Auerhaus: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Auerhaus: Roman' von Bov Bjerg
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4 von 5 (3 Bewertungen)

"Gelegentlich, sehr selten, gibt es Bücher die sind wie Songs. Man möchte das Auge, ähnlich wie man die Nadel bei Singles wieder auf den Anfang der Rille setzt, sofort wieder auf den Beginn der ersten Seite setzen. Und `Auerhaus` ist genau so ein Buch." Robert Stadlober

Sechs Freunde und ein Versprechen: Ihr Leben soll nicht in Ordnern mit der Aufschrift Birth - School - Work - Death abgeheftet werden. Deshalb ziehen sie gemeinsam ins Auerhaus. Eine Schüler-WG auf dem Dorf - unerhört. Aber sie wollen nicht nur ihr Leben retten, sondern vor allem das ihres besten Freundes Frieder. Denn der ist sich nicht so sicher, warum er überhaupt leben soll.

Bov Bjerg erzählt mitreißend und einfühlsam von Liebe, Freundschaft und sechs Idealisten, deren Einfallsreichtum nichts weniger ist als Notwehr gegen das Vorgefundene. Denn ihr Ringen um das Glück ist auch ein Kampf um Leben und Tod.
"Wir sollten alle im Auerhaus wohnen." David Wagner

"Auf berührende Weise zeigt Bov Bjerg, daß der Tod letztlich nur eine Erinnerung ist, an das Leben, das wir geführt haben." Horst Evers

"Das hat einen guten Sound, das hat Kraft. Und plötzlich bin ich wieder 17, 18 wie die Romanhelden, Wildheit der Jugend, will mit ihnen aufbrechen, ausbrechen, lieben, Unsinn machen." Clemens Meyer

"Auerhaus zeigt, dass die Kostbarkeit einer Gemeinschaft aus den Besonderheiten der Einzelnen erwächst. Ein schönes und ein warmherziges Buch." Terézia Mora

"Ein schöner Bericht über jene schweren Jahre, die man Jahrzehnte später als die besten Jahre bezeichnet." Christoph Hein

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag: Blumenbar
EAN:9783351050238

Rezensionen zu "Auerhaus: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Okt 2015 

    Madness

    Er hat es getan, er hat den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz umgehauen. Mit seinen Freunden wohnt er im Auerhaus, gerade 18 geworden haben sie im Haus seiner Großeltern eine WG gegründet. Sie sind nicht einfach so ausgezogen, sondern sie sind mit Frieder zusammengezogen, der nach einem Selbstmordversuch nicht mehr in der Klinik bleiben muss, aber auch nicht alleine sein soll und nicht bei seinen Eltern wohnen möchte. Und nun erleben sie die erste Freiheit in der eigenen WG, immer sturmfrei. Und doch müssen sie ihren Alltag organisieren. Und immer sitzt ihnen die Angst im Nacken, dass Frieder es wieder versuchen könnte. Er hat niemandem etwas versprochen.

    Höppner, der mit Frieder seit der neunten irgendwie befreundet ist, erzählt von der Sache mit Frieder und vom Auerhaus, das einer so nennt, weil er das Lied nicht kennt. „Our House“ aus der Zeit als sie gerade volljährig waren. Die Zeit des Abiturs, in der sie unter den doch besonderen Umständen in einer Schüler-WG wohnten und so für Gesprächsstoff im Dorf sorgten. Sie traten aus der Zeit ins Auerhaus. In eine Zeit, die ewig dauert und doch schnell vergeht. Und so richtig erwachsen sind sie nicht, angefangen bei der unorthodoxen Art des Einkaufens über die ausufernden Feten bis zu unheimlichen Begegnungen mit der Polizei.

    In Erinnerungen schwelgend an die eigene Jugend liest man vom Auerhaus, man entdeckt Ähnlichkeiten und auch Unterschiede. Die Feiern, der Gedanke, endlich erwachsen zu sein, der sich erstmal als Irrtum erweist. Eine tragische Freundschaft, eine erste bewusste Begegnung mit dem Tod, die deutlich macht, dass ein Leben irgendwann für immer endgültig vorbei sein kann. Ohne groß darüber zu reden, nehmen sie Frieder in die Mitte und erleben vielleicht ein Jahr, das immer in Erinnerung bleiben wird. Ein Jahr, das in Wirklichkeit ziemlich chaotisch war, in dem sie über die Stränge schlugen. Ein Jahr, das in der Erinnerung das beste ihres Lebens war, in dem sie unschlagbar waren und unsterblich. Ein Jahr, das man auch als Leser nicht so schnell vergessen wird.
    4,5 Sterne

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Aug 2015 

    Birth - School - Work - Death

    Ein Dorf in den 80er Jahren - vor der Zeit der Handys und des Internets. Der Abiturient Höppner fristet dort sein Dasein im alltäglichen Einerlei - Schule, Familie, Aushilfsjob auf der Hühnerfarm. Wenn ihm sein Stiefvater zu sehr auf die Nerven geht, nimmt er sich mit seiner Freundin Vera eine Auszeit und trampt nach Berlin. Die Musterung steht an, es ist fraglich, ob er das Abitur schafft - und was er danach machen will, ist auch noch nicht klar.

    Die anderen Gymnasien hießen Schiller-Gymnasium und Albert-Einstein-Gymnasium. Unseres hieß Gymnasium Am Stadtrand. Die anderen hießen danach, was die Schüler mal werden sollten. Wir hießen danach, wo wir herkamen. (S. 36)

    Aus der Monotonie des Daseins wird Höppner gerissen, als er erfährt, dass sein bester Freund Frieder versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Er besucht ihn ihn der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie - und erkennt, dass nichts mehr sein wird wie zuvor.

    Frieder aß ziemlich hastig und viel. Er war immer als Erster fertig. Dann schob er den Teller von sich weg und sagte: 'Ich bin satt. I am sad.' (S. 61)

    Höppner beginnt vermehrt über sein eigenes Leben nachzudenken - und darüber, wie er seinem Freund helfen kann. Als sie die Möglichkeit erhalten, gemeinsam in das Haus von Frieders verstorbenem Großvater zu ziehen, gibt es kein Zögern mehr. Höpnners Freundin Vera zieht gleich mit ein und mit ihr Cäcilia, eine Schulfreundin Veras, da verteilt sich die Last der Verantwortung auf mehr Schultern. Später gesellen sich noch Harry und Pauline dazu. Eine WG auf dem Dorf - im Auerhaus.

    Seltsam waren die anderen in der Klasse. Die, für die alles so weiterging wie immer. Hätte man sie vor einer Klausur gefrag: 'Wozu lebst du eigentlich?', hätten sie geantwortet: 'Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.' Sie waren auf der Oberschule zu Hause. Sie verpuppten sich, machten Abi und studierten, und wenn der Kokon platzte, sahen sie aus wie ihre Eltern. Sie übernahmen die Praxis, die Kanzlei, das Ingenieurbüro. Sie erbten von ihren Eltern das Abitur und das Leben. (S. 68)

    Birth - School - Work - Death: Diesem Kreislauf wollen Höppner und seine Freunde entfliehen. Mit dem Auerhaus setzen sie einen Kontrapunkt. Gesellschaftliche Regeln gelten nur noch bedingt, sie genießen die Freiheit. Sechs Idealisten, deren Einfallsreichtum nichts weniger ist als Notwehr gegen das Vorgefundene.

    Ihm machte nichts mehr richtig Angst, weil er schon mal gewonnen hatte gegen die allergrößte Angst, die es gab. (S. 88)

    Aus der Sicht Höppners wird diese Geschichte erzählt. Der Schreibstil ist außergewöhnlich: kurze, knappe Sätze in ebenso eng bemessenen Abschnitten, sprunghaft im Geschehen, aber dennoch mit einem roten Faden. Der Autor bringt hier eine ganz besondere Note herein: einerseits eine gewisse Leichtigkeit und ein untergründiger Humor, andererseits kleine Spitzen und wie ein latenter Tinitus im Hintergrund die Melancholie, die einen einfach nicht loslassen will. Denn immer geht es bei allen Lebensfragen auch um das Aufpassen um einen, der mal versucht hatte, sich umzubringen.

    Ich wollte nicht schon wieder ein ernstes Gespräch führen. Diese Gespräche drehten sich im Kreis, hatte ich mal zu Frieder gesagt. Frieder sagte, das sei kein Kreis, sondern eine Spirale. Wir kämen dem Zentrum immer näher. (S. 97)

    Das Buch ist nicht so locker und leicht, wie es der Klappentext erwarten lässt. Jeder Charakter hat seine Geschichte, auch wenn Höppner und Frieder im Zentrum des Geschehens stehen. Fast nebenher und oft in flapsigem Ton wird so viel Tiefe und Gefühl transportiert, dass man sich nur wundern kann. Lachen, Melancholie, Nachdenken: alles dabei, und das oft gleichzeitig. Sehr schön eingefangen ist die Zerrissenheit der Jugendlichen (und das ist ja ganz unabhängig von irgeneinem Jahrzehnt). Höppner und seine Frreunde
    sind auf der Schwelle zum Erwachsenwerden - aber wohin? So viele offene Fragen, und das muss man erst einmal aushalten...

    Was man theoretisch richtig findet, das kann ziemlich weit weg sein von dem, was man praktisch aushalten kann. (S. 130)

    Zwar kamen mir die Charaktere nicht wirklich nahe, sehr wohl aber die Gefühle und Gedanken. Das Buch katapultierte mich zurück in die 80er Jahre, und die Zeit des Erwachsenwerdens sowie die Suche nach dem künftigen Lebensweg ist sicher auch jedem aus seiner Jugendzeit bekannt. Das Zeitgefühl war einfach wieder da beim Lesen, und das hat mir gut gefallen.

    Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei. (S. 214)

    Was für ein Ende erwartet man bei solch einem Buch? Nun, es sei nur so viel verraten: für mich war der Schluss stimmig. Die Geschichte lässt mich zufrieden und ein wenig nachdenklich zurück.

    Wenn ein Talisman neunzig Prozent vom Unglück abwehren konnte, blieben noch zehn Prozent übrig. Für die war der zweite Talisman. Neunzig Prozent von zehn waren neun. Zwei Talismane konnten also 99 Prozent vom Unglück abhalten. Das war kein Aberglauben, das war Mathematik. (S. 190)

    Ein Buch, das einen durch den besonderen Schreibstil durch die Seiten jagen lässt, das den Leser auf eine emotionale Reise zurück in die 80er und in die Jugendzeit nimmt und das auf flapsig-humorvolle Art unerwartet in die Tiefe geht. In meinen Augen wirklich empfehlenswert!

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Aug 2015 

    Dieses Buch weckt Erinnerungen

    Inhalt:
    Höppner ist sowas wie Frieders Freund und als sein Freund zieht er mit ihm nach Frieders versuchten Selbstmord ins Haus von Frieders Großvater, aber nicht nur Höppner findet dort ein Zuhause. Am Ende sind es sechs junge Leute die das letzte Jahr ihrer Schulzeit gemeinsam dort verbringen und einiges erleben.

    Meine Meinung:
    Auerhaus wurde mir vom Verlag angeboten und die Beschreibung dazu klang ganz nett. Es wurden ein paar Erwartungen geweckt, die für mich so nicht erfüllt sind und doch hat mich dieses Buch mit einem gutem Gefühl zurück gelassen.

    Der Einstieg war auf Grund des etwas abgehackten Schreibstils zunächst schwierig. Doch einmal daran gewöhnt ging es ohne Probleme und ich konnte mich gut auf die Geschichte einlassen.
    Es sind viele kleinere Absätze und kurze Kapitel die zu einem ganzen führen. Manchmal mit Cliffhängern andere Male in sich abgeschlossen.
    Es beginnt eigentlich in der Mitte der Geschichte und wird aus Sicht von Höppner erzählt. Er erklärt auch warum er genau da anfängt und berichtet dann auch von der Zeit davor.

    Auerhaus ist eine WG von jungen Leuten, die überwiegend noch in die Schule gehen und sich auch daher kennen. Sie erleben den normalen Wahnsinn eines Schulabgängers, da ist es egal ob es wie hier Abiturienten sind oder jüngere Schüler. Auerhaus erinnerte mich als Leser so ein wenig an mein letztes Jahr auf der Schule und es gab parallelen im Denken, nicht unbedingt im Handeln. Bov Bjerg schafft es dieses Gefühl gut zu transportieren und das ganz indirekt.
    Auerhaus war nicht so locker leicht wie erwartet. Ganz im Gegenteil, es hatte viel Tiefe und Gefühl. Es ist ein Buch, das man auf Grund der Kürze an einem nachmittag gelesen hat und doch nicht so schnell vergessen geht. Auch weil alte Gefühle hoch kommen. Wer kennt es nicht. Die Aufregung des letzten Schuljahres. Erste festere Liebeleien. Die Frage nach der Zukunft. Die Aufregung ob man den Abschluss schafft. Genau damit beschäftigt sich hier der Autor und auch mit der Angst um einen Freund durch den versuchten Selbstmord. Doch auch wenn diese Tatsache immer präsent ist, rückt sie hier und da in den Hintergrund und macht anderem Platz.

    Die Figuren haben alle ihre Geschichte. Man lernt sie trotz der wenigen Seiten gut kennen und kann sie einschätzen.
    Höppner ist der Freund von Frieder. Er hat Angst das Abi nicht zu schaffen und Angst um seinen Freund.
    Frieder ist ein ganz ruhiger junger Mann, der selber kaum benennen kann warum er diesen Selbstmordversuch unternommen hat und doch erfährt man viel über ihn und auch seine Beweggründe. Manches liest man einfach zwischen den Zeilen.
    Vera, Cäcilia, Harry und auch Pauline sind ebenfalls Bewohner des Hauses. Von Ihnen erfährt man genug, aber sie sind eher Nebenfiguren auch wenn sie für die Ereignisse wichtig sind.

    Zum Schluss gehe ich zufrieden aus dieser Geschichte raus. Das Buch ist abgeschlossen und für mich brachte es Erinnerungen an mein Abschlussjahr.