Aufzeichnungen aus dem Untergrund

Buchseite und Rezensionen zu 'Aufzeichnungen aus dem Untergrund' von Fjodor Dostojewski
3.8
3.8 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Aufzeichnungen aus dem Untergrund"

Ein ehemaliger Beamter sitzt verbittert in seiner Kellerwohnung am Stadtrand von St. Petersburg und klagt die Welt an. Obwohl erst in den Vierzigern, hat er seinen Dienst quittiert und lebt von einer kleinen Erbschaft mehr schlecht als recht. Was seinen Furor erregt, ist der »moderne Mensch« und die von diesem geprägte Gesellschaft. Mit hemmungsloser Offenheit berichtet er auch über seine eigenen Erfahrungen des Scheiterns, von Entfremdungen und Missverständnissen. Je weiter er sich in seine Generalabrechnung hineinsteigert, desto unerbittlicher wird er gegen sich selbst. Dostojewskis meisterliche psychologische Studie besticht durch die Suggestivkraft einer durch und durch radikalen Selbst- und Weltbeschreibung. Pünktlich zum 200. Geburtstag des Autors am 11.11.2021 erscheint dieses große kleine Werk in Neuübersetzung durch Ursula Keller.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
Verlag:
EAN:9783717525363

Rezensionen zu "Aufzeichnungen aus dem Untergrund"

  1. Schwer erträglich

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 30. Nov 2021 

    „Die Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ , auch bekannt unter dem Titel „ Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, 1864 erstmals erschienen, gilt als eine „Vorstudie“ zu Dostojewskis großen Romanen. Anlässlich des 200. Geburtstags des Autors am 11. 11. 2021 ist nun eine Neuübersetzung von Ursula Keller im Manesse- Verlag erschienen.
    „ Ich bin ein kranker Mensch…Ich bin ein zorniger Mensch. Ein hässlicher Mensch bin ich.“ So beginnen die Aufzeichnungen des namenlosen Ich- Erzählers. Er ist ein ca. 40jähriger Beamter, der aufgrund einer kleinen Erbschaft seinen Dienst quittierte und nun alleine in einer Kellerwohnung am Rande von St. Petersburg wohnt.
    Der Roman zerfällt in zwei Teile. Im ersten wird der Leser konfrontiert mit den Gedanken des Ich- Erzählers über sich selbst, seine Mitmenschen und der Welt im allgemeinen. Im zweiten Teil erinnert er sich an verschiedene Episoden aus seinem Leben, die sein Verhältnis zu seiner Umwelt illustrieren.
    Das schmale Buch ist keine leichte Lektüre, der Protagonist ein unsympathischer Zeitgenosse. Er leidet an der Welt und an sich selbst. Einerseits fühlt er sich anderen überlegen, gleichzeitig plagt ihn beständig ein Gefühl der Minderwertigkeit. Er räumt auf mit dem Glauben, dass der Mensch, wenn er nur hinreichend gebildet ist, edel und klug handeln wird. Vernunft hält ihn keineswegs davon ab, Chaos und Zerstörung in die Welt zu bringen. Der Mensch handelt nicht rational, sondern emotional, sogar wenn ihm sein Handeln selbst schadet. Auch der freie Wille ist nur ein Trugbild.
    Dieses Räsonieren und Lamentieren ist allerdings kaum erträglich. Zu zynisch, zu menschenverachtend sind seine Gedanken. Beständig verstrickt er sich in Widersprüche, stellt jede Aussage gleich wieder in Frage.
    Im zweiten Teil erleben wir den Ich- Erzähler in der Begegnung mit anderen Menschen. In einer Episode trifft er auf ehemalige Schulfreunde und drängt sich ihnen geradezu auf. Und das, obwohl er sie noch nie leiden konnte. Er spürt ihre Verachtung, fühlt sich von ihnen herablassend behandelt, hasst sie dafür und bettelt doch um ihre Aufmerksamkeit. Dem Leser selbst ist sein Verhalten peinlich.
    In einer menschlich anrührenden Szene trifft er auf die Prostituierte Lisa, hält ihr einen großen Vortrag, wohin sie ihr Los bringen wird und bietet sich als Retter an. Als diese sein Angebot annimmt, weist er sie zurück. Auch hier ist er nicht in der Lage, menschlich angemessen zu handeln.
    Der Roman war eine Herausforderung für mich. Ich erinnerte mich an Jahrzehnte zurückliegende Dostojewski- Lektüren, die mich damals begeistert haben. Doch hier wurde ich enttäuscht . Den wirren Gedankengängen dieses Misanthropen zu folgen, war eine Qual. Beständig kreist er nur um sich selbst, handelt immer so, dass sein negatives Welt - und Menschenbild bestätigt wird.
    Das erhellende Nachwort der Übersetzerin Ursula Keller half mir beim Verständnis, doch mein Leseeindruck hat sich dadurch nicht verbessert. Es ist sicherlich ein wichtiges und interessantes Buch und Dostojewski ist ein großer Erzähler, aber erreichen konnte mich das Ganze nicht. Möglicherweise war es ein Buch zur falschen Zeit.
    Positiv herausheben möchte ich aber die schöne Gestaltung und Aufmachung des Romans, für die der Manesse-Verlag bekannt ist. Hilfreich sind auch die Anmerkungen im Anhang und das kluge Nachwort der Übersetzerin, die Autor und Werk dem Leser nahebringt.

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  1. Es wird wirkungsvoll gelitten!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Nov 2021 

    “Die Aufzeichnungen aus dem Untergrund” von Fjodor Dostojewski ist zuerst bereits im Jahr 1864 erschienen und wurde früher meist unter dem Titel „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ auf Deutsch veröffentlicht. Der Manesse Verlag hat nun eine Neuausgabe dieses weniger berühmten kurzen Romans Dostojewskis unter dem oben genannten Titel herausgebracht. In diesem Kellerloch sitzt ein verarmter und bestenfalls verwirrter russischer Adliger, der den Leser im ersten Teil des Romans mit seinen monologisch vorgetragenen Gedanken geradezu überschüttet. Über ca. 80 Seiten ist das ein Erguss eines vor allem rundweg zornigen Menschen, eines Menschen, der keinen Ankerpunkt im Leben findet, der kein Vertrauen hat, weder in sich selbst noch in seine Umwelt, und der uns diese so vollkommen negative Stimmung sozusagen als zwangsläufig und quasi alternativlos vorführt:
    „Meine Scherze sind, Herrschaften, selbstredend geschmacklos, holprig, verworren, zeugen von fehlendem Selbstvertrauen. Aber das kommt ja davon, dass ich keine Selbstachtung habe. Ja, kann denn ein bewusster Mensch auch nur die geringste Selbstachtung empfinden?”
    Die Lektüre dieser wirren, negativen Gedanken ist für den Leser sehr verstörend, aber auch sehr wirkungsvoll, denn die Gefühle dieser Figur gegenüber wachsen wohl mit jeder Seite der Lektüre und erzeugen beim Leser bestenfalls eine Abwehrhaltung, aus der heraus man sich aus der negativen Abwärtsspirale dieser Gedanken bar jeder vernunftgeprägten Weltanschauung nur irgendwie befreien möchte. Doch ein Lichtblick ist weit und breit nicht erkennbar.
    Auch nicht im zweiten Teil des Kurzromans, in dem wir den verwirrten Helden bei einigen Begegnungen außerhalb seines „Kellerlochs“ begleiten können. Er trifft auf alte Kameraden, mit denen er nur aneinandergeraten kann. Ein Duell scheint die logische und einzig mögliche Folge einer gefühlten Ehrverletzung. Ein soziales Miteinander wird behindert durch verwirrte Gedanken, Standesdünkel und Unter- bzw. Überlegenheitsgehabe.
    „Aber was, wenn er, ohne jegliche Absicht, mich beleidigen zu wollen, in seinem Schafskopf die lächerliche Idee ausgebrütet hätte, dass er unermesslich weit über mir stünde und er mich nicht anders als gönnerhaft behandeln könnte? Allen diese Vermutung schnürte mir den Atem ab.“
    Und er trifft auf eine Prostituierte, deren Leben er halbherzig zu retten versucht und sie damit nur noch weiter in den Abwärtsstrudel hineinzieht. All das sind Beispiele von vollkommener Lebensuntüchtigkeit und fehlender sozialer Weltanschauung und damit Ausdruck einer verwirrten Gesellschaft.
    Mein Fazit:
    Die Lektüre des Kurzromans ist quälend und schwer auszuhalten. Das aber ist ganz bewusst, so hoffe ich, von dem Autoren eingesetzt, um an menschliche Vernunft, Zusammenhalt und eine aufklärerisch geprägte Sicht auf die Welt und die Gesellschaft zu appellieren. Ist das so gelungen? Mir fällt die Antwort darauf schwer. Denn es besteht auch die Möglichkeit, dass wir es hier mit den kranken Gefühls- und Gedankenwelten des Autors selber zu tun haben, der sich in diesen Netzen des Zorns verfangen hat. Ich muss dazu unentschlossen bleiben, denn es fehlt mir die tiefe Kenntnis über Person und Philosophie des Autors und der Rezipienten. Und so kann ich für mein wirkungsvollen Leiden beim Lesen nur einfach 4 Sterne vergeben und wende mich beeindruckt aber auch abgestoßen neuer Lektüre zu, die mir mehr Licht und Zuversicht schenken kann.

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  1. Ein sehr verdrießlicher Erzähler

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Okt 2021 

    Ein sehr verdrießlicher Erzähler

    Dostojewski lässt seinen Erzähler im ersten Teil dieses bezaubernd gestalteteten Büchleins einen sehr langen Monolog halten. Dieser zog sich aus dem Beamtentum zurück und lebt nun mehr schlecht als recht von einer kleineren Erbschaft. Er wohnt in einem Kellerloch, karg und wenig ansehnlich. Er hadert mit sich und der Welt, er lässt an nichts ein gutes Haar. Schnell wird dem Leser klar, dass dieser namenlose Erzähler an nichts Freude hat, scheinbar auch an allem etwas negatives findet, um seinen Pessimismus zu schüren.
    Der zweite Teil befasst sich mit seinen persönlichen Niederlagen in allen Bereichen seines Lebens, sowohl in beruflicher Hinsicht als auch im privaten. Er scheint sein ganzes weiteres Leben darauf zu reduzieren, dass seine unschönen Erlebnisse für alles weitere Übel den Weg geebnet haben. Nach vorne sehen ist für diesen Mann nicht möglich. Jeder Rückblick, der dem Leser geboten wird, ist durchsetzt von negativen Erfahrungen. Er bildet sich ein, dass ihn jeder hasst, sogar sein Wohnort scheint für ihn indirekt verantwortlich zusein für die Kümmernisse seines Seins.

    Dostojewskis Roman „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ erschien erstmals 1864, ein Werk, dass demnach schon von mehreren Generationen gelesen wurde.
    Ich persönlich konnte dem nicht allzu viel abgewinnen. Die Sprache und der Schreibstil waren dabei allerdings nicht das Problem, vielmehr empfand ich alles als zu düster und niederschmetternd. Ich konnte für mich keinen tieferen Sinn darin erkennen, warum ich diesem Monolog folgen musste.

    Durch das Nachwort habe ich erfahren, dass dieses Werk den Weg zu anderen Werken ebnet, sozusagen den Auftakt bildet. Vielleicht erschließt sich dadurch mehr vom Sinn der hinter allem steckt, ich bin mir zum jetzigen Zeitpunkt allerdings unsicher, ob ich dieses Wagnis eingehen möchte.

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  1. "Ich kann kein guter Mensch sein!"

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Okt 2021 

    Die "Aufzeichnungen aus dem Untergrund" sind verfasst von einem Ich-Erzähler, der sich mit den Worten vorstellt: "Ich bin ein kranker Mensch ... ich bin ein zorniger Mensch. Ein hässlicher Mensch bin ich." Damit wird bereits angedeutet, dass wir es mit einem Wutbürger zu tun haben, einem erbitterten, misanthropischen Erzähler, der weder an seinen Mitmenschen noch an sich selbst ein gutes Haar lässt. Selbst wo er von sich selbst behauptet, klüger zu sein als alle anderen, relativiert er dies gleichzeitig mit dem Zusatz, er sei "selbstverliebt", wenige Absätze später heißt es, dass er "keine Selbstachtung" besitze, sogar im "Gefühl der eigenen Erniedrigung" Lust empfinde - mit einem Wort, er präsentiert sich wie ein Wackelbildchen früherer Zeiten, das aus jeder Perspektive etwas anderes darstellt.
    Der wütende Erzähler ist ein ehemaliger Beamter, der sich mit den Mitteln einer kleinen Erbschaft in ein "heruntergekommenes und armseliges Zimmer" in St. Petersburg zurückgezogen hat, bedient von einem "alten Bauernweib" und offenbar völlig vereinsamt. Nachdem er in der beschriebenen Weise sprunghaft und widersprüchlich seine Ansichten dargelegt hat - die im wesentlichen auf eine Art nihilistische Lebensverneinung hinauslaufen -, folgt im zweiten Teil "Angelegentlich nassen Schnees" eine Reihe Erinnerungen. Er sucht die Gesellschaft einiger alter Schulfreunde, drängt sich ihnen auf, begleitet sie in ein Freudenhaus und begegnet der Prostituierten Lisa, der er eine Moralpredigt hält. Dabei gibt er sich den Anschein der Aufrichtigkeit; als Lisa ihn jedoch, auf seine Einladung hin, wenig später besucht, erklärt er ihr zunächst, er habe sich über sie lustig gemacht, um gleich darauf wieder in wütende Selbstbezichtigung zu verfallen: "Man lässt mich nicht, ich kann kein guter Mensch sein!"

    Die innere Widersprüchlichkeit des Textes ist Programm. Dostojewski wendet sich in der Person seines Erzählers gegen Fortschrittsglauben und philosophische Systeme, die auf der Annahme gründen, dass der Mensch durch bestimmte Umstände grundsätzlich zu bessern sei: "Jedenfalls ist der Mensch durch die Zivilisation wenn schon nicht blutrünstiger, so wohl doch auf niederträchtigere und widerwärtigere Weise blutrünstig geworden, als er vorher war" stellt er fest, was in Anbetracht des Erscheinungsjahres 1864 geradezu hellsichtig erscheint. Der Mensch ist nicht zu bessern, weil er nicht zu berechnen ist: "... weil der Mensch, stets und überall, wie auch immer er geartet sein mag, zu handeln beliebt, wie er will und ganz und gar nicht danach, wie ihm Verstand und Vorteil gebieten".

    In der Person dieses Erzählers ist das spätere Romanpersonal Dostojewskis, die von inneren Zwängen und Selbsthass getriebenen Antihelden, bereits charakterisiert. Die "Aufzeichnungen aus dem Untergrund" sind, wenn auch nicht gerade unterhaltsam zu lesen, eine bestechende psychologische Studie und in ihrer Kürze bereits ein umfassender Einblick in Dostojewskis Schaffen.
    Hervorzuheben sind die Übersetzung von Ursula Keller, die sehr frisch und in keiner Weise altmodisch wirkt, und die hochwertige Aufmachung des Bandes, wie man sie von Manesse kennt: der schöne Umschlag, die farblich passende Fadenheftung, das feine Papier und der lesefreundliche Druck. Eine Reihe erklärende Anmerkungen und ein Nachwort der Übersetzerin mit einer klugen literaturgeschichtlichen Einordnung erleichtern den Zugang. Leseempfehlung!

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  1. Der Mustermisanthrop

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Okt 2021 

    .... oder wie mir das wunderschöne Büchlein aus dem Manesse-Verlag mit Lesebändchen, neu übersetzt und kommentiert von Ursula Keller, dieses Jahr schon den zweiten Klassiker (neben Faust von Goethe) erfolgreich nähergebracht hat.

    Was nutzt es dem Pferdefüßigen, wenn er ein neues Gewand trägt, wir erkennen ihn trotzdem am Hinken! Schockiert von den philosophischen Ergüssen und Widersprüchen eines lupenreinen Miesepeters in St. Petersburg, der seinen Beamtendienst quittiert hat und nun mit schlechter Laune in seiner Bude hockt, quälte ich mich durch den ersten Teil seiner Aufzeichnungen. Darin beklagt er sich über die Dummheit der Menschen, die es nicht verstehen, dass ihr Streben nach einem erfüllten Leben unnütz sei. Er selbst aber sei schlau genug, dieses zu durchschauen. Er ergießt sich in Hass und Selbstmitleid. Nur er selbts verstünde die Schwermut eines Romantikers mit der russischen Seele zu verknüpfen und damit die wahre Sinnlosigkeit des modernen Lebens zu entblößen.
    Erst im zweiten Teil lesen wir von seinen Erinnerungen an vergangene Begebenheiten, bei denen er alte Schulkameraden traf und sich vermeintlichen Herabwürdigungen zwanghaft zu rächen versucht. Fast möchte man sich fremdschämen dafür, wie entschlossen und sich doch gleich wieder herausredend er diese Situationen beschreibt und zugleich dem Leser unterstellt, dass er doch nur alles missversteht. Der Höhepunkt war dann auch die Szene, in der einem Freudenmädchen erst die Leviten liest, ihr dann seine Hilfe verspricht und als diese sie einfordert, beleidigt und schmählich im Stich lässt.
    Ich fragte mich, was mir Dostojewski da angetan, warum er mir dieses Ekel, bar jeden guten Haares untergeschoben hatte. Weder konnte ich eine etwaige dunkle Seite des Autors, noch einen Lichtblick auf Besserung des Ich-Erzählers erkennen.
    Zwar schrieb Dostojewski diese Novelle unter dem Eindruck von Krankheit und Schulden, doch sollte es wohl eher die Steilvorlage für diverse Figuren in seinen späteren Romanen werden. Unter dieser Prämisse und mit einem sehr aufschlussreichen Nachwort der Übersetzerin, fühle ich mich gestärkt und gerüstet für die "Dicken", für die großen Romane des russischen Schriftstellers.

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