Besetzte Gebiete: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Besetzte Gebiete: Roman' von Arnon Grünberg
3.15
3.2 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Besetzte Gebiete: Roman"

Der fünfzehnte Roman des niederländischen Bestsellerautors Arnon Grünberg wird von Kritik und Publikum als Höhepunkt seines schon vielfach preisgekrönten Werkes gefeiert. Ein schockierender und humorvoller Roman über einen »unmenschlich guten« Psychiater. Wegen einer fehlgelaufenen Liebesgeschichte und falschen Anschuldigungen verliert Otto Kadoke seine Approbation als Psychiater in Amsterdam. Vor dem Nichts stehend, beschließt er, die Einladung seiner Verwandten Anat, einer fanatischen Zionistin, ins Westjordanland anzunehmen. Als der überzeugte Atheist und Anti-Zionist dort ankommt, muss er sich der Etikette halber zunächst als Anats Verlobter ausgeben, verliebt sich aber schließlich ernsthaft in sie. Sie willigt jedoch nur ein, ihn zu heiraten, wenn die beiden eine gottgefällige Ehe – das heißt mit vielen Kindern – führen, um das Heilige Land zu bevölkern und den Holocaust wettzumachen. Auf Kadoke warten viele Prüfungen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:432
EAN:9783462001068

Rezensionen zu "Besetzte Gebiete: Roman"

  1. Eine bitter-böse Satire

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Mai 2021 

    Nach dem Klappentext handelt es sich um einen schockierenden und zugleich humorvollen Roman über einen Psychiater, der als Atheist und Anti-Zionist ins Westjordanland geht, um sein Glück zu suchen. Was der Klappentext nicht sagt, ist, dass es sich hier um eine bitter-böse Satire handelt, die jegliche schlüssige Handlung vermissen lässt und – jedenfalls bei mir – nur Kopfschütteln und Fragezeichen hinterlässt.

    Der Roman beginnt zunächst noch in den erwarteten Bahnen. Der Psychiater Kadoke hat Ärger mit der Ärztekommission. Anlass des Ärgers ist seine ehemalige Patientin, Michette. Michette war akut selbstmordgefährdet und galt als "austherapiert", was so viel heißt, dass das Gesundheitssystem für sie keine Hilfe mehr anbot und sie sich letztlich selbst überließ. Kadoke nahm Michette bei sich auf, um sie dennoch zu therapieren. Bereits diese alternative Therapie verstieß gegen die medizinischen Leitlinien. Darüber hinaus machte Kadoke den Fehler, Michette als Altenpflegerin für seine Mutter (bei der es sich eigentlich seinen Vater handelt) einzusetzen. Die ungewöhnliche Situation findet ihr Ende, als Michette sich in einen Schriftsteller verliebt und Kadoke verlässt. Der Schriftsteller schreibt und veröffentlicht die Geschichte Michettes. Er dichtet der realen Patientin allerdings auch eine fiktive Affäre mit dem realen Psychiater an. Die Geschichte wird publik und die Ärztekommission aufmerksam. Kadoke wird die Zulassung als Arzt entzogen.

    Seiner beruflichen Perspektive beraubt, gerät Kadokes Leben aus den Bahnen. Er wendet sich seiner erst kürzlich kennengelernten entfernten Verwandten Anat zu. Er meint, in die fanatische Zionistin Anat verliebt zu sein und folgt ihr (mit seinem pflegebedürftigen Mutter-Vater) ins Westjordanland, um sie zu heiraten. Dort eingetroffen, muss Kadoke sich mit seltsam anmutenden Gepflogenheiten und Lebensumständen in den Besetzten Gebieten auseinandersetzen.

    Spätestens hier verliert der Roman für mich seinen roten Faden und verliert sich in einer irrationalen Aneinanderreihung überspitzter Seltsamkeiten, deren realen Kern ich nicht einzu-schätzen vermag. Um nur die Spitzen des Eisbergs zu nennen: Kadoke muss, bevor er Anat heiraten darf, seine Potenz beweisen – vor den Augen von Anats Mutter. Anat verlangt nach der Eheschließung, dass Kadoke beim Sex die Mütze eines SS-Offiziers trägt. Kadoke flüchtet sich schließlich in eine homosexuelle Beziehung, mit einem Palästinenser.

    Alles zusammen war das einfach zu viel für mich. Zu abstrus, zu konstruiert. Warum dieses Buch gefeiert wird, verstehe ich nicht. Daher nur drei Sterne.

  1. Ein säkularer Jude im Westjordanland

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Mai 2021 

    Kadoke ist Psychiater in Amsterdam, der nach einer sehr unkonventionellen Behandlung einer Patientin seine Approbation verliert. Doch nicht nur das: Es gibt einen Medienskandal, der durch einen nicht sehr geglückten Auftritt Kadokes in einer TV-Show noch verstärkt wird und ihn antisemitischen Beschimpfungen aussetzt. Er steht vor den Trümmern seiner Existenz und beschließt, gemeinsam mit seinem schwer pflegebedürftigen Vater nach Israel auszuwandern. Anlass dafür war der wenige Monate zurückliegende Besuch der orthodoxen Ururgroßcousine Anat, die überzeugte Siedlerin im Westjordanland ist und ihn mehrfach zu einem Besuch zu überreden versuchte. So landet der atheistische Anti-Zionist in einer orthodoxen Siedlung im Westjordanland und versucht, ein neues Leben zu beginnen.

    Was nun beginnt, ist eine Aneinanderreihung von skurrilen Begebenheiten und grotesken Dialogen, die sich Monty Python nicht schöner hätten ausdenken können ;-) Wie der ungläubige Kadoke von den orthodoxen Bewohnerinnen der Siedlung als ein von Gott Gesandter gefeiert wird oder seine künftige Schwiegermutter strickend dem vorehelichen Sex beiwohnt, um sicher zu gehen, dass er in der Lage ist, genügend Judenkinder zu zeugen – man könnte glauben, der Gipfel des Absurden wäre erreicht, um jedoch einige Seiten später eines Besseren belehrt zu werden. Oder das Gespräch zwischen Vater und Sohn:

    „,Lieber Vater, habe ich deinen Segen, und hat sie den auch?’“
    Vater wirft Kadokes Künftiger einen kurzen Blick zu, dann sagt er zu seinem Sohn: ,Hättest du dir nicht besser einen Hund nehmen können?’
    ,Einen Hund?’
    ,Ein Haustier. Wenn Leute in deinem Alter sich einsam fühlen, können sie sich doch auch ein Haustier anschaffen?’
    ,Was sagt er?‘, fragt Anat.
    ,Er will wissen, warum ich mir keinen Hund zugelegt habe, aber ich mag keine Hunde.’
    ,Was sollen wir mit einem Hund? Ich will ein Kind. Darum heiraten wir, um Kinder zu bekommen. Keinen Hund.’“
    Seite 248

    Trotz des komödiantischen Tonfalls berührt der Roman eine Vielzahl von ernsthaften Themen, die man in dieser Menge nicht erwartet hätte: Rassismus, Antisemitismus, MeToo-Skandal, Fake News, Fundamentalismus, Medienshitstorm – vermutlich habe ich noch was vergessen. Und dennoch ist die Geschichte damit nicht überfrachtet, denn alles greift ineinander, weil alles ein Teil des Lebens von Kadoke ist.

    Ein skurriler, schräger, amüsanter Roman mit einem eher farblosen Antihelden, der einem doch ans Herz wächst. Und von dem man (ich ;-)) wissen will, wie es mit ihm weitergeht.

  1. Eine literarische Monthy-Pyton-Geschichte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Mai 2021 

    In “Besetzte Gebiete” schickt Arnon Grünberg den Leser auf eine Reise mit total verrücktem Personal von Amsterdam nach Israel. Er führt sie durch eine skurrile Geschichte und stellt ihnen Situationen vor, die komplett unkonventionell sind.
    Kadoke ist ein jüdischstämmiger Psychiater in Amsterdam, der in der Selbstmordprävention tätig ist. Eine seiner Patientinnen, Michette, nimmt er zu Hause auf, als er für sie keine weiteren Möglichkeiten mehr sieht, sie weiter zu therapieren. Zu Hause kümmert sie sich dann um Kadokes Mutter, die eigentlich sein Vater ist, sich aber seit dem Tod der Ehefrau in diese neue, andere Person verwandelt hat. Diese Maßnahme für Michette hat insofern Erfolg, da sie sich nicht nur nicht umbringt, sondern sich sogar neu verlieben kann. Für Kadoke allerdings bedeutet diese Art von Therapie das Ende seiner Karriere als Psychiater, da ihm sein Verhalten als Missbrauch des Arzt-Patienten-Verhältnisses ausgelegt wird.
    Mit Abbruch seiner Karriere und seines Status als erfolgreicher Psychiater spielt für ihn auf einmal seine jüdische Herkunft eine Rolle, die für ihn ansonsten nie von Bedeutung war. Hassbotschaften, die sein Judentum aufgreifen, verfolgen ihn und werden zur alltäglichen Erfahrung.
    Da erinnert er sich an den kürzlich stattgefundenen Besuch einer entfernten Verwandten, Anat, die ihn und seinen Vater zu sich nach Israel, genauer in eine Siedlung in den besetzten Gebieten, eingeladen hat. In dieser ausweglosen Situation wird die Erinnerung an einen One-Night-Stand mit ihr zu einer Basis für eine angeblich erwachte Liebe. Und so packt Kadoke seine Sachen und seinen altersschwachen Vater ein und flieht vor der Schmach nach Israel in die jüdische Siedlung im „Feindesland“. Diese jüdische Siedlung ist wenig wohnlich und heimelig. Sie ist bevölkert mit absurden Charakteren, die merkwürdigsten Gewohnheiten nachgehen. Sicher kein Ort, an dem Kadoke und sein Vater gut aufgehoben sind. Und doch bleiben sie. Die Situation um dieses Personal des Romans entwickelt sich so weit, dass am Ende der Geliebte von Kadoke getötet wird und die schwangere Anat im Gefängnis landet. Was alles noch zwischendurch passiert, das sind viele absurde und skurrile Szenen und Ereignisse, die bei mir als Leserin eine nicht weiter zu erklärende Mischung aus Kopfschütteln, Lachanfällen und Grausen hervorgerufen haben.
    Mein Fazit:
    Mit dieser Mischung von Gefühlsäußerungen bei der Lektüre stehe ich nun da und weiß nicht weiter bei meinem Fazit über dieses Buch. Es hat mir Freude gemacht, es hat mich geärgert angesichts übertriebener Szenen und Darstellungen, es hat mir Charaktere in mein Gedächtnis eingebrannt, die ich auch nach Tagen immer wieder vor mir sehe, es hat mir wenig neue Erkenntnisse gebracht über das Israel unserer Tage und das Judentum in diesem Land, es hat mich konfrontiert mit einem Übermaß politischer Unkorrektheiten, die gerade in Bezug auf das Judentum so überraschend und unkonventionell sind.
    Was mache ich mit all diesen Eindrücken und wie bewerte ich sie letztendlich?
    Auf jeden Fall:
    - Es sind viele, sehr viele Eindrücke, die länger Bestand haben.
    - Es ist ein unkonventionelles Buch, das sich eben einer konventionellen Bewertung verschließt.
    - Es vermittelt eine Art von Humor, die tief, aber die nicht unbedingt meine ist.
    - Es ist also auf jeden Fall eines, nämlich INTERESSANT!
    Und das gibt dann eben gute 4 Sterne! Auch wenn ich vieles immer noch nicht begreife und einzuordnen weiß.

  1. Zu viel, zu knallig, zu absurd ...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 05. Mai 2021 

    Kadoke, Psychiater in Amsterdam, geschieden und mit seinem alten Vater zusammen lebend, sitzt im Schlamassel: Er hat eine stark suizidgefährdete Patientin privat zu sich genommen und mit der Pflege des Vaters betraut. Die Beziehung, als "alternative Therapie" gedacht, wird zur Missbrauchsaffäre aufgebauscht und Kadoke durch eine mediale Hype gezerrt. Unfähig, sich energisch zur Wehr zu setzen, verliert er seine Existenz, bekommt Berufsverbot. In dieser Situation findet er keinen anderen Weg als den nach Israel: Er nimmt die Einladung seiner entfernten Großcousine Anat an, sie in ihrer Siedlung in den Westbanks zu besuchen.

    Dort angekommen - den pflegebedürftigen Vater hat er mitgenommen - wird er als "Verlobter" Anats akzeptiert und gerät als säkularer und anti-zionistischer Jude ins Schlepptau seiner Gastgeber. Er muss "jüdische" Speisen essen, die ihm weder schmecken noch bekommen, er muss den verkommenen Haushalt ebenso akzeptieren wie den "geistigen Führer" von Anats Familie, einen steinalten Rabbi, der angeblich in Träumen zu der Mutter spricht. Und anstatt, wie erhofft, Anats Geliebter werden zu können, muss er sich einem gottgefälligen Familienbild unterwerfen, das geradezu mittelalterlich anmutet; bis hin zu einer Szene, in der er vor den Augen seiner zukünftigen Schwiegermutter seine Zeugungsfähigkeit unter Beweis stellen soll.

    Ich empfinde es als schwierig, über die Inhalte dieses Romans zu schreiben, weil die charakterliche Entwicklung, die Liebesbeziehung zu Anat, der politische Hintergrund völlig überdeckt werden von einer Situationsregie, die von Slapstick über Groteske bis zu völligem Irrwitz reicht. (Hier gibt die Leserin klaren Punktabzug für das Frauenbild, das der Roman vorexerziert: Unter den vielen Frauen, die darin vorkommen, sind praktisch nur Karikaturen.) Man kann spekulieren, warum Kadoke all die sich immer weiter steigernden Zumutungen ohne Widerspruch hinnimmt - weil ihm seine Umwelt, ob jüdischen Glaubens oder nicht, ununterbrochen zu verstehen gibt, wo er "als Jude" hingehört, was er zu tun und zu lassen habe: Letztlich erreicht Kadokes Passivität einen Grad, der für mich nicht mehr glaubwürdig war. Ein wenig Erholung boten die immer wieder eingestreuten innigen Szenen mit seinem alten Vater, der gegen seinen Willen in jene Siedlung verpflanzt wurde, der aber mit Kadoke auf eine Art und Weise liebevoll verbunden ist, an der all die widrigen Umstände nichts ändern können. Auch im letzten Teil des Romans, als Kadoke in seinem neuen Umfeld eine Arbeit sucht und eine neue Liebesbeziehung findet, nimmt die Handlung einen merkwürdig grellen Verlauf, so dass ich das Gefühl hatte, der Autor wollte einfach nichts auslassen, was immer sich als Drama anbietet.

    Gekonnt geschrieben ist das Buch. Es stellt eine Lebensform vor, über die ich bisher so gut wie nichts wusste. Es zeigt, wie jemand durch den Sog der Ereignisse, allein durch Nachgiebigkeit, in eine immer absurdere Situation gezogen wird. Und es führt vor, wie der arme Kadoke, der sich als Atheist und Niederländer begreift, durch sein Umfeld - man kann es kaum anders nennen - "zum Juden erzogen" werden soll. Leider taugt die Geschichte in meinen Augen nicht als politischer Roman oder Gesellschaftsbild. Was da aufgeboten wird, ist einfach zu viel, zu knallig, zu absurd bis zu Unappetitlichkeit - letztlich ist es einfach ein Buch über einen allzu passiven Helden in einem Umfeld völlig abgedrehter Menschen.

    Es tut mir leid, wenn mir möglicherweise einige Untertöne und Deutungsmöglichkeiten entgangen sind: Das Buch hat für mich persönlich nicht die Atmosphäre hergestellt, die zum Nachdenken reizt; ich konnte es nur als Groteske lesen.

  1. Spezielle Art von Humor

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 05. Mai 2021 

    Der 1971 in Amsterdam geborene Arnon Grünberg ist in den Niederlanden ( und nicht nur dort ) ein gefeierter Autor.
    Hauptfigur in seinem 15. Roman ist der Psychiater Kadoke. Grünberg- Leser kennen ihn schon aus dem letzten Buch „ Muttermale“ . ( „Besetzte Gebiete“ lässt sich aber problemlos ohne den Vorgängerroman lesen.) Er ist ein Spezialist für Suizidprävention. Bei einer Klientin ist er aber zu weit gegangen. Er hat Michette, eine junge Frau, die als austherapiert galt, bei sich aufgenommen und sie mit der Pflege seines alten Vaters betraut. Für sich hat er das Ganze als „ alternative Therapie“ betrachtet.
    Es schien auch gut zu funktionieren. Doch nun bezichtigt ihn Michette der Übergriffigkeit und zu allem Übel hat ihr Schriftstellerfreund ihre Version der Beziehung zu Kadoke zu einem Roman verarbeitet. Ein handfester Skandal entwickelt sich, in dessen Verlauf Kadoke nicht nur seine Approbation als Psychiater verliert, sondern auch seinen guten Ruf. Wüste Beschimpfungen wildfremder Menschen, darunter auch viele antisemitischer Natur ( „ jüdischer Vergewaltiger“ ) treffen Kadoke sehr. Er fühlt sich plötzlich als Paria in seiner Heimatstadt.
    Wohin geht ein Jude, wenn er sich ausgestoßen fühlt? Nach Israel.
    Da trifft es sich gut, dass überraschend eine entfernte Verwandte zu Besuch kommt und Kadoke sich in diese verliebt. Obwohl Anat völlig gegensätzliche Anschauungen hat als er. Kadoke ist zwar von Geburt her Jude, versteht sich jedoch als Atheist und Anti- Zionist, während Anat als orthodoxe Jüdin und überzeugte Siedlerin im Westjordanland lebt.
    Kadoke nimmt ihre Einladung an und reist mit seinem betagten Vater ins Gelobte Land.
    Und ab hier wird die Geschichte immer absonderlicher. Hier prallen Welten aufeinander - da der liberale Westen , hier die Siedler, die im 19. Jahrhundert stecken geblieben scheinen.
    Die Situation, die die Niederländer dort erwartet, ist wenig einladend. Drückende Hitze, karges Land mitten in der Wüste; Vater und Sohn werden in einem heruntergekommenen Wohnwagen untergebracht, die Bewohner beobachten sie misstrauisch. Bis sich Kadoke als Verlobter von Anat ausgibt. Ab diesem Zeitpunkt wird er als gottgesandter Heilsbringer angesehen, der Anat vom Makel der Kinderlosigkeit befreien wird. Schnell wird die Hochzeit angesetzt. Doch zuvor muss Kadoke vor Anats Mutter noch den Beweis seiner Männlichkeit antreten. Die Mutter ist die befremdlichste Frauenfigur im Roman. Ihre Wohnung starrt vor Dreck, doch es lohnt sich nicht, die kurze Zeit, bis der Messias kommt, mit Putzen zu vergeuden. Sie steht völlig unter dem Einfluss eines uralten, im Koma liegenden Rabbiners in New York, der ihr im Traum Anweisungen gibt.
    Kadoke, ein höflicher Mann, der keinen Anstoß erregen will, beugt sich beinahe allem. Dafür hofft er auf die Liebe von Anat, doch diese hat nur ihren Kinderwunsch im Blick. Das Gefühl, angenommen zu werden, erlebt Kadoke erst in den Armen eines Palästinensers. Doch dies führt zu einem gewaltsamen Ende.
    Der Roman lässt sich für mich nicht als realistische Geschichte lesen. Grünberg zeigt menschliche Verhaltensweisen auf und führt sie ins Absurde. Das Buch ist voll mit grotesken und haarsträubenden Episoden; dabei überrascht der Autor mit immer neuen Einfällen. Sein Humor ist schon sehr speziell, den muss man mögen, um Freude an der Lektüre zu haben. Beim Lesen wechselte ich zwischen Kopfschütteln, Ekel und lautem Lachen. Dazwischen finden sich aber auch immer wieder bedenkenswerte Sequenzen. Z.B.:
    „ Was ist das für ein Leben, wenn man für niemanden der wichtigste Mensch ist, nur für sich selbst - was ist man dann?“
    „..., man kann auf vieles verzichten, mehr als man denkt. Die Anpassungsfähigkeit des Menschen ist sein Segen und sein Fluch.“
    Grünbergs Figuren sind meist Karikaturen, nicht immer ist klar, was sie antreibt. Es fällt schwer, Empathie für sie aufzubringen. Kadoke möchte man öfter am liebsten schütteln, um ihn abzuhalten, von dem, was er tut. Einzig die Beziehung zwischen Vater und Sohn berührt. Obwohl der Ton zwischen ihnen ruppig ist, so hängen sie doch sehr aneinander. Auch Grünbergs Frauenbild ist fragwürdig.
    Der Autor macht keinen Hehl aus seiner Einstellung zur israelischen Siedlungspolitik. Manches, was er schreibt, darf so nur ein Jude formulieren. Politisch korrekt ist hier nichts.
    Grünberg hat eine Menge Themen in seinen Roman gepackt, alle gut eingebunden in die Handlung: von der Me Too Debatte über die Rolle der Medien, vom Umgang mit dem Alter über Antisemitismus bis zu religiösem und politischen Wahn, von der Liebe bis zur Besatzungspolitik und manches mehr.
    Ich weiß eigentlich immer noch nicht, wie ich den Roman bewerten soll. Grünberg kann schreiben, das ist unbestritten. Und das Buch beschäftigt einem noch lange , nachdem man es zugeschlagen hat. Doch in der Summe war es mir zu viel: zu viel Absurdes, zu viel Abstoßendes, zu viel Sex. Teilweise wiederholt sich Grünberg auch, da hätte leicht gestrichen werden können. Letztendlich verstehe ich auch nicht ganz, was der Autor mir hier sagen will. Vielleicht steckt die Quintessenz in den letzten Sätzen:
    „ Man darf sich mit dem Schicksal nicht anfreunden, es war ein Irrtum, das zu denken, man darf sich nicht daran binden wie an einen streunenden Hund, nein: Darüber lachen muss man. Die Lebenden müssen ihr eigenes Schicksal verlachen, lachen über das anderer Leute dürfen nur die Toten.“
    Grünberg schreibt an seinem dritten Kadoke- Roman; ich weiß nicht, ob ich den lesen möchte.

  1. Eigen und despektierlich, nicht mein Humor

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 05. Mai 2021 

    Dieses Buch ist speziell, wundervoll erzählt, aber es macht es dem Leser nicht leicht, es zu mögen.

    Grundsätzlich wandert hier ein niederländischer Jude aus, mitten hinein ins Westjordanland. Kadoke ist nicht besonders religiös, landet aber in den besetzten Gebieten, wo strenggläubige Juden in einer sektenähnlichen Gemeinschaft ihr eigenes Leben leben.
    Ein hoch interessantes Thema mit viel Zündstoff, das Arnon Grünberg humorvoll verpackt, allerdings ist sein Humor eigen.

    Hier wird alles bis an die Grenzen des guten Geschmacks überspitzt. Seine Figuren sind Karikaturen. Bei dem Versuch, die Motivation des ein oder anderen Protagonisten nachzuvollziehen, kann man als Leser verzweifeln. Es folgt ein jeder seiner ganz eigenen Logik, die bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehbar ist, dann aber doch absurde Formen annimmt. Der Leser wird verstickt, verwickelt, auch unterhalten, aber doch an seine Grenzen geführt. Irgendwann hört der Spaß auf, die Grenze ist fließend, aber Herr Grünberg legt immer noch eine Schippe drauf.

    Es hagelt Seitenhiebe zu zahlreichen Themen, natürlich geht es um religiöse Eiferer, aber auch um Traditionen, Außenseiter, sexuelle Identität, alternative Lebensweisen, Schubladendenken, die Liste ist endlos und es bekommt jeder sein Fett weg. Leider wird dabei nicht so ganz klar, was denn nun eigentlich sein Anliegen ist. Ja, das ist „schonungslose Gesellschaftskritik“, bissig und erbarmungslos, klug und auch bisweilen poetisch, aber sie hat kein festes Ziel.

    Dieses Buch ist wie ein absurdes Theaterstück. Es verwirrt, verstört und schockiert und weigert sich, Stellung zu beziehen. Für mich überschreitet es aber viel zu oft die Grenzen des guten Geschmacks, landet gerne unter der Gürtellinie.
    Ich hätte ihm drei Sterne gegeben für ein Buch, das gut geschrieben ist, nur eben nicht meinen Humor besitzt, würde es nicht zum Ende hin auch noch mit der moralischen Keule ausholen und zuschlagen, dass die Fetzen fliegen.

    „Besetzte Gebiete“ ist ein Buch mit ganz eigenem Charme, das ganz sicher seine Fans finden wird. Für mich ist es in vielerlei Hinsicht zu viel des Guten.

  1. Jude wider Willen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Mai 2021 

    Zuerst wollte ich als Rezensionsüberschrift „enfant terrible goes politics“ nehmen, aber der Autor ist sicherlich seit ewigen Zeiten politisch. Viel politischer als ich. Doch diese englisch-geschredderte Überschrift hätte angezeigt, welche beiden Komponenten im vorliegenden Roman zu erwarten sind. Einerseits ein schlimmes enfant terrible, das den Leser mit Igittsexdetails schockt, andererseits gilt es, einen politischen Roman zu entdecken. Der politische Teil ist allerdings verdeckt durch allerhand skurriles Personal, ja, manchmal tief vergraben.

    Wenn man den Roman gut besprechen will und nicht einfach nur „shocking“, „igitt“ schreit und wegrennt, sozusagen (k)eine innere Lese-Emigration stattfindet, dann muss man interpretieren. Und ein jeder Leser und eine jede Leserin wird ihre eigene Interpretation mitbringen, sie über das Buch legen oder sie sogar tatsächlich auf den Romanseiten finden.

    Vordergründig geht die Story so: angesehener Psychiater entschließt sich angesichts einer austherapierten Patientin zu einer ungewöhnlichen Therapieform, wird der Übergriffigkeit beschuldigt, verliert seinen Ruf und seine Approbation und wandert nach Israel aus. Auf Probe, wie Kadoke, unser Psychiater sich vormacht.

    Untergründig haben wir einen Juden, der sich als Nichtjude fühlt und völlig atheistisch lebt, in dessen Familie jüdische Geschichte kein Thema ist, man lebt gemütlich in den Niederlanden, man ist Niederländer von den Zehen bis zum Scheitel. Aber irgendwann in der Vita wird man als Jude, der man eben von Geburt an doch ist, ob man will oder nicht, mit dem Jüdischsein konfrontiert. Jude wider Willen. Nämlich dann, wenn man ein Paria wird. Wo soll man hin als Jude? Nach Israel. Mit anderen Worten, der jüdischen Herkunft kann man auf Dauer nicht entkommen.

    Szenenwechsel. Israel. Eine Siedlung im besetzten Gebiet. Hier wird Israel in Gestalt der Anat, Kadokes Urururgroßcousine, zur Hure. Kadoke spricht es einmal sogar aus. Dass Anat eine Urururgroßcousine ist, kommt nicht von ungefähr. Die jüdische Geschichte hat, wohin man schaut, immer tiefe Wurzeln, die weit weit weit zurückreichen.

    Anat, die ich mit Israel selbst gleichsetze, suhlt sich in der geschichtlichen Opferrolle, indem sie ihren Liebhaber dazu zwingt, beim Sex eine Kopfbedeckung der Nazis zu tragen. Das ist heftig. Das stößt ab. Nicht nur, weil im Zentrum des Romans eine andere, unerträglich sexistische Szene steht und das Frauenbild Grünbergs eventuell zu hinterfragen wäre, sondern auch von seiner politischen Aussage her. Nur ein jüdischstämmiger Schriftsteller darf so etwas schreiben.

    Die Mutter, gleichzusetzen mit den in der USA lebenden jüdischen Gemeinde, schaut penibelst, aber auch voyeuristisch auf das Geschehen, ist aber weit weg und hat keine Ahnung. Die hat nur Anat, also die vor Ort lebende Gemeinschaft. Die sich ganz folgerichtig mit einem Präventivschlag von ihren Verfolgern befreit, echten und vermeintlichen, ganz gleich, was für Opfer dafür erforderlich sind. Man muss das Eigene retten und bewahren. Kollateralschaden ist hinzunehmen.

    Dies ist eine Interpretation. Meine. Das Beste, was ich mir vorstellen kann. Das skurrile Personal lässt einen oft auflachen, zum Beispiel, wenn Kadokes alter, gebrechlicher Vater wieder und wieder den Sohn bittet „mach mich tot“. Aber das Lachen bleibt einem doch im Hals stecken und mündet schließlich in die Conclusio: es ist alles so vergeblich, so marode, es gibt keinen Ausweg, schon gar keine Lösung. Dennoch müssen wir weitermachen mit dem Leben. Einfach Leben. Einfach weitermachen.

    Falls man nicht in eine irgendwie geartete, möglichst politische Interpretation einsteigt, bliebe nur zu sagen, ein abscheulicher Roman. Grotesk. Brutal. Vorführend. „Besetzte Gebiete“ ist ohne literarische oder politische Überhöhung untragbar.

    Es mache sind nun jeder selber ein Bild.

    Fazit: Als politischer Roman gesehen schildert „Besetzte Gebiete“ die jüdische desaströse Situation, spart aber nicht mit Kritik. Das dortige Lebensgefühl ist gut herausgearbeitet, von destruktiv bis unlösbar, deprimierend, dreckig. Aber lebendig! Und nicht totzukriegen: die Existenz Israels ist und bleibt ein Paradoxon.

    Kategorie. Satire. Politischer Roman
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2021

  1. Eine Schussfahrt durchs Horrorkabinett der Absurditäten

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 02. Mai 2021 

    Der, wegen seiner umstrittenen alternativen Therapie, von der Ärztekammer hinausgeworfene Psychiater Kadoke, sieht nach erfolglosen Rehabilitationsversuchen keine Zukunft mehr in Amsterdam und macht sich auf den Weg ins Gelobte Land. Seine letzte Patientin hat ihm sozusagen das Genick gebrochen und ist mit ihrer Geschichte zu einem Schriftsteller gezogen, der sich mit der Veröffentlichung eines Enthüllungsbuches einen Literaturpreis erhoffte.
    Das einzige Opfer dieser Aktion und nun als jüdischer Vergewaltiger gebranntmarkte Kadoke, redet sich kurzentschlossen ein, dass die überraschende Besucherin, eine entfernte Cousine und orthodoxe Anhängerin des Zionismus, doch seine große Liebe sein könnte.
    Mit Sack und Pack und seinem pflegebedürftigen Vater macht er sich auf den Weg zu ihr und landet in einem verdreckten Wohncontainer in der Wüste der von Israel besetzten Gebiete. Misstrauisch wird er dort empfangen und erst als Kadoke behauptet, er sei der Verlobte dieser Cousine, wird er plötzlich zum herbeigebeteten und sehnsüchtig erwarteten Wunder der Gemeinschaft. Doch vor seiner Hochzeit mit der widerwilligen Braut, soll er auf Potenz getestet werden. Schließlich sei es das einzige gottesfürchtige Ziel, zahlreiche Nachkommen zu zeugen.

    Leider, leider verliert sich der Roman nach anfänglichen aufflammenden Antisemitismus und Israel-Debatte, und handelt dieses Thema mit wenigen Sätzen zum Schluss ab: die Ermordung eines Palästinensers im Namen des Jüdischen Glaubens.

    Was dem Leser bis dahin an houellebequescher Überspitzung und Dantes Hölle entsprungenen Charakterzeichnungen der Frauen in Kadokes Umfeld zugemutet wird, lässt bestimmt so manch empfänglichen Geist auf offener Strecke zurück. Da hilft der winkende Zaunpfahl, der von Kadokes allererstem Stolperstein mit den Worten "ein oberflächliches Lesen sei an allem schuld" präsentiert wird, nicht wirklich weiter.

    Mir blieb der Spaß an der zugegeben schönen Sprache und den ersten harmlosen Kalamitäten dann irgendwann im Halse stecken. Darauf konzentriert, herauszubekommen, wie die Protagonisten ticken, was ihre Ziele sind, die sich minütlich zu ändern schienen, dabei die liederlichen Szenen umschiffend, wurde ich zusehends ungeduldiger und ja, vielleicht auch oberflächlicher. Ratlos, irritiert und mit keinerlei Erkenntnissen habe ich das Buch zugeklappt, wenn ich etwas erinnere, dann wohl den gebrechlichen Vater, der sich mit seinem "Mach-mich-tot-Wunsch" als einzige verständliche, aber leider vernachlässigte Komponente in dieser Geschichte entpuppte.

    Grünberg wird in seiner Heimat gefeiert, "Besetzte Gebiete" sei auch ohne seinen Vorgänger "Muttermale" zu lesen, aber mir erschließt sich nicht das Ziel und schon gar nicht der Weg dorthin. Ich bin lost!