Baba Dunjas letzte Liebe

Buchseite und Rezensionen zu 'Baba Dunjas letzte Liebe' von Alina Bronsky
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

Broschiertes Buch
"Eine große Geschichte von Menschen und ihrem Mut, ihrer Kraft und ihrer Unbeugsamkeit" Christine Westermann

Baba Dunja ist eine Tschernobyl-Heimkehrerin. Wo der Rest der Welt nach dem Reaktorunglück die strahlenden Waldfrüchte fürchtet, baut sie sich mit Gleichgesinnten ein neues Leben auf. Mitten im Niemandsland, wo die Vögel so laut rufen wie nirgends sonst und manchmal ein Toter auf einen Plausch vorbeikommt. Während der sterbenskranke Petrov in der Hängematte Liebesgedichte liest und die Melkerin Marja mit dem fast hundertjährigen Sidorow anbandelt, schreibt Baba Dunja Briefe nach Deutschland, an ihre Tochter. Doch dann kommen Fremde ins Dorf - und die Gemeinschaft steht erneut vor der Auflösung.

Voller Kraft und Poesie, voller Herz und Witz lässt Alina Bronsky eine untergegangene Welt wiederauferstehen und erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, die im hohen Alter ihr selbstbestimmtes Paradies findet.

Format:Taschenbuch
Seiten:160
EAN:9783462050288

Rezensionen zu "Baba Dunjas letzte Liebe"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Apr 2019 

    Alter in Würde und Gelassenheit

    Baba Dunja kehrt im Alter in ihren Heimatort zurück. Tschernowo ist kein beliebiges Dorf, denn es liegt mitten in der ehemaligen Todeszone um den Katastrophenreaktor Tschernobyl. Ihr altes Haus steht noch, so wie sie es verlassen hat. Sie bleibt nicht lange allein um Dorf. Eine kleine Gemeinschaft bildet sich. Es sind alte Menschen, denen das Leben nichts mehr anhaben kann. Baba ist in Haus und Garten umtriebig. Petrow, der zum Sterben nach Tschernowo kam, verbringt seine Tage mit dem Lesen von Gedichten und der bald hundertjährige Sidorow bandelt mit der drallen Marja, Babas Nachbarin an. Eines Tages kommen Fremde ins Dorf und bringen damit das ganze Gefüge beinahe zu Einsturz. Nur der unbändige Mut von Baba Dunja kann die Gemeinschaft retten.
    Baba Dunja hat in ihrem Leben viel erlebt und geleistet, hat zwei Kinder groß gezogen. Der Ehemann war zwar schön aber unzuverlässig. Sie ist mit ihrem Leben, das sie in Tschernowo führen kann, zufrieden. Sie ist eine Alltagsphilosophin spricht viele Weisheiten gelassen aus, ist stark, unbeirrbar und die gute Seele Tschernowos. Als die Fremden ins Dorf kommen, erlebte ich die Handlung ein wenig erzwungen. Eine Zäsur, die zwar für den Fortgang der Geschichte essentiell, aber ein wenig weit hergeholt war. Der Schluss wiederum ist stimmig und versöhnlich. Baba Dunjas letzte Liebe ist ihr Leben daheim, im Heimatort, in ihrem Haus und Garten. Tschernowo dient als Sinnbild für die Selbstbestimmung im Alter und lässt über unser eigenes Leben im Alter nachdenken.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Nov 2017 

    Baba Dunjas letzte Liebe

    Tschernowo ist ein kleines Dorf in der Nähe des Kernreaktors Tschernobyl. Hier lebt niemand freiwillig, sollte man denken. Weit gefehlt. Baba Dunja, eine einfache Frau, bedeutet die Heimat so viel, dass sie dort den Rest ihres Lebens verbringen will. Die Nähe zum Kernreaktor macht ihr nichts aus. Denn sie hat nichts mehr zu verlieren. Sie ist alt, über neunzig, und das Gute für sie am Alter ist, dass sie niemand mehr um Erlaubnis fragen muss. Zum Beispiel, ob sie in ihrem alten Haus wohnen kann und ob sie Spinnennetze hängen lassen darf. Baba Dunja hat alles gesehen und vor nichts mehr Angst. "Der Tod kann kommen, aber bitte höflich." (Seite 12)

    Für sie ist Tschernowo das Paradies, wenn auch ein verstrahltes. Besonders im Winter ist es stiller als still. "Wenn eine Schneedecke über allem liegt, sind sogar die Träume gedämpft, und nur die Dompfaffen springen durch das Gestrüpp und sorgen für Farbe in der weißen Landschaft." (Seite 32)

    Hier läuft das Leben in ruhigen Bahnen ab. Für Baba Dunjas Nachbarin Marja, deren Hahn Konstantin gleich im Kochtopf landet. Sidorow, der noch mit hundert Jahren auf der Suche nach einer Frau ist. Lenotschka, die einen endlos langen Schal strickt und lächelt, wenn man sie anspricht, jedoch nicht antwortet. Das gebildete Ehepaar Gavrilov, das nicht auf Annehmlichkeiten verzichten muss. In Tschernowo verlangt niemand etwas von den Bewohnern. Es zählt das Heute, nicht das Morgen. Die Alten leben von der Selbstversorgung, das Gemüse wächst üppig in ihren Gärten. Nur nicht bei Petrow, der als letzter ein Häuschen im Dorf bezog und der seinen Krebs, von dem sein Körper komplett durchsetzt ist, nicht füttern will. Die Öfen werden mit Holz befeuert, Wasser spenden Brunnen, und an manchen Tagen gibt es auch Strom.

    Baba Dunjas Kontakte zur Außenwelt bestehen aus gelegentlichen Busfahrten nach Malyschi. Dann erzählt ihr Boris, der Busfahrer, was er im Fernsehen gesehen hat. Viel über Politik. Die ist natürlich wichtig, doch Baba Dunja ist da pragmatisch, denn "es bleibt trotzdem immer an einem selbst hängen, die Kartoffeln zu düngen, wenn man irgendwann Püree essen will." (Seite 46)

    Ab und an bekommt Baba Dunja Pakete von ihrer Tochter Irina. Diese ist Ärztin und lebt mit Enkelin Laura in Deutschland. Wenn Baba Dunja daran denkt, dass sie Laura (außer auf Fotos) noch nie gesehen hat, kommt Wehmut auf. Gut, dass gelegentlich Ehemann Jegor vorbeischaut, der aber nicht wirklich stört. Baba Dunja plaudert gern mit ihm. Seit er nämlich tot ist, ist er sehr höflich. Als er noch lebte, war das leider nicht so.

    In die Idylle kommt Unruhe, als eines Tages ein Mann seine Tochter mitbringt. Recht schnell wird klar, dass das Kind als Spielball zwischen den getrennten Eltern steht. Das ist für Baba Dunja unhaltbar. Ein Kind hat in Tschernowo nichts zu suchen. Zwar ist Tschernowo ein schöner und guter Ort für seine Bewohner. Niemand wird fortgejagt. Nur wenn jemand noch jung und gesund ist, sollte er sich ein anderes Heim wählen. Schon gar nicht sollte ein kleines Kind aus Rache dem Tode geweiht werden.

    Und daher dauert es nicht lange, das liegt der Mann tot auf der Erde, und Baba Dunja nimmt alle Schuld auf sich...

    Mit viel Verständnis und Geradlinigkeit lässt Alina Bronsky Baba Dunja erzählen. Die im Grunde kleine Geschichte entfaltet eine große Wirkung. Sie ist poetisch, lebendig, weise und ehrlich, manchmal verschmitzt, dann wieder traurig und anrührend.

    Baba Dunja "strahlt" - im wahrsten Sinne des Wortes - eine Lebensfreude aus, die zu Herzen gehend ist. Mit Klugheit und Nachsicht schaut sie auf ihre Mitmenschen und ist der Mittelpunkt der eigenwilligen, schrulligen, sturen und manchmal auch exzentrischen Dorfbewohner, die trotzdem allesamt liebenswert in ihrer Gelassenheit, mit der sie ihr Dasein verbringen, erscheinen.

    Man möchte sie in den Arm nehmen und fest drücken. Und auf jeden Fall ein langes Leben wünschen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Aug 2017 

    Liebe zur Heimat - trotz Strahlung

    Inhalt
    Baba Dunja ist eine alte Frau, die beschlossen hat, in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückzukehren. Ein Ort, der aufgrund der Strahlenbelastung in der sogenannten Todeszone liegt. Als medizinische Hilfsschwester hat sie es nach dem Super-Gau in Tschernobyl als eine der Letzten verlassen.
    Die nächste Stadt Malyschi ist weit weg und nur mit dem Bus zu erreichen - fast zwei Stunden braucht Baba Dunja inzwischen für den Weg zur Bushaltestelle.

    Nach Baba Dunja sind weitere Alte zurückgekehrt oder haben sich im verlassenen, einsamen Dorf niedergelassen, wie die Melkerin Marja, deren Hahn Konstantin zu Beginn der Handlung stirbt.

    "Das ist die Wahrheit. Marja hat immer mit ihm geredet. Das lässt mich befürchten, dass ich ab jetzt weniger Ruhe haben werde Außer mir braucht jeder Mensch jemanden zum Reden, und Marja ganz besonders. Ich bin ihre nächste Nachbarin, nur der Zaun trennt unsere Grundstücke." (S.8)

    Lauter Einzelgänger leben in Tschernowo ihr Leben, wie der fast 100-jährige Sidorow oder der krebskranke Petrov und die Gavrilovs, die ganz für sich bleiben - und natürlich die Spinnen, die seltsame Netze weben und das Interesse von Wissenschaftlern wecken. Auch die Geister finden ihren Weg zurück in die Heimat - wie Jegor, Baba Dunjas alkoholsüchtiger Mann und der Hahn Konstantin, der auf dem Zaun thront - mit ihnen redet sie.

    Baba Dunjas Kinder haben die Ukraine verlassen, ihre Tochter Irina ist Ärztin bei der Bundeswehr, ihr Sohn lebt in Amerika. Sie schreiben sich Briefe, jeder Brief ist ein Fest für Baba Dunja, doch das Wichtige bleibt ausgespart.

    "Es gab eine Sache, über die wir nicht gesprochen haben. Wenn Dinge besonders wichtig sind, dann redet man nicht über sie. Irina hat eine Tochter, und ich habe eine Enkelin, die einen sehr schönen Namen trägt: Laura." (S.17)

    Laura, inzwischen 17 Jahre, schreibt Baba Dunja sogar einen Brief zurück, allerdings in einer Sprache, die sie nicht lesen kann und so bleibt der Brief unverständlich - um Hilfe bittet sie nicht.

    Statt dessen pflegt sie ihren Garten, Einkaufen kann man nur in der Stadt, Wasser gibt es im Brunnen und Elektrizität ist sogar vorhanden. Ein Ort, an dem die Zeit still zu stehen scheint und die radioaktive Strahlung unsichtbar bleibt.

    Doch die Ruhe und vermeintliche Idylle wird von einem Vater gestört, der seine Tochter in die Todeszone bringt, um seine Frau zu erpressen. Welcher Vater ist dazu in der Lage? Baba Dunja muss einschreiten und dann ereignet sich ein Unglück, das alle Dorfbewohner zum Handeln zwingt.

    Bewertung
    Es ist ein stiller Roman über eine alte Frau, die ihre Heimat so sehr liebt, dass sie sich freiwillig der Strahlung aussetzt und auf einen Kontakt mit ihren Kindern und Enkeln verzichtet. Aus ihren Kindern soll etwas werden, das ist ihr wichtiger, als in ihrer Nähe zu sein. Trotzdem wirkt die Protagonistin sympathisch, "hemdsärmlig" und nach dem Unglück beweist sie großen Mut.
    So einfach wie Baba Dunja daher kommt, scheint auch die Sprache Bronskys zu sein, die in klaren Sätzen das Leben im Dorf skizziert und die eigentümliche Stimmung einfangen kann.

    Lesenswert!