Alice (Hochkaräter)

Buchseite und Rezensionen zu 'Alice (Hochkaräter)' von Judith Hermann
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Wenn jemand geht, der dir nahe ist, ändert sich dein ganzes Leben, es ändert sich, ob du willst oder nicht. Alles wird anders. Alice ist die Heldin dieser fünf Geschichten, alle erzählen von ihr – und davon, wie das Leben ist und das Lieben, wenn Menschen nicht mehr da sind. Dinge bleiben zurück, Bücher, Briefe, Bilder, und ab und zu täuscht man sich in einem Gesicht. Lebenswege kreuzen sich, ändern die Richtung und werden unwiederbringlich auseinandergeführt. Die Autorin von »Sommerhaus, später« und »Nichts als Gespenster« schreibt Geschichten von ungeheurer Kraft und großer literarischer Schönheit.

Format:Taschenbuch
Seiten:192
EAN:9783596185450

Rezensionen zu "Alice (Hochkaräter)"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Apr 2018 

    Was bleibt nach dem Tod von uns übrig?

    "Es hatte sich so ergeben, daß Micha in Zweibrücken im Sterben lag. Zwei Brücken, für Alice klang das poetisch, war aber ein schiefes Bild, weil es für den Sterbenden, wenn überhaupt, doch nur eine Brücke gab." (8)

    Alle fünf Erzählung haben als Titel den Namen des Mannes, der in der Erzählung stirbt oder bereits gestorben ist. Zu all diesen Männern hat Alice einen Bezug. Über ihre Auseinandersetzung mit dem Tod erschließt sich für uns ein Bild von Alice vage bleibt - typisch für Judith Hermann, von der ich vor langer Zeit die Erzählungen "Sommerhaus, später" gelesen habe. Die Leser*innen sind gefordert die Lücken selbst zu füllen und sich mit dieser Frauenfigur und deren Begegnungen mit dem Tod auseinander zu setzen.

    Micha
    "Die Geschichte zwischen Micha und Alice war zu lange her, um irgendein Recht behaupten zu können." (14)
    Micha hat Krebs im Endstadium und liegt im Krankenhaus in Zweibrücken, weit weg von seinem Wohnort Berlin. Maja, seine derzeitige Lebensgefährtin, bittet Alice um Hilfe. Mit einem Kleinkind, das noch nicht laufen kann, gelingt es ihr nicht die Situation vor Ort zu meistern.
    Dass Alice kommt und sich um Majas Kind kümmert, ihr beim Umzug in eine größere Wohnung hilft, Micha im Krankenhaus besucht und da ist, zeigt ihre Hilfsbereitschaft, Empathie und auch, dass Alice ihn einmal sehr geliebt haben muss.
    Wenn Hermann die Wohnung beschreibt, in die die beiden Frauen und das Kind umziehen, sowie die beiden Vermieter, gelingt es ihr in wenigen Sätzen deren ebenso Spießigkeit einzufangen wie die Zudringlichkeit des Mannes.

    "Sie drehte probehalber den Wasserhahn auf und wieder zu, dann stand der Mann hinter ihr. Er umfaßte sie, legte seine Hände um ihre Hüften und zog sie an sich ran, er hielt sie so, dann schob er sie zur Seite, ließ los. Er sagte, die Tabletten für den Geschirrspülautomaten sind hier unter der Spüle, deutete irgendwohin." (24)

    Conrad
    In der 2.Geschichte besucht Alice gemeinsam mit ihrer Freundin Anna und dem Rumänen, Conrad und dessen Frau Lotte am Gardasee. Die beiden sind über "ein Vierteljahrhundert älter als Alice" (53), woher sie sich kennen, wird nicht erzählt. Conrad hat Alice mit ihren Freunden eingeladen, ist jedoch krank, als sie ankommen. Man ahnt schon, dass auch Conrad sterben wird.

    Die Begegnungen zwischen Alice und den Sterbenden verlaufen fast alle schweigend, doch die beschriebenen Gesten offenbaren die Gefühle und sprechen das Unsagbare aus:

    "Conrad hob die Hand und berührte Alice Gesicht. Er hatte das noch nie getan. Er legte den Rücken seiner Hand kurz an Alice Wange, kniff sie leicht, als wäre sie ein Kind. Er sagte nachdenklich, weißt du, ich habe gedacht, ich wäre unverwundbar. Das habe ich gedacht." (78)

    Und Alice fragt sich, wie Micha und Conrad im Leben gewesen waren, was bleibt von ihnen, wenn sie gestorben sind?

    Richard
    Alice hat inzwischen einen Lebensgefährten - die Erzählungen sind chronologisch geordnet - Raymond, der in der letzten Erzählung, die seinen Namen trägt, gestorben sein wird.

    Richard ist der Mann einer Freundin, der im Sterben liegt und den Alice besuchen will.

    Hermanns Sprache kommt fast ohne Adjektive aus, in kurzen, knappen - oft unvollständigen Sätzen gelingt es ihr die Atmosphäre eines Ortes einzufangen, die die innere Befindlichkeit der Figuren widerspiegelt.

    "Eine Straße im Juni an einem Samstagnachmittag, Alice fand die Straße sonntäglich, etwas daran erinnerte sie an die Sonntag ihrer Kindheit, an die langgezogenen, von irgendwas pulsierenden Sonntage im Sommer, so als wäre immer alles kurz vor einem Gewitter gewesen. Darauf warten. Auf das Gewitter warten." (104)
    "Das Haus, in dem Richard lebte, stand auf der rechten Seite der Straße. Die rechte Seite lag im Schatten. Alice sah zu Richards geschlossenen Fenstern hoch und dachte, in einem Bett in einem Zimmer dieser Wohnung in diesem in dieser Straße liegt einer, den ich kenne, und stirbt." (104)

    Warten auf den Tod und ein letzter Besuch, so könnte man die ersten drei Erzählungen überschreiben. Daneben stellt sich Alice die Frage, ob sie im Angesicht des Todes, alles anders hätte machen sollen. Weil so schnell vorbei sein kann.

    In den letzten beiden Erzählungen setzt sich Alice mit dem Tod von Malte, einem Onkel, den sie nie kennen gelernt hat und der Selbstmord begangen hat, und dem Tod Raymonds auseinander.
    Alice weiß nicht, warum Malte sich das Leben genommen hat, aber sie ist auf der Suche nach Antworten und bittet einen alten Freund Maltes um ein Treffen. Sie will aufräumen mit ihren Vermutungen.

    "Diese Vermutung fallenlassen, sich statt dessen eine andere suchen. Zusammenhänge erkennen oder erkennen daß es gar keine Zusammenhänge gab. Nur vermeintliche Beziehungen. Täuschungen, wie Spiegelungen, nichts anderes als der Wechsel von Temperatur, Licht, Jahreszeiten." (136)

    Die letzte Geschichte Raymond bringt uns Alice am nächsten. Nach seinem Tod räumt sie ebenfalls auf - seine Sachen aus der gemeinsamen Wohnung. Wenn sie bei einzelnen Kleidungsstücken verharrt, den Geruch einatmet - nicht ohne ironisch anzumerken, es sei "eine Geste aus dem Kino, aus Büchern" (160) und ungefragt Erinnerungen hochsteigen, liest man heraus, wie sehr sie diesen Mann geliebt haben muss. So sehr, dass sie eine Tüte mit einem abgebissenen Mandelhörnchen nicht wegwerfen kann.

    "Da schien es auch Reihenfolgen zu geben, Zeit, die vergehen mußte. Erst finden, dann verstehen, dann wegwerfen. Abstand gewinnen." (164)

    Am Ende stellt sich Alice erneut die Frage: Was bleibt übrig? Erinnerungen? Menschen, mit denen wir sie teilen?

    Mich hat dieser Erzählband sehr berührt, da er leise und scheinbar ohne große Gefühle zu beschreiben, Begegnungen mit dem Tod schildert und kleine Ausschnitte aus dem Leben einer empathischen, hilfsbereiten, liebenswerten Frau offenbart.