Am Tag davor: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Am Tag davor: Roman' von Sorj Chalandon
4.85
4.9 von 5 (7 Bewertungen)

Der Tag vor der Katastrophe: Der 16-jährige Michel fährt mit seinem geliebten großen Bruder Joseph auf dem Moped durch die Straßen seiner französischen Heimatstadt. Gemeinsam fühlen sie sich unbesiegbar. Am Tag darauf kommen bei einem Grubenunglück 42 Bergmänner aufgrund eines fatalen Fehlers der Werksleitung ums Leben – Joseph stirbt infolge seiner Verletzungen. Michel flüchtet sich nach Paris, auch um die Worte des Vaters zu vergessen: »Du musst uns rächen!« Sein Schmerz aber vergeht nicht, und so beginnt Michel Jahre später einen Rachefeldzug. Noch weiß er nicht, dass die Nacht vor dem Unglück anders war, als er es in Erinnerung hat.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
EAN:9783423281690

Rezensionen zu "Am Tag davor: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Jun 2019 

    Mit Blut und Tränen

    "Jedes meiner Bücher entspricht einer Wunde" - ein Ausspruch des französischen Autors Sorj Chalandon. Und was soll ich sagen: Man nimmt es ihm ab. Wenn man einen Roman von Sorj Chalandon liest, kann man spüren, dass dieser mit Blut und Tränen geschrieben wurde. So auch sein aktuelles Buch "Am Tag davor".

    In diesem etwa 300 Seiten starken Roman bringt der Autor so einiges unter:
    Es ist eine Geschichte über den Bergbau in Frankreich
    Es ist ein Justizroman
    Es ist ein Roman über Schuld und Sühne
    Der Roman beginnt im Jahr 1974, in einem Ort in Norden Frankreichs. Hier regiert der Bergbau. Familien, die hier leben, sind vom Bergbau geprägt. Kaum ein erwachsener Mann, der nicht Untertage in die Zeche Saint-Amé einfährt. Auch wenn die Familie des 14-jährigen Michel Flavent (Ich-Erzähler) bis jetzt von der Landwirtschaft gelebt hat, wird auch sie in den Bann des Bergbaus gezogen. Ein Onkel von Michel ist vor einigen Jahren bei einem Zechenunglück ums Leben gekommen. Nun findet Michels älterer Bruder Jojo eine Anstellung Untertage. Welche beruflichen Möglichkeiten haben auch junge Männer in dieser Gegend? Früher oder später landen sie alle in der Zeche. Es passiert das, was passieren muss. Jojo kommt während eines Grubenunglücks mit 42 andern Bergleuten ums Leben. Ein traumatisches Ereignis für die Familie. Michel kann den Tod seines Bruders nicht verarbeiten. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass kaum einer der Verantwortlichen für dieses Unglück zur Rechenschaft gezogen wurde. Zwanzig Jahre später kehrt Michel unerkannt in die Stadt zurück. Er will Rache nehmen und denjenigen, der für den Tod seines Bruders und seiner Kumpel verantwortlich ist, töten.

    Es fällt mir schwer, in der Kürze diejenigen Dinge aufzuzählen, die mir an diesem Roman besonders gefallen haben.
    Da ich seit gefühlten Ewigkeiten im Ruhrgebiet lebe, hat die Thematik "Bergbau" für mich einen besonderen Charme. Hier merkt man dem Autor den Journalisten an. Er hat akribisch recherchiert, entwickelt ein authentisches Bild des Zechenalltags und die Auswirkungen auf die Menschen. Einen wesentlichen Beitrag zur Authentizität leistet dabei die Bergarbeitersprache in diesem Buch. Das Leben der Stadt wird von der Zeche dominiert. Man kann förmlich den Kohlenstaub fühlen, riechen und schmecken.

    Der Protagonist Michel Flavent. Als er den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen will, ist Michel mittlerweile in den Fünfzigern. Und meine Güte, was hat der Mann gelitten. Der Schmerz um den Verlust seines Bruders, zu dem er aufgeschaut hat, der ihm ein Freund und Vorbild war, verfolgt ihn. Michel hält es nach dem Tod seines Bruders zuhause nicht mehr lange aus. Er geht nach Paris. Und auch hier macht der Tod nicht vor den Menschen, die er liebt halt. Es ist herzzerreißend, wie sehr Michel der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Lediglich die Idee, den Mann, der für den Tod seines Bruders verantwortlich ist, zur Rechenschaft zu ziehen, scheint sein einziger Antrieb im Leben zu sein.
    Nun sollte man meinen, dass so viel seelischer Schmerz, wie er hier geschildert wird, der Geschichte eine melodramatische und pathetische Note verleiht. Doch weit gefehlt. Denn wir haben es bei Sorj Chalandon mit einem virtuosen Schriftsteller zu tun, dem jegliche Gefühlsduselei fremd ist. Stattdessen schafft er es, mit wenigen Worten Gefühle zu kreieren, die bis ins Mark gehen. Lesen mit Kloß im Hals, darauf muss man sich bei ihm einstellen. Das Unausgesprochene ist bei ihm entscheidend. Bei ihm steht ganz viel zwischen den Zeilen. Er macht nicht nur wenige Worte, sondern ist auch ein Freund kurzer Sätze, die er fast schon stakkatohaft zu Papier bringt. Das macht beim Lesen atemlos.
    Ich fasse zusammen: Kloß im Hals, Atemlosigkeit, Gefühle, die bis ins Mark gehen. Ein unbeschreiblich gutes Buch von einem Ausnahme-Schriftsteller.

    © Renie

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Mai 2019 

    Schuld

    "Am Tag davor" ist ein wirklich schönes Buch, geschrieben von einem Autor, den ich noch nicht kannte. Der mich aber mit diesem Buch definitiv von seinem Können überzeugen konnte und der mich mit diesem Roman sehr neugierig macht auf weitere literarische Schätze aus seiner Feder. Denn genau diese literarischen Schätze produziert Sorj Chalandon. 4 Punkte gab es von mir, weil das letzte Quäntchen für mich gefehlt hat, aber das lag eher am Thema, weniger am Autor. Erwähnenswert ist in meinen Augen seine Sprache. Es sind in diesem Buch eher kurze und prägnante Sätze zu finden, aber in der Kürze werden soviel Tiefe und Gefühle transportiert, dass es den Leser schier umhaut. Da ist ein Autor, der sein Handwerk definitiv versteht, den Lesenden in einen Sog reißt und erst nach Beendigung des Buches wieder loslässt. Und Sorj Chalandon ist ein Autor, den ich unbedingt empfehlen möchte und von dem ich definitiv weitere Bücher lesen werde.

    Mit dem Buch "Am Tag davor" setzt Chalandon dem Bergbau und seinen Arbeitern literarisch ein grandioses Denkmal. Dieses Buch macht betroffen über die Arbeitsbedingungen der Bergleute in den 70ern und informiert den Leser sehr detailliert, was eine reine Gewinnsucht und damit verbundene Sparmaßnahmen in gefährlichen Arbeitsbereichen herbeiführen können/herbeigeführt haben. Die Unfälle in den französischen Bergwerken und auch anderswo sind ja schließlich keine Fiktion, sondern leider Realität. Lebensgefährlich ist die Arbeit unter Tage ja schon durch die Örtlichkeit und die Arbeitsbedingungen, aber wenn reine Geldgier dies alles noch verschlimmert und Menschlichkeit verschwindet, steht man als Leser einfach tief schockiert da und ist empört über diese Geringschätzung menschlichen Lebens.

    Ein weiteres großes Thema dieses Romans ist der Verlust von geliebten Menschen und was das mit den überlebenden Menschen macht/machen kann. Und auch hier weiß der Autor seine Charaktere mit einer ungeheuren Empathie zu zeichnen. Und den Leser tief zu beeindrucken und zu berühren.

    Das letzte große Thema von "Der Tag davor" ist die Schuld und die Rache, die Moral und die Sühne. In einem wirklich fulminanten und großartigen Ende darf sich der Leser Gedanken zu diesen Punkten machen. Und am Ende ist man überrascht und tief beeindruckt. Ein wundervolles Buch! Lesen!

    Der Autor hat mal gesagt: Jedes meiner Bücher entspricht einer Wunde. Eine wirklich wahre Beschreibung dieses Buches!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Mai 2019 

    Gerechtigkeit für die toten Kumpel?

    Sorj Chalandor war ein junger Mann als sich am 27.12.1974 in Nordfrankreich ein schweres Grubenunglück ereignete, bei dem 42 Bergmänner starben. Damals war viel von Schicksal die Rede, so als ob der Tod im Schacht zum Beruf des Kumpels einfach dazu gehören würde. In Wahrheit hätte das Grubenunglück vermieden werden können, denn die Sicherheitsmaßnahmen waren aus Kostengründen vernachlässigt worden.
    Den Journalisten und Romanautor Sorj Chalandor lässt diese Katastrophe auch nach über 40 Jahren nicht los, wie er in einem Interview zu seinen neuen Roman: "Am Tag davor" berichtet. Chalandor führt uns Leser*innen in seinem Roman noch einmal zurück zu dem Tag vor der Explosion in diesem Bergwerk.
    In Lievin, einer Bergarbeiterstadt lebt man seit Generationen vom Kohlebergbau. Mit wenigen aber kräftigen Pinselstrichen zeichnet der Autor ein Bild vom Leben der Bergmänner. Da ist vom Lied der Fördertürme die Rede, von den müden Blicken der Männer nach der Schicht, von ihrer, auf Lebzeiten, von schwarzen Splittern durchbohrter Haut. Man erkennt die alten Bergleute daran, dass sie nach Luft schnappen, an ihren kaputten Rücken, den tauben Ohren aber auch an ihrem Stolz.

    In der (fiktiven) Bauernfamilie Flavent, entschließt sich der älteste Sohn Joseph, Bergman zu werden. Dessen keiner Bruder, Michel steht im Zentrum des Romans als Ich-Erzähler. Im Alter von 16 Jahren muss Michel erleben, wie sein, von ihm vergötterter, Bruder einige Tage nach dem Grubenunglück schwer verletzt im Krankenhaus stirbt.

    Michel kommt nie über den Tod des geliebten Bruders hinweg. Zwar lebt er äußerlich ein normales Leben. Er zieht nach Paris, heiratet und arbeitet als LKW Fahrer. Sein Wesen ist jedoch vom Tod des Bruders geprägt: So hat er sich eine Garage gemietet, in der er - wie Reliquien - Schriften und Gegenstände im Zusammenhang mit seinem Bruder und dem Unglück sammelt. Als seine Frau an Krebs stirbt, kehrt er, inzwischen über 60 Jahre alt, wieder nach Lievin zurück. Er plant Rache zu nehmen an den Verantwortlichen des Grubenunglücks.

    Faszinierend an dem Roman von Sorj Chalandor ist nicht nur die Sprache, die in knappen Sätzen viel Gefühl transprotieren kann, sonder auch und besonders dessen Vielschichtigkeit. Es geht nicht nur um die Gründe für das Grubenexplosion und dem Gedürfnis nach Rache. Es geht um Schuldgefühle und deren verheerende Auswirkungen auf das Leben der Protagonisten. Hier hält der Roman einen besonderen Twist bereit, der an dieser Stelle natürlich nicht beschrieben wird. Man ringt als Leser*in mit der Frage, ob man das Anfangs vorhandene Mitgefühl mit Michel weiter aufrecht erhalten kann, oder ob man sein Verhalten ablehen sollte. Nicht zuletzt dadurch bleibt die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd.

    "Am Tag davor" ist ein vielschichtiger und packender Roman. Unbedingt empfehlenswert.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Apr 2019 

    Schuld, Sühne und die Wahrheit hinter dem Schicksal

    Am 27. Dezember 1974 gab es auf der Zeche Saint-Amé in Frankreich ein schweres Grubenunglück, bei dem 42 Bergleute ums Leben gekommen sind. Diese reale Katastrophe hat den Autor im vorliegenden Roman veranlasst, ein 43. Opfer, nämlich Joseph Flavent, hinzu zu erfinden, um seine Geschichte zu erzählen. Ein Kunstgriff, den ich genial finde. Der komplette Roman wird aus der Sicht seines Bruders Michel Flavent erzählt.

    Bereits im ersten Kapitel lernt man den 30-jährigen Joseph, genannt Jojo, bei einer übermütigen Mopedfahrt mit seinem 16-jährigen Bruder Michel kennen. Die beiden sind sich sehr zugetan, Michel hat sogar ein Zimmer in der Wohnung des Bruders, den er jederzeit besuchen darf und auf den er sehr stolz ist. Sehr berührend berichtet Michel von der gemeinsamen Kindheit auf dem Hof der Eltern und von Jojos Entschluss, im Bergbau zu arbeiten. Der Vater kämpfte gegen den Berufswunsch an, er erinnerte an die Gefahren und einhergehenden Krankheiten:

    „Die Kohle wird dir Kummer machen. Auch wenn du nicht dabei draufgehst. Auch wenn du alles überlebst, den Staub, die unsicheren Ausbauten, die entgleisenden Hunte, das Wüten des Abbauhammers, die Eiseskälte bei der Ausfahrt. Auch wenn du mit beiden Beinen in Rente gehst, Joseph, wirst du die Dreckskohle doch nie loswerden. Ein Teil von dir wird unten bleiben. Du wirst eine Staublunge kriegen, Joseph. (…) Du bist dann vergiftet. Halb taub und halb tot.“ (S. 16)

    Doch Joseph geht mit nur 20 Jahren in die Zeche. Er bleibt das Idol seines kleinen Bruders, der den sehnlichen Wunsch hegt, später den gleichen Weg einzuschlagen.

    Am Morgen nach der geschilderten Mopedfahrt passiert das Schreckliche: es kommt zu einem großen Grubenunglück in Schacht 3b – dem Schacht, in dem Jojo arbeitet. Rund drei Wochen später verstirbt dieser an seinen Verletzungen. Diesen Verlust verwindet die Familie nicht:

    „Ich war an Josephs Tod verwelkt. Meine Jugend war uralt geworden.
    Ein Jahr nach dem Sohn verließ uns mein Vater. (…) Bei Tisch saßen wir nur noch zu zweit, die Minderheit der Lebenden. Das war kein Bauernhof mehr sondern ein Friedhof.“ (S. 28)

    Mehr als merkwürdig erscheint dabei, dass der Name des Bruders nicht auf offiziellen Schreiben, Grabreden oder Gedenktafeln als Opfer des Grubenunglücks auftaucht.

    Im März 2014 verliert Erzähler Michel auch noch seine Ehefrau Cècile an den Krebs. Sehr emotional wird der Verlust geschildert, der Michel im Anschluss vom Besiegten zum Krieger macht. Seit Jahren leidet er unter dem Verlust des Bruders, der Familie, unter der erlittenen Ungerechtigkeit. Das Grubenunglück wurde aus seiner Sicht nie umfassend juristisch und moralisch aufgeklärt. Den damaligen Verantwortlichen konnte keine Schuld nachgewiesen werden. Michel hat das nicht losgelassen. Er hatte seinen Zorn und Schmerz kultiviert und eine Garage angemietet, in der er Erinnerungsstücke an den Bergbau sowie an den toten Bruder wie Reliquien aufbewahrt und über Jahre verehrt.

    Nach dem Tod seiner Frau macht er sich zu einem Rachefeldzug auf, um dem vermeintlichen Schicksal die Wahrheit entgegenzustellen. Dazu kehrt er inkognito in seinen Heimatort zurück und konfrontiert den aus seiner Sicht Schuldigen Obersteiger Dravelle mit den Vorwürfen, die Sicherheit der Zeche materiellen Interessen untergeordnet und damit das Grubenunglück verursacht zu haben… Auf der Suche nach der Schuld macht sich der Protagonist schließlich selbst zum Schuldigen...
    Beim weiteren Lesen nimmt der Roman zunehmend Fahrt auf, wird regelrecht zum Pageturner um Schuld, Moral und Sühne. Überraschende Wendungen führen in eine völlig neue Wahrheit um die Vorkommnisse von 1974 und münden in einen Justizkrimi mit sagenhaft vielschichtigen Perspektiven.

    Der Autor hat mit diesem ergreifenden Roman dem Bergbau ein Denkmal gesetzt. Herausragend ist seine Sprache: kurze, prägnante Sätze, die teilweise in der Luft hängen und ihre Wirkung voll entfalten. Die Formulierungen treffen ins Mark – völlig ohne Pathetik oder Kitsch wird die Würde der Bergarbeiter heraufbeschworen, wird die Uhr zurückgedreht in Lebensumstände, die wir heute nicht mehr kennen. Der Schmerz des hinterbliebenen Bruders wird fühlbar. Seinen Zwang, endlich nach Jahren etwas zu unternehmen, kann man zwar nachvollziehen, er macht ihn aber in seiner Konsequenz unberechenbar.

    „Jedes meiner Bücher entspricht einer Wunde“, sagt der Autor über seine Werke. Für diesen Roman kann ich da zustimmen. Er macht mich unbedingt neugierig, noch mehr von Sorj Chalandon zu entdecken.

    Ein Wahnsinnsbuch! Unbedingt lesen!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Apr 2019 

    Schuld, Trauer, Verdrängung, ganz große Fragen!

    Seit 40 Jahren trauert Michel Flavent um seinen großen Bruder Joseph. Nun trauert auch um seine geliebte Frau Cecile. Nach deren Tod will Michel Rache nehmen an den Verursachern am Tod seines Bruders.
    Am 27. Dezember 1974 forderte ein Unfall in der Grube Saint Amé in der nordfranzösischen Bergbaustadt Liévin 42 Todesopfer. Der französische Journalist und Autor Sorj Chalandon nimmt dieses tragische Unglück zur Vorlage seines Romans Am Tag davor.
    Der fiktive Charakter Joseph Flavent stirbt in diesem Buch einige Tage nach dem verheerenden Grubenunglück. Der damals 16-jährige Michel, Bruder des Verstorbenen, ein wenig das Alter Ego des Autors verspürt alle Jahre seines Lebens eine unbändige Wut gegen die Zeche. Als er frisch verwitwet ist, begibt er sich nach langer Zeit wieder zurück in seine Heimatstadt Liévin, kratzt alte Wunden auf, folgt unausweichlich einem Ruf aus der Vergangenheit. Sorj Chalandon, ein Autor, den ich mir unbedingt merken werde, erzählt eine dunkle Geschichte über Schuld, Trauer, Verdrängung, Recht und Gerechtigkeit. Es sind dunkle Bilder, die er zeichnet, von schwarz umrandeten Fotorahmen, die nur auf neue Portraits warten, von liebenden und geliebten Kohleherzen. Es sind oft kurze Sätze, die eine treffen wie einen Hieb. Nicht jeder in diesem Buch hat Mitleid, kann Mitleid mit diesem geplagten Michel Flavent haben. Der Autor aber erzeugt ganz stark Mitgefühl, für diesen Michel Flavent, der die traurigen Augen eines Steve Mc Queen hat. Chalandon lässt einen mitfühlen mit dem Kummer der Hinterbliebenen, macht sich ganz stark gegen die Ungerechtigkeit des Todes der Opfer des Grubenunglücks. Es ist ein sehr männliches und gleichermaßen emotionales Buch, das Chalandon hier vorgelegt hat. Großartig in seiner Knappheit und Größe zugleich.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Apr 2019 

    Ein Roman wie ein Denkmal!

    Sorj Chalandon, heute 66-jähriger französischer Schriftsteller und Journalist hat in seinen jungen Jahren als Reporter ein Grubenunglück im Norden Frankreich aus nächster Nähe betrachtet, da er für die Medien darüber zu berichten hatte. Seitdem hat er vor allem in den 2000er Jahren einige erfolgreiche Romane veröffentlicht und für diese auch Nominierungen für den Prix Goncourt erhalten. Die Eindrücke des Grubenunglücks von Lievin aus dem Jahr 1974 haben ihn aber wohl nie ganz losgelassen. Und so hat er es in seinem neuen Roman „Am Tag davor“ zum zentralen Thema gemacht. Er führt uns also in den Norden Frankreichs, wo wir im ersten Teil des Buches die Familie Flavant mit den beiden Brüdern Michel und Joseph kennenlernen. Die Eltern bewirtschaften mit viel Mühsal einen kleinen, arbeitsintensiven, aber wenig rentablen Bauernhof und stehen damit vollkommen in der Tradition dieser armen, landwirtschaftlich geprägten Region. Ihre Söhne aber zieht es in die modernere, - heute würde man sagen coolere Welt des Bergbaus, der in diese Gegend eingepflanzt wurde und alternative Arbeitsplätze unter allerdings miserablen gesundheitlichen und sicherheitstechnischen Bedingungen bietet. Joseph ist bereits Hauer im Bergwerk. Sein wesentlich jüngerer Bruder Michel kann ihn in seinem Arbeitsleben vorerst nur bewundernd beobachten oder allenfalls als „Pochjunge“, d.h. als Kinderhilfsarbeiter, erste Erfahrungen unter Tage sammeln. Chalandon schildert in diesem Teil der Geschichte die große Bewunderung, die Michel für Joseph und seine Arbeit empfindet und stellt sie stellvertretend für die Haltung der ansässigen Gesellschaft gegenüber dem Zechengeschehen. Chalandon findet zur Übermittlung dieser Atmosphäre anschauliche, griffige Situationen, die er in seiner knappen, aber ungemein treffenden Sprache schildert, z.B. wenn Michel das Hasenbrot seines Bruders bekommt und verspeisen darf:

    „Außerdem hatte sie ihm seine Stullen geschmiert, zum „Buttern“ in der Frühstückspause: drei Weißbrotscheiben mit Schweineschmalz, gesalzen und gepfeffert, mit einer weißen Zwiebel und einer Mandarine. Wenn ich bei Joseph übernachtete, kam er immer mit einem kleinen Rest zurück, den er mir schenkte: einen aus der Tiefe zurückgekehrten Brotkanten voller Arbeitsgerüche, ein bisschen aufgeweicht, ein bisschen feucht, der zwischen den Zähnen knirschte. Ich aß ihn auf dem Bürgersteig sitzend, an den Stock der Eingangstür gelehnt. Wer die hellen Brotscheiben in dem zerknitterten Papier sah, wusste, dass hier ein Junge an seinem „Hasenbrot“ nagte, wie es die Altvorderen nannten. Darauf hatten die Kinder immer gewartet, wenn der Bergmann wiederkam. Das war kein Imbiss, keine Mahlzeit, sondern eine Erzählung vom Tag unter Tage. Genuss und Stolz. In dieses Brot zu beißen hieß, dass der Vater heimgekehrt war…“

    Die Gefahr der Arbeit im Bergwerk schwingt immer mit und ist allen in der Gegend permanent bewusst. Und eines Tages, am Tag nach Weihnachten 1974, passiert dann auch ein großes Unglück Schlagende Wetter treffen die Kumpel unter Tage mit Explosionen und Feuer. Es trifft die Schicht, in der auch Joseph arbeiten musste und lange weiß die Familie nicht, was mit ihm passiert ist und wartet voller Angst und Sorge mit den Angehörigen der anderen Kumpel vor den Eingangstoren der Zeche auf Nachricht. Dann erfahren sie: er liegt schwerverletzt im Krankenhaus, während 42 andere Kumpel das Unglück unter der Erde nicht überlebt haben. Gedenkfeiern für die Opfer finden statt, während Joseph im Krankenhaus noch um sein Leben kämpft. Der Kampf geht verloren und auch Joseph stirbt, allerdings erst Ende Januar, als die Geschichte des Unglücks bereits weitgehend geschrieben scheint. Und so wird ihm nie die Ehre zuteil, die den unmittelbaren Opfern zuteilwurden. Es wird nicht Teil der Opferlisten, die Zahl der Toten bleibt für die Öffentlichkeit immer bei 42. Sein Tod bildet deshalb für die Familie immer ein Ereignis, das irgendwie nicht abgeschlossen werden konnte und als Michels Vater stirbt, hinterlässt er ihm einen Brief, aus dem Michel vor allem den entscheidenden Satz mit sich weiterträgt:
    „Michel, räche uns an der Zeche!“
    Der zweite Teil des Buches dann setzt viele Jahre später ein. Michel wohnt inzwischen in Paris und hat gerade seine Ehefrau verloren, die an Krebs erkrankt war. Dieser Verlust und die entstehende Lücke in seinem Leben ist für ihn das Signal, den Wunsch oder Auftrag seines Vaters, den er nie wirklich aus den Augen verloren hatte, nun in Angriff zu nehmen. Jahrzehntelang hat er im Verborgenen Material über das Grubenunglück gesammelt. Er meint, den Schuldigen an der Katastrophe am Nachweihnachtstag tatsächlich identifiziert zu haben und macht sich auf in den Norden Frankreichs, um ihn ausfindig zu machen. Er findet tatsächlich den ehemaligen Steiger Dravelle, der die Sicherheitsvorkehrungen für die Kumpel damals hätte durchführen müssen und dies versäumt hatte. Nur entspricht dieser so gar nicht dem Bild des Menschen, an dem er Rache nehmen wollte. Dravelle ist nämlich selbst Opfer des Bergbaus, lebt mit einer versteinerten Lunge nur noch mit permanenter Unterstützung eines Beatmungsgeräts im Rollstuhl. Doch der Racheengel Michel lässt nicht von seinem Plan ab und schließt ihn mit einem tötlichen Angriff auf Dravelle ab. Die polizeilichen Ermittlungen verlaufen schleppend, aber schließlich wird die Verbindung zum Unglück und zum Racheengel Michel doch gefunden und er landet im Gefängnis.
    Dort und im Gerichtssaal handelt dann der dritte und abschließende Teil des Romans, in dem das Verbrechen Michels verhandelt und mit dem Geschehen rund um das Grubenunglück ins Verhältnis gesetzt wird. Hier gibt es für die Leser nun einige Überraschungen, die zeigen, dass nicht alles tatsächlich so ist, wie es Chalandon bisher vermittelt hatte. Doch darüber möchte ich an dieser Stelle natürlich nicht spoilern.
    Fazit:
    Die Überraschungen im dritten Teil, aber auch die vermeintliche Realität des ersten Teils werden von Chalandon dem Leser auf eine atemberaubende Art und Weise vermittelt. Er führt ihn in ein Geflecht aus Schuld und Moral, aus legal oder moralisch richtigem Handeln, das schwer zu entwirren und zu entscheiden ist. Das macht die Lektüre zu einem großen Leseabenteuer. Und das gelingt Chalandon mit einer Sprache, die sehr minimalistisch angelegt ist. Kurze Sätze mit wenig ausschmückenden Worten bringen das zu Sagende dabei genau auf den Punkt.
    Es ist ein Roman wie ein Denkmal! Ein moderner „Germinal“, in dem Chalandon der dunklen und gefährlichen Welt der Bergleute ein würdiges, stolzes Monument setzt. Mich – als Kind des Ruhrgebiets, in dem gerade im letzten Jahr die letzte Zeche geschlossen wurde und die Zeit der Kumpel zu Ende gegangen ist – trifft dies auch persönlich direkt ins Herz. Was anderes als 5 Sterne kann ich dafür geben! Vielleicht 6? Wenn es möglich wäre, ja!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Apr 2019 

    Grandios und aufrüttelnd

    „Ein Roman wie ein Faustschlag“ steht auf dem rückwärtigen Cover des Buches als Zitat aus Le Parisien, und genau dieses Gefühl hat man nach dem Lesen des neuesten Werkes von Sorj Chaladon „Am Tag davor“. Der französische Bestsellerautor und Journalist hat mit diesem Buch den 42 Opfern des Grubenunglücks in Liévin vom 27.Dezember 1974 und zugleich allen Bergleuten, die unter unmenschlichen Bedingungen ihr Leben aufs Spiel setzten, ein Denkmal gesetzt.

    Vierzig Jahre nach dem Grubenunglück in der Zeche Saint-Amé in Liévin hat Michel Flavent noch nicht damit abgeschlossen. Er ist der Bruder von Joseph Flavent, der in der Nacht der Grubengasexplosion verunglückte und an den Folgen starb.
    Michel fährt mit seinem geliebten und bewunderten älteren Bruder Joseph in der Nacht vor dem Grubenunglück mit dem Moped durch die französische Stadt Liévin, vorbei am Tor der Zeche Saint-Amé, wo Joseph unter Tage als Hauer arbeitet. Er fühlt sich frei und stark, genießt das Große-Bruder-Lachen und will werden was sein Bruder ist - ein Bergmann und ein Held. Schon als kleiner Junge versuchte er dem Bruder nachzueifern, aß begeistert das aus dem Bergwerk mitgebrachte „Hasenbrot“ und jetzt mit 16 Jahren hegt er den heimlichen Wunsch, nicht den Bauernhof seines Vaters zu übernehmen, das Lyće zu verlassen und genau wie Joseph als Kumpel und Mechaniker im Bergwerk zu arbeiten.

    Am 27.Dezember 1974 in den frühen Morgenstunden geschieht das Unfassbare. Eine Grubengasexplosion passiert wegen eines vermeidbaren Fehlers der Werksleitung, bei der 42 Bergleute unter Tage gefangen sind und umkommen. Joseph Flavent stirbt später im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen und Michel schwört Rache an den Verantwortlichen. Joseph erscheint nicht in der Liste der Opfer, bekommt keinen Platz auf den Ehrentafeln, wird in den Ehrenreden der Stadtväter und Politiker nicht erwähnt und erscheint auch nicht im Verzeichnis der verlorenen schutzbefohlenen Kumpel des Steigers Lucien Dravelle, den Michel als den wahren Schuldigen wähnt.

    Trotz des Umzuges nach Paris, obwohl er keine Kontakte mehr in seine alte Heimat hat, ist Michel dem Unglück, das seinen Bruder ereilte, verfallen. Er richtet in seiner Garage ein Mausoleum ein, dort sammelt er neben Erinnerungsstücken an seinen Bruder wild zusammengetragene Bergmannsausrüstung, Zeitungsartikel, Bilder. Er befasst sich mit der Ursache der Explosion von 1974, ermittelt fieberhaft in der Frage der Schuld, verfolgt das Leben der Verantwortlichen, insbesondere das des ehemaligen Steigers Dravelle. Der Schmerz wird dabei nicht kleiner, und nachdem er nach dem Krebstod seiner Frau Cecile seine letzte Stütze und den letzen Menschen verliert, der ihm etwas bedeutet, beginnt Michel knapp 40 Jahre nach dem Grubenunglück von 1974 seinen Rachefeldzug in seiner alten Heimat.

    In der seit Jahrhunderten vom Untertagebau geprägten Gegend Nordfrankreichs hatte man bis Ende der 1970er Jahre, also zu Zeiten von Michels Jugend, nur die Wahl zwischen Scholle und Zeche. Überall waren die Auswirkungen des Bergbaus zu sehen und zu spüren. Abraumhalden bestimmten das Landschaftsbild, Kohlenstaub bedeckte die Felder und das Gemüse, Bergleute erkannte man auf der Straße am gebeugten Gang und am Husten, aber auch am Stolz. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Technik für den Bergbau zwar enorm weiterentwickelt, aber Profitgier und Einsparungen stand beim Grubenunglück 1974 auf der Schuldliste ganz oben. Niemand wurde ernsthaft dafür verurteilt, dass es gravierende und vor allem vermeidbare Mängel im Sicherheitssystem der kurz vor der Schließung stehenden Zeche Saint-Amé gab, dass unter erhöhten Gefahr wegen nicht funktionierender Bewetterung und ohne Befeuchtung der Luft die Bergleute zur letzten Ausbeute des alten Schachtes in die Tiefe geschickt wurden und dabei umkamen.

    Sorj Chaladon erinnert daran, prangert an, zeigt auf die Schuldigen. Doch tut er dies nie brachial, sondern immer verpackt in die Brüder-Geschichte aus Verdrängung, Schuld, Sühne und Vergebung, im Rahmen der Rache von Michel und einer danach folgenden Verhandlung vor Gericht. Chaladon erzählt dies vielstimmig durch den Mund des Bruders des Opfers Michel Flavent, durch Lucien Dravelle, den alten Steiger, den Michel sein Leben lang verfolgt und der am Ende selbst ein gebrochener Mann ist, durch die Anwältin von Michel vor Gericht, die ebenfalls mit der Zeche vor Ort verbandelt ist, und durch das Gericht selbst mit Staatsanwaltschaft, Richterin und Geschworenen, die ein unabhängiges Urteil zu fällen haben. Und voller erzählerischem Geschick stellt Chaladon dabei das bisher aufgebaute Mitgefühl des Lesers mit dem Bruder des Opfers, mit Michel, auf die Probe.

    Mit karger spröder Sprache rollt Sorj Chaladon die Geschichte auf, gekonnt Spannung aufbauend durch Perspektiv- und Zeitwechsel, aber nie zu sehr zerfasernd. Es ist großartig, wie Chaladon es schafft, den Leser in Gefühlstaumel zu stürzen ohne allzu viele Worte. Wie das Buch den Focus vom Grubenunglück, Rache, Schuld und später auf eine Familientragödie richtet, die die Hauptfigur Michel überraschend in neuem Licht erscheinen lässt, ist ebenso brilliant wie verblüffend. Sorj Chaladon kann es einfach, er zieht den Leser in den Bann mit der Mischung aus wütender, fast reportagenhafter Wahrheit über das Grubenunglück und dem fiktiven Familiendrama um das von ihm erfundene 43.Opfer Joseph Flavent.
    Ein Buch, das unbedingt gelesen werden muss.