Amalthea: Roman

Rezensionen zu "Amalthea: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Nov 2016 

    Science-Fiction auf der Höhe der Zeit

    Gleich vorweg – das ist kein Roman für Science-Fiction-Fans aus der Star-Wars-Kategorie. Wenn man nicht gerade Astronom oder Physiker ist, braucht man etwas Mut zur Lücke. Wer wirklich jeden Sachverhalt verstehen will und nicht zu einer der beiden genannten Gruppen gehört, wird bald den Spaß am Lesen verlieren, denn Stephensons Roman hat wie die meisten seiner Werke eine Basis, die über das wissenschaftliche Allgemeinwissen weit hinausgeht

    Alle aber, die sich darauf einlassen wollen, erleben eines der wenigen Bücher, das einem mit einem einzigen Satz oder einer Phrase den Boden unter den Füßen wegziehen kann: In Amalthea passiert das gleich zwei Mal: Einmal direkt zu Beginn mit dem ersten Satz: „Der Mond explodierte ohne Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund“ und dann nach fast 700 Seiten mit der Überschrift von Teil 3: „5000 Jahre später“ (ja drei Nullen!).

    Die Explosion des Mondes findet in einer Zeit statt, die nur knapp nach unserer liegen kann. Die Weltraumforschung ist ein wenig weiter als heute, aber ansonsten beschreibt Stephenson unsere heutige Gesellschaft. Den Menschen wird klar, dass sich die Erde etwa zwei Jahre nach der Mondexplosion durch Massen an Trümmer für mehrere tausend Jahre in einen unbewohnbaren Feuerball verwandeln wird. Sofort beginnt man, eine bewohnte Raumstation im All auszubauen, um mit knapp 2000 Menschen eine Zivilisation zu schaffen, die im Weltall überleben kann, bis die Erde wieder bewohnbar wird. Gleichzeitig gibt es auch auf der Erde einige Versuche zu überleben – unterirdisch in Höhlen oder in U-Booten, die alle im Laufe der zwei Jahre zu selbstversorgenden Einheiten ausgebaut werden. Der Roman erzählt aber in den beiden ersten Teilen nur von den ersten Jahren nach der Zerstörung der Erde und nur von den Menschen, welche im Weltraum leben.

    Es ist ein schwieriger Moment beim Lesen, wenn man die Personen, die man über fast 700 Seiten begleitet hat, plötzlich verliert, um mehrere tausend Jahre später wieder einzusteigen. Da muss man tief Luft holen, aber es gelingt Stephenson sehr schnell, diese Kluft zu schließen, vor allem indem er eines der zentralen Themen des Romans fortführt: Welche Entscheidungen treffen die Überlebenden unter Zuhilfenahme einer Gentechnik, der kaum noch moralische Schranken gesetzt sind, um den Fortbestand der Menschheit zu sicher? Welche Krankheiten, aber auch Charakterzüge sollen eliminiert werden und welche sind produktiv und wichtig für Menschen? Ob man will oder nicht, mit diesen Fragen muss man sich vor allem beim Lesen des dritten Teils auseinandersetzen: Wie entwickelten sich aus den wenigen Überlebenden Populationen mit vielen Millionen von Menschen und welche genetischen Eingriffe bis zum Jahr 5.000 nach der Zerstörung sind dabei vorgenommen worden? Dies gilt auch für die Wiederherstellung einer Flora und Fauna aus den digital gespeicherten DNA-Informationen, gleich nach Vorstellungen der Menschen optimiert, ohne eine Jahrmillionen dauernde Evolution – auch das eine der Fragen, die den Leser beschäftigen wird.

    Weil Stephenson mit den .5.000 Jahren einen Zeitpunkt festsetzt, der immer noch viele hundert Jahre vom endgültigen Abschluss einer permanent bewohnbaren Erde entfernt ist, hat der dritte Teil auch etwas zutiefst Melancholisches und Deprimierendes. Wäre der Mensch wirklich in der Lage, über viele tausende von Jahren sich bewusst zu sein, dass das Ergebnis all seiner Arbeiten erst in fernster Zukunft wirklich relevant sein wird? Und auch auch die Einsicht (zumindest in der Vision von Stephenson), dass die Menschen selbst unter diesen Umständen wieder die gleichen Fehler machen werden und die gleichen verhängnisvollen Verhaltensmuster an den Tag legen wie wir heute, zerstört jedes Gefühl einer Utopie, das da eventuell aufkommt.
    Ach ja, es wird natürlich auch die Frage beantwortet, was mit den Menschen passierte, die auf der Erde versucht haben zu überleben – aber darüber zu schreiben, würde viel von der Spannung des Romans nehmen.

    Amalthea ist ein sprachmächtiges und gewaltiges Buch- und das bezieht sich weniger auf den Umfang von über 1000 Seiten - voller starker und tragender Bilder – das ist anspruchsvollste Science Fiction-Literatur auf der Höhe gesellschaftlicher Fragen.