Alles, was wir geben mussten. Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Alles, was wir geben mussten. Roman' von Kazuo Ishiguro
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Noch Jahre später kreisen Kathys Gedanken um Hailsham, dem in lieblicher Hügellandschaft gelegenen Schulheim, in dem sie und die anderen ihre Kindheit zugebracht hatten. Eine heile Welt, in der eine fröhliche Kinderschar zur „Kreativität“ angeleitet werden soll. Doch bald tauchen erste Schatten auf. Wozu die Aufseher? Warum ist von späteren „Spendern“ die Rede? Und was hat es mit jener eleganten „Madame“ auf sich, die aus dem Nichts auftaucht, um die besten künstlerischen Arbeiten der Zöglinge für ihre Galerie abzuholen. Galerie? Jeder weiß davon, keiner hat sie jemals zu Gesicht bekommen. Nur eine weitere Merkwürdigkeit in der abgeschotteten Welt von Hailsham. Wir werden noch viele davon kennenlernen!

Mit welch unspektakulären, aber erzählerisch raffinierten Mitteln der in Japan geborene und heute in England lebende Kazuo Ishiguro den Leser in seine Geschichte einwebt, gleicht einem kleinen Wunder. Sachter kann man nicht hineingeführt werden in eine Traumwelt, die sich zunehmend als bedrückende und faschistoide Zukunftsvision entpuppt. In den Rückblicken Kathys, die heute als „Betreuerin“ arbeitet, wird alles noch einmal lebendig: Ruth, Kathys beste Freundin. Der rebellische, von allen abgelehnte Tommy, der nur Kathy vertraut -- und doch mit Ruth eine Beziehung eingeht. Der Schulalltag und seine sanften, aber rigorosen Überwachungsmechanismen. Die Fragen hinter vorgehaltener Hand. Die Rebellion, die nie stattfindet.

Ein wundervolles Werk von großer Nachhaltigkeit. In manchem gleicht Ishiguro einem literarischen Update von Daphne du Maurier. Selbst sein traumverlorenes, weltfernes Hailsham erinnert vage an Manderley aus Rebecca (anscheinend kann sich keiner der Schüler später daran erinnern, wo Hailsham überhaupt lag). Ishiguros unaufgeregter, hochliterarischer Ton aber ist es, der den Schrecken erst richtig eindringlich macht. Ein Schrecken, der in einer technikversessenen Welt längst nicht mehr abwegig erscheint. Begleiten wir die Schüler auf ihrem Weg, herauszubekommen, wer sie sind, wo sie herkommen und -- was aus ihnen einst werden soll. Madame wusste es: „Ihr armen Geschöpfe!“ --Ravi Unger

Format:Taschenbuch
Seiten:352
Verlag: btb Verlag
EAN:9783442736102

Rezensionen zu "Alles, was wir geben mussten. Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Apr 2016 

    Never let me go

    "Alles, was wir geben mussten" ist ein vielfach für Auszeichnungen nominiertes und preisgekröntes Buch. Zu den Nominierungen gehören der renommierte "Booker Price", der "Arthur C. Clarke Award" und der "National Book Critics Circle Award". Gewonnen hat das Buch zum Beispiel den "Salon Book Award for Fiction", "ALA Alex Award" und den "Rooster Award" von "Tournament of Books". BookClubClassics.com listete das Buch in der Kategorie "Pushing the Boundaries of Reality" ("Die Grenzen der Realität ausreizen") als eines der "Best Books for Discussion", und das "Time Magazine" wählte es zum "Best Novel of 2005".

    Im Jahr 2010 wurde das Buch verfilmt (mit Keira Knightly, Carey Mulligan und Andrew Garfield in den Hauptrollen), und auch der Film wurde von Kritikern positiv aufgenommen.

    Und dennoch ist es ein Buch, das die Gemüter spaltet. Trotz all der Preise sprachen manche Kritiker sogar von unerträglicher Langeweile und kaum zu überbietender Banalität.

    Mich hat die Geschichte sehr zum Nachdenken angeregt, und obwohl ich durchaus nachvollziehen kann, warum es für manche Leser einfach nicht "funktioniert", hat es sich eingereiht in meine persönliche Liste der wichtigsten, herausragendsten Bücher unserer Zeit.

    Auch wenn man das erwarten könnte, ist "Alles, was wir geben mussten" keine Zukunftsvision, sondern in unserer näheren Vergangenheit angesiedelt. (Nach der beschriebenen Technologie zu urteilen, würde ich sagen, die Geschichte beginnt in den 70er- oder 80er-Jahren.) Der Autor hat diese Vergangenheit nur leicht verändert, um wissenschaftliche Erkenntnisse und Verfahren, die wir heute tatsächlich kennen und anwenden, in einem beunruhigenden Szenario auf die Spitze zu treiben und zu fragen: was darf Wissenschaft?

    Es ist eine ruhige, bedächtige Dystopie. Hier gibt es keine Zombies, und es gibt zwar eine kaltblütig ausgenutzte Minderheit, aber keinen Aufstand, keinen Aufschrei. Ich will noch nicht zu viel verraten, aber das Buch wird erzählt von Kathy, einem Mädchen, das zu dieser Minderheit gehört - und das dennoch ein aktiver Teil dieses menschenverachtenden Systems ist, weil sie glaubt, dass es eben so sein muss und sogar gut und richtig ist.

    Das ist für mich das wahrhaft Erschreckende an diesem Buch: hier werden Kinder in Internaten herangezüchtet, um klaglos ein schreckliches Schicksal anzunehmen. Das wird ganz perfide so gemacht, indem ihnen, während sie heranwachsen, häppchenweise erzählt wird, was sie erwartet - aber immer in einem Alter, in dem sie das jeweilige Häppchen noch gar nicht wirklich verstehen können. Auf diese Art und Weise haben sie es, wenn sie älter sind und es verstehen können, schon als ganz normal verinnerlicht. Ihnen wurde stets unterschwellig vermittelt, dass es sie zu etwas ganz Besonderen macht, es also sogar ein Grund ist, stolz und glücklich zu sein.

    Kathy plaudert über Nichtigkeiten: das wunderschöne Federmäppchen, auf das alle Kinder neidisch waren, Teenagerstreitigkeiten, Unsicherheit über Sex und Liebe... Was Kinder und Jugendliche eben so bewegt. Das unvorstellbar Entsetzliche, das die Kinder erwartet, fließt immer nur am Rande mit ein - ganz beiläufig und sogar emotionslos. Für mich machte es das nur umso bestürzender, und ich konnte das Buch kaum weglegen. Hinter der Normalität, der Banalität verbarg sich für mich ein kaltes Grauen, das den Opfern selber aber gänzlich unbewusst ist.

    Es geht in meinen Augen nicht nur über die Ethik der Wissenschaft, sondern es ist auch ein prägnantes, eindringliches Sinnbild der Sterblichkeit; auf eine gewisse Art und Weise kann man sich wiederfinden in diesen Kindern. Die Art und Weise, wie Kazuo Ishiguro diese Geschichte erzählt - ohne Drama, ohne großartigen Spannungsbogen - war für mich zwar gewöhnungsbedürftig, aber dennoch erstaunlich fesselnd und originell.

    Die Charaktere wirken merkwürdig gedämpft, und als Leser fragt man sich: wie kann man solch ein Schicksal einfach hinnehmen? Wurden diese Kinder in irgendeiner Form manipuliert, um ihre Emotionen zu bremsen, oder ist hier einfach die eben erwähnte schleichende Konditionierung am Werk? Der Leser weiß nur, was Kathy weiß - und da Kathy sich ihrer eigenen Passivität nicht bewusst ist und daher solche Fragen nicht stellt, bleibt vieles ungeklärt.

    Auch der Schreibstil ist gedämpft, manchmal beinahe monoton, denn Kathy erzählt stets mit sanfter Gleichmütigkeit. In diesem Buch muss man sorgfältig zwischen den Zeilen lesen, um einen schwachen Eindruck davon zu gewinnen, wer Kathy und ihre Freunde in einer anderen Gesellschaft hätten sein können. Es ist in gewisser Weise auch ein Buch über die Tragik verpasster Chancen.

    Fazit:
    Trotz allem. Trotz allem hat mich das Buch bewegt, beschäftigt, begeistert. Oberflächlich gesehen ist es scheinbar eine Ansammlung von Nichtigkeiten, von Szenen ohne Dramatik oder emotionaler Wucht - aber zwischen den Zeilen verbirgt sich eine dystopische Welt, die in ihrer nüchternen Grausamkeit ihresgleichen sucht.

    Es geht um Kinder, später Jugendliche, die an einem scheinbar idyllischen Ort eine hervorragende Ausbildung genießen. Ihnen wird gesagt, sie sind außergewöhnlich, etwas ganz Besonderes, auserwählt. Für was sie auserwählt sind, das wird ihnen gesagt - und dennoch nicht gesagt. Kathy, die Erzählerin, beschreibt ihre Kindheit und Jugend und ihr derzeitiges Leben als Betreuerin derjenigen, die kurz vor der "Vollendung" stehen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Mär 2016 

    Die Stärke des Unausgesprochenen

    Eine ganze Strecke über lässt der Roman „Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro den Leser etwas verstört zurück. Denn wenn die Geschichte in dem englischen Internat „Hailsham“ startet und die Internatszeit der drei Hauptpersonen Kathy, Tommy und Ruth erzählt, merkt der Leser bald: Irgendetwas stimmt doch hier nicht in dem Beziehungsgeflecht der Personen zueinander. Oder ist es erzählerische Schwäche, dass alles etwas gestelzt und hölzern wirkt, was sich in Hailsham abspielt? Eine ganze Zeit lang war ich mir da nicht sicher. Aber bald merkte ich dann doch, dass diese Verstörtheit nicht Schwäche des Romans ist, sondern sein Kalkül, das er sehr wirkungsvoll dosiert einsetzt. Um dadurch nämlich zu zeigen: Hier geht es um Personen, die anders sind als andere Menschen. Was genau an ihnen anders ist, das erkennt der Leser nur in kleinen Dosen und Andeutungen. In dieser Dosierung habe ich dann auch nach einiger Verstörtheit genau die Stärke des Romans entdeckt, der mich so langsam aber sicher und mit jeder Seite mehr überzeugen konnte. Es ist ein gelungenes Stilmittel des Autors, dass das Wort, das sich immer mehr in die Gedanken des Lesers drängt und das „Anderssein“ der Personen auf dramatische Weise erklärt, dann auch nur einmal und zwar indirekt und nur kurz und nebensächlich tatsächlich im Roman auftaucht:

    „Was hätte sie wohl gesagt, wenn wir sie gefragt hätten? ‘Verzeihung, aber glauben Sie, dass Ihre Freundin sich je als Klon-Modell zur Verfügung gestellt hat?“

    Der Roman berichtet also – jetzt ist es auch in meiner Rezension heraus – von dem Leben von Klonen. Von ihrem Heranwachsen in dem Internat Hailsham und ihrem begrenzten Leben danach als Betreuer und Spender. Es ist ein Leben, in dem Beziehungen zueinander eine ganz neue Bedeutung erhalten, in dem Vergangenheit und Zukunft nicht vergleichbar sind mit menschlicher Rückschau und Perspektive nach vorn.
    So bleibt die VERGANGEHEIT der Hauptpersonen immer etwas nebelhaft. Sobald sie sich fortentwickeln, bleiben die Erinnerungen an die gelebten Jahre irgendwie im Dunkeln und das Erinnerungsvermögen stößt immer wieder an Grenzen. Zudem findet eine letztlich zwecklose Suche nach der Vergangenheit in Form des versuchten Aufspürens der „Möglichen“ im Roman statt, damit gemeint sind mögliche Originale der handelnden Klonpersonen, also letztlich deren Eltern – und wieder auch nicht. Die Absurdität der Rolle der Klone wird in dieser vergeblichen Suche ungemein eindrucksvoll vor Augen geführt.

    Und die ZUKUNFT … – gibt es die überhaupt abseits der das Ende vorherdiktierenden Spende von lebenswichtigen Organen? Für eine kurze Zeit hoffen Kathy, Tommy und auch Ruth darauf in Form des „Aufschubs“. Aber dieser erweist sich sehr bald als reiner Mythos und so ist die Zukunft dann eben doch ohne Alternative vorherbestimmt.

    Die ethische Diskussion um das Klonen findet im Roman weitgehend und lange vollkommen unbemerkt von den Betroffenen innerhalb der Lehrerschaft in Hailsham statt, die die frage zu ergründen versuchen, Haben die Klone eine Seele? Und genauso untergründig schleicht sich diese Diskussion auch in die aufmerksame Lektüre des Romans ein.

    Kathy, Tommy und Ruth entkommen so alle nicht ihrem Klonschicksal, nämlich letztlich als Ersatzteillager der Menschheit für eine fortschrittliche Weiterentwicklung der medizinischen Möglichkeiten zu dienen. Ein wirklich grausamer Schluss dieses Romans.

    Der Roman ist 2010 in England verfilmt worden und nach Lektüre des Buches habe ich mir auch gleich den Film angesehen. Mit viel Interesse an der Frage: Wie kann es ein Film schaffen, das starke Unausgesprochene des Buches nachzuempfinden? Er schafft es natürlich nicht! Also ist meine klare Empfehlung das Buch: Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss. Wenn das gelingt (bei mir hat es durchaus etwas gedauert!), ist es eine literarische Perle, die sehr nachdenklich zurück lässt und von großem literarischem Können des Autors zeugt. Von mir sehr gerne 5 Sterne!