Am Seil

Buchseite und Rezensionen zu 'Am Seil' von Erich Hackl
4.8
4.8 von 5 (10 Bewertungen)

Wie es dazu kam, dass der stille, wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in der Zeit des Naziterrors in Wien zwei Menschenleben rettete. Wie es ihm gelang, die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt zu verstecken. Wie sie zu dritt, an ein unsichtbares Seil gebunden, mit Glück und dank gegenseitigem Vertrauen überlebten. Was nachher geschah. Und warum uns diese Geschichte so nahegeht.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:128
EAN:

Rezensionen zu "Am Seil"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Okt 2018 

    Stille Heldentaten

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen, trotz ernster Thematik. Man kommt leicht in das Geschehen rein. Ich hätte schon am Samstag mit dem Buch durch sein können, da ich aber den ganzen Tag auswärts war, einen düsteren Ort aufgesucht habe, einen Ort, der gut zu diesem Buch gepasst hat. Ich war mit meiner Freundin im Konzentrationslager von Buchenwald bei Weimar. Hierzu gibt es auch einen Blogbeitrag ... Dass dies vom Umfang her ein recht dünn beseitetes Buch ist, werde ich meine Buchbesprechung kurzhalten. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.

    Die Handlung
    Die Geschichte, die hier erzählt wird, findet im Nationalsozialismus in Wien statt. Und der Held dieser Geschichte ist Reinhold Duschka. Ein Mann im fortgeschrittenen Alter, der alleine lebt und selbstständig eine Werkstatt hält, in der er sein Gürtlergewerbe, ein Künstlerhandwerk, nachgeht. Sein langjähriges Hobby ist Klettern und so ist Duschka Mitglied im Alpenverein. Während des Zweiten Weltkriegs versteckt Duschka zwei Menschen in seiner Werkstatt, als Hitler in Wien die Juden hat deportieren lassen. Duschka war mit Reginas Vater befreundet und fühlt sich dadurch für Regina und ihrer Tochter verantwortlich. Regina Steinig, die ursprünglich aus Lemberg stammt, ist während des Ersten Weltkriegs mit ihren Geschwistern und den Eltern nach Wien geflüchtet. Mittlerweile ist Regina eine erwachsene Frau, war mit einem Juristen verheiratet, von dem sie ein Kind namens Lucia 1923 auf die Welt gebracht hat. Die Ehe ging in die Brüche, sodass Regina ihr Kind alleine großziehen musste. Regina war von Beruf Doktor der Chemie und ist gezwungen, im Nationalsozialismus ihren Beruf aufzugeben. Auch Lucia musste mit der Schule abbrechen, und so wurde sie von der Mutter ein wenig unterrichtet. Untergetaucht sind beide in Duschkas Werkstatt. Regina wird krank. Einen Arzt rufen geht nicht, das Leben von Regina, Lucia und sogar von Duschka steht auf dem Spiel, vier Jahre lang ... Obwohl Duschka nicht viel Geld hat, wer hat das schon in den Wirren des Krieges, schafft er es trotzdem, seine Schützlinge auch mit Lebensmitteln zu versorgen. Mutter und Tochter machen sich in der Werkstatt nützlich, damit Duschka seine Kunstobjekte schneller verkaufen konnte.

    Das Schreibkonzept
    Diese Heldengeschichte wird retrospektivisch von Lucia erzählt, die mittlerweile verheiratet ist und mit Familiennamen Heilmann heißt. Die Erzählung ist auf 117 Seiten verfasst. Die Episoden sind nicht in Kapiteln gepackt, sondern abgetrennt durch Absätze. Der Schreibstil ist dermaßen flüssig, dass man beim Lesen in einen Sog gerät, weil man so schnell nicht damit aufhören kann.
    Auf der allerersten Seite ist eine Widmung von Lucia Heilmann an Reinhold Duschka abgedruckt.

    Cover und Buchtitel
    Cover und Buchtitel finde ich beides gelungen. Auf dem Cover sind die Alpen abgebildet und deutet damit an, wie gefährlich dieses Hobby für Duschka ist. In der Tat machten sich Regina und Lucia Sorgen, wenn er an den Wochenenden in die Alpen zum Bergsteigen ging, denn er könnte beim Bergsteigen abstürzen. Ohne es zu wissen, befand Duschka sich tatsächlich in den Bergen dreimal in Lebensgefahr, aber er hatte immer Glück. Es durfte nichts passieren, denn das Leben von Regina und Lucia war von Duschka abhängig. Den Buchtitel Am Seil fand ich auch passend, denn das Seil, das am Körper richtig angelegt ist, gibt dem Alpinisten Halt und hilft, ihn festzuhalten. Das Seil hat eine symbolische Bedeutung. Nicht richtig fixiert, gefährdet es das Leben des Trägers.

    Identifikationsfigur
    Keine, denn ich kann niemals wissen, wie ich im Nationalsozialismus gelebt hätte, auf welcher Seite ich selber stehen würde. Aber Reinhold Duschka ist mir ein Vorbild, und gute Taten lassen sich zu jeder Zeit vollbringen.

    Meine Meinung
    Reinhold Duschka ist eine interessante Persönlichkeit gewesen. Er war ein sehr stiller und schweigsamer Genosse. Die wenigsten Menschen wussten, was er für eine Persönlichkeit war. Er sprach nie von sich, nie von seinem Leben, nie von seiner Kindheit. Und niemand fragte, weil sie Achtung vor ihm hatten. Schade, dass er so gar nichts von sich preisgab. Duschka heiratete spät, bekam auch Kinder und Enkelkinder. Und über sein Wagnis sprach er auch nach dem Krieg mit niemandem. Seine Angehörigen erfuhren es aus der Zeitung. Es war Lucia, die sich erinnert und so wurde 2013 am Werkstättenhof für ihn eine Gedenktafel angebracht. Nach seinem Tod, 1993, wurde ein Nachruf verfasst:

    "Es war für dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß Du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast. Und dafür möchte ich dir gerade jetzt, wo sich die Geschichte zu wiederholen droht, ganz besonders danken." (2018, 101)

    Mein Fazit?
    Eine sehr bewegende und mutige Geschichte. Es ist gut, zu wissen, dass es Menschen wie Reinhold Duschka gibt. Das sind für mich die Engel auf Erden. Und sie sind für mich Symbol- und Hoffnungsträger in Zeiten, wo mutige Helden benötigt werden. In Anbetracht der Tatsache, dass wir uns politisch in einer Zeit befinden, in der europaweit wegen der Flüchtlingsströme wieder rechts gewählt wird und man sich fragt, was der Mensch aus der Geschichte gelernt hat? Ich hoffe, nachdem ich nun auch das KZ im Buchenwald besichtigt habe, dass sich diese Zeiten niemals wiederholen werden. Ich brauche das nicht. Ich brauche keinen Krieg, ich brauche keinen Diktator, ich brauche keine rechten Wähler und ich brauche auch keinen Nationalstolz, stattdessen Solidarität mit allen Menschen der Erde, die für Frieden, Freiheit und Demokratie sind …

    Ich werde mir den Autor merken und möchte mich noch für seine anderen Bücher öffnen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Aug 2018 

    Ehre, wem Ehre gebührt!

    Erich Hackl schreibt seine Erzählungen und Geschichten nach wahren Begebenheiten - so auch diese. Im Klappentext heißt es:

    Wie es dazu kam, dass der stille, wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in der Zeit des Naziterrors in Wien zwei Menschenleben rettete. Wie es ihm gelang, die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt zu verstecken. Wie sie zu dritt, an ein unsichtbares Seil gebunden, mit Glück und dank gegenseitigem Vertrauen überlebten. Was nachher geschah. Und warum uns diese Geschichte so nahegeht.

    Erinnerungen. Unvollständig. Aber eindrücklich. Zu Papier gebracht. Dokumentarisch. Menschlich. Mahnend.

    Lucia ist es, die sich hier erinnert, die Tochter der Jüdin Regina Steinig, beide um ein Haar auf demselben Transporter gelandet, der die Nachbarn aus der Sammelunterkunft in den Tod fuhr. Doch stattdessen - ein Freund. Der ohne große Worte seine Werkstatt öffnete für die beiden Menschen in Not. Menschen, die nicht wussten wohin. Menschen, denen als Alternative nur noch der Weg ins Gas blieb.

    Es ist eine besondere Erzählweise, derer sich Erich Hackl bedient. Durch das Aneinanderreihen von mosaikartigen Erinnerungsfetzen wirkt die Erzählung oftmals sehr distanziert, gleichzeitig aber auch eindringlich. Dass dies zusammengeht, verblüfft mich immer wieder. Hackl wertet nicht, er gibt in seinen Worten, in seinem Stil wieder, was ihm anvertraut wurde.

    Regina Steinig gehörte wie Reinhold Duschka auch einer Gruppe junger Leute an, die aus eigenständig denkenden Individuen bestand: halb Pazifisten, halb Kommunisten. Alles potentielle Kandidaten fürs KZ. Zwar hat es die meisten der Gruppe im Zweiten Weltkrieg irgendwohin verschlagen, aber Reinhold blieb in Wien und sah es glücklicherweise wohl als selbstverständlich an, seine Hilfe anzubieten. Vielleicht auch geschuldet seinem Ehrenkodex als Bergsteiger - Kletterer müssen sich in jeder Lebenslage aufeinander verlassen können.

    Durch die geschilderte Situation - vier Jahre eingesperrt in enge Räumlichkeiten - drängt sich fast schon zwangsläufig der Vergleich zu Anne Frank auf, deren Schicksal vielen Menschen durch die immer wieder aufgelegten Tagebücher bekannt ist. Aber Schicksale lassen sich nicht miteinander vergleichen, das wird hier auch ganz deutlich. Und auch Menschen nicht. Deutlich wird aber trotz des fast sachlichen, dokumentarischen Stils und trotz der Erinnerungslücken auch die Atmosphäre jener vier Jahre, die Bedrücktheit, die Ängste, der Hunger, die Suche nach Zeichen der Hoffnung.

    Erich Hackl gibt dem Kind aus Kriegstagen eine Stimme. Lucia, der so wichtig war, dass der selbstlose Einsatz Reinhold Duschkas nicht vergessen wird. Der es nicht reichte, dass er - fast gegen seinen Willen - durch Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt wurde. Die seinen Namen und das was er getan hat hinausschreien wollte in die Welt. Er, der beileibe kein Held war, ein begabter Kunsthandwerker und leidenschaftlicher Bergsteiger, kein Mann der vielen Worte, jemand, der ebenso fehlerbehaftet war wie andere Menschen auch. Aber jemand mit Zivilcourage zu Zeiten, in denen dies lebensgefährlich war.

    "Er war nicht eitel, was auch von Vorteil war. Er hat nach seinen Überzeugungen gehandelt, aber die offene Konfrontation vermieden, so daß die Schläge des Feindes ins Leere gegangen sind. Er hat sich nicht aufgeopfert. Er hat sowohl das eigene als auch das Leben anderer hochgeschätzt. Darin ist er mir ein Vorbild." (S. 110 f.)

    Und nun? Zurücklehnen und wohlwollend nicken? Hoffen, dass man selbst in vergleichbarer Situation ähnlich gehandelt hätte?

    Das wird nicht ausreichen. Denn Unmenschlichkeit gibt es heute wie damals, Menschen zweiter Klasse auch - oder was ist mit den zahllosen Flüchtlingen, die seit einigen Jahren Europa überschwemmen und die schlimmstenfalls und nicht selten im Mittelmeer ersaufen? Ein Gerechter unter den Völkern - sollten wir uns nicht alle ein Beispiel daran nehmen?

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Aug 2018 

    Unglaublich und faszinierend

    Es ist die Geschichte von Reinhold, Regina und Lucia. Scheinbar verbindet sie nur Freundschaft. Lucias Vater Rudolf und Reinhold Duschka waren schon Mitte der zwanziger Jahre befreundet und so lernte er auch Regina und Lucia kennen. Mit der Machtübernahme der Nazis ändert sich alles.

    Plötzlich ist das Leben von Regina und Lucia in Gefahr. Regina ist jüdischer Abstammung und fürchtet über kurz oder lang um ihr Leben und das von Lucia. Reinhold überlegt gar nicht lange. Er nimmt beide bei sich auf und versteckt sie in seiner Werkstatt. Er schafft es beide den gesamten Zeitraum zu ernähren, obwohl er nur für sich selbst Lebensmittelmarken hat. Er kann beide beschäftigen, ihnen wird damit die Zeit nicht lang. Ihm gelingt es, trotz der Umstände, beiden ein menschenwürdiges Überleben zu sichern. Es ist unglaublich, dass es ihm in dieser Zeit unter diesen Bedingungen und Umständen gelungen ist.

    Das Buch ist einfach unglaublich. Als ich anfing zu lesen, dachte ich oh mein Gott- so wunderbar lange Schachtelsätze. Dann habe ich einzelne Stellen laut gelesen und freute mich darüber, wie es dem Auto gelingt, so eine Vielzahl an Informationen, mit allen Wendungen und Nebenschauplätzen, in einen Satz zu packen. Vielleicht ist es diese Ausdrucksform, die das Buch so ausdrucksstark macht.
    Die Geschichte ist unglaublich und spannend. Ich war fasziniert.

    Von mir gibt es eine ausdrückliche Leseempfehlung und verdiente fünf Lesesterne.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Aug 2018 

    Eine Heldengeschichte, die erzählt werden muss

    Es gibt da diese Bücher, die klein und unscheinbar daher kommen, sich aber als literarische Naturgewalt erweisen. "Am Seil" von Erich Hackl ist solch ein Buch. Man wundert sich, dass in gerade mal 117 Seiten soviel Inhalt und Aussagekraft steckt.
    Erich Hackl ist ein Autor, der sich Geschichten erzählen lässt - wahre Geschichten. Die Geschichtenerzähler sind in ihrem Leben durch ein besonderes Ereignis geprägt worden. Erich Hackl führt Gespräche mit diesen Menschen, interviewt sie. Und am Ende schreibt er ein Buch über diese besondere Geschichte. So auch in dem vorliegenden: "Am Seil".
    Der Mensch, der sich erinnert ist Lucia Heilmann, Jüdin, die ihre Kindheit während der Nazizeit in Wien verbracht hat. Sie ist mit dem Leben davongekommen. Genau wie ihre Mutter Regina. Wenn Reinhold Duschka nicht gewesen wäre, hätten Mutter und Tochter das gleiche Schicksal erlitten wie Millionen andere Juden, die dem Naziterror zum Opfer gefallen sind.

    "..., daß Regina und Lucia auf Reinholds Gegenwart und auf seine Gesundheit angewiesen waren. Stieß ihm etwas zu, waren sie verloren. Regina kannte niemanden, der sie dann bei sich aufgenommen oder anderswo untergebracht hätte, ..."

    Wer war Reinhold Duschka?

    Niemand besonderes. Ein Jedermann, Kunsthandwerker in Wien, passionierter Bergsteiger, lose befreundet mit Regina. Ein Merkmal zeichnet ihn besonders aus: er ist selbstlos. Als Regina eines Tages auf der Flucht vor den Nazis mit ihrer kleinen Tochter Lucia bei ihm vor der Tür steht, gewährt er ihnen ohne zu zögern Schutz. Er versteckt sie über einen Zeitraum von 4 Jahren in seiner Werkstatt. Sie leben auf engem Raum. Reinhold kümmert sich fast 24 Stunden am Tag um die beiden. Ständig droht die Gefahr, von den Nazis entdeckt zu werden. Reinhold geht das Risiko ein.

    "'Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast...'" (S. 101)

    Die Geschichte, die Erich Hackl hier nacherzählt, basiert auf den Erinnerungen an eine Zeit, die Lucia als Kind erlebt hat. Dementsprechend spiegelt sich hier die Sichtweise eines Kindes wieder, d. h. die Ereignisse, wie Lucia sie als Kind wahrgenommen hat. Reinhold war ihr Held. Liebevoll versuchte er Lucia trotz der angespannten Situation bei Laune zu halten.
    Erfahrungsgemäß gibt es Lücken in der Erinnerung eines Kindes. Diese Lücken macht Erich Hackl kenntlich. Er und Lucia stellen in ihren Gesprächen Vermutungen an, die aber auch als solche deutlich werden.
    Der Schreibstil gibt den Interviewcharakter wieder, wirkt häufig sehr nüchtern. Doch Hackl gelingt das Kunststück, trotz aller Nüchternheit eine große Emotionalität beim Leser hervorzurufen. Das ist ganz großes Erzählkino.

    Fazit:
    Ein kleine, grandios erzählte Geschichte, mit ganz viel wichtigem Inhalt, über einen stillen unscheinbaren Helden, der mit seiner Selbstlosigkeit und Zivilcourage, damals wie heute ein Vorbild ist. Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Aug 2018 

    Ein Appell an die (Mit-)Menschlichkeit

    Der kleine Roman fußt auf einer wahren Geschichte. Bereits aus dem Klappentext ist ersichtlich, dass es die Erzählung nicht gäbe, wenn Lucia Heilman sich nicht vorgenommen hätte, den passionierten Bergsteiger Reinhold Duschka (1900-1993) zu würdigen, der sie und ihre Mutter vor der Deportation in ein Nazi-Vernichtungslager bewahrte. Es handelt sich also um die Erinnerungen Lucias (geb.1929), die der Autor in diesem Buch verarbeitet hat. Das zu wissen, erleichtert meines Erachtens den Einstieg, denn das Besondere ist die Art des Erzählens, eng verknüpft mit der Erzählperspektive: Der Autor berichtet in absolut sachlichem Ton die Dinge, die in der Vergangenheit, in der Zeit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg, geschehen sind. Er stützt sich dabei auf die Erinnerungen Lucias, die bei Kriegsausbruch noch ein Kind war. Das hat naturgemäß zur Folge, dass Gefühle und Wahrnehmungen mitunter die eines Kindes sind. Der Autor versteht es jedoch, den Text trotzdem (oder gerade deswegen) eindringlich und ernsthaft zu gestalten. Er formuliert wunderbare Sätze, die das Grauen der Zeit fühlbar machen. Selten hat mich eine im Grunde nüchterne Erzählung ähnlich berührt. Dabei wird mit Erinnerungslücken ehrlich umgegangen. Zuweilen spekuliert der Autor auch, wie etwas gewesen sein könnte, weil es sich dem Kind damals einfach nicht erschlossen hat. Diese Ehrlichkeit macht den Roman umso authentischer.

    Das Thema selbst ist sehr ernst: Lucia und ihre Mutter Regina sind Wiener Juden. Wie viele Betroffene wollen sie lange die durch die Nazis drohende Gefahr nicht wahr haben. Als jedoch immer mehr Judenhäuser geräumt und ihre Bewohner auf Lastwagen weggeschafft werden, „wohin, dorthin, von wo niemand zurückkommt.“ (S. 25), wird der Druck größer. Regina sucht nach einem Versteck. Schließlich bietet ihr Reinhold Duschka, ein passionierter Bergsteiger, der zum selben Alpenverein gehört wie Regina und ihr Freund Rudolf, sie und Lucia in seiner Handwerkswerkstatt zu verstecken. Sie willigt ein. Die nächsten vier Jahre von 1941-1945 werden sie an Reinholds Arbeitsplatz, diesem „prekären Zuhause“, in einem kleinen Bretterverschlag verborgen verbringen. Natürlich leben sie in ständiger Angst - nicht nur davor, verraten zu werden. Ebenso wesentlich ist es, dass Reinhold als Versorger gesund bleiben muss und nicht zum Wehrdienst eingezogen werden darf.

    Die Tage werden dem Mädchen zur Qual. Sie sehnt sich nach der Schule, nach anderen Kindern, sie möchte sich bewegen. Reinhold, der ein sehr wortkarger Mensch ist, nimmt sich des Kindes und seiner Bedürfnisse auf liebevolle Weise an: Er gibt ihr Beschäftigung in seinem Betrieb, indem er ihr kunsthandwerkliche Tätigkeiten beibringt, er unternimmt kleine Ausflüge mit ihr und besorgt ihr Bücher aus der Leihbücherei. Dies alles tut er mit großer Geduld und Selbstverständlichkeit. Lucia wird ihm das ihr Leben lang hoch anrechnen.

    Im Laufe der Jahre gewinnt das Kriegstreiben an Schärfe. Bomben fallen, trotz Gefahr suchen Regina und Lucia Schutz im Keller des Hauses: „Außerdem konnte ihnen allein schon der Argwohn gefährlich werden, den eine fremde Frau mit Kind erregte; je bedrohlicher sich für die schutzsuchenden Volksgenossen der Kriegsverlauf darstellte, um so schneller witterten sie untergetauchte Juden, und umso größer wurde ihr Verlangen, diese zur Strecke zu bringen.“ (S. 62)

    Lucia, Regina und Reinhold überleben den Krieg. Schnell gehen sie wieder getrennte Wege. Doch auch die sich daran anschließende schwierige Zeit wird nicht ausgespart. Der Leser erfährt, wie die Leben der Protagonisten weiter gehen.

    Reinhold Duschka erreicht ein hohes Alter. Ehrungen für seine Tat, die er als völlig selbstverständlich ansah, lehnte er stets ab. Erst als er 90 Jahre alt ist, gelingt es Lucia in Zusammenarbeit mit Duschkas Tochter, dass ihm der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ (eine jüdische Ehrung für Nichtjuden) verliehen wird. Das Besondere an Reinhold ist, dass er ein ganz normaler Mensch ohne Heldenpathos war, jemand der einfach die Möglichkeit hatte, Zivilcourage zu zeigen und dabei das eigene Risiko bewusst einging. Ein enger Freund formulierte folgenden Nachruf: „Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, dass du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast. …“ (S. 101)

    Dieses kleine Buch appelliert an jeden von uns, auch in schwierigen Situationen diesen Anspruch als Mensch zu leben. Deshalb ist „Am Seil“ ein wichtiges Buch, das eben nicht nur an eine verachtenswerte Zeit erinnert, sondern auch aufzeigt, dass ganz normale Menschen Großes vollbringen können – wenn sie nur die Augen aufhalten.

    Ich habe den Roman sehr gerne gelesen. Neben dem Inhalt hat mich der besondere Ausdruck und Sprachstil des Autors fasziniert, der Lust macht, weitere Werke von ihm zu entdecken. Ich vergebe gerne die volle Punktzahl!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Aug 2018 

    Ein Gerechter

    In Wien lebt die Jüdin Regina mit ihrer kleinen Tochter Lucia. Während des zweiten Weltkrieges sind schon viele Verwandte geflohen oder verschwunden. Die Repressalien gegen die jüdischen Mitbürger werden immer schlimmer. Als die Not am größten ist und sie der Aushebung ihrer Sammelwohnung und der Deportation nur dadurch entgehen, dass sie in eben genau jenem Moment zwar auf dem Heimweg, aber nicht daheim sind, greift als Retter Reinhold Duschka ein, der beste Freund von Lucias Vater. Ohne lange zu zögern oder nach einem Dank zu fragen, bringt er Regina und ihre Tochter in seiner Werkstatt für das Kunsthandwerk unter. Dort müssen die beiden zwar peinlich darauf achten, nicht aufzufallen, im Trubel der Werkstätten aber kann ihre Gegenwart untergehen.

    Der Autor Erich Hackl nimmt sich häufiger der Geschichten von Menschen an, die es verdient haben, ein solches literarisches Denkmal zu erhalten. Zusammengesetzt aus Lucias Erinnerungen, Recherchen und Vermutungen zeichnet er das Bild eines Retters, dem es eine Selbstverständlichkeit war, Schutz zu gewähren. Über vier lange Kriegsjahre half er unermüdlich und verlangte nichts. Sehr nahe geht einem auch die Qual und die Angst, die Regina und ihre Tochter empfinden mussten angesichts der überall lauernden Gefahr.

    Möglicherweise bedarf es einer gewissen Gewöhnung an die Art wie kurze Sätze und Worte aneinandergereiht werden. Vielleicht wirken die Perspektivwechsel etwas eigen. Hat man sich dem Duktus des Autors allerdings geöffnet, findet man eine berührende Schilderung von wahren Schicksalen, eine Perle einer Erzählung. Man spürt wie bedrückt und bedroht das Leben der Beteiligten in jeder Sekunde dieser Lebensphase ist, wie sehr sie die Entdeckung fürchten, die mögliche Denunziation, wie sie versuchen, der Langeweile zu entgehen. Auch die Erleichterung als dieser unselige Krieg mit seinen menschenfeindlichen Auswüchsen endlich zu Ende ist gut nachzuempfinden. Man freut sich, das Lucia, Regina und Reinhold nach dem Krieg ein freies und selbstbestimmtes Leben beschieden war, von dem Lucia berichten kann. Man wünscht sich, es gäbe viel zu berichten von solchen Menschen.

    Reinhold Duschka - ein Gerechter unter den Völkern.
    4,5 Sterne

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Aug 2018 

    Ethisches Handeln in unmenschlichen Zeiten

    Den kleinen Roman „Am Seil“ von Erich Hackl konnte ich im Rahmen einer Leserunde bei Whatchareadin lesen. Mein großer Dank an den Diogenes-Verlag und das Organisatorenteam!
    Für den Roman hat Erich Hackl intensive Recherchearbeit bei den realen handelnden Personen betrieben und schildert uns, wie der Kunsthandwerker Reinhold Duschka im Wien des 1940er Jahre eine jüdische Mutter Regina und ihre Tochter Lucia 4 Jahre lang versteckt und so vor dem nationalsozialistischen Terror retten kann.
    Die Interviews mit seinen Protagonisten haben ihm dabei eine ganz subjektiv gefärbte, nicht immer komplette und an manchen Stellen sogar nicht immer ganz wahre Sicht der Dinge vermittelt. Und genau diese Sicht gibt der Autor an seine Leser weiter und schafft dadurch eine Atmosphäre der Authentizität und der großen Betroffenheit.
    Im ersten Teil des Buches führt er den Leser in den Freundeskreis ein, aus dem heraus die Rettung für Lucia und ihre Mutter letztlich gelingen wird. Mit fast stakkatohaften Erinnerungsfetzen an diese Zeit der Freundschaft in einer noch heilen Welt führt uns Hackl so eine Gruppe von ganz normalen Menschen vor Augen, für die alle der Einbruch des Nationalsozialismus und des Krieges ihr bisheriges Leben in gänzlich neue Bahnen reist. Die Freundesgruppe auf jeden Fall wird so unwiederbringlich auseinandergerissen und hat keinen Bestand mehr.
    Aber sie hat ihren Wert auch in der Zeit des Nationalsozialismus! Denn Regina findet in ihr wie selbstverständlich den rettenden Anker in ihrem bedrohten jüdischen Leben, nachdem sie mit Lucia der Deportation ins Lager nur sehr knapp und rein zufällig entgehen konnten: Reinhold nimmt sie in seiner Werkstatt auf, wo sie beide für 4 Jahre lang ein unsichtbares Leben führen können, in dem sie wie an ein Seil miteinander verbunden sind und so mit Glück und dank des gegenseitigen Vertrauens und dem selbstverständlichen Beistand von Reinhold überleben können.
    Dieser zweite Teil des Romans – das Versteck – wird von Hackl vor allem aus der Sicht des Mädchens Lucia geschildert. Ihre Sichtweise ist dabei kindlich eingeschränkt und in der Regel rein beobachtend ohne Einblick in die wirkliche Bedeutung, Bedrohung und Tragweite, die hinter den Alltagserlebnissen stehen. Diese frische und durchaus etwas naive Perspektive gibt dem Roman dabei die besondere Wirkung auf den Leser.
    Der dritte Teil führt uns in die Zeit nach dem Krieg/nach der Befreiung und zurück ins normale Leben. Der Fokus des Erzählten schwingt in Richtung Reinhold. Lucia sorgt dafür, dass er in Yad Vashem geehrt wird und damit in eine Reihe gestellt wird mit Schindler und anderen bekannten Judenrettern. Aber er fühlt sich da so gar nicht passend.
    Und hier steckt für mich die eigentliche Botschaft des Romans: Es waren ganz normale Menschen, die da handelten. Genauso wie Lucia kein "Übermensch" ist wie Anne Frank, genauso wenig ist es Reinhold. Sie und er sind Menschen mit Fehlern, Fehlentscheidungen, Schwächen. Und konnten trotzdem zu Helden werden.
    Hackl sagt uns damit schonungslos: Du entscheidest selber, was für ein A.... du bist oder wirst.
    Und das gilt für Hackl ganz bewusst auch für die Gegenwart, in die hinein im Text nicht von ungefähr eine Brücke gebaut wird:
    S. 101:"Es war für dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, dass du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast. Und dafür möchte ich dir gerade jetzt, wo sich die Geschichte zu wiederholen droht, ganz besonders danken."

    Fazit
    Ethisches Handeln in unmenschlichen Zeiten. Das große Thema dieses kleinen Romans, das Hackl auf sehr authentische und dadurch bewegende Weise übermitteln kann. Journalistische Recherchearbeit liegt dem Buch zugrunde. Das scheint immer wieder durch. Durch viele Gespräche mit den handelnden Personen hat sich Hackl die Geschichte erarbeitet. Und einen wichtigen Zusatz zu unserer Geschichtsanschauung geschaffen. Anne Frank, das jüdische Mädchen im Versteck, das uns allen zuerst einfällt, wenn wir an das Schicksal von im Versteck lebenden Juden (wie Lucia) denken, ist rezipiert worden als Mädchen, das durch Intelligenz, Ausdrucksvermögen, Weltsicht sehr weit herausragt aus der Schar normaler Kinder. Das ist bei Lucia nicht der Fall! Ein durch und durch normales Kind gerät ganz ohne eigenes Verschulden und eigenes Verständnis in diese prekäre Lage und richtet sich darin irgendwie ein. Sie hat dabei - durch Reinhold als Retter - Glück im Unglück. Soviel Glück wie der Großteil der Juden damals leider nicht hatte.
    Reinhold ist der Retter, aber keinesfalls ein Supermann und auch kein Superheld. Er ist einfach ein Mensch, der wie selbstverständlich Verantwortung für den Anderen spürt und übernimmt. Das führt ihn als Bergsteiger in Teams auf die Berge und das bringt ihn ganz selbstverständlich dazu, Lucia und Regina ein Versteck zu bieten. Dafür braucht es keine Superintelligenz, keinen besonderen Reichtum, keine besonderen Fähigkeiten, sondern einfach nur Moral, Herz und ethisches Verständnis.
    Du bestimmst selbst, ob du ein A.... bist oder nicht.
    Das galt in der Geschichte. Das gilt heute. Diese anspruchsvolle Botschaft, die heute wieder besonders aktuell und wichtig erscheint, steht vor uns nach Lektüre des Buches. Ein wichtiger und richtiger Roman von
    Erich Hackl in dieser Zeit!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jul 2018 

    Ein stiller Held

    Der österreichische Schriftsteller Erich Hackl (Jahrgang 1954) schreibt Geschichten, die meistens auf historischen Ereignissen basieren. Dabei interessiert ihn nicht irgendeine Vergangenheit, sondern ganz spezifisch die Geschichte des Nationalsozialismus bzw. des Austrofaschismus.

    In seinem neusten Roman "Am Seil" greift er das Thema der sog. "Stillen Helden" oder "Judenretter" anhand eines konkreten Falles auf. Erich Hackl erzählt die Geschichte des Hobbybergsteigers Reinhold Duschka (1900 - 1993), der ab 1941 bis zum Kriegsende ein Jüdin und deren (zu Beginn) 12-jährigen Tochter versteckt hatte.
    Der Roman basiert auf Gesprächen, die der Autor mit Lucia Heilman, der inzwischen 88-jährigen Tochter, geführt hat. Diese Quelle für die Erzählung wird in keiner Weise verdeckt. Im Gegenteil: Der Roman liest sich ein wenig wie eine Dokumentation dieser Interviews mit Lucia Heilmann. Die Erinnerungen, von Lucia an die Zeit ihres Lebens im Untergrund, also an ihre Kindheit, werden sehr genau wiedergegeben. Ausschmückungen der Geschichte vermeidet der Autor weitgehend. Trotzdem oder vielleicht deshalb liest sich die Erzählung nie langweilig. Sie ist spannend und wirkt sehr authentisch.
    Um den Charakter des Helden und dessen mögliche Motive für die Hilfe zu beleuchten, kommen in "Am Seil" neben der Geretteten noch die Tochter und der Enkelsohn von Reinhold Duschka zu Wort.
    Was hatte Reinhold Duschka bewogen zu helfen? War er durch sein Hobby als Bergführer gewohnt, für Andere Verantwortung zu übernehmen? Dies vermutet sein Enkelsohn. Anderseits erfahren wir auch davon, dass Reinhold nicht immer verantwortungsvoll gehandelt hat z.B. seiner eigenen Familie gegenüber. Es bleibt das Gefühl, dass eigentlich jeder helfen konnte, dass dazu keine besondere Veranlagung notwendig war.

    Insgesamt wird in dem Roman "Am Seil" die Thematik der "Stillen Helfer" in der Nazizeit in nüchterner aber trotzdem authentischer und stimmiger Weise dargestellt. Ein Buch, das die mutige Rettung zweier Menschen vor der Deportation würdigt und Mut zu Zivilcourage macht.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jul 2018 

    Lucia

    Lucia

    Am Seil - Eine Heldengeschichte von Erich Hackl

    Erzählt wird hier über das Leben von Reinhold Duschka, der aufgrund seiner Hilfe bei der Unterbringung von Juden zur Zeit des zweiten Weltkrieges ein Gerechter zu den Völkern geworden ist. Diese Auszeichnung gebührt einem selbstlosen Mann, der diese wirklich verdient hat.

    Reinhold Duschka ist der beste Freund von Rudolf Kraus, mit von der Partie die Chemikerin Regina Steinig. Das Grüppchen trifft sich oft mit Gleichgesinnten in Wien, philosophiert über vieles und unternimmt oft gemeinsame Wanderungen. Unbeschwert ist diese Zeit, von den Problemen die Regina als Jüdin noch erwarten werden, ist nichts zu ahnen.
    Als Regina von Rudolf schwanger wird, möchte sie ihn nicht heiraten, dazu tauge er in ihren Augen nicht. Ihre Tochter Lucia wird geboren, um weiter arbeiten gehen zu können, versorgt der Großvater das Kind. Als dann 1939 alles anders wird, müssen Regina und ihre damals etwa 10 Jährige Tochter untertauchen.
    Reinhold, der mit Regina auch nach dem Weggang seines Freundes noch Kontakt pflegt, nimmt Mutter und Tochter kurzerhand in seiner Werkstatt auf. Sie müssen sich dort verstecken, sobald die Gefahr besteht das Lieferanten oder Kunden sie sehen könnten. An Tagen, in denen in der Werkstatt nicht gearbeitet wird, müssen sie sehr leise sein, damit der Schutzward nicht versehentlich auf sie aufmerksam wird. Eine schwere Zeit für alle drei. Reinhold muss drei Leute verköstigen, ein schweres Unterfangen in dieser Zeit.
    Lucia, die durch ihre Erinnerung an diese Zeit durch die Erzählung führt, hat selbst einige Lücken, und räumt oft ein, dass ihre Erinnerungen auch falsch sein könnten. Das Bild, welches sie von Reinhold übermittelt, ist immer ein Gutes. Sie beschreibt ihn als geduldigen Mann, der ihr immer eine Aufgabe in seiner Werkstatt gegeben hat, wahrscheinlich um ihr die Zeit erträglicher zu machen.
    Als die Werkstatt von einer Bombe getroffen wird, ist Reinhold wieder zur Stelle und hilft wo er nur kann.

    Der letzte Abschnitt bietet dem Leser interessante Einblicke nach dem Krieg. Einige Personen aus Duschkas Leben, wie seine Tochter, ein Enkel und ein ehemaliger Arbeiter kommen zu Wort. Sie spiegeln teilweise einen ganz anderen Mann wieder. Dem Leser bleibt selbst überlassen, was er mit diesen Informationen macht. Mir persönlich hat imponiert, was dieser Mann für Lucia und ihre Mutter getan hat. Erich Hackl hat gut daran getan seine Geschichte hier niederzuschreiben. Mehr möchte ich dazu gar nicht schreiben, man sollte dieses Buch selbst lesen, es spricht Bände!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jul 2018 

    Menschliches Handeln in unmenschlicher Zeit

    Hackl erzählt die wahre Geschichte der Jüdin Lucia Heilmann, die von Reinhold Duschka in Wien während der Nazi-Herrschaft gemeinsam mit ihrer Mutter versteckt wurde.

    "Er war der beste Freund ihres Vaters, zu einer Zeit, in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten, vor einer halben Ewigkeit also." (7)

    Lucias Vater, Rudolf Kraus, und Reinhold lernen sich Mitte der 20er Jahre in Wien kennen, wie, darüber kann Hackl nur spekulieren, da Lucia es nicht weiß.
    Duschka, der aus Berlin stammt, entdeckt während seiner Gesellenwanderung im Schwarzland seine Liebe zu den Bergen und wird zeitlebens ein begeisterter Kletterer und Skifahrer sein. Rudolf führt ihn in Wien in eine Gruppe um Regina Steinig, Lucias Mutter, ein:

    "Regina bildete das Gravitationszentrum der Gruppe, wegen ihres geselligen Naturells und weil sie die Gabe besaß, das Vertrauen wildfremder Menschen im Handumdrehen zu gewinnen und diese miteinander anzufreunden." (10)

    Reinhold, der an der Wiener Kunstgewerbeschule studiert und aus Metallblechen Kunstgegenstände fertigt, ist stilles Mitglied in der kommunistisch, pazifistischen Gruppe.

    Am 25.7.1929 wird Lucia geboren, ihre Eltern Regina und Rudolf sind freundschaftlich verbunden, so dass Lucia in der Obhut ihres Großvaters aufwächst, während Regina im Labor des Lainzer Krankenhaus arbeitet. Aber das Mädchen hat auch regelmäßig Kontakt zu ihrem Vater, der 1936 sein Mathematikstudium mit dem Doktorat beendet.

    "Lucias knappe Erinnerung, daß sie bei der Promotionsfeier dabei war. (...) Zweite und wesentlich schärfere Erinnerung, an die Puppe Susi, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte" (15).

    Hackl beschreibt, wie sich die Lebensumstände der Jüdin Lucia, deren Mutter mit dem jüngeren Fritz Hildebrandt zusammenzieht, kontinuierlich verschlechtern. Im November 1941, als Fritz schon Soldat in der deutschen Wehrmacht und Rudolf als Gefangener in Australien ist, entkommen Regina und Lucia per Zufall knapp einer Deportation.

    "Längst hat sich herumgesprochen, daß Judenhäuser geräumt, ihre Bewohner auf Lastwagen weggeschafft werden. Wohin, dorthin, von wo niemand zurückkommt." (25)

    Ihre einzige Anlaufstelle in Wien ist der Werkstättenhof, in dem Reinhold eine Werkstatt angemietet hat. Dort überleben beide dank seines Wagemutes und seiner Zivilcourage den Krieg - sie bilden eine Seilschaft, wie beim Klettern. So erkläre ich mir den Titel des Romans.

    Dadurch, dass er die beiden nicht nur in seiner Werkstatt versteckt, sondern sie auch arbeiten lässt, überstehen sie die lange Zeit. Lucia fertigt Kunstgegenstände aus Metallblechen und überbrückt so die lange Zeit des Wartens.

    "Er hat es mir immer wieder wieder gezeigt. Liebevoll, er hat nie geschimpft, nie die Geduld verloren." (37)

    Hackl schildert auch die Zeit nach dem Krieg, in der Duschka über seine Taten schweigt und Lucia sich bemüht, ihn für seine selbstlose Tat zu ehren.

    Bewertung
    Erich Hackl erzählt in nüchtern-sachlichem Ton von der Heldentat Reinhold Duschkas. Er stützt sich auf die bruchstückhaften Erinnerungen der jungen Lucia, lässt sie aber auch direkt zu Wort kommen, so dass allmählich ein Bild des schweigsamen, verlässlichen und freundlichen Duschkas entsteht. Dadurch, dass er die Zeit im Versteck aus ihrer Perspektive beschreibt, gibt er im Wesentlichen ihre Beobachtungen wieder und verdeutlicht, dass die Grundlage des Textes ein Gespräch zwischen Erzähler und Lucia darstellt. Explizit verweist er auf Erinnerungslücken und Spekulationen.

    "Ausgedacht also, vorgestellt, auf jeden Fall unverbürgt, nur nicht das gute Ende (...)" (69)

    Im Nachhinein stellen sich einige Beobachtungen und Schlüsse Lucias auch als falsch heraus, wie das Schicksal ihrer besten Freundin belegt.
    Hackl spannt den Bogen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, indem er Lucias Bemühen, Reinhold für seine Tat auszuzeichnen ebenso dokumentiert, wie ihren Versuch mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, die ihn gekannt haben.
    Ein lesenswerter Roman, der die Zivilcourage eines Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, der in unmenschlichen Zeiten Menschlichkeit gelebt hat. Ein Vorbild, gerade in der heutigen Zeit.

    "Reinhold (war) wie geschaffen dafür, intelligenten Widerstand zu leisten. Das lag zum einen daran, daß er es als Bergsteiger gewohnt war, auf andere angewiesen und für sie verantwortlich zu sein, zweitens an persönlichen Eigenschaften, die dazu beitrugen, das Risiko möglichst gering zu halten: Selbstdisziplin, Verschwiegenheit, Einzelgängertum, Menschenkenntnis." (110)