Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf

Buchseite und Rezensionen zu 'Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf' von Alfred Döblin
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Ein Klassiker der literarischen Moderne

"Berlin Alexanderplatz" gehört neben dem "Ulysses" von James Joyce und "Manhattan Transfer" von John Dos Passos zu den bedeutendsten Großstadtromanen der Weltliteratur. Erstmals 1929 im S. Fischer Verlag erschienen, erzählt der Roman die bewegende Geschichte des Franz Biberkopf, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in einen Strudel aus Verrat und Verbrechen gerät. Darüber hinaus aber erzählt der Roman auch vom Berlin der zwanziger Jahre und findet zum ersten Mal in der deutschen Literatur eine eigene, ganz neue Sprache für das Tempo der Stadt.

Mit einem Nachwort von Moritz Baßler und Melanie Horn

Format:Taschenbuch
Seiten:560
EAN:9783596904587

Rezensionen zu "Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jan 2020 

    Großstadtdschungel und Lebensbild

    Eine Herausforderung aufgrund des asynchronen Erzählstils, der Verknüpfung verschiedener Parallelwelten, der Einarbeitung von aktuellen Zeitgeschehnissen (Versammlungen, Fahrplan/Wetter/Auslagen), Zitaten von Goethe/Schiller etc., Vergleiche mit Götterbildnissen, Einarbeitung von Kulturgut des 19./20. JHs (Kinderlieder, Zählreime, Schlager), konkrete Darstellungen der damaligen Lebensverhältnisse, dezidierte Orts - und Zustandsbeschreibungen der Großstadt Berlins und des dortigen Lebens, verknüpft mit dem Schicksal des in diesem Sumpf strauchelnden Franz Biberkopf; kurzum ein Feuerwerk alles in Allem, das trifft es wohl am besten.

    Es zu lesen ist nicht einfach, zu kompliziert die Darstellung unseres Charakters Franz Biberkopf, seine Gedanken gemischt mit seinen tatsächlichen Handlungen und diese wiederum mit dem einflussnehmenden Erzähler, der ausruft, mitteilt, anprangert, hinweist. Man möchte meinen, es ist ein armer Tropf, dieser vom Leben gebeutelte Protagonist, der aus dem Gefängnis entlassen, in die dunkle, triste Welt Berlins der schwermütigen 20 ger Jahre geschubst, ohne Geld, Können, Perspektive, aber mit enorm großen Selbstbewußtsein...
    "... man muß sich abfinden. Man soll sich nicht dicke tun mit seinem Schicksal."

    Der Leser erkennt gut, das vom Ersten Weltkrieg schwer gebeutelte Volk, den kleinen Mann und seine Perspektivlosigkeit, die Schwermut, die schwierigen Lebensverhältnisse, der strake Zynismus der Berliner/des Volkes diesen schwierigen Lebensvoraussetzungen zu begegnen... Diese Nachkriegsjahre waren stark geprägt von gedrückter Stimmung, Wut auf die Regierung und Desillusion, ja gar Resignation. Man sah nicht den Sinn, sondern vor allem die Sinnlosigkeit des Abstrampelns im Sumpf der 20ger Jahre, in dem ein Aufrappeln, trotz all des Fleißes und aller Bemühungen kaum aussichtsreich bzw. möglich schien. Kurz um, all dies zeigt uns Berlin Alexanderplatz in seiner vollen Wucht, ein Potpourri an Gesellschaftskritik, Zeichnung von Lebensentwürfen und Zustandsbeschreibung der Nachkriegsgeneration, des deutschen Volkes in den 20ger Jahren. Wie ein Puzzle fügt Döblin all dies geschickt zusammen.

    Und nein, Franz Biberkopf konnte mir trotz der Umstände, in die er aufgrund seiner, ja was eigentlich - Dummheit, Naivität, Gleichgültigkeit, Angst vorm Versagen, schlechter Startbedingungen, seines trotz alledem übersteigerten Selbstbewußtseins - nicht leid tun. Genug Grips als Zuhälter zu fungieren, Gewalt auszuüben und eben eingenommenes Geld zu versaufen, hatte er immerhin, eingebettet in dieses allgemeine destruktive Lebensgefühl wohl aber irgendwie nachvollziehbar...

    " Der Mensch ist seines Lebens froh, gewöhnlich nur als Embryo ! (Goethe) ... Da ist der gute Vater Staat, er gängelt dich von früh bis spat..."

    Dass dies alles, trotz seiner nunmehr körperlichen Versehrtheit, einen guten Ausgang nimmt, da er im Mordprozess redlich aussagt und letztlich Hilfsportier in einer Fabrik wird und so über die Möglichkeit eines festen Einkommens verfügt, sowie der damit verbundenen Perspektive, fortan redlich zu leben, stimmt geradezu froh nach diesem Feuerwerk.
    " Das muß man nicht als Schicksal verehren, man muß es ansehen, anfassen, zerstören. Wach sein, Augen aufgepasst... Biberkopf ist ein kleiner Arbeiter. Wir wissen was wir wissen, wir habens teuer bezahlen müssen."

    Und schon lässt das Marschieren und das Fahnenschwenken im Großstadtdschungel Berlin erneut erahnen, dass das deutsche Volk direkt in den nächsten- wir wissen es- "Schlamassel" rein schliddert, zu groß die Sehnsucht nach Wohlstand und Ende der Perspektivlosigkeit, des Abstrampeln... Ja, auch da immer noch und schon wieder, gefährliche Parallelen zum Hier und Jetzt.

    Fazit: Wer Einblick möchte in ddas wie und warum des destruktiven Lebensgefühl der Bevölkeurng der 20ger Jahre und den sich darus ergebenden Entwicklungen, unbedingt lesen. Fünf Sterne!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Aug 2019 

    Sensationelles Gesamtkunstwerk

    „Der Krieg hört nicht uff, solange man lebt, die Hauptsache ist, dass man uff die Beene steht.“ (S. 451)

    Klas-si-ker, der – laut Duden etwas, das „zeitlos“ ist. Nun, regelmäßige Leser*innen meiner Rezensionen wissen ob meiner Affinität zu eben solch (literarischem) Stoff.

    In einer bemerkenswerten Leserunde haben wir „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin gelesen bzw. gehört, seziert, wieder zusammengesetzt und für „klassikerwürdig“ befunden. Der Großteil der Mitleserinnen und –leser war bzw. ist sich auch einig, dass man die Aussage Döblins, dass Buch zweimal oder dreimal zu lesen, durchaus ernst nehmen sollte – zu vielschichtig ist dieses Werk, um alle Einzelheiten der (Kern-)Geschichte oder der enthaltenen Versatzstücke (Döblin selbst nennt es „Montagestil“), bereits beim „Erstkontakt“ zu erfassen und sie in Zusammenhang mit dem unabwendbaren „Tod“ und der „Auferstehung“ von Franz Biberkopf zu bringen.

    Franz Biberkopf ist ein Loser – er steht auf der „falschen“ Seite der Gesellschaft in einer Zeit, die im Umbruch begriffen ist und einige Jahre später völlig darniederliegen wird; er fällt hin, steht wieder auf, lässt sich aber immer wieder auf Leute ein, die ihm nicht guttun und es muss (natürlich) erst zum Äußersten kommen, bevor es nach einem grandios in Szene gesetzten Zwiegespräch zwischen seinem Innersten und dem Tod zu einer Auferstehung seines „geläuterten“ Selbst kommt. Wir haben es hier also nicht nur mit einem Opfer, sondern auch mit einem Täter zu tun – alleine das macht einen Teil der Sympathie für die Figur des Franz Biberkopf aus.

    Alfred Döblin fordert seine Leserschaft hinaus. Nicht nur mit der allgegenwärtigen „Berliner Schnauze“ (okay, einen Großstadtroman, der in Berlin spielt mit Plattdeutsch auszustatten, würde auch etwas komisch anmuten *g*), sondern auch mit der bereits genannten Melange aus Zeitungsartikeln, Liedern, Werbeprospekten usw. – ein buntes Kaleidoskop, dass brillant das Berliner Leben Ende der 1920er Jahre vor das geistige Auge des „Betrachters“ wirft. Man hat wirklich das Gefühl, Berliner Luft zu „atmen“ und die Straßenarbeiter auf dem Alexanderplatz, die Zeitungs- und Obstverkäufer, die Schurken und die Damen der Straße bei ihrer jeweiligen Arbeit oder Tätigkeit live zu begleiten. Selten habe ich etwas Authentischeres gelesen.

    Die Kombination aus der fiktiven Figur Franz Biberkopf und dem echten Leben in Berlin funktioniert also auch heute (90 Jahre nach der Erstveröffentlichung) immer noch erstaunlich gut und dürfte es auch noch im nächsten Jahrzehnt, Jahrhundert…tun.

    Mehr muss und will ich gar nicht zu diesem Gesamtkunstwerk sagen.