América: Roman

Rezensionen zu "América: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Mär 2018 

    Mauern, Zäune, Tore gegen das Fremde

    1998 erschien T.C.Boyles Roman „América“, der heute so aktuell ist, dass man sich bei der Lektüre die Augen reibt über die Verwunderung, wie das schon vor 20 Jahren geschrieben werden konnte.
    Der Roman schildert das Aufeinandertreffen und das Leben in der USA der reichen Vorstädte von Los Angeles und zwar in abwechselnder Sichtweise von Oben und Unten.
    Oben lebt in Arroyo Blanco Delaney, ein freischaffender Autor mit seiner kleinen Familie in einem Haus, dessen Garten er gegen das Einbrechen der Natur in seine funktionierende Harmonie immer mehr abzugrenzen und zu schützen versucht. Zwar schreibt er über die möglichst unberührte Natur seine Artikel und ist von ihr begeistert, besteht aber darauf, ihr zwar nahe sein zu wollen, aber selbst und klar Grenzen gegen sie zu setzen. Und so ist der Garten bald mit einem 2,50 m-hohen Zaun gegen den Angriff von Coyoten geschützt.
    Unten leben Amèrica und ihr Freund Candido, die als illegale Einwanderer aus Mexiko auf der Straße bzw. in der Natur leben. Amèrica ist hochschwanger, was die Dramatik ihres ungeschützten Daseins mit der tagtäglichen illegalen Suche nach Arbeit und Geld bzw. Nahrung deutlich erhöht.
    Beide Welten stoßen zu Beginn es Romans unabsichtlich aufeinander, als Delaney Candido mit seinem Auto anfährt. Von da ab ist für Delaney die Existenz dieser Unten- deutlich präsent geworden. Das Fremde dringt immer massiver in seine heile Welt ein. Coyoten und Mexikaner sind dabei zwei unterschiedliche, aber gleich ungebetene Eindringlinge. Er ringt um eine Haltung dazu, um die Möglichkeit der Abgrenzung, ohne damit seine liberale Gesinnung und Haltung allzu stark verlassen und verletzen zu müssen. Doch geht das? Das ist eine schwer zu schaffende Gradwanderung.
    „Ist dir überhaupt bewusst, was du da redest? Einwanderer sind der Lebenssaft dieses Landes – wir sind eine Nation von Einwanderern, und keiner von uns würde heute hier stehen, wenn’s nicht so wäre.“
    Schweren Herzens akzeptiert er so den Plan der Bürgerschaft von Arroyo Blanco, eine Mauer mit einem bewachten Tor um das Viertel zu bauen. Und weiß doch nicht so genau, ob er damit eher das Fremde von außen aussperrt, oder sich selber einsperrt.
    Und im Grunde seines Herzens weiß er immer, dass es falsch und gegen seine Überzeugung ist, wie gehandelt wird:
    „Einen kurzen Moment lang, als er draußen gestanden und dem jungen Latino die Schlüssel gegeben hatte, war er von dem zutiefst beschämenden Impuls einer rassistischen Wut durchzuckt worden, …. die sämtlichen Überzeugungen widersprach, die er sein Leben lang gehegt hatte.“
    Und doch findet die Abgrenzung fast zwangsläufig in immer stärkerem Maße statt.
    Aber der Roman wirft auch die Frage auf: Wer ist hier eigentlich der Fremde? Der reiche Weiße, der nur mit Mühe und vielen technischen Klimmzügen in dieser wüstenhaften Natur Kaliforniens überhaupt überleben kann oder die Tiere und Menschen aus dem Süden (Mexiko) , die viel besser und ohne viele Hilfestellungen dieser Umwelt gewachsen scheinen.
    Fazit:
    Es ist ein zutiefst verstörendes Buch über das Eindringen des Fremden in die Welt, das sowohl im heutigen Amerika als auch bei uns die Diskussion um die Abgrenzung zum Fremden bereichern kann.
    Ich war und bin beeindruckt und vergebe eine Leseempfehlung mit 5 Sternen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Mai 2017 

    Steckt nicht in Vielen von uns ein bisschen Delaney?

    1995 wurde dieses Buch geschrieben, doch würde man es heute veröffentlichen, hätte vermutlich niemand Zweifel daran, dass es ein höchst aktuelles Werk ist. Denn nichts, absolut nichts hat sich seitdem verändert. Stattdessen existiert dieses beschriebene Szenario mittlerweile ebenso bei uns, wenn auch vielleicht noch nicht in dieser extremen Form.
    Boyle beschreibt in einem Zeitraum eines halben Jahres die Leben zweier Familien, die unterschiedlicher kaum sein könnten, obwohl die räumliche Distanz zwischen ihnen nur gering ist. Delaney, "liberaler Humanist ohne Verkehrssündenregister...", lebt in einer komfortablen Vorortwohnanlage von Los Angeles irgendwo in den Bergen, zusammen mit seiner Frau, deren Sohn, zwei Hunden und einer Katze. Cándido hingegen kam drei Wochen zuvor mit seiner jungen Frau aus Mexiko auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Nun hausen sie unweit von Delaneys Vorortsiedlung in einem Canon in einem behelfsmäßigen Unterschlupf und versuchen, genügend Geld zu verdienen um sich eine Wohnung leisten zu können. Die Wege der Beiden kreuzen sich, als Delaney Cándido anfährt, ihn mit 20$ 'abfindet' und danach versucht, mit seinem schlechten Gewissen klar zu kommen.
    Boyle zeigt hier kein Schwarz-Weiß-Schema auf, sodass man vielleicht mit der einen Seite mitleidet und der anderen ihr Unglück gönnt. Delaney, der klar der Bevorzugte ist, ist kein schlechter Mensch. Er wie auch seine Frau denkt liberal, ist umweltbewusst, voller Mitgefühl für die Armen dieser Welt, Mitglied beim Kinderhilfswerk undundund. Doch als seine Prinzipien herausgefordert werden und er ungewollt direkt in Kontakt mit den Armen dieser Welt gerät, sind seine Angst und Verunsicherung größer als die Standhaftigkeit seiner Werte. Sind die Mexikaner nicht doch alle Verbrecher? Verdrecken sie nicht die Natur, verstoßen immer wieder auf's Neue gegen Gesetze? Je öfter er mit diesem Anderen konfrontiert wird, desto größer wird die Furcht. Und seine Wut über die Widersprüchlichkeit seines Denkens und Handelns steigt und sucht sich ein Ventil...
    Aber auch die bedauernswerten Mexikaner sind nicht nur bemitleidenswerte Menschen, denn wie überall auf der Welt gibt es hier ebenso Kriminelle, die nicht dabei zögern, auch noch den Ärmsten ihr letztes Hab und Gut zu rauben. Dennoch wird klar: Wer nichts hat, muss nicht nur um Arbeit betteln, sondern tagtäglich um sein Leben kämpfen. Denn selbst die Natur stellt sich den Menschen in den Weg...
    Es ist ein unglaublich gutes, aber dennoch äußerst deprimierendes Buch, denn es zeigt den Zustand unserer Welt überdeutlich: Die Wohlhabenden wollen wohlhabend bleiben und bis auf mehr oder weniger größere Almosen nichts davon abgeben. Und die Armen, die sich ebenfalls etwas mehr Wohlstand wünschen, müssen dafür ihr Leben auf's Spiel setzen.