Americanah: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Americanah: Roman' von Chimamanda Ngozi Adichie
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Die große Liebe von Ifemelu und Obinze beginnt im Nigeria der neunziger Jahre. Dann trennen sich ihre Wege: Während die selbstbewusste Ifemelu in Princeton studiert, strandet Obinze als illegaler Einwanderer in London. Nach Jahren kehrt Ifemelu als bekannte Bloggerin von Heimweh getrieben in die brodelnde Metropole Lagos zurück, wo Obinze mittlerweile mit seiner Frau und Tochter lebt. Sie treffen sich wieder und stehen plötzlich vor einer Entscheidung, die ihr Leben auf den Kopf stellt.



Adichie schreibt bewundernswert einfach, grenzenlos empathisch und mit einem scharfen Blick auf die Gesellschaft. Ihr gelingt ein eindringlicher Roman, der Menschlichkeit und Identität eine neue Bedeutung gibt.

Format:Taschenbuch
Seiten:608
EAN:9783596185986

Rezensionen zu "Americanah: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Feb 2017 

    Rasse funktioniert in Afrika nicht wirklich

    Einen Gesellschaftsroman wahrlich großen Ausmaßes (ein „Weltroman“ schrieb I. Mangold in der Zeit) hat Chimamanda Ngozi Adichie mit „Americanah“ geschrieben. Adichie ist eine 1977 geborene nigerianische Autorin mit einem Yale-Universitätsabschluss aus den USA. Es geht in ihrem Roman nicht nur um das gesellschaftliche Leben und Eingebundensein in, sondern es schlägt auch die Brücke hinein in das schwarzafrikanische Nigeria.
    Heldin des Buches ist Ifemelu, die in einer Gesellschaftsschicht in Nigeria aufwächst, in der die Frage nach dem Leben im Ausland keine Frage des Obs, sondern allenfalls des Wohins ist. Alle ihre Freunde und Schulkameraden verbringen die ein oder andere Phase ihres Lebens in Europa oder Amerika und haben so immer auch die Außensicht auf ihr Land.
    Als für Ifemelu ihre Auslandsphase beginnt, kommt sie in Amerika an und erkennt sehr schnell, dass sie in diesem Land auf einmal schwarz geworden zu sein scheint – etwas, was bisher in ihrem Leben - wenn überhaupt - nur eine geringe Rolle gespielt hat. In Amerika aber wird das zum entscheidenden Faktor bei allen Wendungen des Lebens. Rasse ist hier ein Thema, das unabwendbar um sie herum wabert bei allen menschlichen Begegnungen und Beziehungen. Sie zieht daraus den konsequenten Schritt und macht das Thema ganz gezielt zum Mittelpunkt ihres amerikanischen professionellen Lebens, indem sie einen erfolgreichen Blog schreibt und managt, der sich genau diesem Thema in allen Schattierungen und Blickwinkeln widmet. Dabei macht sie eine deutliche Unterscheidung zwischen amerikanischen Afrikanern (wie sie) und Afroamerikanern (wirklichen Amerikanern, die schwarz sind), denn die Gefühlslage dieser beiden Gruppen unterscheidet sich entscheidend dadurch, dass erstere ihr Schwarzsein auch ohne die sofortige Präsenz der Rassefrage erleben konnten.
    Immer wieder spielt im Roman dabei das Haar eine Rolle. Die Leiden der amerikanischen Afrikaner, diesen Teil ihres Körpers dem amerikanischen Leben bzw. den Amerikanern anzupassen, ist ein immer wiederkehrendes, oft schmerzliches Motiv.
    Aus dem Blickwinkel von Ifemelu sieht der Leser des Romans die US-amerikanische Gesellschaft im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts bis hin zur euphorisierenden Präsidentschaftskandidatur des Barack Obama. Dabei geht es nicht um eine Sichtweise der Unterdrückten, sondern eher der Anderen. Es ist eine soziologisch oftmals hintergründige Schilderung des Andersseins qua Hautfarbe nicht ohne Komik. So fragt sich Ifemelu einmal: „Was machst du, wenn du hautfarbene Unterwäsche kaufst, und diese dann auch nicht annähernd der Farbe deiner Haut entspricht?“
    Nach ihrer Rückkehr nach Nigeria lebt sie in den privilegierten Schichten des Landes ihr Leben weiter und muss erkennen, dass das Thema Rasse in diesem Land nicht die zentrale Rolle einnimmt. Hier schreibt sie deshalb stattdessen genereller über das Leben. Denn:
    “Rasse funktioniert hier nicht wirklich. Mir kommt es vor, als wäre ich in Lagos aus dem Flugzeug gestiegen und hätte aufgehört, schwarz zu sein.“
    Aber auch in Nigeria gibt es für sie Themen, die auf der Straße liegen, und die sie für den Leser ihres Blogs und mit ihr die Autorin Adichie für den Leser des Romans aufgreift.
    “Sie schrieb über das überschwemmte Viertel voller Blechhütten, ihre Dächer flach wie zusammengedrückte Hüte, und die jungen Frauen, die dort lebten, modisch in engen Jeans und schlau, starrsinnig darauf bedacht, die Hoffnung nicht aufzugeben: Sie wollten einen Friseursalon eröffnen, studieren. Sie glaubten daran, dass ihre Zeit noch kommen würde. Wir sind nur einen Schritt von diesem Leben in einem Slum entfernt, wir alle, die wir dieses Mittelschichtleben mit Klimaanlage führen, schrieb sie….“
    Mein Fazit:
    Ich war erstaunt, wie sehr mich dieses Buch interessiert hat. Wie sehr mich die Gesellschaftsschilderungen aus diesem ungewöhnlichen Blickwinkel und an diesen ungewöhnlichen Orten ans Nachdenken und Nachfassen gebracht hat. Das alles sicher ein Verdienst der Autorin, die es mit unaufdringlicher und plastischer Sprache wirklich schafft, den Leser zu erreichen. „Ein literarischer Triumph“, so hieß es in Spiegel Online. Das ist sicher etwas groß und zu viel, aber immerhin in meiner Wertung: ein literarisch hochstehender, eindringlicher Roman zu einem bewegenden Thema, zu bewegenden Zeiten und an bewegenden Orten.
    Von mir: 4 Sterne und eine klare Leseempfehlung.