Als ich jung war: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Als ich jung war: Roman' von Norbert Gstrein
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Es sind die nicht erzählten Geschichten, die das Leben prägen - der neue Roman von Norbert Gstrein

Am Anfang ist da nur ein Kuss. Aber gibt es das überhaupt, nur ein Kuss? Franz wächst im hintersten Tirol auf. Er fotografiert Paare "am schönsten Tag ihres Lebens", bis bei einer Hochzeitsfeier die Braut ums Leben kommt. Was hat das mit ihm zu tun? Was damit, dass er nur Wochen zuvor am selben Ort ein Mädchen geküsst hat? Vor diesen Fragen flieht er bis nach Amerika. Doch dann stirbt auch dort jemand: ein Freund, in dessen Leben sich ebenfalls mögliche Gewalt und mögliche Unschuld die Waage halten. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach Glück findet sich Franz in Norbert Gstreins Roman auf Wegen, bei denen alle Gewissheiten fraglich werden.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
EAN:9783446263710

Rezensionen zu "Als ich jung war: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Okt 2019 

    Die Braut

    In seiner Jugend war Franz der Fotograf. Sein Vater richtete Hochzeiten in seinem Restaurant aus und Franz war für die Fotos zuständig. Spaß hat es ihm nicht gemacht. Oft dachte er, diese Ehe wird nicht halten, warum macht sie das. Dann stirbt eine Braut an ihrem Hochzeitstag und Franz hat die Fotos gemacht. Es heißt nachher, sie habe sich selbst umgebracht, aber richtig klar wird nie, was tatsächlich geschehen ist. Später lebt Franz lange Zeit in den USA, wo er als Skilehrer arbeitet. Nach einem Unfall kehrt er zurück nach Österreich und ist überrascht, dass sein Bruder das Restaurant leitet und Hochzeiten ausrichtet.

    Was passiert, was bildet man sich selbst ein und welche Gerüchte glauben die anderen. Das beschäftigt einen bei der Lektüre dieses Romans. Franz ist ein Typ, der eigentlich alles eher nicht macht bis auf einmal, wo er Grenzen überschreitet. Obwohl es so aussieht als habe er nichts gemacht, fragt man sich und wenn doch? Mit nur zwei Selbstmorden kommt er in Berührung und doch ist er beide Male recht nah am Geschehen. Zu nah, etwa? Er beschwört Fragen herauf, die er dann zu umgehen versucht. Und daheim wartet der Kommissar.

    Es bleibt schön spannend in diesem Buch. Während des Lesens fragt man sich, was Franz für sich behält. Ist er tatsächlich so unschuldig, wie er es darstellt? Wie der Kommissar fragt man sich, was ist das Verborgene. Der Autor lässt einen herrlich im Unklaren und regt gerade damit das Gedankenkarussell an. In einem Krimi hätte man eine Tat, eine Ermittlung, eine Lösung. Hier ist es schon ähnlich, aber doch ganz anders. Man hat die Erzählung eines noch jungen Mannes, der nach einem Unfall von seinem Leben erzählt, von Dingen, die er getan oder nicht getan hat, von denen, die er zugeben muss und denen, die nichts mit ihm zu tun haben. Man fliegt durch die Geschichte und je weiter man fliegt, desto mehr beginnt man zu grübeln. Dieser Roman schleicht sich an, um zu bleiben.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Sep 2019 

    Unsagbare Geschichte ungewöhnlich präsentiert!

    Ist das Buch toll, obwohl es irgendwie auch langweilig ist? Ja. Ich brauchte, um mit seiner Behäbigkeit umgehen zu lernen.

    Norbert Gstreins Roman „Als ich jung war“ befaßt sich mit dem Unsagbaren. Es ist unsagbar und darum sagt es der Autor auch nicht. Der Leser muss sich anhand von Franzens Lebenbericht zusammenreimen, was passiert ist.

    Diese Art, eine Geschichte zu erzählen, indem sie nicht erzählt wird, ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich. Wovon aber schreibt denn der Autor, wenn er seine Geschichte nicht erzählt, die aber gleichwohl, fast wie aus dem Nichts, lediglich durch einige Keywords ausgelöst, im Kopf des Lesers entsteht? Vom Land und von den Leuten. Von Österreich und den USA. In sehr gemächlichem Erzählton.

    Da ist der junge Franz, der früh keine Illusionen mehr hat über die Menschen, über das Leben, und da ist auch sein jüngerer Bruder Viktor, der das elterliche Geschäft übernehmen wird. Die Brüder kommen aus einer „schaffigen“ Familie. Die Eltern haben zwei Hotels, ein Sommer- und ein Winterhotel und Franz muss, ob er will oder nicht, zuhause zugreifen. Im Winterhotel ist er Kellner wider Willen, plus Skilehrer und im Sommerhotel ist er Hochzeitsfotograf wider Willen. Beides prägt ihn.

    Eines Tages ergreift er die Flucht und verschanzt sich vor Zugriffen jeder Art in den Staaten. Im schneereichen Wyoming, im kleinen und unscheinbaren Dörfchen Jackson, arbeitet er im Winter als mehr und mehr gefragter Skilehrer und im Sommer hält er sich mit Gelegenheitsjobs und monatlichen Zuwendungen vom Vater über Wasser. Eines Tages, durch mehrere Sportunfälle arbeitsunfähig, kommt er zurück nach Österreich in das Vaterhotel, das nunmehr dem Bruder gehört, der ihn wie einen armen Verwandten behandelt. Das ist der erzählerische Vordergrund. Doch im Untergrund rumort eine ganz andere Geschichte, voller Andeutungen und Vermutungen.

    Stilsicher präsentiert der Autor dem Leser seine „unerzählte“ Story, die tiefgründiger nicht sein könnte. Erklärungen liefert er keine. Dennoch erschließt sich dem gewitzten Leser ein düsteres Bild. Denn warum sonst hätte der Autor diesen Roman schreiben sollen und worüber? Über Landschaftsbilder? Doch wohl nicht.

    Der Roman ist langsam. Machen wir uns darüber nichts vor. Gemächlich fließt er dahin. Für Leser, die mehr Spannung und Action brauchen, ist er nichts.

    Woher kommt der Titel? Zum Aufschluß findet sich ein Zitat. Der Autor läßt den Icherzähler Franz schon früh sagen: „Als ich jung war, glaubte ich an fast alles und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhanden gekommen sein“. Franz erzählt zwar von Anfang an, aber auch vom Ende her, denn es wird immer klarer, dass die Geschichte nur von ihrem Ende her verstanden werden kann.

    FAZIT: Eine sublime Art des Erzählens einer nicht erzählten Geschichte, die es in sich hat, so kunstgerecht, dass manch einer sagen könnte, „What? Es ist doch gar nichts erzählt worden.“ Doch. Ist es.

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman
    Auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises
    Verlag: Hanser, 2019