Arminuta

Buchseite und Rezensionen zu 'Arminuta' von Donatella Di Pietrantonio
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Inhaltsangabe zu "Arminuta"

Gebundenes Buch
Im Dorf nennen sie alle nur Arminuta, die Zurückgekommene. Warum hat man sie zu ihren leiblichen Eltern zurückgeschickt? Wer ist ihre Mutter? Die, die sie geboren hat, oder die, bei der sie aufgewachsen ist?
"Als Dreizehnjährige kannte ich meine andere Mutter nicht mehr." So beginnt die Geschichte, in der ein junges Mädchen mit einem Koffer und einem Sack voller Schuhe bei einer ihr unbekannten Familie abgeliefert wird. Die echten Eltern wollten sie wieder haben, mehr haben ihr die, die sie bisher Vater und Mutter nannte, nicht erklärt. Niemand scheint auf sie gewartet zu haben, alle haben offensichtlich andere Sorgen. Das Essen ist knapp, die Neue muss sich das Bett mit der kleinen Schwester teilen und das Zimmer mit den drei Brüdern. Hier ist alles fremd, die Armut, der Schmutz, die harten Worte. Während sie einen Weg zurück in ihr behütetes Leben in dem kleinen Haus am Strand sucht, entwickeln sich neue Bindungen, zur mutigen Schwester, den Brüdern, der Mutter. Und sie beginntzu verstehen, wie viele Facetten die Liebe haben kann. Donatella Di Pietrantonio erzählt in dieser ungewöhnlichen Familiengeschichte von Zugehörigkeit und Verantwortung, Verstrickungen und Mutterliebe und davon, was es bedeutet, den eigenen Platz im Leben zu finden. Poetisch, zart und unvergesslich.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783956142536

Rezensionen zu "Arminuta"

  1. zwei Mütter, zwei Familien

    Autorin
    Donatella di Pietrantonio wurde in den Abruzzen geboren und lebt heute in der Nähe von Pescara. Ihre Romane Meine Mutter ist ein Fluss (2013) und Bella mia (2015) wurden mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Mit Arminuta (2018) ist ihr der internationale Durchbruch gelungen.
    Quelle: Verlag Antje Kunstmann GmbH

    Inhalt
    Im Dorf nennen die Dorfbewohner sie nur „Arminuta, die Zurückgekommene". (S. 92)

    Eine Geschichte über Mütter, Töchter und Schwestern im Italien der 70er Jahre. Bis weit ins zwan­zigste Jahrhun­dert war es nicht unüblich in vielköpfigen Familien auf dem Land ein Neuge­bore­nes im Ver­wandten­kreis abzu­geben, wenn man es selbst nicht würde groß­ziehen können.
    L’Arminuta, im Dialekt „Die Zurückgekommene“ ist ein solches Kind.
    Sie stammt aus einem kleinen, ärmlichen Dorf in den Abruzzen und steht einer anderen Frau gegenüber, die sie nicht kennt, aber ihre Mutter ist.

    Arminuta ist dreizehn, sensibel, intelligent und aufgeschlossen. Sie wächst wohlbe­hütet als Einzelkind auf. Ihre Eltern sind fürsorg­lich und fördern sie. Die Familie wohnt in einem gepflegten kleinen Haus direkt am Meer.
    Plötzlich ändert sich das Leben für Arminuta. Ihr Vater, ein Cara­biniere, fährt sie hinauf zu einem Bergdorf in den Abruzzen. Ohne weitere Erklärungen gibt er sie bei einer ihr fremden Familie ab, lediglich mit der Begründung, das sei ihre leibliche Familie. Ihre echten Eltern wollten sie wiederhaben.
    Trotz aller Proteste, lässt ihr Vater sich nicht umstimmen und sie bleibt alleine zurück.

    „Als Dreizehnjährige kannte ich meine Mutter nicht mehr.“ Von einem Tag auf den anderen hat sie keine Mutter, keine Familie, kein Heim mehr.“ (S.9)

    Der Abschied von ihrer Mutter, bei der sie bisher gelebt hatte, war bereits lieblos und die Ankunft in der neuen Familie reißt ihr noch mehr den Boden unter den Füßen weg. Die Verhältnisse sind prekär, die Eltern überfordert und abweisend, die Geschwister chaotisch. Armut, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit prägen diese Familie, Konflikte werden mit Gewalt gelöst. Keiner scheint sich zu freuen, keiner scheint auf sie gewartet zu haben. Nicht einmal an ein Bett für sie wurde gedacht. Sie ist verzweifelt und fühlt sich zum zweiten Mal abgeschoben, aber sie nimmt es dennoch hin und versucht sich irgendwie einzuleben in einer Welt mit gleich­zeitig zwei Mütter, zwei Familien, zwei Heime.

    „Es gab keinen Grund mehr, auf der Welt zu sein. Leise wiederholte ich hundertmal das Wort Mama, bis es keinen Sinn mehr hatte und nur noch Lippengymnastik war. Mit zwei lebenden Müttern wurde ich zum Waisenkind. Die eine hatte mich noch mit ihrer Milch auf der Zunge weggegeben, die andere hatte mich mit dreizehn zurückgebracht. Ich war die Tochter von Trennungen, falschen oder verschwiegenen Verwandten, Entfernungen. Ich wusste nicht mehr, woher ich stammte. Im Grunde genommen weiß ich es bis heute nicht.“ (S. 147)

    Im Dorf nennen die Dorfbewohner sie nur Arminuta, die Zurückgekommene. Arminuta will wissen, warum ihr Leben sich so abrupt ändern musste. Warum hat man sie zu ihren leiblichen Eltern zurückgeschickt? Wer ist ihre Mutter?

    Sprache und Stil

    „Arminuta“ ist ein schlichter, stiller Roman. Der Handlungsverlauf durchleuchtet viele Facetten des Lebens.

    Warum hat man sie zu ihren leiblichen Eltern zurückgeschickt?

    Wer ist ihre Mutter? Die, die sie geboren hat, oder die, bei der sie aufgewachsen ist? Gibt es überall eine Chancengleichheit?

    Wohin gehört sie jetzt? Welche sind ihre Wurzeln? Zu wem kann sie noch Vertrauen fassen?

    Wer ist ihre Mutter, die sie schon als hilfloses Baby wegge­geben hat, oder die andere, die sie wie einen lästigen Gegenstand aus der Geborgen­heit herausreißt und zurück­schickt.
    Woran kann sie sich klammern? An die Hoffnung einmal zu Adalgisa zurück­kehren zu dürfen?

    Eine ungewöhnliche Familiengeschichte, die eine Heldin benennt, die ihren Platz im Leben sucht.
    Donatella di Pietrantonio lässt Arminuta ihre Geschichte als Erwachsene aus der Rückschau erzählen. Die Handlung verläuft chronologisch. Die Sprache ist einfach und direkt und auch eindringlich und sensibel, den Charakteren angepasst.

    Fazit
    Donatella Di Pietrantonio zeichnet eindrucksvoll eine Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt Arminuta, ein Mädchen, in der Pubertät steht. Sie muss ihre Wurzeln neu entdecken, als sie aus dem Wohlstand kommend ohne Erklärungen in bittere Armut auf dem Land zurückgelassen wird.
    Eine aufwühlende Geschichte von einem Mädchen, das zu früh erwachsen werden musste.

    Lesenswert

    Arminuta
    Di Pietrantonio, Donatella
    Verlag Antje Kunstmann GmbH
    September 2018

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  1. 4
    13. Feb 2019 

    Wurzeln

    Arminuta, die Zurückgekommene, so wird die Protagonistin des Romans, ein 13-jähriges Mädchen genannt. Sie wurde von den Menschen, die sie aufzogen, mit der Wahrheit konfrontiert, dass sie nicht ihre leiblichen Eltern sind und sie jetzt zu ihren leiblichen Eltern zurückmüsse, weil es der Mutter schlecht geht. Eine Welt bricht zusammen. Wurzeln verschwinden.

    Doch nicht nur das, sie muss auch die Stadt verlassen, in der sie bisher lebte, geht in ein entfernteres Dorf, verliert also auch ihre Freunde, ihre bisherige Umwelt, ihre festen Größen. Eine Welt bricht zusammen. Wurzeln verschwinden.

    Und auch die Art des Lebens ändert sich schlagartig. Sie hatte in der Stadt in einem recht gut situiertem Umfeld gewohnt, war Einzelkind, besuchte Ballett- und Schwimmunterricht, hatte alles was sie zum Leben braucht. Jetzt in dem neuen zuhause, im Dorf, war sie plötzlich mit drei größeren Brüdern, einer größeren Schwester und einem männlichen Kleinkind konfrontiert, eine große Armut ist spürbar, sie muss lernen ihr kleines bisschen Essen gegen Familienmitglieder zu verteidigen und sie schläft mit ihrer Schwester zusammen in einem Bett, da keines für sie da ist. Das Ganze ist nur etwas schwierig, weil die Schwester noch nächtlich einnässt. Eine Welt bricht zusammen. Wurzeln verschwinden.

    Das alles reicht eigentlich einem Menschen das Leben zu zerstören und einen Menschen zu zerstören, und dazu noch einen Menschen, der sich in der Adoleszenz befindet, der ja eigentlich noch viel angreifbarer ist. Aber die Arminuta freundet sich mit dem Mädchen in der neuen Familie an, Adriana. Beide geben sich gemeinsam einen Halt und stärken sich gegen die Widrigkeiten des Lebens. Und nach und nach erschließen sich für Arminuta die Hintergründe für ihre Entwurzelung.

    Ein schöner Roman über ein starkes Mädchen, über Zerrissenheit und das Gefühl nirgendwohin zu gehören, und was das mit Menschen machen kann. Und gleichzeitig auch darüber was Stärke und ein Wille schaffen kann. Es ist eine schöne Sprache, die man hier vor sich hat, sie reißt mit und beschäftigt. Sie ist aber nicht mit Gefühlen überfrachtet, die Protagonisten versuchen sich recht pragmatisch durchs Leben zu schlagen. Und man fühlt mit, fiebert mit, ein deutlicher Sog ist spürbar. Ein wirklich schönes Buch.

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  1. Familie kann man sich nicht aussuchen

    L’arminuta - die Zurückgekehrte - wird sie genannt, das namenlose Mädchen, das mit 13 Jahren von den Zieheltern zu den leiblichen Eltern zurückgebracht wird. Statt einem Leben in der Stadt in einem Haus am Meer, guter Schule, Freundinnen, ordentlicher Kleidung und reichlich zu essen findet sie sich in einer kinderreichen Familie ohne Bildung, primitiven Umgangsformen, ohne Zuneigung wieder. Eigentlich will sie dort am Land auch niemand haben. Die Mutter ist mit den sieben Kindern überfordert, die älteren Brüder ungehobelte ordinäre Kerle. Der Vater ist kaum anwesend. Nur zu Adriana, der 10-jährigen Schwester und dem Baby Giuseppe findet sie eine Bindung.
    Es ist eine traurige Geschichte über das karge Leben einer Entwurzelten. Sehr eindrucksvoll ohne Rührseligkeit lässt die Autorin Donatella di Pietrantonio Arminuta erzählen, über den Kummer und das Unvermögendes ihre Lebensveränderung zu begreifen. Die mangelnde Zuneigung und Lieblosigkeit in dieser Familie ist erschreckend. Die „Mutter vom Meer“ und die „Mutter im Dorf“ könnten nicht unterschiedlicher sein. Instinktiv wendet sie das inzestuöse Verhältnis, das sich zwischen ihr und dem ältesten Bruder Vincenzo anbahnt ab „Wir waren es nicht gewöhnt, Geschwister zu sein“, sagt sie. Nur ganz langsam findet sie Zugang zu ihrer biologischen Mutter. Auch Jahre später wird sie mit ihren Müttern nie im Reinen sein. Familie kann man sich nicht aussuchen, Arminuta hatte sogar zwei und in beiden konnte sie ihren Platz nicht finden.
    Es ist ein sehr stilles Buch, die Geschichte ging mir sehr nahe.

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  1. Die Zurückgekehrte

    Ich habe gerade ein Buch zu Ende gelesen, das mich sehr begeistert hat. Kaum mochte ich es aus der Hand legen. Die wunderschöne Sprache von Donatella Di Pietrantonio verzauberte mich vollkommen. Sätze ließen Bilder im Kopf entstehen, die zart, poetisch und schön waren, gleichzeitig Wut und Hilflosigkeit vermittelten.

    Die Zurückgekehrte

    Arminuta ist die Zurückgekehrte. Sie wurde als Baby an ein Pärchen weitergegeben. Aber die rechten Eltern wollten das Kind zurück, als das Mädchen Dreizehn Jahre zählte.
    Arminuta kannte ihre echten Eltern nicht und fand es furchtbar, ihre Familie der letzten Jahre verlassen zu müssen. Für das Mädchen wurde vieles anders. Die Jahre in dem gut situierten Haus sind vorbei und das Mädchen muss sich völlig umstellen. Sie teilt sich ein Bett mit ihrer kleineren Schwester und die Brüder schlafen in dem selben Zimmer wie die Mädchen. Alles ist so viel primitiver als in ihrer geschenkten Familie. Aminuta vermisst das alte Leben, die Eltern und ihre beste Freundin. Das Dorf in dem sie nun leben muss, ist so einfach und hat mit der Stadt am Meer kaum etwas gemein. Aber noch mehr als über die Verwahrlosung, in der sie jetzt leben muss, kommt die Zurückgekehrte mit der Zurückgezogenheit ihrer Leihmutter zurecht. An die gegebenen Umstände kann sie sich anpassen, aber was ist mit der „Mutter“?

    „Ich kannte keinen Hunger und lebte wie eine Fremde unter Hungernden...“ Seite 128

    Arminuta findet eine besondere Freundin in ihrer kleinen Schwester Adriana, die so viel mutiger scheint als die große Schwester. Erst nach einiger Zeit begreift Arminuta, wie verschieden Liebe und Zusammenhalt aussehen kann. Sie bleibt immer unter einem Schutzmantel ihrer Leihmutter, die dafür sorgt, dass es dem Mädchen an nichts mangeln soll. Doch Wut über das Verlassenwordensein, lässt das große Mädchen ungerecht werden.

    „...was für ein Ort eine Mutter ist! ...eine Zuflucht, Gewissheit..“

    Unglücklich, wusste das pubertierende Mädchen nicht mehr woher sie stammte.

    Schwierig ist es nicht das Mädchen sympatisch zu finden. Donatella Di Pietrantonio gibt einem die Möglichkeit zu träumen und durch die zarten Sätze Gefühle zu entwickeln, die es schwer machen, das Buch auch nur eine Minute aus der Hand zu legen. Ich habe die 224 Seiten an einem Tag gelesen.
    Die Autorin und ihre Übersetzerin
    Die Autorin stammt aus den Abruzzen und lebt heute in der Nähe von Pescara. Sie hat mit ihren Romanen einige Literaturpreise gewonnen. Perfekt ist die Übersetzerin Maja Pflug. Sie wurde schon sehr oft gelobt, „Maja Pflug ist eine der verdientesten Übersetzerinnen aus dem Italienischen. Als deutsche Stimme von Natalia Ginzburg, Cesare Pavese und Fabrizia Ramondino hat sie große literarische Vielfalt und stilistisches Können bewiesen ...“(Autorenprofil Kunstmann-Verlag) Seit Dreißig Jahren übersetzt sie italienische Literatur.

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