Leser ein wenig detektivische Rechenleistung an den Tag legen muss, um Elizas wahres Alter in Erfahrung zu bringen. Tatsächlich wirkt sie viel jünger, zumindest hat sie sich ihren Freigeist aus jungen Jahren bewahrt. Insgesamt scheint sie der damaligen Zeit voraus zu sein, da sie völlig untypisch für die meisten Frauen jener Zeit ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legt und insgeheim nach Unabhängigkeit strebt. Doch leider steht sie sich selbst im Weg und fügt sich daher den gesellschaftlichen Konventionen, wenn sie auch im Geheimen von einem selbstbestimmten Leben träumt.
    Eliza hat sich ihre Neugierde aus jungen Jahren bewahrt. Das Fremdartige fasziniert sie. Daher wundert es nicht, dass sie die Nähe des guten Mr. Bogles sucht. Diesen umgibt eine geheimnisvolle Aura und er ist ganz anders als diejenigen Männer mit denen Eliza sonst Kontakt hat.

    Zadie Smiths Romane und Erzählungen sind dafür bekannt, dass darin Themen wie Feminismus, Rassismus und Klassenunterschiede zur Sprache gebracht werden. Deshalb liegt es auf der Hand, dass man gerade „Betrug“ als feministischen Roman lesen möchte, was natürlich durch die Hauptfigur der wundervollen Eliza forciert wird.
    Daher hat mich der Schwenk auf den historischen Part, insbesondere, was die Geschichte der Sklaverei betrifft, ein wenig überrumpelt. Erst im weiteren Verlauf wurde mir klar, dass ich mir mit der Konzentration auf den feministischen Schwerpunkt, selbst im Wege stand. Denn dieser Roman hat sich im Rückblick als unglaublich vielschichtig erwiesen, ist für mich jetzt ein historischer Roman, der viele - auch aktuelle – gesellschaftsrelevante Themen beleuchtet, nur betrachtet durch eine historische Brille. Die sprachliche Leichtigkeit und Sprachwitz, die Zadie Smith dabei an den Tag legt, mag ein wenig über die Tiefgründigkeit dieses Romans hinwegtäuschen. Aber diese Leichtigkeit hilft andererseits auch dabei, sich durch die Themenvielfalt durchzuarbeiten, ohne dies als Belastung zu empfinden.

    Daher hat mir dieser Roman ausgesprochen gut gefallen, trotz mancher Längen und Irritationen, die aber im Rückblick eher dazu auffordern, diesen Roman zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu lesen. Denn eines ist sicher: In Zadie Smiths „Betrug“ ist soviel los, dass man manches erstmal sacken lassen muss, um diesen Roman am Ende als Bereicherung erleben zu können.
    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. Historisch fundierter Roman

    Zadie Smith lässt den Leser am Leben des Autors William Ainsworth teilhaben. Das Hauptaugenmerk liegt dabei allerdings auf seiner Cousine, Eliza Touchet, die früh verwitwet, bei ihm unterkommt.
    Ainsworth und Charles Dickens, der im Gegensatz zu William den meisten ein Begriff ist, sind befreundet, nicht ganz ohne Missgunst wie man leider sagen muss.
    Williams kommt es bald zu Gute Eliza in sein Haus geholt zu haben, da seine Frau Frances, die Eliza übrigens sehr angetan war, früh verstirbt und ihn mit den drei Töchtern zurücklässt. Zu Beginn des Buches ist Ainsworth allerdings bereits wieder liiert mit Sarah, die im Gegensatz zum Schriftsteller eher minder bemittelt wirkt.
    Eliza unterdessen fungiert oft als Testleserin und hat eine erfrischend gesunde Sicht auf die Romane des Cousins, doch sie kennt seine Gesinnung und ist schlau genug ihm ihre echte Einschätzung gar nicht, oder sehr geschönt zu vermitteln. Das Bild das Zadie Smith des Autors preisgibt ist nicht unbedingt ein positives, wobei ich mir dabei nicht sicher bin, ob dies schriftstellerischer Freiheit geschuldet ist.

    Der Strang um den Erben Tichborne, dem der Prozess gemacht wird, um ihn als Betrüger zu entlarven, bringt Eliza mit Mister Bogle zusammen, durch den dann
    der Zusammenhang zur Sklaverei aufgebaut wird.
    Eliza hegt eine enorme Leidenschaft für diesen Mann, der den Angeklagten deckt, aber ihr nicht nur seine Geschichte, die mit Tichborne eng verknüpft ist, erzählt, sondern auch die seiner Vorfahren. Dieser Teil des Romans hat mir gut gefallen, es wird einfühlsam aufgezeigt wie groß die Kluft war zwischen den Verwaltern und den Sklaven, und wie schlecht es den meisten ging.

    Der Roman liefert ein fundiertes Bild über das Leben des Schriftstellers, die Gesellschaft wie sie zu der Zeit funktionierte, liefert aber auch Rückblicke in finstere Zeiten die Sklaverei betreffend. Der Prozess, der England damals wohl in Atem gehalten hat, und die Hingabe der Bevölkerung daran teilzuhaben sind immens gewesen, und nimmt ebenfalls großen Raum ein. Dies alles schildert die Autorin sehr anschaulich, und hält sich dabei nach meinem Wissen gut an die historischen Fakten, doch leider empfand ich es eher als anstrengend dem Inhalt zu folgen. Es gibt viele Zeitsprünge, viele Wechsel bei den Themen, die mich wirklich gefordert haben.
    Dennoch wird dieser Roman sicher viele überzeugen können!

  1. Ein kluges, historisch-aktuelles Lesevergnügen

    Die englische Autorin Zadie Smith ist extrem vielseitig aufgestellt, sie wurde schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Mit Vorliebe widmet sie sich aktuellen gesellschaftskritischen Themen, auch feministische Sujets finden sich in ihren Büchern. Und nun ein historischer Roman? Wie geht das zusammen?, mag man sich fragen. Es geht gut. Es geht sogar ganz hervorragend!

    Der Plot ist im Wesentlichen auf drei Zeitebenen angesiedelt. Im Zentrum steht Eliza Touchet, die beim Cousin ihres verstorbenen Mannes, dem Schriftsteller William Ainsworth, lebt und ihm den Haushalt führt. Einst hatten die beiden ein Liebesverhältnis, in das auch seine damalige Frau Frances verstrickt war, aber das ist lange her. Heute ist William mit Sarah verheiratet, einer Frau aus dem einfachen Volk, die rund 20 Jahre jünger ist als er. Im Hause Ainsworth gehen zahlreiche Größen des Literaturbetriebes ein und aus. Wir begegnen Charles Dickens, William Thackeray, Lord Byron und manch anderem. Die Dialoge im Salon legen auf unterhaltsame Weise Charaktere, Nöte und Befindlichkeiten der Gesellschaft offen. Es zeigt sich, dass z.B. Dickens kein besonders sympathischer Zeitgenosse ist und Ainsworth sein eigenes Werk maßlos überschätzt. Eliza weiß das alles. Sie darf als einzige Frau an den Treffen teilnehmen, wo sie als kluge Gesprächspartnerin geschätzt wird. Diese beschauliche Heimeligkeit bildet einen reizvollen Kontrast zum sonstigen Geschehen.

    Sarah Ainsworth ist es, die sich für den Tichborne-Prozess so brennend interessiert, dass sie Eliza überredet, als Zuschauer daran teilzunehmen. Dieser Prozess erhitzte ab 1866 die Gemüter: Sir Roger Tichborne, Abkömmling einer reichen englischen Adelsfamilie, galt seit Jahren als verschollen, weil sein Schiff niemals am Ziel in Rio de Janeiro angekommen ist. Anfang 1866 meldet sich der vermeintliche Metzger Arthur Orton auf Lady Tichbornes Annoncen hin und behauptet, ihr verlorener Sohn zu sein. Das Kuriose: Lady Tichborne bestätigt, dass es sich wirklich um ihren Sohn handelt, wogegen die Erben natürlich ins Feld ziehen und einen der spektakulärsten Gerichtsprozesse in Gang setzen. Das Volk solidarisiert sich mit dem offensichtlichen Betrüger: endlich traut sich einer, dem verhassten Adel die Stirn zu bieten! Populismus, Fake News und Verschwörungstheorien sind eben keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Als wichtiger Zeuge tritt Andrew Bogle auf, ein ehemaliger Sklave, der Sir Roger viele Jahre treu gedient haben will und dessen Identität beeidet. Andrew ist eine beeindruckende, würdevolle Persönlichkeit, dessen Aussage von großer Bedeutung ist und von dem Eliza fasziniert ist.

    Es gelingt Zadie Smith vortrefflich, diesen historischen Hintergrund zu benutzen, um ihren vielschichtig raffinierten Plot aufzuspannen. Sie spricht dabei zahlreiche Themen an, die nicht nur damals, sondern bis in die Gegenwart hinein Relevanz besitzen. „Betrug“ ist einem viktorianischen Fortsetzungsroman nachempfunden. Die meist kurzen Kapitel haben eine Überschrift, die bei der Orientierung hilft, manchmal gibt es auch Jahreszahlen. Zahlreiche Namen und historische Figuren treten auf, verschwinden aber zum Teil wieder. Man muss sich nicht alle merken.

    Der Autorin geht es stets darum, Muster zu zeigen, Verstrickungen, Ungerechtigkeiten und soziale Schieflagen. Mit zahlreichen Beispielen wird die englische Klassengesellschaft an den Pranger gestellt. Die Arbeiterklasse, die keine Chancen auf Bildung und Vorankommen hat, steht die vermögende Oberschicht gegenüber, deren Reichtum sich durch Erbschaft oder günstige Eheschließungen stets vergrößert. Ebenso geschickt wendet sich Smith gegen das Patriarchat, das schon seit Jahrhunderten die Rechte von Frauen beschneidet. Eliza ist für ihre Zeit eine äußerst moderne Protagonistin, die immer wieder versucht, die für sie geltenden relativ statischen Regeln zu durchbrechen. Dabei hält sie sich an Prinzipien, schlägt z.B. eine Erbschaft aus, weil sie aus schmutzigem, aus den Kolonien stammendem Geld stammt.

    Der Kolonialismus und seine Folgen sind weitere Themen, denen sich der Roman zuwendet. Geschickt wird das menschenverachtende System, das der kolonialen Ausbeutung zugrunde liegt, am Beispiel Andrew Bogles und seiner Familie ausgeleuchtet. Deutlich wird, dass die Folgen von Klasseneinteilung, Misogynie, Kolonialherrschaft und Rassismus lange fortwirken, dass deren Strukturen längst nicht überwunden sind. Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sie wirkt immer weiter fort. Das ist eine Kernaussage dieses Buches. Es geht der Autorin um Gerechtigkeit auf allen Ebenen, unabhängig von Klasse, Gender oder Herkunft.

    Grundsätzlich liest sich der Roman leicht. Man kann den einzelnen Episoden gut folgen, jede ist für sich lesenswert. Historische Hintergründe können bei Bedarf recherchiert werden, vieles hat tatsächlich stattgefunden. Zadie Smith zeigt uns ein buntes Kaleidoskop mit vielen verschiedenen Bildern, die sich nach und nach ergänzen, um ein großes Ganzes zu ergeben, das mehrdimensional interpretiert werden kann. Dabei klagt die Autorin nie an, sie zeigt und berichtet nur. Das sollte dem aufmerksamen Leser reichen, um Rückschlüsse zu ziehen. Natürlich sind manche Schilderungen (insbesondere Bogles Geschichte) drastisch. Es finden sich aber auch humorvolle Szenen. Gerade in den Dialogen glänzt Smith mit hintergründigem Witz, manches Geschehen könnte einer Komödie entsprungen sein.

    Die kurzen zeitlich verschobenen Kapitel sorgen für Abwechslung und Kurzweil. Die Sprache hat Smith an die erzählte Zeit angepasst. Man muss in diesem Zusammenhang die Übersetzung von Tanja Handels hervorheben, der es gelungen ist, das viktorianische Flair wunderbar ins Deutsche zu übertragen. Sämtliche Figuren wirken authentisch, teilweise vielleicht leicht überzeichnet, was mich aber zu keinem Zeitpunkt gestört hat, weil es zur Stimmung passt.

    „Betrug“ ist kein einfacher historischer Roman. Man braucht definitiv Konzentration, um die meisterhafte Komposition in ihrer ungewöhnlichen Erzählweise und großen Opulenz zu würdigen. Wenn man sich darauf einlässt, wird man reich belohnt. Man darf am Ende feststellen, dass es sich bei aller Historie gleichzeitig um ein sehr zeitgenössisches, originelles Werk mit zahlreichen aktuellen Bezügen handelt.

    Unbedingt lesen!

  1. Der gefährliche Fluss Lethe

    Mein Lese-Eindruck:

    „Lethe heißt der Strom des Vergessens – und genau das ist der gefährlichste Strom“, sagte Florian Illies in seiner Preisrede zur Verleihung des Ehrenpreises des Bayerischen Ministerpräsidenten. Es sei für jede Generation wichtig, in die „Stromschnellen der Geschichte“ einzutauchen, auch wenn sie unübersichtlich sind, denn jede Gegenwart sei zugleich „eine Ruine der Zukunft“. Er mahnte die Erinnerung an, weil alle Zeiten miteinander verwoben sind und warnte vor der Geschichtsvergessenheit. Wie Recht er hat!

    Und genau das, das Eintauchen in die Stromschnellen der Geschichte und das Verweben der Zeiten, genau das gelingt Zadie Smith in diesem Roman auf eine unglaublich leichte und unterhaltsame Art und Weise. Sie holt Vergangenes nach oben, sie belebt die Geschichte und legt damit den Finger auf die fauligen Stellen der Gegenwart.

    Ein historischer Roman? Das ist dieser Roman nur vordergründig. Es geht um einen historischen Prozess, der 1866 im viktorianischen Zeitalter Englands spielt: ja, das schon. Aber dieser Prozess ist eigentlich nur das Kaleidoskop, durch das die Autorin gesellschaftliche Entwicklungen und Bewegungen heranzoomt, die bis heute wirksam und nicht abgeschlossen sind.

    Das Cover und auch der Titel geben schon Hinweise.
    Zwei Männer stehen zwischen silbernen Löffeln. Der eine – Tichborne - wurde schon mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund geboren, und der andere eben nicht. Und dieser andere ist es, der seinen Teil vom Kuchen einfordert und dabei auch zum Mittel des Betruges greift.

    Tichborne, Sohn aus altem englischen Adel, war vor Jahren wegen einer inakzeptablen Liebesgeschichte mit seiner Kusine zum Kolonialbesitz der Familie nach Jamaika geschickt worden. Er war nie angekommen; vermutlich war er bei einem Schiffsunglück umgekommen. Der Mann, der nun behauptet, Tichborne zu sein und sein Erbe einfordert, hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem gebildeten jungen Engländer, aber er hat einen Zeugen, der seine Identität bestätigt. Dieser Zeuge Andrew Bogle wird zu einer der Hauptfiguren des Romans: ein freigelassener Sklave aus den Zuckerrohrplantagen Jamaikas, der die Schrecklichkeiten der Rechtlosigkeit kennt, aber immer ruhig und beeindruckend würdevoll auftritt.
    Wieso lügt Bogle?
    Der Prozess fand enormen Widerhall in den unteren Klassen. Wieso engagieren sich die unteren Schichten so leidenschaftlich für einen offensichtlichen Betrüger?

    Es geht hauptsächlich um die Frage der Gerechtigkeit, daher auch das Thema eines Gerichtsverfahrens. Diese Frage wird verknüpft mit dem Problem der persönlichen Unfreiheit, und auch dieses Thema wird mehrfach aufgefächert in Abolitionismus, in weibliche Selbstbestimmung u. a. Einen zweiten wichtigen Verknüpfungspunkt sehe ich in dem, was wir heute Pauperismus nennen: der unverschuldeten Armut, die der Betroffene nicht selber ändern kann. Auch diesen Punkt fächert die Autorin auf und lässt in der Handlung verschiedene soziale Unruhen der Vergangenheit und der erzählten Zeit anklingen und Gesetze, die die Reichen reicher und die Armen weiter ärmer gemacht haben.

    Sie klagt niemals an, sie berichtet nur, aber dennoch wird die nach wie vor ungebrochene Macht der alten privilegierten Schichten deutlich.

    Und genau hier liegt auch der eigentliche Grund für den Prozess: da fordert einer der dauerhaft und chancenlos Entrechteten Gerechtigkeit ein. Der Versuch misslingt, der „Überbau“, wie Marx es nennen würde, ist mächtiger. Er wird wegen Betrugs verurteilt.

    Der Betrug liegt aber nicht im Betrugsversuch eines Einzelnen, sondern hier sind ganze Generationen betrogen worden: um ihre persönliche Freiheit, um den wirtschaftlichen Lohn ihrer Arbeit und um beides.

    Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Die Autorin zerhackt die Handlung in unzählige kleinere Kapitel Vermutlich will sie damit die Erscheinungsweise der viktorianischen Romane als Fortsetzungsromane imitieren. Aber diese ständigen Sprünge zwischen den Zeiten, den Personen und den Schauplätzen, die Vielzahl an Querverbindungen fordern den Leser heraus. Auf der anderen Seite verleiht die Autorin den erzählten Fragen damit aktuelles Leben. Ob das der zementierte Gegensatz Arm-Reich ist, Ausbeutung im weitesten Sinn, Menschenrechte, Frauenbild, Rollenzuschreibungen, Fake News, Populismus etc. – alles hat einen Bezug zu heute.

    Und der Leser erkennt, dass die erzählten Probleme nicht in den gefährlichen Fluss Lethe gefallen sind, sondern nach wie vor existieren. Und Zadie Smith legt leicht und elegant ihren Finger darauf.

  1. Gerichtsreport aus dem viktorianischen England

    Kurzmeinung: Wirkt wie ein Spiegel.

    Worum gehts? Um einen Gerichtsprozess, der in den Jahren 1871 bis 1874 in London geführt wurde und den Zadie Smith zum Aufhänger ihres neuen Romans „Betrug“ macht, The Fraud“ heißt der Roman auch im englischen Original.
    Dabei handelt es sich strenggenommen um zwei Prozesse, die hintereinander geführt werden, einmal um einen zivilrechtlichen Prozeß, bei dem die Identität des Klägers Sir Roger Tichborn bewiesen werden soll, der behauptet, der verschollene Erbe eines großen englischen Vermögens zu sein - und daran anschließend um ein strafrechtliches Verfahren wegen Identitätsdiebstahls.
    Der Tichborn Fall, der in London verhandelt wurde, zog seinerzeit große mediale Aufmerksamkeit auf sich. Obwohl streng genommen kein Zweifel daran bestehen konnte, dass der Mann aus Australien nicht der totgeglaubte wiederaufgetauchte Roger Tichborne sein konnte, , – hatte der vorgebliche Tichborn eine breite Anhängerschaft und Rückhalt beim einfachen Volk, das die Augen vor unwiderlegbaren Tatsachen verschloss und sich aus dem, was es glauben wollte, eine eigene Wahrheit zurechtzimmerte. Verschwörungstheorien und Fake Facts standen hoch im Kurs. Alles ganz modern!

    Den Gerichtsprozeß beobachten zwei Damen aus demselben Haushalt, nämlich aus demjenigen des Vielschreibers William Harrison Ainsworth (1805 – 1882). Seine Biografie ist in Zadie Smith Roman verwoben. William Harrison Ainsworth schrieb mit Leidenschaft schwülstige Histoschinken, und hielt sich viel zugute auf seine literarischen Fähigkeiten.

    Der Kommentar:
    Zadie Smith widmet sich zwar einem historischen Sujet, nichtsdestotrotz bringt die Autorin den Roman thematisch mit der Themen der Zeit in Berührung: Rassismus, Misogynie, Menschenrechte, Würde des Menschen, Kolonialismus pur und Folgen des Kolonialismus, Funktion und Grenzen des Journalismus, Manipulation und Blendung einer unkritischen Menge, Machtspielchen und Charisma, Aufgeblasenheit der männlichen weißen Oberschicht. Und auch Fake News und Fake Fakts sind keine reine Erfindung von heute.
    Im Hause Ainsworth ist man im Prinzip fortschrittlicher als anderswo, aber Zadie Smith zeigt, dass selbst von den aufgeschlossensten Köpfen der Gesellschaft, die Fahne der von ihnen verfochtenen Prinzipen von Gerechtigkeit und Gleichheit lediglich in der Theorie hochgehalten wird, sie aber doch scheitern, wenn es in der Praxis darauf ankommt. Und mit ihnen die ganze westliche Gesellschaft.

    Mit diesen Bezügen zur Realität moderner Gesellschaften macht Zadie Smith ihren Roman für mich interessant, denn ehrlich, für den Tichborne-Fall von anno dunno, interessiere ich mich pe se nicht die Bohne.
    Der Roman ist kunstvoll komponiert, macht mit der weiblichen, Grenzen überschreitenden Heldin Eliza Touchet, sie ist die ältere Cousine von William Ainsworth und führt ihm den Haushalt, richtig Spaß und findet in der zweiten Mrs. Ainsworth, einem Mädchen aus dem Volk, das kein Blatt vor den Mund nimmt, ein gleichwertiges Gegengewicht. Manchmal ist der Roman mit seinen zeitversetzten Erzählsträngen jedoch ein wenig verwirrend in seiner Opulenz, dennoch ist kein Wort zuviel und man kann den Roman keinesfalls „geschwätzig“ nennen; alle Informationen, die Zadie Smith gibt, haben eine Funktion und ihre Berechtigung.

    Fazit: Ein ziemlich ungewöhnlicher historischer Roman, der sich dem beliebten viktorianischen Zeitalter alles andere als süßlich annähert und mit vielen spitzen Bemerkungen die Leserschaft zu gewinnen vermag.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2023

  1. 4
    18. Nov 2023 

    Gegenwartsanalyse auf Viktorianisch

    „Man sah sofort, dass dieser Mann ein Fähnlein im Winde war. Ein Mann ohne Mitte, der sich je nach Lage der Dinge in jede beliebige Richtung bugsieren ließ. Die wässrigen Augen offenbarten deutlich, dass er der Situation nicht gewachsen war, jedoch auch, dass ihn die vielen Menschen freuten und er vollauf bereit war, ihrem Glauben Glauben zu schenken, wo sie ihn doch mit solcher Vehemenz vertraten … Und wenn man es einmal so betrachtete, war es doch empörend, dass überhaupt jemand an ihm zweifelte! Und dennoch: Was, wenn sie ihm auf die Schliche kämen?“

    Ein Metzger aus Wapping versucht, sich als Erbe der wohlhabenden Tichbornes auszugeben. Obwohl sein Ziel der Aufstieg in die Ränge des Landadels ist, kommt paradoxerweise – ebenso wie beim Milliardär Trump - die größte Unterstützung aus dem einfachen Volk. Die Fans des „Anwärters“ von 1870 haben viel gemeinsam mit der MAGA-Gemeinde, vor allem ihr Gefühl allgemeinen Betrogenseins, ihre Wut auf die Privilegierten und ihre Verachtung für Fakten. Smith gewährt Trump In ihrem neuen Roman einen kongenialen Auftritt, ohne ihm jemals die Ehre der Erwähnung zu erweisen.

    Den eigentlichen Mittelpunkt von „Betrug“ bildet jedoch die kluge Mrs. Touchet, die als Haushälterin für den Cousin ihres verstorbenen Mannes arbeitet. Mrs. Touchets Arbeitgeber, William Ainsworth, ist ein enorm produktiver viktorianischer Romanautor. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere verkaufte er mehr Bücher als Charles Dickens; 30 Jahre nach seinem Tod war er so gut wie vergessen. Mrs. Touchet entwickelt ein zunächst widerwilliges Interesse am Tichborne-Prozess, dem Medienereignis jener Zeit. Nahezu jeder in diesem Prozess, sei es auf der Anklage- oder Zeugenbank, vollbringt das Kunststück, zwei unvereinbare Realitäten mit sich in Einklang zu bringen, allen voran der Kronzeuge des „Anwärters“, der würdevolle und allem Anschein nach integre Mr. Bogle.

    Der „Anwärter“ ist der offensichtliche Betrüger in dieser Geschichte. Aber da sind noch einige mehr: Ainsworth, ein Fitzek des 19. Jahrhunderts, der sich selbst belügt und die Literatur zugunsten eskapistischen Schunds verrät. Mrs. Touchet mit ihrer heimlichen lesbischen Neigung und ihren hohen ethischen Ansprüchen, die im entscheidenden Moment zwar für ein halbwegs gutes Gewissen reichen, aber nicht dafür, das radikal Richtige zu tun. Vielleicht deshalb ist sie zunehmend fasziniert vom Mysterium des Mr. Bogle.

    Seine Gründe erfahren wir in Form seiner Lebensgeschichte, die die mittleren 100 Seiten des Romans einnimmt und für mich der weitaus interessanteste Teil des Buches war: Bogle ist der Sohn eines afrikanischen Prinzen, in Gefangenschaft auf Jamaica geboren. Interessant fand ich auch meine eigene Reaktion auf die Figur: Trotz seiner offensichtlichen Lügen war ich den gesamten Roman hindurch zutiefst verwirrt durch den Anschein seiner Ehrlichkeit. Eine milde Form der Faktenvergessenheit, ähnlich wie bei der Klientel des „Anwärters“.

    Aber Smiths Roman verhandelt noch eine Reihe weiterer aktueller Themen. Das Konzept des Medienhypes und der Fake News. Den unkritischen Fortschrittsglauben des immer mehr, immer größer. Die Verquickung von Konsum und Kolonialismus. Die Illusion der „geschenkten“ Freiheit – als habe irgendjemand die Macht, das Grundgut der Freiheit zu gewähren oder zu verweigern. Sogar die Impfgegner kommen vor – zeitgemäß bezogen auf die Pockenimpfung, die zu verweigern bodenlos dumm wäre. Das Schreiben an sich, das „Lügen, um die Wahrheit zu sagen“. Frauenrechte und Patriarchat. Unsere Blindheit gegenüber den eigenen Privilegien.

    Trotz aller thematischen Schwere hat der Text eine erstaunliche Leichtigkeit. Dazu trägt die Kürze der vielen Kapitel bei, aber vor allem natürlich Smiths meisterhafte Prosa, die das Komische ebenso beherrscht wie das Philosophische. Der ganze Roman ist ein einziger Triumph der Sprache. Nur: Er ist zu lang und zu komplex. Es ist wie mit einer vermeintlich luftigen Sahnetorte, die man durchaus mit Genuss verspeist – aber auf der Hälfte wünscht man sich um der Verträglichkeit willen, es gäbe weniger davon.

    Smith hat gründlichst recherchiert und Einiges an wörtlicher Rede aus den Originalaufzeichnungen des Prozesses übernommen. Aber die jahrzehntelange Vita Ainsworths, Bogle und sein Sklavenelend wie auch das öffentliche Drama des Prozesses werden lediglich durch die Wahrnehmung von Mrs. Touchet zusammen gehalten. Es entstand kein Gefühl der Kohärenz bei mir, eher eine Art konstanter Konfusion, wozu auch die zeitweilig undurchsichtige Chronologie beitrug. Die Figur der Mrs. Touchet jedoch entschädigt für vieles – sie ist eine so vielschichtige, widersprüchliche und lebendige Frau, wie sie einem selten zwischen zwei Buchdeckeln begegnet.

    Vor allem darum fand ich den Roman insgesamt enorm bereichernd, aber nicht nur: Ich verneige mich vor dem literarischen Können Smiths und ihrer scharfsinnigen Analyse der Gegenwart mit den Mitteln eines historischen Romans.

  1. Das Leben, ein einziger Betrug?

    Nichts weniger als Schwindel und Verrat auf allen Ebenen des menschlichen Miteinander behandelt Smith in ihrem neuen Roman und bemüht dafür die Viktorianische Epoche mit seinen Zeitgenossen heran. Das 19. Jahrhundert der Briten ist geprägt von Konventionen und Hierarchie, aber eben auch noch vom Reichtum seiner Kolonien, Sklavenhandel und verarmten Fabrikarbeitern.
    In Großbritannien ist es die Familie Ainsworth, insbesondere dem Schriftsteller William, der in stetiger Konkurrenz zu Charles Dickens steht und auf Jamaika die Ländereien des Buckingham Chandos, Hope Estate, das beispielhaft für die Verwaltung und der Skalvenarbeit im Rohrzuckeranbau steht. Diese beiden doch sehr unterschiedlichen Lebenswelten lässt Smith im historischen Tichborne-Prozess (1871) zusammenlaufen, in Gestalt von Eliza Touchet und Andrew Bogle.

    Eliza Touchet ist William Ainsworths angeheiratete Cousine. Früh wird sie von ihrem Mann verlassen, kurz danach Witwe. Fast mittellos wendet sie sich an William und übernimmt sogar den Haushalt, als Williams erste Frau stirbt und ihn mit 3 Töchtern zurücklässt. Eliza hatte nicht nur eine besondere Beziehung zur Verstorbenen, sie erfüllt auch William einige pikante Wünsche. Nach einer neuerlichen Heirat Williams mit der deutlich jüngeren Magd Sarah und der Geburt der 4. Tochter, vertieft sich William in seine Arbeit als Autor und Herausgeber eines literarischen Magazin, reist durch Europa, immer bemüht an den großen Erfolg von "Jack Sheppard" wieder anzuknüpfen. Sarah hingegen, aus einfachen Verhältnissen und des Lesens und Schreibens nicht mächtig, interessiert sich für den Klatsch und Tratsch der Londoner Gesellschaft. So ist es nicht verwunderlich, dass sie unbedingt dem aufsehenerregenden Prozess um die umstrittene Anwartschaft des angeblichen Roger Tichborne auf das Familienerbe beiwohnen will. In Begleitung von Eliza Touchet findet sie sich im Gerichtssaal wieder.

    Andrew Bogle, Sohn des einst von seinem afrikanischen Thron entführten und zur Sklavenarbeit auf Hope Estate gezwungenen Nonesuch Bogle, hat es dank Nonesuch, zu einer einigermaßen gesicherten Stellung auf der Farm gebracht und führt die Listen und Bücher. Aus dieser Position heraus, hat er die einmalige Gelegenheit mit dem Sachwalter des Chandos-Besitzes Edward Tichborne nach Großbritannien zu reisen. Bogle lernt dort ein gänzlich anderes Leben kennen, der Kontrast könnte nicht größer sein. Zurück auf Jamaika hat sich das Leben seiner Mitsklaven dramatisch verschlechtert. Etwas reift und brodelt in ihm. Und so kehrt er Jahre später mit seinem Sohn Henry und dem vermeintlichen Roger Tichborne, Edwards Sohn, als Fürsprecher und Kämpfer im Gerichtssaal, nach London zurück.

    Das Dickicht aus Namen und Orten erfordert Konzentration und eventuell ein paar Notizen, dafür belohnt uns die Autorin aber mit einem opulenten Schaubild einer Kolonialmacht und seinen weltumspannenden Ablegern. Schmerzlich zeigt sie uns die Welt hinter den Kulissen, lässt gesellschaftliche Normen schwanken, dröselt "Schlagzeilen" auf. Mit dem Prozess ermöglicht sie den Gedankentransport von Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen. Nicht der eindeutige Betrug, der hier erkannt und abgeurteilt wurde, sondern die Ambitionen der beobachtenden Massen, dessen Fürsprachen und Argumenten gebührt die Aufmerksamkeit.
    Die detaillierten Lebenswege unserer Protagonisten bestechen dagegen durch ihre Abweichungen von der vorherrschenden Norm, durch ihre kleinen Rebellionen im Alltag zementieren sie das echte Leben, dass jenseits aller Geschichtsdokumentationen schon immer existiert hat.

    Die Kapitel sind angenehm kurz gehalten. Zadie Smith scheut sich nicht ihre eigene Zunft ein paar mal an den Pranger zu stellen, lässt Eliza in 8 Bänden denken, aus welchem das vorliegende Buch auch besteht und der geneigte Leser und Sammler von Druckerzeugnissen wird gleich zu Beginn in ein Horrorszenario bugsiert. Mit all diesen kleinen Bonmots hielt mich Smith bei der Stange, bereitete mir Vergnügen und öffnete mir neue Perspektiven auf diese Zeit, dieses Land und diese Gesellschaft.