Arctic Mirage: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Arctic Mirage: Roman' von Terhi Kokkonen
3.85
3.9 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Arctic Mirage: Roman"

Eine einsame Schneelandschaft und zwei Menschen auf der Suche nach Erholung: die Geschichte einer Eskalation Der Urlaub in Lappland soll die lang ersehnte Erholung für Karo und Risto bringen. Doch dann kommt es zu einem Autounfall und die beiden sitzen fest, in einem Hotel namens Arctic Mirage. Leicht verletzt und noch halb unter Schock bewegen sie sich sehr unterschiedlich durch die luxuriöse Anlage inmitten der Schneelandschaft. Während Karo das Gefühl hat, in einer Falle zu sitzen, scheint Risto die Situation geradezu zu genießen: Er flirtet mit den Hotelangestellten, plant Freizeitaktivitäten und lässt sich von Karos seltsamer Stimmung nicht beirren. Bis die beiden sich plötzlich als Feinde gegenüberstehen. Terhi Kokkonen beschreibt den gefährlichen Drahtseilakt eines Paares, das ein dunkles Geheimnis hütet. Und die Anziehungskraft einer Landschaft, deren gedämpftes Weiß Gefahr verheißt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446279599

Rezensionen zu "Arctic Mirage: Roman"

  1. "Man erkennt überhaupt nichts, da ist ja nichts als Schnee ... "

    "Arktisches Trugbild" könnte man den Titel dieses Romans übersetzen. Es ist der Name eines Luxushotels, in dem sich die Geschichte abspielt. Das Ehepaar Karo und Risto, auf dem Heimweg vom Urlaubsort in die Stadt zurück, muss nach einem Autounfall einige Tage dort Pause machen, um sich zu erholen: beide sind leicht verletzt, das Auto Schrott. Das superteure Fünf-Sterne-Hotel bietet keineswegs den Super-Service, den man erwarten könnte. Telefonieren ist nicht möglich, das Personal gibt sich unfreundlich. Die Beziehung des Paars zeigt von Anfang an Risse, so ist man sich nicht mal über die Unfallursache einig; uneins auch darüber, wie lange man bleiben will und wie man die Tage verbringt. Die Landschaft bietet wenig Abwechslung (und kommt in dem Buch übrigens auch kaum vor). Karo redet mit dem Hotelarzt, Risto mit der Empfangsdame; miteinander gehen beide zunehmend gereizt um.

    Es ist eine Eigenart dieses Buches, dass wir nie ganz genau wissen, was objektiv passiert. Wir sehen das Geschehen hauptsächlich aus Karos Perspektive, die aber selbst das Gefühl hat, immer wirrer zu werden. Sie hat Panikattacken und verlegt Dinge. Zwischendurch redet sie sich ein, "unverdient privilegiert" zu sein, und bekennt: "Am glücklichsten bin ich, wenn ich überhaupt nichts fühle." (S. 52) Die Streitereien in ihrer Ehe nimmt sie seit langem hin; wenn es allzu schwierig wird, fährt man halt zusammen in Urlaub. In eingestreuten Szenen aus der Perspektive des Hotelarztes bzw. der Empfangsdame sehen wir Karo mit den Augen anderer Personen und bemerken die Widersprüche zu ihrer Eigenwahrnehmung. Andererseits haben auch die genannten Nebenpersonen ihre eigenen Probleme und sind keine zuverlässigen Erzähler. Ein objektives Bild bekommen wir von der Autorin nicht - passend zur Schneelandschaft, in der man "überhaupt nichts erkennt", müssen wir unsere eigene Vorstellung immer wieder korrigieren.

    Die Handlung umfasst neben den wenigen Tagen im Hotel einige Rückblicke in die Vergangenheit von Karo und Risto. Die toxische Beziehung des Ehepaars gewinnt nach und nach an Kontur. Einige weitere Erzählstränge um den Hotelarzt und andere Einheimische bedienen ebenfalls die Themen Selbstwahrnehmung und Manipulation. Karos Unsicherheit, ihr mangelndes Selbstvertrauen korrespondiert mit der Unsicherheit des Lesers: Was genau passiert eigentlich, wessen Wahrnehmung dürfen wir trauen? Das Spiel mit den Möglichkeiten kann sehr reizvoll sein. Ist aber überhaupt nichts klar und alles möglich, geht es dem Leser, der Leserin wie den Hotelgästen, die Landschaftsfotos machen wollen: wir sehen weiße Wüste. Dass das eigentlich sehr stimmungsvolle Setting im verschneiten Lappland so wenig herausgestrichen wird, gehört zum Konzept des Romans - es gibt nichts Genaues zu sehen.

    Sprachlich ist der Roman, der im Präsens erzählt wird, schnörkellos und schlicht; abgesehen von Zeitsprüngen, die wirken, als seien kleine Zeitabschnitte gelegentlich durcheinander gerüttelt - was, gut dosiert eingesetzt, für zusätzliche Verunsicherung beim Lesen führt. Das Buch ist kurz, viele Fragen bleiben offen - auch wenn wir immerhin ein markiges Ende vor uns haben (was schon im ersten Satz angedeutet wird). Es ist auch kurzweilig zu lesen. Der Klappentext, in dem es heißt, dass das Paar "ein dunkles Geheimnis hütet", führt allerdings in die Irre; richtiger wäre, dass sowohl Karo als auch Risto ihre eigenen Geheimnisse haben.

    Das Buch wurde in Finnland preisgekrönt; die deutsche Ausgabe ist mit einem Gemälde des Spaniers Guim Tio, das eine einsame Person in einer Schneelandschaft zeigt, sehr ansprechend gestaltet. Obwohl es alles mitbringt, was einen Roman spannend und lesenswert macht, bin ich nicht vollständig warm damit geworden - vielleicht soll es auch so sein (um die Kältemetapher ein letztes Mal zu bemühen). Vielleicht liegt es daran, dass mir keine der Hauptpersonen, einschließlich der von sich selbst entfremdeten Karo, so richtig sympathisch war. Trotzdem ein empfehlenswertes Buch, das zum Wiederlesen einlädt.

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  1. "Sobald man nach ihnen greifen will, entziehen sie sich."

    "Sobald Karo nach ihnen greifen will, entziehen sie sich“ (S. 185).

    Dieser Satz bringt das Lese-Erlebnis auf den Punkt. Ein surreal, kafkaesk anmutendes Hotel in einer kalt-weißen Winterlandschaft, und in dem Hotel ein Paar, das dort nach einem rätselhaften Unfall gestrandet ist und ein paar Tage verweilen will.

    Das Paar wirkt nach außen hin arriviert und wohlhabend, aber nun werden ihre inneren Zustände Schnitt für Schnitt freigelegt. Dabei entfaltet die Autorin ein raffiniertes Spiel um Wahrheit und Täuschung, um Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. So wie die Wahrnehmung der Hauptfigur Karo immer wieder bezweifelt wird und sich ändert, genau so ändert sich die Wahrnehmung des Lesers. Jede vermeintliche Klarheit wird schon im nächsten Kapitel wieder revidiert. Damit bringt die Autorin ihren Leser in dieselbe verwirrende Situation, in der sich ihre Protagonistin befindet. Chapeau!

    Um das Paar herum treten einige Personen auf, von denen jeder für sich die emotionale Kälte des Paares und zugleich deren Wahrnehmung widerspiegelt. Keine einzige dieser Figuren ist von der Komposition her verzichtbar. Auch scheinbare Nebenfiguren dienen als Projektionsfläche oder sie übernehmen, wie z. B. die Figur der Dina mit ihrer Stärke und Kompromisslosigkeit, eine Vorbildfunktion für Karo, die durch die Psycho-Attacken ihres Ehemannes ihren inneren Halt zu verlieren scheint. Alle Figuren wirken wie Nebelgestalten, deren Umrisse sich ständig ändern. „Sobald (man) nach ihnen greifen will, entziehen sie sich.“ Die einzig verlässliche Wahrnehmung für Karo ist die Musik, in der sie ihre Ruhe findet und die letztendlich auch ihren Befreiungsversuch initiiert.

    Mir hat es sehr gut gefallen, wie geschickt die Autorin die einzelnen Figuren mit Motiven und Handlungsfäden zu einem kunstvollen Netz verknüpft. Alle Figuren haben mehrere Gesichter bzw. werden unterschiedlich wahrgenommen, aber sie haben ein gemeinsames Lebensgefühl: Einsamkeit, Verlassenheit, Manipulation, Angst, Realitätsflucht, und immer wieder Gewalt. Dabei muss man sich als Leser allerdings vergegenwärtigen, dass Karo die Erzählinstanz ist und wir als Leser quasi durch ihre Brille schauen.

    In kurzen Rückblenden wird die Vorgeschichte ansatzweise erzählt, und diese Ansätze reichen aus, um die seelischen Traumata zumindest im Ansatz zu erkennen. Diese fehlende Unterfütterung kann man bemängeln, aber diese Unschärfe passt wiederum zur unscharfen Wahrnehmung Karos und zur Unzuverlässigkeit jedes Erinnerns. Im letzten Abschnitt verschränkt die Autorin sprachlich wunderbar die beiden Zeitebenen, in denen sie bisher erzählte. Vergangenheit und Gegenwart durchmischen und verzahnen sich miteinander, und deutlicher kann man kaum zeigen, welche Bedeutung Karos traumatisierende Vergangenheit für ihre Gegenwart hat.

    Die stakkatohafte Sprache unterstützt diese Verunsicherung des Lesers, weil sie eine zusätzliche Distanz zu den Figuren schafft. Die Sprache ist ausgesprochen nüchtern, und der Prolog – ein Paukenschlag im 1. Satz! - stimmt den Leser schon darauf ein. Dort wird der Mord in einfachen Sätzen teilnahmslos berichtet. Die Sprache erlaubt keinerlei Identifikation.

    Hätte die Landschaft Lapplands eine Rolle spielen sollen? Die Autorin ist Finnin, und sie braucht für ihren Roman lediglich das Kalte, Weiße, Flirrende und Irrisierende einer Landschaft, die das Innere ihrer Personen widerspiegelt. Da bietet sich das finnische Lappland an. Wer hier Lappland-Flair, Rentiere, Polarlicht-Romantik etc. erwartet, sollte bedenken, dass es in diesem Roman um innere und nicht um äußere Landschaften geht.

    4,5/5*

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  1. Eskalation im Arctic Mirrage

    Ich war sehr neugierig auf Terhi Kokkonens Debutroman, wurde er doch den finnischen Literaturpreis Helsingi Sanomat ausgezeichnet und in höchsten Tönen angepriesen. Zudem erinnerte mich die Thematik an Peter Camerons Buch "Was geschieht in der Nacht?", der mir sehr gefiel.

    Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag. Wir erfahren gleich zu Beginn von Karos Bluttat an Risto, ihrem Mann. Er liegt tot und regungslos im Schnee, während am Himmel die Nordlichter erscheinen. Doch wie konnte es zu dieser Tragödie kommen? Davon handelt Arctic Mirage.

    Auf der Urlaubsrückreise haben Karo und Risto einen Autounfall. Unvorhergesehen geht ihr Urlaub in die Verlängerung und sie stranden im Luxushotel Arctiv Mirage. Dies liegt etwas abgeschieden. Die Szenerie ist vielversprechend und bietet eine geeignete Hintergrundkulisse für eine Geschichte, in der das Reale zu verschwimmen scheint und nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Die Abgeschiedenheit und Verlassenheit des Hotels im eisigen und einsamen Lappland scheint das perfekte Setting für eine Geschichte, in der eine toxische Beziehung im Vordergrund des Geschehens steht. Was ist WiRKLICH passiert, was bildet Karo sich vielleicht nur ein? Und was wollen Risto und ihr Umfeld sie vielleicht auch nur glauben lassen? Fragen über Fragen.

    Im Verlauf der Geschichte lernen wir Karo und Risto näher kennen. Schon bald stellt sich die Frage, was sie als Paar eigentlich verbindet. Die Beziehung krankt merklich. Primär lesen wir aus Karos Perspektive, die an Risto kein gutes Haar lässt. Doch auch andere Figuren bestätigen dieses Bild punktuell, so dass man relativ bald den Eindruck bekommt, es gehe im Kern um einen Fall von Gaslighting. Will Risto Karo bewusst und mit voller Absicht manipulieren, sie zermürben? Will er sie glauben machen, sie bilde sich Dinge nur ein, von denen sie fest überzeugt ist, sie seien da? Wie etwa das andere am Unfall beteiligte Auto. Diese psychische Dimension spricht mich thematisch sehr an, hätte aber gerne noch präziser ausgearbeitet werden können. Die Spannung hätte gerade aufgrund des gewählten Settings unheimlicher, gruseliger sein können.

    Man kann sich natürlich berechtigterweise fragen, warum es so viele Nebenschauplätze und weitere Figuren mit Einzelschicksalen gibt, wenn doch die toxische Beziehung des Ehepaars den Fokus bildet. Nach längerer Reflexion bin ich zum Schluss gekommen, dass dies andere Formen psychischer Gewalt ins Spiel bringt. Macht und Manipulation scheinen mir das Hauotthema zu sein, Gaslighting durch Risto letztlich eine, die deutlichste, Manifestation von mehreren thematisierten. So wird der Roman für mich rund und ich kann die positiven Stimmen zu Kokkonen's Debut sehr gut nachvollziehen.

    Auch wenn der Roman nicht ganz so spannend aufgebaut ist wie etwas Camerons "Was geschieht in der Nacht?" und auch wenn er weniger mysteriös ist: Das Vewirrspiel rund um die Frage, was die "wirkliche Wirklichkeit" ist hat mir gut gefallen, so dass ich am Ende knappe 5 Sterne vergebe und eine Leseempfehlung ausspreche. Das Verwirrspiel, das Karo erleidet, spiegelt sich beim Leser - ein kluger Schachzug von Kokkonen. Ich werde die Autorin zukünftig im Blick behalten und freue mich auf weitere Werke.

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  1. Arktische Fata Morgana

    In Finnlands hohem Norden ist nichts so wie es auf den ersten Blick scheint. In der eisigen Schneelandschaft Lapplands nach einem Autounfall gestrandet, finden sich Karo und ihr Mann im überteuerten Hütten-Hotel „Arctic Mirage“ wieder, dass seinen Namen völlig zu Recht trägt. Denn alles hier, vom Luxusanstrich über das Personal bis hin zu den Gästen, gleicht einer arktischen Fata Morgana, die Wahrheit kommt nur ganz allmählich ans Licht.

    Terhi Kokkonen spielt in ihrem – mit einem wunderschönen Cover versehenen – Roman äußerst geschickt mit der Idee des Trugbilds und der falschen Erwartung; beidem sitzt auch der Leser ein ums andere Mal auf. Durch die Erzählweise, die Abschnitt für Abschnitt zwischen verschiedenen Fokalisierungsinstanzen hin und her wechselt, gelingt es ihr, dass man als Leser immer wieder seine Haltung zu den Figuren revidieren und aufs Neue überprüfen muss. Die als sehr überzeugend wahrgenommene Erstcharakterisierung und Beschreibung wird immer wieder aufgeweicht, wenn eine Figur durch den Blick einer weiteren Fokalisierungsinstanz neu bewertet wird. So kommt man den Figuren und den Geschehnissen Schicht um Schicht näher, verharrt aber in einer gewissen Unsicherheit, weil man nie ganz davon überzeugt sein kann, die Ereignisse umfassend durchdrungen zu haben. In dieser Hinsicht ist der Roman hervorragend konzipiert, er spielt mit der Wahrnehmung der Figuren und des Lesers – selten liest man Texte, die so virtuos und überzeugend aus ihrer Erzählkonzeption heraus immer wieder mit einem neuen Twist aufwarten. Das hat mir über die Maßen imponiert und sehr gut gefallen – auch wenn es die ein oder andere inhaltliche Unstimmigkeit gab, die vermutlich aus der Übersetzung oder dem Lektorat resultiert.

    Leider hält der Roman sein erzähltechnisch hohes Niveau nicht durch, wenn es um den Handlungsverlauf geht. Die langsame Annäherung an die sehr gut gezeichneten Figuren sorgt für eine stetig ansteigende subtile Spannungskurve, aber leider geht dem Roman auf den letzten Metern die Luft aus. Das Ende ist tatsächlich recht enttäuschend, sehr gewollt auf eine Ebene gehievt, die wohl literarisch-kryptisch wirken soll, aber mehr irritiert als überzeugt. Dies fällt umso schwerer ins Gewicht, weil der Roman alle Anlagen für einen rauschenden Abgang gehabt hätte. Wenn über vier Fünftel eines Buchs ein solch erzähltechnisches Feuerwerk gezündet wird, dann darf man wohl am Schluss auch noch einen großen Knall erwarten – stattdessen wird man mit einer mickrigen Wunderkerze abgespeist.

    Ein weiterer Kritikpunkt ist auch die Tatsache, dass die arktische Umgebung und das abgelegene Hotel eher als Hintergrundrauschen, denn als eigene Figur eingesetzt werden. Gerade bei einer Story, die so mit Wahrnehmung und Verwirrung spielt wie „Arctic Mirage“, hätte das Setting eine bedeutendere Rolle spielen müssen – in der ausschließlichen Verwendung als malerische Kulisse wird leider viel Potenzial verschenkt.

    „Arctic Mirage“ ist dennoch eine Empfehlung für Leser, die undurchsichtige Figuren lieben und sich gern immer wieder neu auf einen Text einlassen.

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  1. Psychologisch verwickeltes Ehedrama vor unwirtlicher Kulisse

    Wer hinter dem verwunschenen Titel „Arctic Mirage“ eine landschaftlich reizvolle Idylle vermutet, ist auf dem Holzweg. Am Anfang steht eine Bluttat, die Szenerie ist eher kalt. Ebenso wirken die meisten Figuren, denen man schwerlich große Sympathien entgegenbringen kann. Dennoch entwickelt der Roman eine eigenwillige Faszination mit latenter psychologischer Spannung.

    Karo und Risto sind ein gut situiertes Ehepaar Ende Vierzig. Auf der Urlaubsrückreise haben sie einen schweren Autounfall, den sie aber relativ glimpflich überstehen. Sie stranden im titelgebenden Luxushotel „Arctic Mirage“ mitten im finnischen Nirgendwo, einem Eldorado für Wintersport- und Wellnessfreunde. Die Menschen dort verhalten sich jedoch ähnlich seltsam wie das gestrandete Ehepaar. Ob Arzt, Krankenschwester oder Hotelpersonal: Jeder hat seine individuellen Schwierigkeiten, was durch skurrile Vorlieben, bedeutungsschwere Erinnerungen oder andere Verhaltensauffälligkeiten offenkundig wird. Diese Kulisse korrespondiert wunderbar mit den komplexen Beziehungsproblemen von Karo und Risto. Beiden sitzt der Schock im Nacken, dem Tod noch einmal entronnen zu sein. Doch das ist längst nicht alles.

    Überwiegend wird aus Karos Perspektive erzählt. Sie schildert Risto als einen gewalttätigen Mann, der sie bedrängt, nachtragend ist und zu viel Alkohol konsumiert. Doch auch Karo ist psychisch angeschlagen. Sie verspürt eine tief verwurzelte Lebensangst und neigt zu Panikattacken. Rückblicke zeigen, dass beide Eheleute bereits seit der Kindheit schwer traumatisiert sind, was sie damals zueinander führte: „Beide schleppten Geheimnisse mit sich herum, die sie auf keinen Fall offenbaren wollten und die sich weniger schwer und lebensbestimmend anfühlten, wenn sie zusammen waren, weil es dem anderen ähnlich ging.“ (S. 77)

    Karo ist überzeugt, dass ein blauer Lieferwagen am Unfall beteiligt war. Risto streitet das vehement ab. Er argumentiert mit Karos Wahrnehmungsstörungen, für die es immer mehr Beweise zu geben scheint. Gibt es die tatsächlich oder ist Risto derjenige, der seine Frau manipuliert und verunsichert? Findet da ein versteckter Machtkampf statt? Das sind die Kernfragen, die den Leser beschäftigen. Es werden Indizien ausgestreut, die sowohl in die eine als auch in die andere Richtung zeigen. Interessant sind auch eingeflochtene Handlungsstränge rund um die anderen versehrten Figuren, die den Blickwinkel weiten, indem sie in Interaktion mit dem Ehepaar treten oder ihre Beobachtungen schildern. Daraus ergibt sich ein äußerst reizvolles Puzzlespiel, bei dem man immer stärkere Zweifel hegt, ob man Karos Perspektive trauen darf.

    Ich mag generell Konstruktionen mit unzuverlässigen Erzählinstanzen. Die Spannung baut sich über die fünf Tage im Hotel kontinuierlich auf, obwohl im eigentlichen Sinn nicht viel passiert. Der Roman lebt vom psychologischen Moment, von den Machtspielchen der Haupt- und Nebenfiguren. Man fragt sich laufend, ob der blutige Prolog den Tatsachen entspricht oder nur eine Art Traumvorstellung ist. Die ganze Geschichte wird im Präsens erzählt, was große Unmittelbarkeit vermittelt. Die kalte, ungastliche Atmosphäre passt überhaupt nicht zu dem, was man in einem derartigen Luxusdomizil erwarten würde. Der Titel ist Programm: Hier ist vieles eben nicht, wie es auf den ersten Blick scheint. Man muss zweimal hinschauen. Das gilt auch für den Inhalt dieses nur 188 Seiten starken Romans.

    Terhi Kokkonen hat ein beeindruckendes Debüt vorgelegt, das durch Inhalt, Konstruktion und klare Sprachführung besticht und mich von der ersten Seite an gefesselt hat. Elina Kritzokat hat den Roman, der 2020 mit dem Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, wunderbar aus dem Finnischen ins Deutsche übertragen.

    Ich empfehle dieses Buch allen Lesern, die Freude an psychologisch verflochtenen Beziehungsgeschichten haben und gern hinter die Fassaden blicken, um menschliche Untiefen zu ergründen.

    Große Leseempfehlung!

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  1. 3
    19. Feb 2024 

    Leider nicht der erwartete Knaller

    Mit „Arctic Mirage“ hat die Finnin Terhi Kokkonen sofort mit ihrem Debütroman den finnischen Helsingin-Sanomat-Literaturpreis eingeheimst. Das ist nach der Lektüre etwas verwunderlich, ist der Roman zwar nicht schlecht, doch bleibt er weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

    Gleich zu Beginn erfahren wir auf der ersten Seite, dass Karo ihren Ehemann Risto umbringen wird. Dann springen wir eine Woche in der Zeit zurück und erlesen uns die Geschehnisse bis zu diesem einschneidenden Ereignis. Die Kapitel sind spannend mit den entsprechenden Wochentagen überschrieben, sodass das Buch wie ein „Countup“ (denn „down“/“runter“ wird im eigentlichen Sinne ja nicht gezählt, da wir in der Zeit voranschreiten) aufgebaut ist. Wir erfahren, dass das Paar zusammen auf eine Reise in den hohen Norden Finnlands aufgebrochen ist und am Tag ihrer geplanten Abreise durch einen Autounfall davon abgehalten wurde. Nun sind sie in einem zunehmend merkwürdig anmutenden Luxus-Hotel Namens „Arctic Mirage“ gestrandet und die Geschehnisse nehmen ihren nebulösen Verlauf.

    Die Autorin konnte mich zu Beginn des Romans mit ihrer nebulösen Art, die Personen, ihre Handlungen und die Geschehnisse zu beschreiben zunächst sehr gut einfangen. Ich ließ mich auf dieses kuriose Hotel und die ebenso kuriosen Figuren, die alle von abwegigen Gelüsten geleitet zu sein scheinen, ein und erhoffte mir dann im letzten Drittel eine geschickte Zusammenführung der verschiedenen Erzählstränge. Denn nicht nur erfahren wir einiges über die Vergangenheit des Ehepaares Karo und Risto, sowie deren zerrüttetet Beziehung zueinander sondern auch sehr viel über die Hintergründe von Nebenfiguren, wie dem behandelnden Hotelarzt oder der jungen Empfangsdame des Hotels. Es bot sich quasi auf dem Silbertablett an, hier geschickt diese Fäden zu verweben und ein knalliges Ende zu stricken.

    Leider hat mich die Auflösung der Geschichte sehr enttäuscht, wird doch letztlich relativ konventionell die Geschichte zu Ende erzählt. Viele Andeutungen aus dem Roman werden nie wieder aufgegriffen und man fragt sich nach Abschluss der Lektüre, warum so einige Textpassagen überhaupt im Roman geblieben sind. So hätte die Autorin entweder stark einkürzen und sich auf einen raffinierten Twist konzentrieren können oder den Roman in seinem Volumen erweitern und dafür den verschiedenen Strängen eine Funktion geben können.

    Nun gut. Ich habe mich nicht durch den Roman gequält oder maßlos geärgert. Letztlich kann die Autorin durchaus gut schreiben, hat sich hier aber in der Konstruktion des Romans vergaloppiert. Meines Erachtens hat sich auch die Jury vor den oben genannten Literaturpreis etwas vergaloppiert, denn es handelt sich durchaus um keinen schlechten, aber meines Erachtens auch nicht um einen herausragenden Roman. Das Potential dafür war sicherlich da, aber es wurde nicht annähernd ausgeschöpft. Schade.

    2,5/5 Sterne

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  1. Im dunklen Herzen Finnlands

    Arctic Mirage ist das Debut der finnischen Schriftstellerin Terhi Kokkonen, für das sie mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde. In ihrer Heimat ist sie mit ihrer außergewöhnlichen Stimme schon länger bekannt und beliebt mit ihrer Band "Ultra Bra"

    Wer denkt, er kauft einen der vielen populären skandinavischen Thriller aus dem Winter-Wunder-Land Lappland, der wird enttäuscht sein, keine schneebeladenen Tannen, keine Blockhausromantik in klirrender Kälte, keine Verzauberung durch das Nordlicht und weit und breit kein Wolf der schaurig im Mondlicht heult. Und trotzdem kommt das Buch direkt aus dem dunklen Herzen Finnlands. Wenn man bedenkt, dass sich die Finnen als das glücklichste Volk der Erde empfinden, fragt man sich wieso es soviel psychisch behandlunsbedürftige Menschen gibt, und die Suizidrate überdurchschnittlich hoch ist. Genau diesem Themenkreis hat die Autorin für ihr Buch ausgewählt.

    Ein Ehepaar das eine absolut gestörte Beziehhung führt reist für ein paar Tage in den Norden ihres Landes, mit der Illusion, dass es nach ein paar Tagen der Entspannung wieder besser mit ihnen laufen sollte. Das ist nicht der Fall. Nach lange verdrängten Gefühlen endet der Erkenntnisprozess in einer blutigen Eskalation.

    Die Autorin hat für ihr Buch die Form gewählt, das Ende an den Anfang zu stellen. Obwohl dies den Kulminationspunkt des Geschehens vorweggenommen hat, hat sie Spannung aufgebaut und bis zum letzten Satz gehalten. Im Laufe der Geschichte wurde man hin und her gerissen zwischen Zweifel und Gewissheit, von der Frage, wem man glauben schenken soll, wem die Sympathien gelten sollen. Das ist die große Stärke des Romans.

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen.

    Das Cover ist ein Gemälde des spanischen Künstlers Guim Tio Zarraluki, das mit der dargestellten Einsamkeit des Menschen in einer Landschaft, den Tenor des Buches trifft.

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  1. Abgründe

    Auf der Rückreise von ihrem Urlaub in Lappland haben Karo und Risto einen Unfall. Obwohl nicht allzu viel passiert ist, rät der Arzt, dass sie eine Nacht im Hotel Arctic Mirage verbringen sollen. Doch im Hotel sagt man, dass sie mindestens zwei Nächte buchen müssten. Karo würde am liebsten so schnell wie möglich zurückreisen, doch Risto gefällt es anscheinend.
    Der Schreibstil der Autorin Terhi Kokkonen sagt mir zu. Die luxuriöse Hotelanlage mitten in einer Schneelandschaft abseits größerer Ortschaften ist gut beschrieben. Wenn die Sonne auf die schneebedeckte Landschaft fällt, macht das gute Laune. Doch in dieser Geschichte hatte ich nur ein Gefühl von Düsternis.
    Ich brauchte nicht lange zu lesen, bis mir aufging, dass Karo und Risto eine sehr ungesunde Ehe führen. Statt dass sie die ungeplante Zeit gemeinsam genießen, geht jeder seiner Wege und sie driften immer weiter auseinander. Karo hat beim Unfall einen blauen Lieferwagen gesehen, was Risto bestreitet. Dinge von Karo sind nicht dort, wo sie sie hingelegt hat oder sind komplett verschwunden. Auch wenn ich mich mit Karo daher eher identifizieren kann, mochte ich sie dennoch nicht besonders. Auch sie hat eine unangenehme Art mit anderen Menschen umzugehen. Risto ist mir total unsympathisch. Er weiß, wie man andere manipuliert und wie er Karo behandelt, ist schon psychische Gewalt. Karos Erinnerungen haben mich fassungslos gemacht. Aber auch die anderen Personen wirken sehr distanziert und nicht sympathisch. Über allem liegt eine kalte und abweisende Atmosphäre.
    Das Buch beginnt mit dem drastischen Ende der Geschichte und erst so nach und nach entwickelt sich, wie es dazu kommen konnte.
    Ein interessanter Roman über die Abgründe in einer Beziehung.

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  1. Mehr Nebel als Polarlicht

    "Arctic Mirage" der 1974 geborenen finnischen Musikerin und Autorin Terhi Kokkonen beginnt mit einem Schock. Wie konnte es zu dieser dramatischen Zuspitzung an einem Freitag kommen, just als endlich das ersehnte Nordlicht am Himmel zu sehen war? Beginnend mit dem Sonntag werden die Ereignisse vor dem Showdown entrollt.

    Knapp dem Tod entronnen
    Ein Urlaub sollte der Rettung ihrer verfahrenen Ehe dienen, dazu waren Karo und Risto eigens nach Lappland geflogen. Was sich zunächst gut anließ, endete am letzten Tag mit einem ihrer üblen Streits. Auf dem Weg zum Flughafen verunglückten sie mit ihrem Mietwagen und anstatt im Flieger nach Hause landeten sie am Sonntag, wie durch ein Wunder nur mit leichten Verletzungen, im einzigen Hotel weit und breit. Das Luxusresort namens "Arctic Mirage" mit Holzhäuschen zum Preis von 700 Euro pro Nacht bietet einen denkbar schlechten Service und von der Chefin persönlich angeordnete Unfreundlichkeit. Was dem gut betuchten Paar um die 50 ein paar zusätzliche Erholungstage hätte bescheren können, fördert stattdessen die Untragbarkeit ihrer Beziehung immer deutlicher zutage. Lange schon sind beide Partner psychisch auffällig und unkontrolliert im gegenseitigen wie im Verhalten zu anderen. Die Ehe ist zu einer Hölle geworden, im Raum steht sogar der Verdacht, dass Risto seine Frau um den Verstand bringen will.

    Verschenktes Potential
    Terhi Kokkonen, die für "Arctic Mirage" 2020 mit dem Preis der auflagenstärksten finnischen Tageszeitung "Helsingin Sanomat" für das beste Debüt ausgezeichnet wurde, hat mit dem winterlichen Lappland das denkbar beste Setting für ein Beziehungsdrama gewählt. Leider nutzt sie dieses große Potential kaum, das die unberührte Natur, die in unschuldiges Weiß getauchte Landschaft, Schnee und Eis, Kälte und Stille, Wald und Einsamkeit zur Unterstützung der Handlung eigentlich böten. Da sowohl die Rückblenden bis in die Kindheit als auch das aktuelle Geschehen weit überwiegend aus Karos unzuverlässiger Sicht erzählt werden, blieben die Geschehnisse für mich bis zuletzt nebulös. Lediglich ab und zu erhascht man einen Blick von außen auf das Paar, wenn Nebenfiguren, allesamt mit kurz angerissenen, problematischen Schicksalen behaftet, ihre von Karos Sicht abweichenden Eindrücke wiedergeben. Bei manchen Nebenhandlungen des nur knapp 190 Seiten umfassenden Romans konnte ich knapp noch einen Bezug zum Hauptgeschehen ausmachen, bei anderen blieb mir die Bedeutung verborgen. Ebenso erging es mir mit dem dunklen Geheimnis, das das Paar laut Klappentext angeblich hütet.

    Das Spiel mit Wahrheit und Lüge
    Schade, dass der stilsicher geschriebene Roman mit dem umwerfend gelungenen Cover nach stärkerem Beginn aufgrund der genannten Kritikpunkte für mich zunehmend an Faszination verlor und die zunächst gut aufgebaute geheimnisvoll-bedrückende Atmosphäre verpuffte. Bis zuletzt hoffte ich auf einen überraschenden, logisch begründeten Plot, die verständliche Einbindung der diversen Nebenstränge und Erklärungen für vielfältige Andeutungen - leider vergebens. Unzuverlässige Erzählerinnen und Erzähler sind ein großartiger Kunstgriff in der Literatur, allerdings funktionieren sie bei mir nur, wenn das Verwirrspiel um Wahrheit und Lüge eine befriedigende Auflösung erfährt.

    Trotz aller Kritik habe ich "Arctic Mirage" zumindest in den ersten beiden Dritteln nicht ungern gelesen. Mit etwas weniger „Mirage“, also Fata Morgana, und etwas mehr Lappland-Flair wäre für mich jedoch mehr drin gewesen.

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  1. Nebulös

    Bei den Stichworten „Schnee“ und „Hotel“ – den meisten fällt da auf Anhieb der Film „Shining“ mit Jack Nicholson ein. Versetzt man das Hotel nun ins finnische Lappland landet der Leser im „Arctic Mirage“, dass dem gleichnamigen Debüt-Roman der finnischen Musikerin und Schriftstellerin Terhi Kokkonen (erschienen 2024 im Hanser Literaturverlag und aus dem Finnischen übersetzt von Elina Kritzokat) als (fiktiver) Namenspate zur Seite steht. Für ihren Roman ist die Autorin 2020 in Finnland mit dem Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet worden.

    Nun, ich frage mich: warum? Mich hat der Roman (passend zur Landschaft) im sprichwörtlichen Sinne kalt gelassen. Muss ich das Buch etwa vom Alkohol benebelt lesen um die Auszeichnung nachvollziehen zu können? Vielleicht probiere ich das eines fernen Tages mal ha ha ha.

    Ich will der Autorin gar nicht vorwerfen, dass sie nicht schreiben kann – um Gottes willen. Allerdings gelingt es ihr über die Distanz von gut 190 Seiten einfach nicht, mich „bei der Stange“ zu halten.

    Dabei ist der Beginn durchaus spannend; fängt er doch mit einer „Post-Mord“-Szene an und lässt dabei „[…] drei girlandenartige Nordlichter“ (S. 7) auftreten – widersprüchlicher geht es nicht.
    Als Leser:in fragt man sich dann, wie es dazu kommen konnte und wir erleben die letzten Tage von Risto zumeist aus dem Blickwinkel seiner Frau Karoliina. Man merkt schnell, dass zwischen und mit den beiden Hauptprotagonisten etwas nicht stimmt; in Rückblenden erzählt die Autorin aus ihrem Leben und automatisch fängt man als Leser:in an, die Beziehung der beiden zu hinterfragen und Karo und Risto tun im Laufe der Handlung auch alles, um das Bild der Leser:innen zu festigen (welches Bild hängt von der eigenen Perspektive ab).

    Klingt ja eigentlich nicht grundsätzlich schlecht, oder? Nun, leider fügt die Autorin der Geschichte unnötig viele Nebencharaktere hinzu, die ebenfalls alle – nun ja, problembehaftet sind und deren (Geschichten-)Stränge sich leider im schriftstellerischen Nebel und der eisigen Kälte in Lappland verlieren. Der ein oder die andere Leser:in könnte sich außerdem von bestimmten Themen des Romans getriggert fühlen, was man der Autorin aber nicht ankreiden kann. Aber ein Hinweis darauf sei erlaubt.

    Was bleibt? Leider (für mich) nicht viel. Der Roman ist bei mir verpufft wie eine Seifenblase, daher kann ich auch nur 2* vergeben.

    ©kingofmusic

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  1. Subtiles Spiel mit den Erwartungen

    Nach einem Autounfall sitzen Karo und Risto leicht verletzt in einem eingeschneiten Hotel in Lappland fest, dem exorbitant teuren "Arctic Mirage". 700 Euro pro Nacht muss das kriselnde Pärchen, für das Geld jedoch keine Rolle spielt, dafür berappen. Während Karo sich in der ungewohnten Umgebung zunehmend unwohl fühlt, scheint Risto den Aufenthalt gern auf unbestimmte Zeit verlängern zu wollen. Als Karos persönliche Gegenstände nach und nach verschwinden, spitzt sich die Situation zu. Ist das alles wirklich auf ihre leichte Gehirnerschütterung zurückzuführen? Und wieso bestreitet Risto eigentlich vehement, dass in den Unfall ein blauer Lieferwagen involviert war, an den Karo sich nur zu gut erinnert? Während der Schnee alles verdecken will, macht sich Karo daran, ihren Zweifeln auf den Grund zu gehen...

    Ein verlassenes Hotel, ein Pärchen in Krisenstimmung und seltsame Ereignisse mit Wahnfaktor. Wie es schon Stephen King in "The Shining" und Peter Cameron in "Was geschieht in der Nacht" bewiesen, braucht eine gute Geschichte eigentlich nicht viel mehr, um zu funktionieren. Die finnische Autorin Terhi Kokkonen tritt in ihrem Debütroman "Arctic Mirage", der kürzlich bei Hanser Berlin in der deutschen Übersetzung von Elina Kritzokat erschienen ist, thematisch in große Fußstapfen. Zwar kann sie diese noch nicht ganz ausfüllen, meistert ihr Debüt aber ähnlich raffiniert wie der kleine Danny im Labyrinth des Overlook-Hotels. Nur auf der Zielgeraden geht dem knapp 200 Seiten starken Roman ein wenig die Luft aus.

    Der Beginn hingegen ist eine Wucht. "Nachdem Karo Risto umgebracht hat, steht sie auf", heißt es im ersten Satz und wohl selten ist ein Debütroman so schnell in die Vollen gegangen. Die Vorwegnahme der Katastrophe ist dem Spannungsverlauf im weiteren Geschehen jedoch nicht abträglich, ganz im Gegenteil. Unmittelbar wird die Leserschaft hineingezogen - in die Kälte, den Schnee und die vergiftete Beziehung der beiden Hauptfiguren. Doch bei der zunehmenden Flatterhaftigkeit und Unzuverlässigkeit der Erzählstimme, die sich ganz auf Karo konzentriert, fragt man sich Schritt für Schritt einerseits, wie es zu dieser Tat kommen konnte, andererseits aber auch, ob es überhaupt wirklich dazu gekommen ist. Vielleicht spielt sich alles auch nur im Kopf einer der Figuren ab?

    Das Rätsel um Wahrheit und Lüge und die Raffinesse der Romankonstruktion sind die großen Vorzüge von "Arctic Mirage". Terhi Kokkonen spielt mit den Leser:innen, die mit zunehmender Dauer nicht mehr wissen, was sie glauben und wem sie trauen können. Der Roman entfaltet in diesen Momenten eine subtile Spannung, der man sich schwer entziehen kann. Die von Beginn an bedrohliche Atmosphäre erreicht nach etwas mehr als zwei Dritteln ihren Spannungshöhepunkt.

    Sprachlich passt sich Kokkonen dabei der Kälte des Settings an. Bis auf kurze poetisierende Ausbrüche zu Beginn und am Ende des Buches zeichnet sich "Arctic Mirage" durch Klarheit ohne große Abschweifungen aus. Dies ist einerseits durchaus angemessen, andererseits verhindert die Sprache dadurch auch, dass so etwas wie Empathie oder Mitgefühl bei den Leser:innen entstehen kann. Risto und Karo wirken in ihren stets von Wutausbrüchen oder Lamentieren geprägten Handlungen immer ein wenig abgehoben und fremd.

    Ohnehin ist die Figurenkonzeption eher eine Schwäche des Romans. Neben den nicht greifbaren Protagonist:innen verschwendet die Autorin zu viel Zeit für Nebenfiguren, deren Wirken im letzten Drittel des Werks bisweilen einfach verpufft. Die zunächst als Kontrapunkte zu den Beziehungsgeschädigten eingeführten Hotelangestellten werden am Ende entweder nicht mehr berücksichtigt oder sie nehmen zu viel Raum ein - wie die Rezeptionsangestellte Sinikka, dessen zur Schau gestelltes Schicksal der eigentlichen Handlung kaum Impulse gibt und sich für die Dramaturgie des Romans sogar nachteilig auswirkt.

    Ebenfalls nicht besonders gelungen ist die Auflösung im Finale, dessen Dialoglastigkeit nicht recht zu der zuvor doch so subtilen Spannung passen mag. Hinzu kommt, dass es "Arctic Mirage" hier doch ein Stück weit an Originalität fehlt, denn ähnliche Konstruktionen gibt es in der Literatur doch recht häufig.

    Trotz aller Schwächen habe ich "Arctic Mirage" insgesamt aber gern gelesen, was vor allem an den ersten 130 Seiten lag. Und letztlich hat sich ja auch Danny im Overlook-Hotel aus den Fußstapfen seines Vaters befreien können. Mit Terhi Kokkonen, die für "Arctic Mirage" 2020 übrigens den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis erhielt, gewinnt die ohnehin so vielfältige skandinavische Literaturszene jedenfalls eine weitere interessante Stimme.

    3,5/5

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  1. Nebulös auf jeder Ebene.

    Kurzmeinung: Bis zu den letzten Seiten habe ich gehofft, die Autorin könnte mich überzeugen

    Ein nicht gut harmonierendes Ehepaar hat auf dem Weg in den Winterurlaub einen Autounfall. Mann und Frau sind dem Tod nur knapp entgangen, wie ihnen bewusst ist. Leicht traumatisiert findet das Ehepaar nach einer kurzen Behandlung in einem Krankenhaus Zuflucht in einem sündhaft teuren Ressort, dem „Arctic Mirage“, in Lappland gelegen. Trotz des stolzen Preises von 700 Euro/Nacht ist der Service miserabel. Als einziges Hotel in einer Traumlandschaft kann sich das Hotel Überteuerung und miesen Service leisten. Wie ärgerlich für das verwöhnte Ehepaar. Und auch sonst läuft der Aufenthalt im Arctic Mirage nicht so ab, wie sich das Paar den Urlaub vorstellte. Der Wunsch nach gemeinsamen Erlebens eines wunderschönen Naturereignisses, dem Anschauen des Polarlichts oder auf Skiausflüge im weißen Wunderland erweist sich als eine trügerische Wunschvorstellung, eben als eine Mirage.

    Der Kommentar:
    Als Debüt ist Arctic Mirage insofern bemerkenswert, als man der Autorin ein sicheres Sprachgefühl attestieren kann sowie ein Gespür für die Transparenz des Realen, das heißt in „Arctic Mirage“ zerfließt Reales in, sagen wir mal so, in Möglichkeiten oder wiederum anders gesagt, sowohl Handlung wie auch das agierende Personal des Romans befinden sich im permanenten Zustand der Auflösung.
    So erweist sich der Hotelarzt zum Beispiel als ein alter Knabe, der aus medizinischen Handgriffen einen Lustgewinn erzielt –völlig unglaubwürdig - , eine Hotelangestellte ist auf Anweisung ihrer Chefin unfreundlich zu den Gästen, die Bewohner des kleinen Ortes sind ungastlich und ichbezogen, die Gäste des Hotels, unsere Protagonisten, Karo und Risto, führen eine ungesunde Beziehung.
    Arctic Mirage gibt sich alle Mühe, eine Art Fata Morgana zu erschaffen; eine unheimliche Atmosphäre, in der nichts so ist, wie es scheint und alles wie eine Seifenblase zerplatzt. Was wie eine Seifenblase zerplatzt, insofern funktioniert es unabsichtlich, ist die Handlung. Der Plot überzeugt mich in keinster Weise. Die Alltäglichkeiten, die sich in Absonderlichkeiten auflösen sollten, bleiben alltäglich und laufen dann ins Leere, ins Nebulöse. Die Handlungen der Protagonisten wirken gleichzeitig unauthentisch. Geheimnisvolle Andeutungen der Autorin führen nicht in einen Albtraum, sondern ins handlungsfreie Nichts.
    Gegen Ende verschwimmen Gegenwart und Vergangheitsbezug in einem einzigen Kuddelmuddel, was wohl den verwirrten Geisteszustand der Protagonistin erhellen soll, aber nicht funktionieren kann, weil die Autorin auch diese Verwirrtheit an anderer Stelle wiederum in Frage stellt. Sicher, das kann man machen und diese Unzuverlässigkeit der erzählenden Person ist beabsichtigt; wenn man aber den Eindruck hat, die Autorin demontiere ihr Personal just for fun und man könne auch der Autorin nicht trauen, dann hört bei mir der Lese-Spaß auf.
    Das Prinzip „show, don’tell" ist mehrmals durchbrochen, was nicht ins Gewicht fiele, wenn der Rest stimmt. Eigentlich sind die Hintergründe der Nebenfiguren fantasievoll erfunden, aber die Autorin macht zu wenig daraus, wenn sie sie nur durch eine kurze Rückerzählung einfließen lässt und danach sinnfrei in der Landschaft herumstehen lässt.
    Was ist gut? Gut ist, wie die Autorin sprachlich mit den temporären Bezügen spielt, ja kunstfertig sogar. Gut ist, wie sie Fäden zwischen den einzelnen Beteiligten knüpft. Allerdings lässt sie das Setting, diese wunderschöne, verwunschene Landschaft im Norden Europas weitgehend sprachlich und inhaltlich ungenutzt liegen. Wenn ich daran denke, was Thomas Hettche in seinem Roman „Sinkende Sterne“ aus dem Setting der schweizerischen Voralpen gemacht hat, dann kann ich nur sagen, die Autorin hat noch viel zu lernen.
    Spannung entsteht einzig und allein dadurch, dass die Autorin mit dem ersten Satz in ihrem Buch bereits enthüllt, wohin die Disharmonie zwischen ihnen das urlaubende Ehepaaar treiben wird. Man wartet also. Wann passiert „es“. Und warum. Aber auch dazu kommt keine Unterfütterung. Das ist insgesamt zu wenig.

    Fazit: Schreiben kann die Autorin, das kann man nicht abstreiten und mit ihrer Auflösetechnik wagt sie auch etwas, doch es ist gerade der Plot, der mich nicht überzeugt. Es ist ein schmales Büchlein, es hätte insgesamt für mich „ein bisschen mehr“ sein dürfen, dann hätte es mehr Punkte gegeben. Einen weiteren Roman der Autorin würde ich dennoch in Erwägung ziehen.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
    Helsingin-Sanomat-Literaturpreis, 2020
    Verlag: Hanser, 2024

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