Alles richtig gemacht: Roman

Rezensionen zu "Alles richtig gemacht: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Sep 2019 

    Alles richtig gemacht, oder doch nicht?

    Thomas und Daniel sind ungleiche Freunde, deren Lebenswege sich zeitweilig trennen, doch immer wieder kreuzen.

    Als Kinder wachsen sie gemeinsam im Rostock der Vorwendezeit auf. Thomas stammt aus gutbürgerlichen Verhältnissen; seine Eltern führen eine eigene Drogerie und haben sich der Eingliederung in die volkseigenen Betriebe erfolgreich erwehren können. Ihnen geht es bei allen Beschwerlichkeiten, mit denen Jedermann im DDR-Alltag zu kämpfen hatte, noch „gold“. Daniel kommt dagegen aus einfachen Verhältnissen. Seine Mutter arbeitet als Krankenschwester im Schichtsystem; sein Vater ist weg.

    Daniel ist ein Alleingänger und als er neu an Thomas Schule kommt, bleibt er zunächst für sich. Doch Thomas sucht den Kontakt und beide werden trotz des unterschiedlichen familiären Backgrounds enge Freunde. Sie durchleben und teilen fast alles miteinander. Als 1989 die Mauer fällt, ist für Thomas und Daniel dann auf einmal alles möglich. Daniel geht nach der 10. Klasse von der Schule ab und lernt Koch. Ihn verschlägt es über Rostock und Berlin bis nach Südfrankreich. Thomas geht einen konservativeren Weg. Er macht Abitur, beginnt mehrere Studienfächer und studiert schließlich Jura.

    Der Kontakt bleibt zunächst eng. Eine Weile wohnen sie zusammen in Berlin und genießen ihre Jugend im „wilden Osten“ der Nachwendezeit. Doch irgendwann zieht es Daniel in die weite Welt und Thomas konzentriert sich auf sein Studium.

    Der Roman setzt Jahre später ein, als Thomas bereits Rechtsanwalt ist. Seine Frau hat ihn mit den gemeinsamen Töchtern gerade verlassen und er soll für einen Mandanten unliebsame Mieter zum Auszug überreden. Da steht auf einmal Daniel wieder vor ihm und bittet ihn um Hilfe. Kurzerhand quartiert Thomas Daniel in einer der Wohnungen seines Mandanten ein. Dann überschlagen sich die Ereignisse und am Ende fragt man sich, ob hier irgendwer irgendetwas richtig gemacht hat.

    Mein Fazit: Im Großen und Ganzen ist dieser Wende-Coming-of-Age-Roman gut gelungen. Vor allem die Szenen aus dem DDR-Alltag waren authentisch geschrieben und haben viele, fast verschüttete Erinnerungen wachgerufen. Auch in die Wendejahre und das Gefühl, ganz neu zu beginnen und ungeachtet von Herkunft und Background unbegrenzte Möglichkeiten zu haben, konnte ich mich gut zurückversetzen. Nur mit der Berliner „Szene“ konnte ich nicht so viel anfangen - vllt. weil ich andernorts unterwegs war.

    Dagegen fand ich die Geschichte um das erneute Zusammentreffen der Freunde als Erwachsene etwas zu gestelzt. Auf wenigen Seiten überschlagen sich zum Ende hin die Ereignisse. Die Wendungen nehmen überhand und werden auch nicht mehr richtig ausgeschrieben. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen. Daher gibt es von mir in diesem Fall nur vier Sterne.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Sep 2019 

    Authentische Alltags-Wendewelt

    Gregor Sander lässt in seinem Roman „Alles richtig gemacht“ die Leichtigkeit der Nachwendezeit wiederauferstehen und entführt uns in eine Welt, in der das Wendegeschehen noch nicht von Tragik, Enttäuschung und Frust gezeichnet war, sondern sich für die Menschen gerade neue Wege und Möglichkeiten eröffnet hatten, die jeder auf sehr unterschiedliche Arten genutzt hat. Sander zeigt uns diese Zeit anhand von zwei sehr unterschiedlichen Freunden, die seit Kindertagen befreundet sind und in Rostock ihre Kindheit verlebten. Und das zwar in derselben Stadt, aber in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären, die es in der „klassenlosen“ Gesellschaft der DDR dann wohl doch gab:
    • Thomas Eltern haben sich auch in der DDR-Zeit eine bürgerliche Selbständigkeitsexistenz mit einer eigenen Drogerie erhalten, leben in eher großbürgerlichem Ambiente und setzen das Rostocker Bürgertum der Tadellösers fort, wie Kempowski sie in die Literaturwelt eingeführt hat. Sander benutzt bei der Gestaltung von Thomas Kindheitswelt Sprache, Humor und Duktus von Kempowski und schafft eine deutliche Reminiszenz an den großen Rostocker Autoren.
    • Thomas‘ Freund Daniel dagegen wächst in einer engen Dachwohnung im Arbeiterviertel, im dunklen Teil Rostocks auf.
    So verschieden sie auch sind, ihre Freundschaft ist dennoch sehr eng und hält über viele Jahre. Sie erleben gemeinsam die Zeit des Mauerbaus und viele zeitgeschichliche Ereignisse des wiedervereinigten Deutschlands. So bekommt Daniel auf die Nase am Rande der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, ein Ereignis, das wohl zu seinem Umzug nach Berlin führt. Dort leben beide in den 90er Jahren in einer WG zusammen, reisen gemeinsam durch die nun für sie offene EU und verlieren sich dann für einige Jahre aus den Augen. All diese Ereignisse erfährt der Leser in der Rückschau, die aus Thomas‘ Sicht angestellt wird, als Daniel ganz plötzlich nach Jahren wieder auftaucht. Dabei bleibt Thomas und dem Leser vollkommen unklar, warum Daniel gerade dann und gerade dort wieder in Thomas‘ Leben eintritt. Thomas ist inzwischen Anwalt in einer Kanzlei für Strafrechtsfälle, lebt in einer „hippen“ Wohnung im gentrifizierten Osten und wurde gerade von seiner Frau und seinen Kindern verlassen. Besteht hier ein Zusammenhang? Diese Frage stellt sich dem Leser immer wieder.
    Fazit:
    Die Handlung des Romans ist eine recht lose Geschichte, von der auch nicht alle losen Enden aufgelöst werden. Aber das ist auch nicht das Wichtige in dem Buch. Es geht vielmehr darum, deutschen Alltag wiederauferstehen zu lassen, der heute weitgehend verschüttet erscheint. Der Zeitgeist begleitet in dem Roman die handelnden Personen permanent und sehr konkret. Anhand kleiner, oft unscheinbarer Details schafft es Sander, Erinnerungen an diese Zeit beim Leser aufleben zu lassen und ihn eintauchen zu lassen in diese Periode des Suchens:

    "Die zweite Platte von Portishead war nicht so gut wie die erste, ohne dass ich genau sagen konnte, warum. Sie hatte eigentlich alles, was die erste hatte. Ich kaufte die CD und fuhr damit zu Mannes Atelier. Der Sommer lag strahlend, heiß und tagtäglich übe Berlin, als gebe es hier gar keine andere Jahreszeit. Trotzdem stieg der Pegel der Oder unaufhaltsam, weil es in Tschechien nicht aufhören wollte zu regnen, und man befürchtete, dass die Deiche brechen und vielleicht sogar Berlin überschwemmt werden würde. Alle starrten wie gebannt Richtung Osten. es gab kaum andere Nachrichten, außer vielleicht, dass ein pausbäckiger Rostocker bei der Tour de France allen davonfuhr."

    So finden Tagesnachrichten zum Oderhochwasser und zu Jan Ullrich durch Thomas‘ individuellen Blick und seine Vermittlung Eingang in den Roman und schaffen für den Leser eine authentische und ihn/sie betreffende Atmosphäre. Ich als Leserin fand mich/meine Lebenswirklichkeit in dem Roman einfach irgendwie wieder, auch wenn ich nicht aus Ostdeutschland stamme und einen deutlich anderen Lebensweg gegangen bin als die Protagonisten. Es ist halt unsere deutsche Alltags-Geschichte, die hier im Vordergrund steht und wichtiger ist als stringente oder spannungsgeladene Handlungsstränge. Tonalität und Stimmung des Buches – beschwingt und humorig - habe ich so als sehr besonders empfunden und genossen, dass über den deutschen wiedervereinigten Osten nicht wieder einmal aus einer zerknirschten und weinerlich enttäuschten Haltung heraus erzählt wird. Der Titel „Alles richtig gemacht“ ich dabei so dick aufgetragen und so offensichtlich vollgestopft mit Ironie (gerade angesichts der beiden Lebensläufe von Thomas und Daniel, in denen wirklich nicht alles rund gelaufen ist), dass bei aller Leichtigkeit im Ton auch die ironische Distanz schon auf dem Wunderkerzen-leuchtenden Cover deutlich wird. So wird Sanders Roman zu einem interessanten und wichtigen zeitgeschichtlichen deutschen Roman, dem ich viele Leser wünsche und 5 Sterne gebe.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Sep 2019 

    Über Freundschaft und mehr...

    Eigentlich kann Thomas, 50, mit seinem Leben ganz zufrieden sein. Er arbeitet als Strafverteidiger, vertritt Scheinselbständige wie Scheinislamisten. Doch dann verschwindet seine Frau und nimmt die beiden Töchter mit - und Thomas weiß nicht recht, warum.

    Dafür ist der seit Jahren spurlos verschwundene Daniel plötzlich wieder da, sein bester Freund aus Rostocker Kindertagen. Mit ihm teilt Thomas eine wilde Jugend an der Ostsee und anarchische Jahre in Berlin unmittelbar nach dem Mauerfall. Schon damals war Thomas der Angepasste, Daniel der coole Draufgänger. Nach einer krummen Sache und Schwierigkeiten mit der Polizei machte sich Daniel mit Thomas' Pass aus dem Staub - doch weshalb taucht er jetzt wieder auf?

    Der Roman - ausschließlich erzählt aus der Ich-Perspektive von Rechtsanwalt Thomas - wirft den Leser gleich in eine Handlung mit vielen Fragezeichen. Weshalb sind Thomsas' Frau und seine Töchter spurlos verschwunden? Was war der Grund für das damalige Verschwinden Daniels und wehshalb taucht er nun wieder auf? Was wird sich in Thomas' Leben dadurch verändern? Wieso ist dieser überhaupt Rechtsanwalt geworden - die Pläne sahen ursprünglich ganz anders aus?

    Natürlich machen diese Fragen neugierig auf die Antworten - und waren letztlich der Grund, weshalb ich hier überhaupt bei der Stange blieb. Die zwischen Gegenwart und Erinnerungen hin und her pendelnde Erzählung selbst nämlich vermochte mich über weite Strecken nicht zu fesseln. Der Schreibstil ist zwar überwiegend recht locker gehalten, doch wirken die Schilderungen ausgesprochen distanziert, wodurch auch die Charaktere selbst für mich unnahbar blieben. Die Ereignisse wurden mit einer inneren Gleichgültigkeit präsentiert, die sich auch auf mich als Leser übertrug - und solche Leseerlebnisse schätze ich nicht sonderlich.

    Hinzu kam, dass ich mit vielen der angerissenen Ereignisse aus der Vergangenheit im Grunde nichts anfangen konnte: Ereignisse, die überwiegend in der ehemaligen DDR eine Rolle spielten oder aber im letztlich vereinten Berlin. Ich selbst bin im tiefsten Westen aufgewachsen und kenne die Zeit vor und nach der Wende nur punktuell aus den Medien. Insofern 'klingelte' bei den Erzählungen aus der Vergangenheit bei mir auch nichts - und wenn da sehr ins Detail gegangen wurde, langweilte ich mich bei dem ein oder anderen Kapitel auch richtiggehend.

    Glücklicherweise zogen die Spannung und die Geschwindigkeit der Handlung im letzten Viertel des Romans etwas an. Auch wenn hier plötzlich doch etwas viele Themen Einzug hielten, konnte mich das Ende - wenn auch offen gehalten - mit dem Roman ein wenig versöhnen. Vermutlich haben Leser mit eigenem ostdeutschen und berlinerischen geschichtlichen Hintergrund einen größeren Bezug zu dieser Erzählung.

    Alles in allem also leider ein Roman, der mich nicht traf, der mir über weite Strecken gleichgültig blieb und der in mir kaum etwas auslöste. Das hätte ich mir anders gewünscht...

    © Parden

  1. 4
    (4 von 5 *)
     - 27. Aug 2019 

    Wie das Leben so spielt.

    Mit „Alles richtig gemacht“ legt Gregor Sander einen spritzigen Roman vor, der Leserinnen und Leser in die jüngere deutsche Geschichte entführt und zudem auf sehr muntere Art und Weise unterhält. Das Buch ist im August 2019 bei Penguin erschienen und umfasst 240 Seiten.
    Thomas und Daniel sind Freunde seit Kindertagen. In den Achtzigern in Rostock aufgewachsen, erleben sie die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung in Berlin … und kosten dies natürlich aus. Bis Daniel eines Tages Deutschland verlassen muss – mit Thomas‘ Reisepass. Zehn Jahre später platzt Daniel plötzlich wieder in das Leben seines Freundes, der nun Anwalt und Familienvater ist – und bringt damit Thomas‘ Leben durcheinander, das momentan sowieso schon ein einziges Tohuwabohu ist, denn kürzlich haben Frau und Kinder ihn scheinbar grundlos verlassen … und Thomas steht vor einem Rätsel.
    Schon das Cover macht Lust auf den Roman: goldene Schrift, die an die Funken einer Wunderkerze erinnert, auf schwarzem Grund. Und als genauso erfrischend, wie das Cover daherkommt, entpuppt sich auch der Roman.
    Die Protagonisten stammen aus häuslichen Verhältnissen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Thomas aus eher gut bürgerlichen Verhältnissen, sein Vater geht davon aus, dass er auch in der DDR den familieneigenen Drogerieladen weiterführen wird, Daniel indes wächst in Rostocks „Nachtjackenviertel“ als uneheliches Kind eines Chefarztes und einer Schwesternschülerin auf – mehr Klischee geht wohl kaum. Und doch, es geht: Sander arbeitet in seinem Roman viel mit Klischees, sei es das Bild, das Thomas als Anwalt abgibt, sei es das Bild, das man von seinen Klienten hat, um nur einige Beispiele zu nennen. Damit gelingt es dem Autor immer wieder, ältere wie aktuelle Debatten aufs Tapet zu bringen – aber stets mit einem Augenzwinkern, was Leserinnen und Leser des Öfteren zum Staunen und Lachen bringt.
    Doch auch Dramatisches hat der Roman zu bieten: Während die Freunde ihre Jugendzeit genießen, bekommen Thomas‘ Eltern die Härte des Kapitalismus, einst herbeigesehnt und gefeiert, voll zu spüren. Überhaupt gelingt es Sander sehr geschickt, historische Ereignisse und fiktive Handlung miteinander zu verknüpfen. So nutzen die Freunde die gewonnene Reisefreiheit aus, gewinnen auch trotz allem dem Kapitalismus auf nicht ganz legale Weise etwas ab, begegnen am Rande von Lichtenhagen Neonazis und werden mit der Gewalt während des G8-Gipfels in Heiligendamm konfrontiert.
    Die von dem Ich-Erzähler, Thomas, geschilderte Handlung wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Das aktuelle Geschehen, in dem es um Thomas familiäre und berufliche Situation sowie Daniels plötzliches Auftauchen geht, wird immer wieder unterbrochen von Rückblenden in die Vergangenheit, die dabei chronologisch nach Jahrzehnten gegliedert sind und von den Achtzigerjahren bis in das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts reichen.
    Sanders Schreibstil ist locker-flockig und flüssig zu lesen, man hat das Gefühl, der Erzähler unterhalte sich mit den Leser/innen. Gespickt ist alles mit einem trockenen Humor, der einen beim Lesen ab und an stutzen und darüber nachdenken lässt, wie das Geschriebene denn nun gemeint ist.
    Lediglich das Ende des Romans, das an sich offen ist, konnte mich nicht 100%-ig überzeugen, da es doch sehr abrupt kommt und mit einer Flut an Informationen aufwartet, die an sich noch einer weiteren Erläuterung wert wären.
    Für Leser/innen wie mich, die dem Alter der Protagonisten in etwa entsprechen, ist dieser Roman eine wunderschöne und kurzweilige Reise zurück in die Jugend und das junge Erwachsenenalter. Für jüngere bietet er zeitgeschichtliche Einsichten, die unterhaltsam zu lesen sind und Einblicke in einen Zeitgeist bieten. Von mir gibt es für dieses Buch überzeugende vier Lesesterne und eine wärmste Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Aug 2019 

    Lebenswege

    Thomas Piepenburg und Daniel Rehmer freunden sich in ihren jungen Jahren in Rostock zu Zeiten der DDR an. Obwohl eher ungleich gestellten Familien entstammend, zieht irgendetwas die Beiden an, vielleicht auch der bestehende Unterschied, das Unbekannte. Sie bleiben befreundet und durchwandern gemeinsam die turbulenten Zeiten. Sie erleben die DDR, ihre Planwirtschaft und ihre Gesellschaftsstruktur. Sie erleben die Wende und den Wandel in ihrer Heimat. Sie erleben den irgendwie aufkeimenden Fremdenhass, sie erleben Rostock Lichtenhagen. Sie erleben die Liebe. Aber sie erleben nicht nur, sie verändern sich natürlich auch. Sie verändern sich durch den Wandel in den östlichen Bundesländern, sie verändern sich durch das Älterwerden und damit verbundene Erfahrungen. Ihre unterschiedliche Herkunft hat darauf natürlich auch einen Einfluß. Sie gehen nach Berlin, sie leben und lieben, haben Spaß und werden älter, treffen Entscheidungen, verändern sich. Und genau um diese Entscheidungen geht es. Der Titel sagt "Alles richtig gemacht", nur ist dies eine Aussage oder eine Frage? Die fehlende Interpunktion lässt dies offen. Ich finde solche Gedanken zu Rückblicken immer etwas suspekt. Selbst wenn sich im Nachhinein herausstellen sollte, dass gewisse Entscheidungen, die man einmal getroffen hat, sich als nicht so glücklich erweisen, heißt das für mich nicht, dass diese Entscheidungen dann falsch sind. Alles was man macht, formt einen doch irgendwie, macht einen doch zu dem Menschen, der man schlussendlich ist. Alles hat dann doch auch etwas Gutes. Richtig oder falsch klingt so ähnlich wie schwarz und weiß. Manchmal kann man solche Aussagen im Leben schlecht treffen. Nun wird im Buch über so etwas weniger philosophiert. Die Protagonisten erzählen lediglich ihr Leben. Die Gedanken dazu kann/könnte sich dann der Leser machen.

    Gregor Sanders lockere und leichte Schreibe macht einfach Spaß. Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen. Die Protagonisten sind etwas älter als ich, trotzdem erinnert mich vieles in diesem Buch an Erlebtes und Vergangenes. Der Aufbau des Buches hat mir ebenso sehr gefallen. es ist wieder einmal keine chronologische geordnete Erzählung, die Protagonisten schauen eher aus dem Heute in das Damals, dabei mäandert der Roman. Und so wie die Protagonisten zurückschauen und in ihrem Leben hin- und hermäandern, geht es mir auch. Auch ich schaue zurück und komme ins Sinnieren. Wer dies gern macht ist hier richtig. Und wer die Wendezeit erlebt hat ist hier auch richtig. Für die später Geborenen hat dieses Buch sicher eine große informative Kraft. Entscheidungen im Leben zu treffen gehört einfach zum Leben dazu und mit diesen Entscheidungen zu leben auch. Dies machen die Protagonisten und die Leser. Dieses Buch beinhaltet einen Blick auf zwei etwas ungleiche Freunde und ihre Lebenswege/Lebensentscheidungen. Ein interessanter Blick! Und wir Leser dürfen uns unsere Gedanken zu den Lebenswegen der Protagonisten machen und gegebenenfalls Vergleiche ziehen. Hat mir gefallen!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Aug 2019 

    Realistisches Zeitkolorit der Nachwende-Jahre

    Der Roman wird aus Sicht des Ich-Erzählers Thomas erzählt und fußt auf zwei Zeitebenen: In der Gegenwart ist der 50-jährige Thomas gerade einigermaßen frustriert. Seine Frau hat ihn zusammen mit den zwei Töchtern verlassen. Er weiß selbst nicht so recht, warum, und auch nicht, wo sie ist. Er hat sich eine Woche frei genommen, nun ruft aber die Arbeit wieder. Thomas arbeitet zusammen mit einer Kollegin als selbständiger Anwalt in einer Kanzlei in Berlin.

    Überraschend taucht nach Jahren sein Jugendfreund Daniel wieder auf, der augenscheinlich mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist und untergetaucht war.
    An dieser Stelle setzt die zweite Zeitebene ein, die in die Vergangenheit führt. Thomas hat Daniel in der siebten Klasse kennengelernt. Beide lebten in Rostock, jedoch in sehr unterschiedlichen Verhältnissen. Thomas´ Eltern betrieben einen Drogeriemarkt und genossen ihre gutbürgerliche Existenz. Daniels Mutter war nur 16 Jahre älter als ihr Sohn, bei ihr ging es eher unkonventionell und modern zu. Die beiden Jungen waren grundverschieden, freundeten sich aber dennoch allmählich an.

    „Mit Daniel konnte ich Fahrrad fahren, bis wir unsere Beine nicht mehr spürten. Unter dem Blätterdach der Allee, von Bad Doberan nach Heiligendamm, neben dem Molly her, der laut stampfend seine Dampfwolken in den Himmel schob. (…)
    Wir mussten über nichts davon reden.
    Den Rest wussten wir einfach so, zumindest dachte ich das, und Daniel schien es genauso zu gehen. Er war wie ein Teil von mir, der mir vorher gefehlt hatte.“ (S. 32)

    Thomas Zukunft scheint bereits festzustehen, er soll die Drogerie seiner Eltern übernehmen. Daniel liebt das Kochen, sein Traum ist es, zur See zu fahren als Schiffskoch – zu Zeiten der DDR keine einfache Angelegenheit. Zunächst beginnt er deshalb eine Lehre als Koch in Rostock, Thomas leistet seinen Wehrdienst ab und geht anschließend in den Einzelhandel.

    Im Folgenden fängt der Roman ein Lebensgefühl ein, das anhand dieser Protagonisten dargestellt wird: Das Lebensgefühl junger Menschen nach dem Mauerfall. Thomas und Daniel sind dabei sehr unterschiedlich. Thomas bleibt der Vorsichtige, Daniel ist der Lebenskünstler, der Draufgänger, der, der es wissen will. Dabei kommt er im Laufe der Jahre mehr als einmal mit dem Gesetz in Konflikt, muss untertauchen, lebt mal in Frankreich, mal in Irland. Währenddessen wird Thomas erwachsen, sattelt auf Jura um, gründet in Berlin eine Kanzlei und eine Familie.

    Das Leben ist kein Ponyhof. So bleiben die Freunde auch von Schicksalsschlägen nicht verschont. Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, auch Frauen treten in ihr Leben.

    Es ist die Kunst des Autors, das Leben dieser Protagonisten in stürmischen Umbruchzeiten mit leichter Hand ohne großes Pathos darzustellen. Leser, die auch in der ausgehenden DDR und der Wendezeit aufgewachsen sind, werden ihr Déjà-vu erleben; das Zeitkolorit der Nachwende-Jahre im Osten der Republik ist hervorragend eingefangen. Vieles verband auch die Ost- mit der Westjugend. Augenscheinlich waren die Unterschiede abseitig der politischen Ideologie gar nicht so groß. Sander versteht es, diese Stimmungen wunderbar einzufangen und dem Roman damit etwas Leichtes zu geben. Wer die beschriebenen Schauplätze Rostocks und Berlins aus eigener Erfahrung kennt, hat natürlich einen weiteren Vorteil.

    Spannend gestaltet sich auch die Handlung in der Gegenwart. Thomas muss einen halbseidenen Investor anwaltlich vertreten, der ein Mehrfamilienhaus im Wedding entmieten will, andere Fälle führen ihn zum Islamismus und zur Scheinselbständigkeit. Warum hat ihn seine Frau verlassen, was hat sie in Daniels Wohnung zu suchen, sind Fragen, die den Leser beschäftigen.

    Das Leben reißt nicht ab. Der Roman erinnert mich von seiner Grundstimmung her an ein lockeres Roadmovie. Alles wird mit einem Augenzwinkern erzählt. Zum Ende hin nimmt die Handlung Fahrt auf, es überstürzen sich die Ereignisse…

    Damit hat mich der Autor auch ein wenig abgehängt. Manches empfand ich als sehr konstruiert, zu schnell. Da hätte ich doch noch eine Erklärung mehr gehabt. Andere in unserer Leserunde haben das jedoch anders empfunden, so dass ich denke, dass ich als Leserin vielleicht einfach ein wenig zu ernsthaft bin für diesen augenzwinkernden Roman.

    Wer es aber gern ein bisschen locker-leicht mag, wer sich für die Nachwende-Jahre interessiert, dem sei die Lektüre ans Herz gelegt, die die Zeit sehr gut widerspiegelt und gleichzeitig die Geschichte einer ungleichen Männerfreundschaft zu erzählen hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Aug 2019 

    Freundschaft im wiedervereinigten Deutschland

    Thomas Piepenburg, inzwischen 50 Jahre alt, wächst in Rostock Anfang der 70er Jahre auf. Sein Vater besitzt eine Drogerie und seine "Eltern taten eigentlich so, als würde es die DDR und ihren Sozialismus gar nicht geben." (25)
    In ihrer alten Stadtvilla geht es ihnen gut und der Weg des Junior scheint vorgezeichnet - irgendwann soll Thomas das Geschäft seines Vaters übernehmen.

    In der Schule lernt er Daniel Rehmer kennen - der ein völlig anderes Leben führt. Mit seiner sehr jungen, alleinerziehenden Mutter Christine haust Daniel in einer herunter gekommenen Wohnung in Rostock. Während den FDJ-Veranstaltungen ist er oft krank, "seine Schlampenmutter schreibe ihm die Entschuldigungsbriefe" (27) heißt es.

    Doch die beiden Jungen aus so unterschiedlichen Familien werden Freunde, Thomas ist von dem unangepassten Jungen fasziniert, auch von dessen hübscher Mutter, die Gegenstand seiner ersten sexuellen Fantasien wird. Als sie älter sind, zieht Christine mit ihnen um die Häuser, trinkt, raucht und bietet Thomas einen krassen Kontrast zum konservativen Elternhaus.

    Der Roman wird aus der Ich-Perspektive Thomas erzählt, beginnend in der Gegenwart - in der heutigen Zeit, in der er gerade von seiner Frau Stephanie verlassen worden ist, die die beiden Zwillinge Nina und Miriam (13) mitgenommen hat. Er sitzt in seinem Haus in Berlin - der alten "Ostberliner Botschaft von Libyen" an der Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg und fragt sich verzweifelt, warum seine Frau weggegangen ist. Er arbeitet als Partner in einer Kanzlei - der fleißigste scheint er nicht zu sein - und soll für seine Partnerin einen ihrer Klienten übernehmen, da diese keine Zeit hat. Es geht um Iwan.

    "Das ganze Programm. Körperverletzung, schwerer Raub, Drogenhandel, Nötigung, Hehlerei, Zuhälterei. Aber jetzt, so beteuert Agneszka, sei er schon seit ein paar Jahren sauber und ein erfolgreicher Geschäftsmann." (16)
    Thomas trifft ihn einem Wellnesshotel und dort erwartet ihn eine Überraschung. Sein alter Freund Daniel, den er seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hat, steht plötzlich vor ihm.
    Sukzessive wird zwischen Episoden aus der Vergangenheit Thomas und Daniels sowie aus der Gegenwart erzählt. Wir erfahren, wie Thomas eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann beginnt und Daniel Koch werden will, wie die beiden in Rostock gemeinsam in Daniels Wohnung ziehen, nachdem seine Mutter sich in Richtung Hamburg verabschiedet hat. Daniel und Thomas sind fast immer zusammen, dabei wird deutlich, dass Daniel der Unangepasste bleibt - seine politische Meinung kund tun und in der Wendezeit von Rechten zusammengeschlagen wird, während Thomas unbeteiligt daneben steht.

    In dem Zusammenhang fand ich unsere Leserunde sehr erhellend, da einige der Mitdiskutierenden in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und uns ihre Eindrücke und Erfahrungen aus jener Zeit geschildert haben - wenn man rechtsextreme Schläger gesehen hat, hieß es laufen...

    Als "Wessi" kenne ich nur das, was uns aus den Medien vermittelt wurde und was die Romane der Wendezeit erzählen. Insofern bietet der Roman Einblicke in jene Zeit und zeigt auch auf, wie viel sich verändert hat, v.a. in Berlin, in dem der größte Teil des Romans spielt.

    Warum haben sich Daniel und Thomas so lange nicht gesehen, obwohl sie doch beste Freunde sind und bis zu Thomas Heirat fast immer zusammen gewohnt haben? Warum hatte Daniel Thomas Pass und musste plötzlich aus Deutschland verschwinden? Kann Thomas Daniel einfach in dem Haus Iwans unterbringen, aus dem Thomas die Mieter vertreiben soll, damit Iwan es sanieren kann, um dort Eigentumswohnungen zu bauen und zu verkaufen?

    Nachdem Thomas Daniel dort eine Bleibe organisiert hat, weil er ihn nicht in sein eigenes Haus mitnehmen will - schließlich darf Daniel nicht erfahren, dass Stephanie ihn verlassen hat - sieht er beim Besuch einer Mieterin, die er "vertreiben" soll, plötzlich seine Frau in der Wohnung, in der er Daniel untergebracht hat. Was tut sie dort?

    Schritt für Schritt - am Ende werden es Laufschritte ;) - erfahren wir die Hintergründe zu dem Pass, zu Daniels plötzlichen Auftauchen, zu Stephanies Verschwinden und gleichzeitig in den Rückblicken die Geschichte dieser Freundschaft zwischen einem coolen Draufgänger und einem angepassten, vorsichtigen jungen Mann, der aber auch seine anarchischen Phasen in der Umbruchzeit in Berlin erlebt hat.

    Die Geschichte einer Freundschaft, die die Entwicklung zweier Jungen aus unterschiedlichen Familien nachzeichnet. Gleichzeitig ein zeitgeschichtlicher Roman, der die Jugend in der DDR, die frühen Jahre des wiedervereinten Deutschlands bis hin zur Gegenwart beleuchtet. Und in dem immer wieder auf zeitgenössische politische oder andere Ereignisse hingewiesen wird - ein Stück deutsche Alltagsgeschichte. Nebenbei liest Stephanie unglaublich viele Romane - so ist es eigentlich auch ein Buch über Bücher ;)
    Erzählt wird in einem gelassenen, fast heiteren Tonfall, fast eine Art Plauderton, der dazu führt, dass man den Roman nicht mehr aus der Hand legen will.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Aug 2019 

    Wende-Nostalgie

    Warmherzig und humorvoll, leichtfüßig und mit einem Augenzwinkern erzählt Gregor Sander in seinem Roman „Alles richtig gemacht“ die Geschichte einer Männerfreundschaft rund um die Wendezeit.

    Thomas und Daniel lernen sich auf dem Schulhof in Rostock kennen, und trotz oder wegen ihrer Gegensätzlichkeit werden sie Freunde. Thomas der Sohn einer kleinbürgerlichen Familie, deren Drogeriegeschäft zwar die DDR, nicht aber die Wende überlebt, fühlt sich zum raubeinigen furchtlosen Daniel hingezogen, dessen Mutter ihn nach einer Affäre mit ihrem verheirateten Chefarzt allein aufzog. Als Teenager kurz nach der Wende wohnen sie zusammen im heruntergekommenen Hafenviertel in Rostock, nostalgisch und frei unter dem Dach. Thomas beginnt nach der Armeezeit eine Ausbildung in Handel. Daniel lernt Koch, hat aber in Rostock keine Chance mehr zu arbeiten und zieht nach einem Zusammenstoß mit Neonazis nach Berlin. Einsamkeit in Rostock, die auch seine Freundin Kerstin nicht ändert, folgt er Daniel.
    Berlin in der 1990ern zeigt den Freunden ungeahnte Möglichkeiten. Thomas bewegt sich in die konventionelle Richtung und studiert, Daniel tanzt mit Drogen und kleinkriminellen Machenschaften auf dem Vulkan. Ihre Wege trennen bei einer Irland-Reise die sie gemeinsam mit Thomas Freundin Kerstin und deren Freundin Manne, unternehmen. Daniel beschließt zu bleiben.
    Jahre später taucht Daniel bei Thomas wieder auf, als dieser ein bürgerliches schmerbäuchiges Leben als Partner in einer Rechtsanwaltskanzlei in Berlin Moabit führt, das gerade aus den Fugen zu geraten droht. Seine Frau Stephanie hat ihn mit den beiden Töchtern nach einem Streit verlassen und er versteckt sich trinkend und rauchend eine Woche krank in seinem Haus in Berlin, der ehemaligen Lybischen Botschaft der DDR, bis ihn seine Kanzleipartnerin zurückpfeift.
    Genau zu diesem Zeitpunkt taucht Daniel wieder auf, und man begleitet ab diesem Zeitpunkt den nunmehr fast 50jährigen Thomas in der Gegenwart eine Woche lang durch seine Tage, angefüllt mit rückblickenden Kapiteln dazwischen, die die Geschichte von Thomas und Daniel erzählen.

    Gregor Sander versteht es ausgezeichnet, die Stimmung vor und auch nach der Wende einzufangen. Er erzählt in einem nüchternen Ton ohne Pathos, mit viel Augenzwinkern, so dass ich ihm sehr gerne gefolgt bin und an vielen Stellen Erinnerungen ausgraben konnte, die mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Ich habe mich sowohl in Rostock (das ich kaum kenne) als auch in Berlin (das ich gut kenne) sehr zuhause gefühlt während des Lesens. Der Grundtenor des Aufbruchs und des Umbruchs, die Chancen für einen Neuanfang ohne das alte System hat Gregor Sander sehr gut wiedergegeben. Typische Geschichten, die überall im ehemaligen Osten passierten, verflechten sich kunstvoll und wie von selbst mit den persönlichen Erlebnissen von Daniel und Thomas, deren Geschichte aus Ostdeutscher Sicht gar nicht so ungewöhnlich ist.
    Anker in der Zeit sind Ereignisse wie Rostock Lichtenhagen, als Neonazis tagelang Asylanten terrorisierten und alle zusahen, 9/11 oder auch der G8-Gipfel in Heiligendamm.
    Schlimme Ereignisse, die genau wie der Niedergang, die hohe Arbeitslosigkeit und die Existenzangst im Osten eben mal nicht die Hauptrolle spielen, sondern zwar Erwähnung finden, aber die Grundstimmung nicht bestimmen, ohne dass diese einfach nur Freudentaumel wäre.

    Mir gefällt dieser Umgang damit sehr gut, denn für mich ist es ein sehr lesenswertes Buch, das genau hinschaut ohne zu urteilen und die Stimmung damals sehr gut einzufangen vermag. Und Gregor Sander kann erzählen, nimmt den Leser mit auf seine spannende Tour in die klischeefrei dargestellte Vergangenheit. Über die beiden Protagonisten Thomas und Daniel lässt sich streiten, genauso über die titelgebende Frage, ob sie alles richtig gemacht haben, denn natürlich wird vieles eben nicht richtig gemacht.
    Das Buch bekommt von mir eine Leseempfehlung und vier Sterne. Ganz am Schluß war ich ein bisschen unglücklich damit, dass der Autor mich etwas zu schnell führte und Ereignisse sich überschlugen. Aber das ist Geschmacksache und schmälert meinen Lesegenuss nicht wirklich.