Alligatoren

Buchseite und Rezensionen zu 'Alligatoren' von Deb Spera
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Seit Stunden belauern sie sich gegenseitig: das Alligatorweibchen, das seine Jungen beschützen muss, und Gertrude, deren vier Töchter seit Tagen nichts gegessen haben. Ein Schuss fällt, doch er trifft nicht das Reptil - es gibt Schlimmeres als den Hunger.
Auch Annie, die Plantagenbesitzerin, hat einen größeren Feind, als sie wahrhaben möchte. Ihren jüngsten Sohn kostete das bereits das Leben.
Doch als Oretta, Annies schwarze Haushälterin und in erster Generation von der Sklaverei befreit, Gertrudes kranke neunjährige Tochter bei sich aufnimmt, finden diese drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, zusammen. Denn sie alle haben eins gemeinsam: die unstillbare Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:432
Verlag: HarperCollins
EAN:9783959672207

Rezensionen zu "Alligatoren"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Nov 2018 

    ein sehr atmosphärischer Südstaatenroman

    "Einen Menschen töten ist leichter als einen Alligator töten, aber Geduld brauchst du für beides."

    Gertrude Pardee eine der Protagonistinnen des Romanes "Alligatoren" von Deb Spera, hat sehr viel Geduld, genauso, wie sie viele Kinder und viele blaue Flecken hat - dank der speziellen Fürsorge ihres stets betrunkenen Mannes. Irgendwann wird sie feststellen, dass sie und ihre Kinder ohne Mann besser und leichter durchs Leben kommen.

    "Es ist was Furchtbares, wenn die eigenen Kinder Angst vor der Welt haben, aber das müssen sie, wenn sie überleben wollen. Unsichtbare Dinge sind überall um uns rum, und es ist besser, wenn sie das jetzt schon lernen."

    Der Roman spielt im Süden der USA, in den Jahren vor dem Börsencrash 1929, der eine Weltwirtschaftskrise zur Folge hatte. Der Süden der USA war bereits vor diesem Zeitpunkt von Armut und Hunger geplagt. Dies betraf viele Teile der Bevölkerung. Auf der einen Seite gab es die Plantagenbesitzer, denen es noch einigermaßen gut ging, auf der anderen Seite gab es einfache Menschen wie Gertrude Pardee und ihre Familie, die am Limit lebten und jeden Tag auf's Neue um ihr Überleben kämpfen mussten.

    Hinzu kam die Diskriminierung der farbigen Bevölkerung. Auch wenn die Sklaverei bereits seit Jahrzehnten abgeschafft war, war sie doch noch in den Köpfen der Menschen verwurzelt. Es gab eine klare Rollenverteilung zwischen Schwarz und Weiß. Weiße waren Herrscher, Farbige waren Diener.
    Zu diesen Gruppen gehören die beiden anderen Protagonistinnen dieses Romans:

    Annie Cole
    Ihre Familie gehört zu den wohlhabendsten in der Gegend. Ihr Mann Edwin und Sohn Eddie führen die Plantage der Familie. Annie selbst und der jüngste Sohn Lonnie betreiben eine Näherei. Plantage und Näherei liefern wertvolle Arbeitsplätze. Auch Gertrude wird hier eine Anstellung finden.

    Oretta - genannt Retta - ist die gute Seele der Familie Cole, ist sie doch als Köchin angestellt und führt deren Haushalt. Retta arbeitet bereits ihr Leben lang für die Familie, gehört irgendwie dazu ... solange sie weiß, wo ihr Platz in der Rangordnung ist. Und als Farbige steht sie ganz am Ende.
    "Die Zeiten ändern sich, aber die Menschen nie. Neger dürfen ruhig die ganze Arbeit machen, aber eine Meinung dürfen sie nicht haben."
    Deb Spera erzählt die gemeinsame Geschichte dieser drei Frauen, die zwar völlig unterschiedlich sind, deren Schicksale sich jedoch nicht voneinander trennen lassen.

    Die beiden weißen Frauen haben mit der Dominanz der Männer zu kämpfen. Gertrude ist ihrem trinkendem und brutalem Ehemann ausgeliefert und nimmt vieles auf sich, um ihre 4 Mädchen vor ihm zu schützen. Brutalität in der Ehe ist in dieser Zeit gesellschaftsfähig. Da Gertrude auf keinerlei Hilfe von Außen hoffen kann, nimmt sie ihr Schicksal schließlich selbst in die Hand. Sie zieht mit ihren Kindern in ein Haus in Rettas Nachbarschaft. Vermieterin ist Annie Cole, die Gertrude auch als Näherin einstellt.

    Annies Mann ist der ehrgeizige und erfolgshungrige Edwin, der sich gern als Machtmensch sieht und die Bewunderung anderer genießt. Die Landwirtschaft läuft leider nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Trotzdem tut er die erfolgreiche und boomende Näherei, die von seiner Frau und seinem jüngsten Sohn betrieben wird, als Hirngespinst ab. Insbesondere seinen Sohn lässt er seine Verachtung spüren und sieht in dem stotternden Lonnie einen Schwächling. Edwin ist also ein Familiendespot, wie er im Buche steht. Es gibt in dieser Familie noch zwei, mittlerweile erwachsene Töchter. Die Beiden haben ihr Elternhaus bereits früh verlassen, da sie sich mit den Eltern überworfen haben. Sie meiden den Kontakt zu ihnen.

    Dank einer Verfügung von Annies mittlerweile verstorbenem Vater, hat sie die alleinige Verantwortung für die Näherei, was ihrem Mann natürlich ein Dorn im Auge ist, neidet er ihr doch den Erfolg bei ihrer Arbeit.

    Retta kennt die Coles-Kinder von klein auf und hat auch das konfliktbehaftete Familienleben begleitet. Sie lebt mit ihrem Mann Odell in einer harmonischen Ehe. Die beiden sind Seelenverwandte, die auch den frühen Tod der Tochter gemeinsam bewältigt haben.

    Jede der drei Frauen für sich ist eine starke Persönlichkeit, auch wenn ihnen durch die Männer Grenzen aufgezeigt werden.

    Aus der ehemaligen Zweckbeziehung (Annie als Arbeitgeberin von Retta und Gertrude; Retta als Unterstützung für Gertrude und ihre Mädchen) wächst mit der Zeit ein intensiveres Verhältnis zwischen den Frauen, das von einem Geheimnis um Annies Mann überschattet wird. Als Leser ahnt man, was Edwin zu verbergen hat. Was es mit Edwin auf sich hat, wird immer deutlicher, je tiefer man in die Handlung dieses Romans eintaucht. Und zum Ende kommt es zum klassischen Showdown zwischen Mann und Frau.

    "Für irgendwen in dieser Stadt braut sich was zusammen. Noch ist nichts passiert, aber es wird was passieren."

    "Alligatoren" ist ein atmosphärischer Südstaatenroman, wie man ihn sich vorstellt: Hitze, Fliegen, Sümpfe, Baumwolle, Mystik und Aberglauben. Hier findet sich alles, was das Südstaatenherz begehrt. Hinzu kommt eine unterschwellige Spannung, die diesen Roman durchzieht. Und im Mittelpunkt stehen 3 starke Frauen unterschiedlicher Herkunft, denen es gelingt, trotz der Dominanz der Männer ihren eigenen Weg zu gehen. Ein großartiger Roman!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Sep 2018 

    Eindringlich und ausdrucksstark

    Gertrude ist ganz unten, als sie bei Annie Coles um Arbeit in deren Näherei bittet. Annie stellt ihr zusätzlich ein Haus für sich und die vier Töchter zur Verfügung. Alvin, der Ehemann Gertrudes, versäuft das gesamte Geld und schlägt sie und die Kinder. Oretta, ist eine ehemalige Sklavin und kümmert sich bei den Coles um deren Haushalt. Sie ist es auch, die die jüngste Tochter von Gertrude aufnimmt und wieder hochpäppelt. Mary wäre an Unterernährung und Parasiten sonst vermutlich gestorben. Aber auch die anderen Mädchen sind nicht gesund und stark unterernährt.

    Es ist die Geschichte dieser drei Frauen aus den Südstaaten der USA um 1920. Sie kommen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und doch verbinden sie die Ereignisse zunehmend mehr miteinander. Die Zeiten sind hart. Die Baumwollernte wurde durch die Baumwollkapselkäferplage von 1918 bis in die 20er Jahre drastisch reduziert. Die reichen Plantagenbesitzer versuchen den Ruin durch Umstellung auf Tabak zu verhindern. Den kleinen Farmbesitzern gelingt das nicht. Die Not und das Elend gerade für diese Personen sind besonders schlimm.

    Eigentlich haben diese Frauen nichts gemeinsam. Annie ist reich und hat eine eigene Näherei. Ihr Mann hat zwar bei der Baumwollkrise auch viel Geld verloren, aber er ist optimistisch es mit dem Tabak zu schaffen.

    Dazu gehört Gertrude und ihre Familie. Gertrude und ihre Familie sind zwar weiß, sind aber durch die Krise bettelarm und kommen kaum noch über die Runden. Dazu vertrinkt Alvin das zusätzlich erarbeitete Geld.

    Oretta ist schwarz und mit Odell verheiratet. Sie ist meines Erachtens die gute Seele des Hauses, kümmert sich um alles, obwohl sie meiner Meinung nach mitunter trotzdem wie eine Sklavin behandelt wird. Sie hat das Herz auf den rechten Fleck und kann sich auch in der schwarzen Gemeinde gut durchsetzen. Sie ist ein durch und durch guter Mensch und liebt ihren Mann Odell über alles. Es ist rührend zu lesen, wie innig ihr Verhältnis ist.

    So unterschiedlich diese drei Frauen sind, so sehr rührte mich ihr Schicksal und es war spannend mitzuerleben, wie sie zusammenfanden und sich gegenseitig in den schwersten Stunden stärkten und unterstützten. Deb Spera schreibt so anschaulich, es gelingt einem beim Lesen direkt in die Story einzutauchen. Obwohl sich dieses Buch sehr leicht lesen lässt, gibt es Momente, bei denen ich schlucken musste, oder aber auch mal pausieren um das Gelesene sacken zu lassen. Das sind die Momente in denen das Buch besonders eindringlich auf mich wirkte. Dieses Buch werde ich auf jeden Fall nicht so schnell vergessen. Von mir gibt es verdiente fünf Lesesterne und eine ausdrückliche Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Sep 2018 

    Freiheit und Selbstbestimmung

    „Einen Menschen töten ist leichter als einen Alligator töten, aber Geduld brauchst du für beides!“
    Drei Frauen, drei Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch verbindet Gertrude, Annie die Plantagenbesitzerin und Retta, die schwarze Haushälterin, aus erster Generation befreite Sklavin, Wesentliches, nämlich der Wunsch nach einem freien selbst bestimmten Leben.
    Gertrude befreit sich sprichwörtlich aus dem Sumpf und auf ganz besondere Weise von ihrem brutalen Mann, um ihren vier Töchtern ein besseres Leben zu bieten. „White Trash“ würde man wohl das Milieu bezeichnen, aus dem sie stammt. Es fällt ihr nicht leicht, bei Annie Coles, der Herrin der Plantage und Näherei um einen Job und Unterkunft zu bitten. Ihr krankes jüngstes Kind lässt sie in der Obhut von Retta, die sich in der schwarzen Gemeinde dafür einiges anschauen lasen muss. Aber auch Annie trägt eine mächtige Last aus der Vergangenheit. Der älteste Sohn beging als Kind Selbstmord, die Töchter haben sich von der Familie abgewandt. Es brauchte Annie viel Kraft und Mut, sich zu erheben und sich von dem Bösen zu trennen, das sie jahrzehntelang umgeben hat. Mit Retta, die mit Herz, Hausverstand und einem unermüdlichen Glauben im Leben steht, und mit Gertrude hat Annie aber zwei Verbündete gefunden auf ihrem Weg der Befreiung und Selbstbestimmung.
    Alligatoren ist in den Südstaaten der 20er Jahre angesiedelt. Rassismus, Sexismus, Macht und Missbrauch ist an der Tagesordnung. Drei Frauen erheben sich beispielhaft gegen die Diskriminierung. Damals wie heute kann ein Kampf für Gleichberechtigung nur zusammen und mit vereinten Kräften stattfinden.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Aug 2018 

    Als das Leben in den Südstaaten noch rauer war

    Branchville Anfang der 1920er-Jahre: Gertrude Pardee führt ein hartes Leben. Ihr Mann Alvin ist ein gewalttätiger Säufer, die Familie lebt in solch ärmlichen Verhältnissen, dass auch die Töchter hungern müssen. Wirtschaftlich besser geht es Plantagenbesitzerin Annie Coles, die jedoch auch mit persönlichen Problemen zu kämpfen hat. Und dann ist da noch ihre farbige Haushälterin Oretta Bootles, kurz Retta, in erster Generation von der Sklaverei befreit. Alle drei Frauen wirken zunächst sehr verschieden, doch sie haben den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung gemeinsam. Und dann passiert etwas, das sie zusammenbringt…

    „Alligatoren“ ist der berührende Debütroman von Deb Spera, der in den Südstaaten zu der Zeit vor der großen Wirtschaftskrise spielt.

    Meine Meinung:
    Das Buch besteht aus fünf Teilen, die mehrere Kapiteln beinhalten, sowie einem Epilog. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive – und zwar im Wechsel aus der Sicht von Gertrude, Annie und Retta. Zunächst haben die drei Erzählstränge wenige Berührungspunkte. Dann werden sie immer stärker miteinander verwoben. Dieser Aufbau hat mir gut gefallen.

    Der Schreibstil ist flüssig, anschaulich und eindringlich, aber auch angenehm unaufgeregt. Die Sprache ist sehr einfach, was aber gut zum Bildungsgrad vor allem von Gertrude und Retta passt. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir nicht schwer.

    Schön finde ich es, dass man es sogar mit drei starken Frauencharakteren zu tun hat. Die Hauptprotagonistinnen sind mir nicht alle gleichermaßen sympathisch. Doch sie werden interessant, detailliert und authentisch dargestellt. Ihre Gedanken lassen sich gut nachvollziehen.

    Der Inhalt des Romans konnte mich sehr bewegen, denn es geht um emotionale Themen wie Liebe, Freiheit und Verlust. Der harte Kampf der Frauen ums Überleben vor dem Hintergrund von Hunger, Armut und Krankheit sowie die teils grausamen Umstände der damaligen Zeit machen betroffen.

    Trotz der eher hohen Seitenzahl habe ich die Geschichte größtenteils nicht als langatmig empfunden, denn es gibt immer wieder spannende Passagen.

    Gerne habe ich etwas über das Leben in den Südstaaten zur damaligen Zeit gelernt. Die Anmerkungen zum geschichtlichen Hintergrund des Romans belegen die Recherchearbeit der Autorin.

    Das Cover passt meiner Ansicht nach inhaltlich sehr gut zur Geschichte. Der deutsche Titel orientiert sich stark am amerikanischen Original, was ich gut finde.

    Mein Fazit:
    „Alligatoren“ von Deb Spera ist ein aufwühlender Roman über drei Frauenschicksale. Keine leichte Kost, aber eine empfehlenswerte Lektüre.