Auf See: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Auf See: Roman' von Theresia Enzensberger
3.65
3.7 von 5 (6 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Auf See: Roman"

Yada wächst als Bürgerin einer schwimmenden Stadt in der Ostsee auf. Ihr Vater, ein libertärer Tech-Unternehmer, hat die Seestatt als Rettung vor dem Chaos entworfen, in dem die übrige Welt versinkt. In den Jahren seit ihrer Gründung ist der Glanz vergangen, Algen und Moos überwuchern die einst spiegelnden Flächen. Yadas Vater fürchtet, sie könne das Schicksal ihrer Mutter ereilen, die vor ihrem Tod an einer rätselhaften Krankheit litt. Und Yada macht eines Tages eine Entdeckung, die alles ins Wanken bringt. Klug, packend und visionär erzählt Theresia Enzensbergers großer Roman von den utopischen Versprechen neuer Gemeinschaften und dem Glück im Angesicht des Untergangs.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
EAN:9783446273979

Rezensionen zu "Auf See: Roman"

  1. 4
    29. Sep 2022 

    Utopia

    Dieses Buch hatte für mich laut Klappentext einen recht dystopischen Klang, der aber nach der Lektüre etwas in den Hintergrund tritt und den Roman mehr gesellschaftskritisch erscheinen lässt. Was nicht schlecht ist! Denn das Buch "Auf See" ist ein sehr interessanter, absolut lehrreicher und schnell zu lesender Roman. "Auf See" überzeugt mich auch, dennoch habe ich den Eindruck, dass noch irgendetwas fehlt. Denn angezündet bin ich nicht.
    Die Charaktere sind intensiv, ja, die Geschichte ist interessant, definitiv. Aber richtig zu mir durch dringt das Geschriebene nicht. Es ist eine schöne Geschichte, die viele lehrreiche Informationen präsentiert, ein Nachschlagen im Netz während der Lektüre lohnt sich hier auf jeden Fall, aber das letzte Fünkchen fehlt hier in meinen Augen noch.
    "Auf See" ist ein Blick auf eine mögliche Zukunft, durch die momentane Entwicklung im Energiesektor ist "Auf See" noch authentischer und passender in meinen Augen. Aber genauso ist dieses Buch auch ein Blick auf einen Rosenkrieg und auf die Opfer dieses Krieges. Und ebenso seziert Theresia Enzensberger auch einen kranken und paranoiden Geist und dies ist auch etwas, was in die heutige Zeit passt, denn manch paranoides Denken heutzutage wird ja durch vielerlei Ereignisse noch getriggert, es wird schwerer manch eine Paranoia als genau dies einzuordnen. Weil die Welt, unsere Welt paranoider, aggressiver und dysphorischer wird. Also von der Warte passt dieses Buch momentan perfekt in unsere Zeit.
    Eine Utopie wird zu einer Dystopie und auch diese bleibt nicht in dieser Bedeutung. Denn eine Paranoia und ein manipulativer Mensch mit Macht und Geld erschaffen die Realität, ein Mensch spielt Gott, wird ein Diktator aus einer angeblichen Hilfe heraus. Eine Flucht vor welcher Gefahr? Denn die Gefahren der heutigen Zeit sind selbst verursachtes Elend. Durch die Gier verursachtes Elend. Männer und die Paranoia, die Suche nach Verbindungen sind hier auch interessante Gedankengänge. Denn einige Männer haben in ihren eigenen paranoiden Vorstellungen oft Angst vor dem eigenen Tun, bzw. dem Tun der männlichen Exemplare der Gattung Mensch. Wobei auch eine gewisse Schuldfrage in dieser Gesellschaftskritik in meinen Augen durchschimmert.
    Aber dennoch fehlt etwas. Ist das Buch zu aufgesetzt? Sind die Charaktere und hier besonders das Mutter-Tochter-Gespann etwas zu wenig ausgeleuchtet. Vielleicht eine Mischung aus beidem. Auf jeden Fall bin ich sicher, hier geht noch mehr und auch Theresia Enzensbergers Schaffen werde ich weiter beobachten.

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  1. Auf See

    Utopia dekonstruiert oder doch ein dystopisch anmutender Familienroman?

    Es fällt mir ausgesprochen schwer, eine Rezension über Theresia Enzensbergers Roman „Zur See“ zu schreiben.
    Die Handlung ist in der näheren Zukunft angesiedelt. Im Mittelpunkt steht zunächst das Leben auf der „Seestatt Vineta“, einer künstlich angelegten schwimmenden „Wohn- und Forschungsinsel“ mitten in der Ostsee. Sie wurde ursprünglich als Zufluchtsort errichtet, weil die Welt auf dem Festland durch klimatische Veränderungen und soziale Unruhen zu zerbrechen droht(e). Enzensberger greift in ihrem Roman die Idee des „Seasteading“ auf - Siedlungen, die quasi im rechts- und steuerfreien Raum in internationalen Gewässern entstehen. Auf diesen Inseln, die sich der Kontrolle durch Staaten entziehen, sind die unterschiedlichsten Modelle menschlichen Zusammenlebens möglich, niemand ist Rechenschaft schuldig und auch Forschende können frei von sämtlichen Regularien arbeiten.
    Die 17-jährige Yada ist die Tochter des Seestattgründers Vineta. Sie lebt dort völlig isoliert von der äußeren Welt. Ihr Tagesablauf ist streng getaktet - die Beschäftigungen legt der Vater fest, Kontakt hat sie fast ausschließlich zu ihm und ihren Lehrern. Die ursprüngliche Idee eines autarken Seasteading-Projekts wurde aber auch nach vielen Jahren nicht umgesetzt. Noch immer werden zahlreiche Lebensmittel außerhalb gekauft, die Nachhaltigkeitsziele scheinen keine Priorität zu haben, immer wieder verlassen Wissenschaftler enttäuscht das Projekt. Über Yada hängt drohend eine möglicherweise durch ihre Mutter vererbte Krankheit. Medikamente sollen das Ausbrechen verhindern. Irgendwann kommen Yada Zweifel am Weltbild, das ihr vermittelt wurde. Warum wurde die Seestatt wirklich errichtet? Kann sie ihrem Vater vertrauen? Sie merkt, dass es viele Ungereimtheiten gibt und beginnt heimlich zu recherchieren.
    Ein weiterer Erzählstrang ist auf dem Festland angesiedelt. Wir folgen Helena durch ihren Alltag. Sie ist Künstlerin, Sektenführerin und Orakel, aber in erster Linie plan-, halt- und antriebslos. Ganz zufällig wurde sie durch die Macht der sozialen Medien sowie durch den Einfluss zahlreicher Influencer:innen zum Orakel und zur Sektenführerin. Die Rollen sind ihr lästig, niemand will glauben, dass nur ein Missverständnis vorliegt, irgendwann gibt sie auf, sich zu erklären und ihren Anhänger:innen das, was diese zu erwarten scheinen. Das einzige, was Helena zu faszinieren scheint, ist ihr Archiv. Sie sammelt dort wenig bekannte historische Fakten über Visionäre, Utopisten, Sektenführer, Hochstapler und Betrüger, die ihren eigenen Staat gründen wollten oder vorgaben dies zu tun. Die Archivaufzeichnungen fand ich sehr spannend, weil sie unglaubliche, wenig bekannte Geschichten erzählen, die tatsächlich historisch belegt sind.
    Insgesamt gefällt mir die Idee hinter diesem Roman und auch die Figur der Helena, bei der die öffentliche Wahrnehmung überhaupt nicht mit dem echten Menschen in Einklang steht, sehr gut. Enzensberger thematisiert Ausbeutung, alternative Wahrheiten, unterschiedliche Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens, entlarvt Projekte, die nur oberflächlich gesehen im Dienste der Menschheit stehen, als egozentrische Vorhaben.
    Auf See liest sich gut, ist thematisch interessant und trotzdem merkwürdig unspektakulär. Ich empfand eine große Distanz zu den Figuren und der Erzählweise. Nach der Lektüre bleibt bei mir trotz vieler toller Ideen ein Gefühl der Unzufriedenheit zurück, ohne dass ich so genau festmachen könnte, woran das eigentlich liegt.

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  1. 4
    10. Sep 2022 

    Seestatt

    Bevor die Katastrophe eintrat, wollte der Vater der jungen Yada einen Zufluchtsort haben. Einen Ort, der autark ist, sich selbst erhält, eigene Regeln hat und fast so etwas wie eine Staatsfunktion hat. Inzwischen ist Yada siebzehn Jahre alt und nicht alle Ziele ihres Vaters sind erreicht worden. Die Seestatt ist immer noch abhängig von Lieferungen von außen und auch nicht alle Wohneinheiten sind besetzt. Nun beinahe erwachsen beginnt Yada, sich zu fragen, ob nicht doch noch ein Versuch gestartet werden sollte, die hehren Ziele zu erreichen. Viel mehr noch aber fragt sie, was mit ihrer Mutter geschehen ist, die soweit sie weiß, vor ihrer Ankunft hier gestorben ist.

    Mit ihrem zweiten Roman ist die Autorin auf die Longlist zum deutschen Buchpreis 2022 genommen worden. Zurecht kann man sicher sagen. Ihr Werk um die junge Yada und ihre Familie ist in einer dystopischen Welt angesiedelt. Die Seestadt liegt in der Ostsee und Yada, die seit zehn Jahren dort lebt, erinnert sich an nichts aus der Zeit davor. Einige wenige Momente mit ihrer Mutter sind ihr noch erinnerlich und sie sehnt sich nach diesen Zeit. Ihr Leben ist sehr von einer kühlen Wissenschaftlichkeit geprägt. Sie soll vorbereitet werden, eine wichtige Rolle in der Seestatt einzunehmen.

    Zwischen mehreren Schauplätzen wechselt die Handlung. Aus diesem Szenario erfährt der Leser Bits and Pieces und daraus kann er sich eine erstaunliche Geschichte zusammensetzen, die fast wie bei einem Kriminalroman zum Rätseln einlädt, gleichzeitig aber auch aufwühlt, über die Art wie Menschen miteinander umgehen, wie blöd sie oft sind und sehenden Auges in die Irre gehen. Wie sooft gibt es die, die dies ausnutzen, manchmal sogar eher unfreiwillig. Es werden Schäden angerichtet, die nicht rückgängig zu machen sind. Und doch die Welt als solche besteht. Auch Yada muss mit den Schwächen ihrer Mitmenschen leben. Sie erfährt, dass der Eintritt ins Erwachsenenleben alles andere als einfach ist. Im weiteren Verlauf ändert sich die Komposition zu einer gewissen Kühle, einer Reportage, die dem Roman Lebendigkeit nimmt. Doch der Gesamteindruck, der bleibt, ist der von einem packenden Roman, der ein Bild unserer Zeit zeichnet, das zum einen doch deprimieren kann, das aber gleichzeitig die Hoffnung weckt, dass die Welt nicht so leicht kleinzukriegen ist.

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  1. In zu grossen Fußstapfen?

    Das Cover finde ich auf Anhieb genial. Vintage oder Retrolook. Erinnert an Science Fiction der 70er Jahre. Fast schon klassisch.
    Enzensberger? Verwandt mit Hans Magnus Enzensberger? Nach Recherche die Tochter. Da hat sich Theresia Enzensberger ja in ganz große Fusßstapfen vorgewagt. SF Klassiker und ein Autor, der es zu Lebzeiten in der Schulunterricht geschafft hat.
    Wenn man das alles im Hinterkopf hat und dann das Buch liest, arme Autorin.
    Ein erster Schmunzler: das Inhaltsverzeichnis erinnert an den englischen Grammatikunterricht.
    Ich habe zudem den Eindruck, dass Theresia Enzensberger von einer ganz anderen Position aus schreibt, Leser müssen da erst einmal hinkommen. Ihr Postskriptum unter dem Titel Lektüre ist eine Ansammlung von Autoren, Veröffentlichungen und Querverweisen, die ich nicht einmal dem Namen nach kenne. Und auch Lord Byron als Anfangszitat im Buch ist hoch gegriffen.
    Ansonsten ein ganz lesenswertes Buch, bei dem ich immer den Eindruck hatte, als Leser nicht zu genügen.

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  1. Für junge Leser sicherlich spannend

    Kurzmeinung: Wenig Dystopie, aber rasant erzählt.

    Ich könnte mir vorstellen, dass junge Leute diesen Roman ganz spannend finden, schon alleine deswegen, weil er ein dystopisches Setting hat. Allerdings spielt das Weltuntergangsszenarium nicht die große Rolle, die man sich erhofft hat. Weil man ja wissen will, wie die Welt untergeht, wenn sie denn schon untergehen muss. Wenn man davon absieht, ist die Story unterhaltsam.

    Die blutjunge und vermutlich schöne Yada lebt isoliert auf einer Plattform in der Ostsee, genannt Seestatt. Sie lebt dort mit ihrem, allerdings häufig abwesenden, Vater, den sie verehrt. Mir ihr verehren und huldigen auch die wenigen anderen Bewohner von Seestatt dem Yadapaps, nicht nur, weil er Seestatt gründete, sondern weil er seinerzeit angetreten ist, mit der durch und durch recycelten und sich selbstversorgenden Seestatt ein Weltrettungsbeispiel zu geben. Allerdings, so stellt sich heraus, importiert man dann doch viele Waren vom Festland, manche geheim, so dass der Paps nicht auf sein Luxusessen verzichten muss, während die anderen Algenbrei mampfen müssen. Ja, richtig. Paps ist Anführer und Guru und Welterneuerer in einem. Und solche haben die Welt immer schon betrogen. Deshalb haben aufmerksame und desillusionierte Mitbegründer gemerkt, dass an dem Projekt schon lange der Wurm nagt und die besten Mitstreiter sind von Bord gegangen. Wann wird auch Yada merken, dass etwas nicht stimmt?

    Fazit: Die süffig zu lesende Dystopie mündet in eine mehr oder weniger tragische Familienstory. Leider bleiben am Ende manche Fäden lose vom Floss baumeln. Dennoch liest sich die Episode flott und jüngere Leser werden sicherlich ihren Spaß haben an Yoda und ihrem Erwachen.

    Kategorie: Jugendliteratur. Dystopie
    Verlag Hanser, 2022

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  1. 3
    15. Aug 2022 

    Apokalypse, na und?

    Die siebzehnjährige Yada lebt isoliert auf einer künstlichen Insel vor der deutschen Ostseeküste. Die Enklave Vineta wurde von ihrem Vater als letzte Zuflucht vor dem Chaos gegründet, dem die restliche Welt angeblich anheim gefallen ist. Yadas Mutter ist vor langer Zeit gestorben und hat ihr eine labile Psyche vererbt, die mit Medikamenten ständig stabilisiert werden muss. Eines Morgens wacht Yada auf und stellt verschiedene blutige Wunden an ihrem Körper fest, an deren Entstehung sie keine Erinnerung hat. Dass das Narrativ, mit dem Yada aufgewachsen ist, nicht stimmen kann, ist schon auf den ersten 30 Seiten offensichtlich.

    Die Situation an Land erleben wir in einem zweiten Erzählstrang. Helena - Performance-Künstlerin, Aktivistin und Orakel wider Willen, hat zu Studienzwecken eine Sekte gegründet, die gerade aus dem Ruder läuft. Sie lebt in einem anarchischen Berlin, in dem die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergeht als zu unserer Zeit. Extrem Reiche stehen Menschen gegenüber, die in ihrem Auto leben müssen. Dennoch funktioniert die Gesellschaft irgendwie.

    Helena führt ein Archiv, das so etwas wie den dritten Erzählstrang des Romans darstellt. Darin sammelt sie Storys von missglückten Utopien und Betrügern, die mittels Lüge und Falschinformation die Träume und Ängste der Menschen ausnutzen. Darunter ein paar faszinierende Fälle, historisch belegt und dennoch unglaublich.

    Die Story mutiert ziemlich schnell vom dystopischen Gaslighting-Thriller zu … ja was? Einem Coming-of-Age-Roman? Enzensberger verweigert ihrer Dystopie den typischen katastrophischen Topos. Alles, was zunächst dramatisch wirkt, relativiert sich bald. Wie die drei Stränge zusammenhängen, kann man sich recht schnell denken. Das dramatischste Ereignis des Anfangs erfährt weder Erklärung noch Auflösung, was mich ziemlich geärgert hat – wenn Tschechows Gewehr schon nicht abgefeuert wird, möchte ich zumindest dabei sein, wenn die Patronen rausgenommen werden. Nichts eskaliert, es gibt keine Schrecknisse, keine Katharsis, die Handlung mündet in ein vages Happy End. Die Apokalypse hat stattgefunden – na und? Alles halb so wild.

    Vielleicht ist es das, was der Roman vermitteln soll – ganz pragmatisch und ohne jede Ideologie: „Hier geht überhaupt nichts unter. Seit Jahrhunderten fantasieren irgendwelche Spinner über den Weltuntergang, aber wir sind alle noch hier, und das bleibt auch so“, lässt die Autorin Helena sagen, im post-apokalyptischen Setting einer Zeltstadt im Berliner Tiergarten, in der obdachlose Menschen zusammenleben wie in einer Kleingartenanlage. Hommage an die Resilienz oder naiver Optimismus? Oder schlicht die einzig mögliche Haltung für eine Millennial wie Enzensberger, mit der Welt, wie sie ist, klarzukommen - ohne vom Hochhaus zu springen oder Amok in der Seniorenresidenz zu laufen?

    Ich fand „Auf See“ gut zu lesen, sprachlich souverän, unterhaltsam und durchaus originell, aber insgesamt seltsam unbefriedigend. Dennoch beschäftigt mich der Roman. Ich schwanke zwischen Warnung und Empfehlung.

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