alias Grace: Roman

Rezensionen zu "alias Grace: Roman"

  1. Grace Marks, Mörderin (?)

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Apr 2021 

    Margaret Atwood ist eine bedeutende Schriftstellerin aus Kanada, die schon viele Weltbestseller geschrieben hat. Sie steht in meinen Augen für lesbare Weltliteratur und für das Schaffen unvergesslicher Geschichten, Welten und Charaktere. Soweit meine Einschätzung der Autorin, bevor ich ihren Roman „alias Grace“ gelesen habe, zu dem ich hier eine Rezension schreibe.
    In diesem Buch taucht Atwood ganz tief ein in die Geschichte eines realen Kriminalfalles, der sich 1843 in Toronto zugetragen hat und in Kanada nicht ganz unbekannt ist. Das Dienstmädchen Grace Marks soll gemeinsam mit einem Knecht ihren Herren und dessen Geliebte umgebracht haben. Zu dem Geschehen existieren verschiedene Darstellung, die alle miteinander verschwommen bleiben und Raum geben für Spekulationen zu der Frage, in wie weit Grace tatsächlich in die Morde einbezogen war. Denn Grace selbst fehlt die Erinnerung an das Geschehen des betreffenden Tages. Oder spielt sie diesen Gedächtnisverlust nur? Ihre Schuld wird vom Gericht dann bei aller Unklarheiten doch geringer bewertet als die ihres Komplizen und so landet Letzterer am Galgen, während Grace nur zu langjähriger Haftstrafe verurteilt wird.
    Das Geschehen des Romans spielt dann zur Zeit ihrer Haftstrafe, als sie schon viele Jahre abgesessen hat und sich mit der Haft und der nicht vorhandenen Lebensperspektive weitestgehend abgefunden hat. Zu dieser Zeit beschäftigt sich der Nervenarzt Dr. Jordan intensiv mit dem Fall und möchte herausfinden, ob er Graces Gedächtnisverlust aufbrechen und eine genauere Vorstellung von der Tat bekommen kann. Es ist ein eher medizinisches, denn ein juristisches oder kriminalistisches Interesse, das ihn antreibt. Um an diesen schwarzen Punkt heranzukommen, führt Dr. Jordan mit Grace über eine lange Zeit lange Gespräche und lässt ihr alle Zeit der Welt, um der Erinnerung nahezukommen. Das Buch schildert dann in den meisten Teilen aus der Sicht von Grace, was sie Dr. Jordan über ihr Leben auf dem Weg hin zu diesem einen verhängnisvollen Tag berichtet. Sie tut das auf eine sehr sanfte, demütige und leise Art, in der sehr augenfällig wird, was sie tatsächlich bewegt und was ihr wichtig ist. So erfahren wir als Leser immer sehr exakte Einzelheiten darüber, wie die auftretenden Personen gekleidet sind und wie diese Kleidung verarbeitet ist, ist Nähen doch eine der großen Stärken und Interessen von Grace. Dr. Jordan auf der anderen Seite des Tisches erträgt diese Detailverliebtheit und das enorm langsame Tempo des Erzählens ohne jedes Drängen und Antreiben.
    Langsam, ganz langsam baut sich so in dem Roman eine Spannung auf, die so besonders ist wie der ausschweifende und langsame Erzählstil.
    Dr. Jordans Bemühungen bleiben erfolglos. Das Bild, das Grace ihm schließlich von dem Tag des Geschehens in ihrer Erzählung vermittelt, bleibt so unklar und nebelig wie alle anderen Darstellungen zuvor. Er bricht danach das Projekt aus unterschiedlichen Gründen ab und so bleibt die drängende Frage nach Schuld oder Unschuld auch am Ende unbeantwortet. Aber da dies eine Frage ist, die nur die Außenwelt, die Anderen, nicht aber Grace selber wirklich interessieren, erscheint mir diese Entwicklung der Romanhandlung durchaus folgerichtig und befriedigend. Grace ist eine Figur, die nie mit ihrem Schicksal wirklich gehadert hat, die von Kindheit an nicht wirklich eine Chance im Leben bekommen hat und die schuldig oder unschuldig (?) zumindest aber vollkommen harmlos die meiste Zeit ihres Lebens im Gefängnis verbringen musste. Und doch sieht sie so viel Schönes und Gutes in ihrer Umwelt und richtet den Blick von Dr. Jordan und auch den des Lesers auf die vielen kleinen Glücksmomente des Lebens. Und so ist „alias Grace“ ein Buch, das in dunklen Zeiten auf ganz unaufdringliche, leise und langsame Weise Freude in den Alltag bringen kann.
    Mein Fazit:
    Selten hat mich eine literarische Figur so berühren können.
    Selten hat mir die Sprache eines Romans ein solches Wohlgefühl vermitteln können.
    Meine Empfehlung also: Nehmt Euch Zeit für diesen gefühlvollen, aber so gar nicht kitschigen Roman. Lernt unbedingt Grace Marks kennen!