Babettes Gastmahl

Buchseite und Rezensionen zu 'Babettes Gastmahl' von Tania Blixen
5
5 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Babettes Gastmahl"

Die Französin Babette hat es ins norwegische Dörfchen Berlevaag verschlagen, wo sie jahrein, jahraus ihren Dienst im Haushalt der Pfarrerstöchter Philippa und Martine tut. Dabei ahnen ihre Herrinnen nicht, welches Talent in ihr schlummert: Menschen mit ihren Kochkünsten glücklich zu machen. Babette war ehemals die gefeierte Meisterköchin eines Gourmettempels, des Pariser «Café Anglais». Doch für Schwelgereien und sublime Genüsse scheint im hohen pietistischen Norden niemand einen Sinn zu haben. Bis Babette eines Tages in der Lotterie gewinnt und die Damen samt Gästeschar zu einem echt französischen Festmahl lädt. Und endlich kann sie zur Überraschung aller beweisen, dass auch Norweger nicht vom Knäckebrot allein leben. Jenseits der realistischen Lesart offenbart Blixens Erzählung eine parabelhafte Botschaft: die der Befreiung des Menschen aus schicksalhaften Zwängen durch die Kunst. «Babettes Gastmahl» liest sich als eine alle Sinne ansprechende Feier kultivierten Genießens. Ulrich Sonnenbergs meisterliche Neuübersetzung, die erste seit vielen Jahrzehnten und aus dem dänischen Originaltext, haucht dem zeitlosen Werk neues Leben ein. Die ideale Gelegenheit, Blixens bezauberndes Geschichte um eine französische Meisterköchin neu kennenzulernen!

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:120
EAN:9783717560012

Rezensionen zu "Babettes Gastmahl"

  1. Genussvoll lesen

    Norwegen in den Jahren ab 1870: Hoch im Norden, in einem kleinen Dorf leben die Schwestern Martine und Philippa. Ihr Vater war Probst und schon seit einigen Jahren verstorben. Die Dorfgemeinschaft ist religiös und irdischen Genüssen nicht zugetan. Eines Tages steht die Französin Babette vor der Tür der Schwestern. Geflohen aus dem revolutionären Frankreich bietet sie ihre Dienste als Köchin an. Fünfzehn Jahre vergehen, da gewinnt Babette in der Lotterie. Doch anstatt ihren neu erlangten Reichtum für sich zu verwenden, richtet Babette anlässlich des 100. Geburtstages des seligen Probstes ein Gastmahl für ihre Dienstgeberinnen und die Gemeindebewohner aus.

    Babettes Gastmahl ist eine Erzählung der dänischen Schriftstellerin Tania (Karen) Blixen, hinlänglich bekannt durch ihren Roman Jenseits von Afrika, und ist erstmals 1958 erschienen. Der Manesse Verlag hat diese wunderbare Geschichte - aus dem Dänischen übersetzt und kommentiert von Ulrich Sonnenberg - nun neu aufgelegt. Es ist eine hochwertige Ausgabe, leinengebunden, auf dem Cover ein Ausschnitt des Gemäldes „Hipp, hipp, hurra!“ von Peder Severin Kroyer. Schon allein deswegen ist das Buch ein optischer und haptischer Leckerbissen.

    Tania Blixens Sprache ist geschliffen, lässt immer wieder feinen spöttischen Humor durchblitzen. Vordergründig las ich erst einmal eine Geschichte über eine Gemeinschaft, die bibeltreu und weltentrückt in Abgeschiedenheit lebt. Ganz wichtig und erhellend ist das Nachwort von Erik Fosnes Hansen. Der Norweger ist nicht nur selbst Schriftsteller, sondern auch Gastro- und Literaturkritiker und vereint damit sämtliche Skills, Tania Blixens Erzählung zu interpretieren.

    Ich las die Geschichte ein zweites Mal, und da war es: Kunst, große Kunst.

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  1. Ein opulentes Mahl in schöner Verpackung

    Tania Blixen ist den meisten wohl hauptsächlich für ihren Roman „Jenseits von Afrika“ bekannt. Allerdings gehen auch eine Reihe von Erzählungen „auf ihre Kappe“.

    Eine davon hört auf den Namen „Babettes Gastmahl“ und wurde jetzt vom Manesse-Verlag in einer wunderschön gestalteten Hardcover-Ausgabe mit umfangreichem Nachwort von Erik Fosnes Hansen veröffentlicht. Die Übersetzung aus dem dänischen Original und die Anmerkungen stammen von Ulrich Sonnenberg.

    In der nur gut 60 Seiten umfassenden Erzählung lernen die Leserinnen und Leser die Schwestern Martine und Philippa kennen, die in der norwegischen Abgeschiedenheit ein frommes und enthaltsames Provinzleben fristen und gegen jedwede Annäherungsversuche junger Männer „immun“ sind. Und trotzdem spielen die abgewiesenen Verehrer noch eine Rolle…

    Denn in einer stürmischen Nacht 16 Jahre später steht auf einmal Babette vor dem Haus der Schwestern mit einem Brief von Philippa´s damaligem Verehrer in der Hand. Babette ist aus Frankreich geflohen.
    Als Haushälterin leistet sie den beiden von nun an gute und bescheidene Dienste. Als sie in einer Lotterie 10.000 Franc gewinnt, nutzt sie die Gelegenheit und zeigt den Schwestern und dem Rest des Dorfes, was wirklich in ihr steckt.

    Akribisch werden die Leserinnen und Leser nun Zeuge der Vorbereitungen sowie der Durchführung von „Babettes Gastmahl“, dass zu Ehren des 100. Geburtstages des Probstes ausgerichtet wird und von den Dorfbewohnern durchaus kritisch beäugt wird.

    Es würde ein Stück weit die Stimmung dieser wunderschönen und meist mit dezent ironischem Unterton versehenen Erzählung nehmen, wenn ich jetzt weiter auf den Inhalt eingehe.

    Erwähnt seien noch die durchaus interessanten Anmerkungen sowie die vertiefende Analyse der Erzählung von Erik Fosnes Hansen. Egal, wann man diese Schmuckausgabe in die Hände nimmt: man wird immer wieder Feinheiten entdecken, die einem möglicherweise vorher entgangen sind.

    Wer seine eigene Bibliothek mit dieser wunderschönen Ausgabe erweitern will oder einem anderen Bibliophilen eine Freude machen will, dem sei diese Erzählung wärmstens ans Herz gelegt.

    5* und eine absolute Leseempfehlung

    ©kingofmusic

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  1. Eine vollkommene Novelle

    1937 erschien mit "Afrika, dunkel lockende Welt" der bekannteste Roman von Tania Blixen (1885 – 1962), verfilmt 1985 unter dem Titel "Jenseits von Afrika" mit Meryl Streep, Robert Redford und Klaus Maria Brandauer, stark angelehnt an ihre Jahre als Kaffeefarmerin in Kenia 1914 bis 1931 und mit einem Oscar prämiert. Ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichnet wurde die Verfilmung von Tania Blixens später und bekanntester Novelle "Babettes Fest" aus dem Jahr 1987. Der Manesse Verlag hat diese Erzählung nun erstmals in ihrer vollständigen Fassung von 1958 aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg übersetzen und kommentieren lassen. Wie man dem ebenso informativen wie unterhaltsamen, 37 Seiten umfassenden Nachwort von Erik Fosnes Hansen entnimmt, ist diese spätere Version „der deutlich reichere, opulentere und weitaus vollkommenere Text“ (S. 78) im Vergleich zu dem bisherigen deutschen Ausgaben zugrundeliegenden englischsprachigen Text aus dem US-amerikanischen Ladies‘ Home Journal von 1950. Die wunderschöne Leinenausgabe mit schwarzer Fadenheftung, Lesebändchen und entzückenden Kapitelzählungen mit aus Essbesteck geformten römischen Ziffern heißt nun wesentlich passender Babettes Gastmahl.

    Stockfisch statt Haute Cuisine
    Mit "Babettes Gastmahl" führt uns die Dänin Tania Blixen in die nordnorwegische Finnmark ins Fischerdorf Berlevaag. Die dortige sehr fromme pietistische Gemeinde hat sich ganz der Genügsamkeit verschrieben. Martine und Philippa, die beiden einst sehr schönen Töchter des Propstes und Gründers der strengen Bewegung, haben in ihrer Jugend zwei wohlmeinende Bewerber abgewiesen. Einer von ihnen, der Pariser Sänger Achille Papin, schickt den beiden inzwischen vaterlosen Frauen 16 Jahre nach seiner glücklosen Werbung im Juni 1871 die Köchin Babette. Bis zu ihrem Engagement als Kommunardin im französischen Bürgerkrieg war sie gefeierte Küchenchefin im besten Restaurant von Paris, ihre Gäste und Bewunderer die von ihr bekämpfte aristokratische Klasse.

    Martine und Philippa gewähren der Papistin nicht ohne ein gewisses inneres Beben Asyl und Babette akzeptiert dankbar ihr neues Los: die Zubereitung von Stockfisch und Brotsuppe.

    Einmal noch richtig kochen
    Nach 14 Jahren als treue Haushälterin der frommen Tugendschwestern ereignet sich 1885 etwas Ungeheuerliches: Babette gewinnt 10.000 Francs in der französischen Lotterie und äußert erstmals einen Wunsch. Sie möchte zum bevorstehenden 100. Geburtstag des verstorbenen Probstes die Gemeinde bekochen – mit ihrem eigenen Geld und auf ihre ganz eigene Weise. Zögernd willigen die Schwestern ein und noch einmal kann Babette ihre gesammelten Kochkünste entfalten. Doch angesichts der unerhörten Fülle exotischer Speisen und Getränken weiß nur einer der zwölf Gäste ihr Künstlertum zu schätzen: Martines abgewiesener und zufällig in Berlevaag weilender Bewerber General Löwenhielm, der Babette aus ihrer Glanzzeit im Café Anglais kennt.

    Jedes Wort und jede Szene sitzen in Tania Blixens vorzüglicher, märchenhaft-magisch anmutender Novelle am richtigen Platz, religiöse Genügsamkeit und weltliche Verschwendung prallen aufeinander und Babettes Dilemma macht sie zur tragischen Figur: Sie selbst hat zur Vertreibung der Menschen aus Paris beigetragen, die allein ihr Künstlertum wertschätzten. Der Lotteriegewinn versetzt sie in die Lage, noch einmal ihre Meisterschaft unter Beweis zu stellen, besonders für sich selbst:

    "Es ist fürchterlich für einen Künstler, für sein Zweitbestes Beifall zu bekommen. […] Durch die Welt geht ein langer Schrei aus dem Herzen der Künstler: Gebt mir die Erlaubnis, gebt mir die Gelegenheit, mein Allerbestes zu liefern." (S. 66)

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  1. Eine fantastische Künstlererzählung

    „Vor fünfundsechzig Jahren lebten in einem der kleinen gelben Häuser zwei Schwestern, die ihre Jugend längst hinter sich gelassen hatten.“ (S. 5) Ihre Namen waren Martine und Philippa. Sie lebten weit oben auf einem engen Fjord im Norden Norwegens. Ihr Vater war Probst und stand einer kleinen, streng kirchlichen Gemeinschaft vor, die sich zum einfachen, gottesfürchtigen Leben verpflichtet hatte und allen irdischen Freuden entsagte. Nach diesem Vorbild lebten die beiden Schwestern auch nach dem Tod ihres Vaters. Sie versuchten, seinen Geist in der Gemeinde fortleben zu lassen, indem sie ihren Nächsten Gutes taten und Gottes Wort verkündeten. In ihrer Jugend waren Martine und Philippa außerordentliche Schönheiten gewesen. Jede von ihnen hatte einen Verehrer und mit ihm die Chance, den unwirtlichen Ort am Ende der Welt zu verlassen. Die Männer wurden jedoch abgewiesen, nicht ohne ihr Leben lang von den beiden Schönheiten zu träumen und sich von ihnen nachhaltig beseelt zu fühlen.

    Eines Tages kommt eine Fremde, Babette Hersant, an den unwirtlichen Ort. Offenbar kämpfte sie in Paris während des Bürgerkrieges gegen die Kommunarden, verlor ihre Familie und musste fliehen. Die Schwestern nehmen sich ihrer an, Babette darf künftig den Haushalt führen und das Essen zubereiten. „Sie war als Bettlerin verkleidet gekommen, doch sie erwies sich als Eroberin. Ihr energetischer, durchdringender Blick hatte eine magnetische Kraft, unter dem alles bereitwillig und geräuschlos seinen rechten Platz einnahm.“ (S. 22) Babette erweist sich in mehrfacher Weise als Segen. Die beiden Schwestern haben nun mehr Zeit sich um die Seelsorge zu kümmern. Es entsteht ein harmonisches Einvernehmen im Hause. Das gerät in Unruhe, als Babette 10.000 Francs in der Pariser Lotterie gewinnt. Die Schwestern befürchten, dass die junge Frau nun ein neues Leben beginnen wird. Zunächst äußert Babette aber nur den Wunsch, anlässlich des 100. Geburtstages des Probstes ein festliches Abendessen auszurichten. Die Schwestern tun sich zunächst aufgrund ihrer asketischen Grundsätze schwer, lenken dann aber ein. Babette stürzt sich in die Vorbereitungen, besorgt allerhand exotische Zutaten, so dass die Schwestern das Gefühl bekommen, „in ihrem Haus einen Hexensabbat zu veranstalten“.

    Die würdigsten Personen aus dem Ort werden geladen. Auch einer der abgewiesenen Verehrer kommt in Begleitung seiner Mutter. Er ist der einzige, der die Qualität der angebotenen Speisen und Getränke zu würdigen weiß. Bei allen Gästen hinterlässt der außergewöhnliche Genuss Spuren, auch wenn sich zuvor darauf geeinigt wurde, nicht darüber zu sprechen. Babette fühlt sich als kochende Künstlerin in ihrem Element. Der Abend bildet Höhe- und Schlusspunkt der Erzählung.

    Die Erzählung, die 1950 erschien, umfasst rund 62 Seiten in 12 kurzen Kapiteln. Die vorliegende Ausgabe wurde erstmalig aus der von Blixen ergänzten und überarbeiteten dänischen Fassung übersetzt, die „der deutlich reichere, opulentere und weitaus vollkommenere Text“ (vgl. S.  78) sein soll. Tania Blixen versteht es, den Leser schon in wenigen Sätzen in die karge Welt dieses entlegenen Ortes einzuführen. Sie skizziert Schauplatz und Figuren mit leichter Hand und Detailfreude. Schnell findet man sich ein, lernt den Ort, die Protagonistinnen und ihre Vergangenheit kennen. Glaube, Verzicht, Demut und Nächstenliebe spielen eine große Rolle für die Inselbewohner. Mit der fremden Babette kommt die Welt in den Ort. Die Sprache bezaubert. Sie klingt leicht altertümlich, variiert im Ton, mal sachlich, ironisch oder mit leichtem Humor gewürzt. Aber immer gut verständlich und den Menschen zugeneigt. Manche Szenen nehmen märchenhafte Züge an, haben eine magische Note. Die Erzählung stellt das Zwischenmenschliche in den Fokus, zeigt Empathie und Gefühl. Höhepunkt ist das Gastmahl, bei dem sich Babette als das zu erkennen gibt, was sie ist, was sie kann und was sie ausmacht: eine begnadete Köchin. In dem Zusammenhang wird auf die großen Fragen des Lebens Bezug genommen. Man kann trefflich über den Text nachdenken, er entfaltet seine Güte mit jeder Lektüre neu. Als sehr hilfreich habe ich das umfangreiche Nachwort von Erik Fosnes Hansen empfunden, der als Norweger und Gourmet einiges an Zusatzinformationen liefert und auch zur aktuellen Tendenz, Klassiker im Sinne der Moderne zu zensieren, Stellung bezieht. Natürlich fehlt auch nicht die Einordnung der Erzählung in Leben und Werk der Autorin. Die Anmerkungen zum Text umfassen lediglich 6 Seiten, sind jedoch eine wichtige Hilfestellung für all jene, die nicht jeden biblischen Bezug von allein erkennen. Anmerkungen und Nachwort runden den kleinen Band wunderbar ab.

    Mit dieser wunderschönen, in farbiges Leinen gebundenen und fadengehefteten Ausgabe hat der Manesse-Verlag wieder einmal einen einzigartigen Leckerbissen für jeden bibliophilen Leser kreiert. Ich bin immer aufs Neue dankbar für diese wunderschönen, hochwertigen Auflagen. Man kann diesen Klassiker der Weltliteratur nur uneingeschränkt empfehlen. Hier stimmen innere und äußere Werte vortrefflich überein. Unbedingt lesen (oder auch verschenken)!

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  1. 5
    24. Mär 2022 

    Was wirklich zählt!

    Tania Blixen, die dänische Schriftstellerin, die uns Leser vor allem in die Welt Afrikas entführt hat, hat mit „Babettes Gastmahl“ auch eine relativ kleine Erzählung geschrieben, die uns weit in den europäischen Norden bringt. Dort leben zwei Schwestern, Töchter eines Dorfgeistlichen, die auch nach dessen Tod ganz im Geiste der Lehren des Vaters leben und sich an einer protestantischen Kargheit orientieren. Damit passen sie hervorragend in die karge Landschaft Nordnorwegens, wo die Natur sich nur mit Mühe gegen die Unwirtlichkeit von Kälte und Dunkelheit durchzusetzen versteht.
    Die Dorfgemeinschaft und alte Gemeinde des Vaters lebt ebenfalls im Geiste dieser Lebensphilosophie und so ist das gesamte Dorf vollkommen rein von jeglichem Denken an Freuden, die sich in irgendeiner Weise auf auch nur die kleinste Art von Luxus stützen könnten.
    Die Schwestern, ausgewählte Schönheiten, erhalten beide einmal in ihrem Leben die Möglichkeit, aus diesem Leben auszubrechen. Diese Möglichkeiten werden ihnen gewährt in Form von männlichen Verehrern, die von außerhalb der Dorfgemeinschaft stammen und auch deutlich einen abweichenden, freieren und freudbetonteren Lebensentwurf repräsentieren. Doch beide Möglichkeiten werden verschmäht. Die Schwestern ziehen eine Fortsetzung ihres bisherigen Lebens voll tiefer Loyalität zu Vater und Gott vor.
    Dann steht eines Tages Babette vor ihrer Tür, ein politischer Flüchtling aus Paris, den die Schwestern klaglos aufnehmen. Viele Jahre lebt Babette in ihrem Haus als eine Art Haushälterin, kocht für sie die kargen Mahlzeiten, die die norwegische Natur und der traditionelle Speiseplan der Schwestern zu bieten haben und lässt ihre Vergangenheit ganz hinter sich.
    Doch als sie nach vielen Jahren plötzlich durch einen Lotteriegewinn in den Besitz von einigen Tausend Francs kommt, brechen in ihr Bedürfnisse und Träume aus der Vergangenheit hervor. Sie bricht die Kargheit der Dorfgemeinschaft auf, indem sie das Können ihres vergangenen Lebens, aus dem sie fliehen musste, noch einmal aufblitzen lässt. Sie richtet ein Gastmahl für die Dorfgemeinschaft aus, zu dem sie den Speiseplan der Schwestern beiseitelegt und sich ganz daran orientiert, was sie in ihrem früheren Leben für kunstvolle Speisenarrangements hervorzaubern konnte. Die Luxuswelt eines Pariser Gourmetrestaurants zieht für einen Abend in die Bauernkate der Schwestern ein. Und lässt Gäste und Schwestern beseelt zurück.
    Babette hat für die Ausrichtung dieses Gastmahls ihren gesamten Lotteriegewinn verwendet, ist vollkommen erschöpft, aber glücklich und zufrieden mit dem Geleisteten und bereut in keiner Weise, dass ihr die Rückkehr in ihre Heimat, nach Paris, durch diese „Verschwendung“ nun doch nicht mehr offensteht.
    Blixen erzählt diese Geschichte mit eindringlichen und verständlich gemachten Charakteren in einer nur ca. 60 Seiten umfassenden Erzählung. Sie zeigt gerade in der Knappheit die große Güte ihrer präzisen Sprache, Charakter- und Situationszeichnung. Es ist kein Wunder, dass diese kleine Erzählung zum Stoff eines der erfolgreichsten Filme des europäischen Kinos geworden ist. Das Gastmahl spitzt die Frage in vielen der Charaktere zu: Was ist wirklich wichtig im Leben? Und stellt damit eine der, wenn nicht gar die elementare Frage des menschlichen Lebens auf eine ungemein anschauliche und bewegende Weise. Die Erzählung wird so zu einem Stück Weltliteratur, die der Manesse-Verlag jetzt in einer wunderschönen Ausgabe neu herausgegeben hat und die wir in einer Leserunde lesen durften. Enttäuscht hat mich dabei nur etwas das Nachwort von Erik Fosnes Hansen, dem gerade das knappe Präzise von Blixen fehlt, und der oftmals in meinen Augen zu ausschweifend und geradezu selbstverliebt versucht, dem Leser seine Gedanken zur Erzählung nahezubringen. Ich hätte mir gewünscht, er könnte das mit dem sprachlichen Können von Blixen, muss aber feststellen, dass seine guten, richtigen, hilfreichen Gedanken leider eben nicht präzise daherkommen, sondern sich in einem Schwall von Wortergüssen zum eigenen Ich deutlich ihrer Kraft berauben.
    Aber das ändert natürlich gar nichts an einer 5 Sterne-Bewertung für dieses Stück Weltliteratur!

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  1. 5
    23. Mär 2022 

    Literarisches Kleinod

    Nur allein dieses Buch in Händen zu halten ist eine Freude. In Leinen gebunden, den Umschlag ziert ein Ausschnitt eines Gemäldes des norwegisch-dänischen Malers Peder Severin Kroyer und mit einem Lesebändchen versehen - das alles spricht für die gewohnte Qualität des Manesse - Verlags und beglückt das Herz eines jeden bibliophilen Lesers.
    Auch erhält man hier zum ersten Mal die Übersetzung ( von Ulrich Sonnenberg ) aus dem dänischen Original. Denn Tania Blixen hat diese Erzählung 1950 erstmals auf Englisch verfasst und in einer amerikanischen Zeitschrift veröffentlicht. Acht Jahre später publizierte sie ihre Geschichte auf dänisch. Die zweite Fassung weicht in vielen Formulierungen von der englischen Version ab; sie ist ausführlicher und genauer. ( Zum Vergleich hatte ich einen Band mit Erzählungen von Tania Blixen aus der Deutschen Verlags-Anstalt.)
    Was sofort ins Auge fällt ist der geänderte Titel. Hieß es früher „ Babettes Fest“, so heißt es nun „ Babettes Gastmahl“. Ein Fest kann vieles sein: Party, Volksfest usw. Ein Gastmahl steht für eine festliche Mahlzeit mit Gästen. Das klingt feierlicher und legt das Gewicht auf das gemeinsame Essen.
    Schauplatz ist ein kleiner Fischerort namens Berlevaag, gelegen an einem Fjord im hohen Norden Norwegens. Hier leben die beiden Schwestern Martine und Philippa, benannt nach Martin Luther und dessen Freund Philipp Melanchthon. Ihr Vater war Probst und Gründer einer pietistischen Sekte, die weltliche Genüsse ablehnt und ihr bescheidenes Leben auf das Jenseits ausrichtet.
    Beide Töchter waren in ihrer Jugend außergewöhnlich hübsch, „ überirdisch“, und so blieben die Verehrer auch nicht aus. Ein junger Offizier, Lorens Löwenhielm, fand Gefallen an Martine und der große Sänger Achille Papin aus Paris war ganz verzaubert von Philippa und deren Stimme. Doch beide Bewerber hatten kein Glück.
    Im Jahr 1871 steht in einer Regennacht eine verzweifelte Frau vor der Tür der beiden Schwestern. Babette, eine Französin, die am Aufstand der Pariser Kommune beteiligt war und dabei ihren Mann und ihren Sohn verloren hatte. Papin, der frühere Bewerber, bittet um Schutz für sie und erwähnt beiläufig, sie könne kochen.
    Obwohl Babette eine Papistin ist, nehmen die Schwestern sie auf. Sie erklären ihr, wie man Stockfisch und Brotsuppe zubereitet und haben nun mehr Zeit, sich um ihre Brüder und Schwestern in der Gemeinde zu kümmern.
    Vierzehn Jahre sind vergangen. Babette hat sich eingefügt und angepasst, blieb aber immer etwas distanziert. Von ihrer Vergangenheit erzählte sie wenig.
    Nun steht der hundertste Geburtstag des verstorbenen Probstes an und seine Töchter wollen den Tag feierlich begehen. Dann gewinnt Babette in der Lotterie: zehntausend Francs. Martine und Philippa fürchten nun, dass Babette sie verlassen und mit dem Geld nach Frankreich zurückkehren wird. Doch nein, diese hat ganz ändere Pläne. Sie will stattdessen ein Festmahl anlässlich des Geburtstags ausrichten, „ ein original französisches Abendessen“. Sie lässt dafür die erlesensten Weine und die allerbesten Zutaten aus Paris kommen, Geld dafür hat sie ja.
    Den Schwestern ist ihr Treiben unheimlich und sie bitten die geladenen Mitglieder der Gemeinde beim Essen kein Wort über die Speisen zu verlieren.
    Alle halten sich an die Abmachung, einzig General Löwenhielm, der auch zu Tische sitzt, kann nicht begreifen, welche Köstlichkeiten er hier vorgesetzt bekommt. So gut gespeist hat er nur einmal, im berühmten „ Café Anglais“ in Paris.
    Gleich mit den ersten Sätzen war ich gefangen; gefangen von der Sprache und der Art des Erzählens. Tania Blixen versteht es, Figuren, Landschaften und Stimmungen plastisch zu beschreiben. Dazu kommt ihr feiner Humor. Mit leicht ironischer Distanz blickt die Autorin auf das Treiben, dabei bleibt ihr Blick trotzdem liebevoll und voller Empathie.
    Der Aufbau ist vorbildlich. Jede Episode, jede Figur hat ihre Funktion, manche Sätze erhalten ihre volle Bedeutung erst im Verlauf der Erzählung. So haben z.B. die beiden Verehrer zu Beginn der Geschichte Jahre oder Jahrzehnte später ihren zweiten Auftritt: Papin in Form eines Empfehlungsschreibens und Lorens Löwenhielm als Gast an Babettes Tafel. Dabei zitiert dieser bei seiner Tischrede Sätze, die früher der Probst ausgesprochen hat: „ Barmherzigkeit und Wahrheit begegnen einander, liebe Brüder,…Gerechtigkeit und Freude sollen sich küssen.“
    Oder der lapidare Schlussatz im Brief Papins „ Babette kann kochen.“ erweist sich erst am Ende als stark untertrieben.
    Tania Blixen stellt hier zwei Welten gegenüber. Die asketische Welt der Gemeinde im äußersten Norden und die Welt der Genüsse im dekadenten Paris. Obwohl die meisten Gäste bei Babettes Gastmahl das wahre Ausmaß ihres Könnens nicht zu schätzen wissen, dies garnicht können, weil ihnen die Vorstellung von Genießen völlig fremd ist, so verlassen sie die Tafel doch verwandelt. ( Religiöse Anspielung an das „ letzte Abendmahl ) Alle sind heiter und gelöst, alte Zwistigkeiten werden begraben. Das gute Essen und der gute Wein haben seinen Zweck erfüllt.
    Und Babette? Warum hat sie ihr ganzes Geld ausgegeben für eine einzige Mahlzeit? Weil sie eine Künstlerin ist auf ihrem Gebiet und noch einmal ihr ganzes Können unter Beweis stellen wollte.
    Denn: „ Durch die Welt geht ein langer Schrei aus dem Herzen der Künstler: Gebt mir die Erlaubnis, gebt mir die Gelegenheit, mein Allerbestes zu liefern.“ Dies ist einer der Schlüsselsätze in der Erzählung.
    Doch braucht sie nicht das richtige Publikum für ihre Kunst? Hätte sie nicht zurückkehren müssen nach Paris, wo die Gäste waren, die ihr Können würdigen? Aber dieses Publikum gibt es nicht mehr. Sie selbst hat auf den Barrikaden für dessen Untergang gekämpft. Denn diese Menschen waren „ böse und grausame Menschen“.
    Es sind viele Themen, die diese knapp 70 Seiten lange Erzählung aufgreift: Religion und Askese, Luxus und Genuss, Flucht und Exil, Künstler und Publikum, gelungenes Leben
    Immer wieder entdeckt man neue Aspekte. Das zeugt von wahrer Literatur.
    Hilfreich für das eigene Verständnis ist das ausführliche und auch literarisch ansprechende Nachwort des Schriftstellers ( und Gourmetkritikers ) Erik Fosnes Hansen. Er bringt uns die Autorin Tania Blixen nahe, ordnet die Erzählung literaturwissenschaftlich ein, erklärt den örtlichen und zeitlichen Hintergrund und interpretiert den Inhalt. ( „Denn diese Geschichte ist nicht realistisch, sie ist allegorisch.“)
    Erwähnenswert sind auch die Anmerkungen, die Bibelzitate, Begriffe und Personen näher erklären.
    „ Babettes Gastmahl“ ist ein literarisches Kleinod, in einer hochwertigen Aufmachung und mit einem bereichernden Nachwort. Ein Dank an den Manesse- Verlag für dieses wunderschöne Buch. Es bestätigt mich in meinem Vorsatz, mehr Klassiker zu lesen.

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  1. 5
    20. Mär 2022 

    Unterschätzt!

    Als die geflüchtete Französin und Kommunardin Babette nach dem Deutsch-Französischem Krieg 1870/71 in der kleinen norwegischen Gemeinde Berlevaag bei Martine und Philippa vor der Tür steht, treffen zwei Welten aufeinander: Babette Hersant kam aus Paris, hatte Mann und Sohn verloren und konnte kochen.

    Martine und Philippa waren Probsttöchter und aus ihrer kleinen Gemeinde nie herausgekommen. Sie führten ein gottgefälliges Leben und hatten in ihrer Jugendzeit die Bewerber um ihre Gunst, Lorens Löwenhielm und den Sänger Archille Papin abgewiesen.

    Archille Papin ist es auch, der Babette zu den 2 Schwestern mit einem Brief geführt hatte. Und sie passt sich an und kocht ihnen den gewünschten Stockfisch und die Brotsuppe.

    Vierzehn Jahre später nutzt Babette den Gewinn bei einer Lotterie in Höhe von 10.000 Franc, um zu Ehren des verstorbenen Probstes zum 100. Geburtstag ein Gastmahl auszurichten. Und es ist ein Vergnügen, ihre Vorbereitungen und dann das Gastmahl mit dem Verhalten aller Gäste zu beobachten.

    Der absolute Höhepunkt ist jedoch die anschließende Unterhaltung zwischen Babette und den Schwestern!

    Diese großartige Erzählung der Schriftstellerin Tania Blixen (auch unter Karen Blixen bekannt), besticht durch ihre exquisiten Beschreibungen, den Aufbau und einen feinen Humor. Es ist eine Neuübersetzung, ergänzt durch wertvolle und erhellende Anmerkungen und einem Nachwort des norwegischen Autors Erik Fosnen Hansen. Wunderschön gestaltet, die römischen Zahlen der Kapitel-Nummerierung z.B. mit Messer, Gabel und Löffel dargestellt und mit Lesebändchen versehen, war dieses schmale Bändchen auch haptisch ein Vergnügen! Volle Punktzahl deshalb von mir!

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  1. 5
    20. Mär 2022 

    Unterschätzt!

    Als die geflüchtete Französin und Kommunardin Babette nach dem Deutsch-Französischem Krieg 1870/71 in der kleinen norwegischen Gemeinde Berlevaag bei Martine und Philippa vor der Tür steht, treffen zwei Welten aufeinander: Babette Hersant kam aus Paris, hatte Mann und Sohn verloren und konnte kochen.

    Martine und Philippa waren Probsttöchter und aus ihrer kleinen Gemeinde nie herausgekommen. Sie führten ein gottgefälliges Leben und hatten in ihrer Jugendzeit die Bewerber um ihre Gunst, Lorens Löwenhielm und den Sänger Archille Papin abgewiesen.

    Archille Papin ist es auch, der Babette zu den 2 Schwestern mit einem Brief geführt hatte. Und sie passt sich an und kocht ihnen den gewünschten Stockfisch und die Brotsuppe.

    Vierzehn Jahre später nutzt Babette den Gewinn bei einer Lotterie in Höhe von 10.000 Franc, um zu Ehren des verstorbenen Probstes zum 100. Geburtstag ein Gastmahl auszurichten. Und es ist ein Vergnügen, ihre Vorbereitungen und dann das Gastmahl mit dem Verhalten aller Gäste zu beobachten.

    Der absolute Höhepunkt ist jedoch die anschließende Unterhaltung zwischen Babette und den Schwestern!

    Diese großartige Erzählung der Schriftstellerin Tania Blixen (auch unter Karen Blixen bekannt), besticht durch ihre exquisiten Beschreibungen, den Aufbau und einen feinen Humor. Es ist eine Neuübersetzung, ergänzt durch wertvolle und erhellende Anmerkungen und einem Nachwort des norwegischen Autors Erik Fosnen Hansen. Wunderschön gestaltet, die römischen Zahlen der Kapitel-Nummerierung z.B. mit Messer, Gabel und Löffel dargestellt und mit Lesebändchen versehen, war dieses schmale Bändchen auch haptisch ein Vergnügen! Volle Punktzahl deshalb von mir!

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