Ali und Nino

Buchseite und Rezensionen zu 'Ali und Nino' von Kurban Said
3.5
3.5 von 5 (6 Bewertungen)

'In der russischen Stadt Baku, auf der Grenze zwischen Orient und Okzident, verlieben sich am Vorabend der Russischen Revolution der temperamentvolle Muslim Ali und die schöne Christin Nino ineinander. Die Hochzeit rückt trotz aller Widerstände in greifbare Nähe - da wird Nino entführt ... Zum ersten Mal seit über 60 Jahren liegt jetzt die Originalfassung der tragischen Liebesgeschichte vor,

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:384
EAN:9783548289045

Rezensionen zu "Ali und Nino"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Jun 2017 

    Utopie des möglichen Zusammenlebens

    Kurban Said ist der Autor des Romans „Ali und Nino“, der im Jahr 1937 erstmals erschien und 2016 erneut im Ullstein Verlag in einer wunderschön gestalteten Neuauflage erschienen ist. Und doch ist er es nicht, denn dieser Kurban Said existierte gar nicht. „Kurban Said“ ist nur der wohl bewusst gewählte östlich klingende Name, der das Pseudonym eines westlichen Autorenduos - Elfriede von Ehrenfels und Lev Nussimbaum - ist. Diese beiden haben Anfang des 20. Jahrhunderts die Möglichkeit, einen ausführlichen Blick in die Gesellschaft des damals östlichsten Teils der westlich regierten Welt zu werfen: den „Balkon Europas", die "Brücke zwischen Ost und West". Und das ist die Stadt Baku am Kaspischen Meer, gelegen im heutigen Aserbajdschan.
    Ich hatte die Chance, diesen Roman in einer großen Leserunde bei Whatchareading zu lesen und habe diese Lektüre sehr genossen und einige wichtige Ideen und Anregungen daraus erhalten. Gleichzeitig hat aber die Leserunde auch sehr interessante Differenzen aufgezeigt bei den Lesern und Leserinnen, bis hin zum einigermaßen wütenden Abwenden von der Lektüre bei Einigen.
    Was das Autorenduo im östlichen Europa damals vorfindet, ist geprägt von den Differenzen zwischen Islam und Christentum, zwischen westlicher und östlicher Philosophie und Lebensweise und den Versuchen, mit diesen Differenzen umzugehen.
    Der Titel des Romans „Ali und Nino“ setzt den Leser auf die Fährte, hier auf eine Liebesgeschichte im west-östlichen Ambiente zu stoßen. Doch damit würde man dem Roman nicht wirklich ausreichend gerecht werden.
    Ali, der männliche Teil des Liebespaares, steht in der Personenkonstellation des Romans für das östlich und islamisch geprägte Personal. Und gerade aus unserer heutigen Sichtweise sind viele seiner Ansichten und Lebenseinstellungen, insbesondere zu Frauen und zum Krieg, mehr als kritisch zu beurteilen. Die Vermittlung dieser Lebenssicht durch das Autorenduo in ihrem Roman allerdings sehe ich sehr pragmatisch und realistisch. Der Roman ist gerichtet an ein westlich geprägtes Publikum, das auskommen muss ohne die modernen Informationsmedien und Reisemöglichkeiten der heutigen Zeit. Für dieses Publikum war es sicher sehr neu und erhellend, dieses Denken des Ostteils ihrer Welt anschaulich vor Augen geführt zu bekommen. Welchen Grund hätten die Autoren haben sollen, diese Sichtweise, die ihnen bei ihrem Aufenthalt im Osten vielleicht selber böse aufgestoßen ist, zu relativieren und zu bewerten? Von daher kann ich die Kritik einiger der Teilnehmer in der Leserunde nicht nachvollziehen, nach der die kritischen Ansichten eines der Romanprotagonisten den Autoren und dem Roman selbst angelastet zu werden scheint.
    Vielmehr rechne ich es den Autoren hoch an, dass sie in dem Roman die positive Utopie schildern, nach der im Baku dieser Zeit, das in ihrer Interpretation geprägt wurde von beiden Lebensmodellen, das Zusammenleben möglich und relativ unproblematisch war.
    Ali und Nino sind in ihrem Denken und Leben und in ihrer Geschichte sehr weit voneinander entfernt. Und doch treffen sich schon früh ihre Lebenswege, sie verlieben sich schon als Kinder ineinander und können ohne Widerstand der Eltern heiraten und sich ein gemeinsames Leben aufbauen.
    Interessant sind die im Roman geschilderten beiden Gegenentwürfe der Städte Tbilissi bzw. Teheran und Baku, wobei Tbilissi als komplett westlich/Teheran als komplett östlich angesehen wird und Baku dagegen als Brückenkopf zwischen West und Ost . Und darin wird auch die Besonderheit Bakus gesehen:

    "Die Magie dieser Stadt liegt in der mystischen Verbundenheit ihrer Rassen und Völker."

    Das Zusammenleben von Ali und Nino gelingt ohne große Probleme und Konflikte, solange sie sich in diesem Kosmos der Verbundenheit befinden: in Baku und in einen abgelegenen Bergdorf des Kaukasus. Es wird aber sofort zum Problem, wenn das Miteinander und Nebeneinander zweier Welten von der Umwelt nicht mehr akzeptiert wird, sondern absolute Wahrheit der einen Seite gelebt und gefordert wird. Das ist im Iran der Fall, wo Nino zu einem Leben im Harem gezwungen wird, genauso wie in Tbilissi, wo Ali sich mehr als unwohl fühlt.

    "Ich, deine Nino, bin doch auch ein ganz winziges Stück von dem Europa, das du haßt, und hier in Tiflis fühle ich das besonders deutlich. Ich liebe dich, und du liebst mich. Aber ich liebe Wälder und Wiesen, und du Berge und Steine und Sand, weil du ein Kind der Wüste bist. Und deshalb fürchte ich mich vor dir, vor deiner Liebe, vor deiner Welt."

    Und so begleiten wir Ali und Nino durch eine lange Phase ihres Lebens, in der sie immer wieder von der Geschichte eingeholt werden: dem erste Weltkrieg, dem Zusammenfall des osmanischen Reiches, der russischen Revolution. Und wir erhalten dabei einen Einblick in die abgelegene Welt des östlichen Randes der westlichen Welt zum Beginn des letzten Jahrhunderts.

    Ein besonderes Plus des Romans im Ullsteinverlag ist das wunderschöne Nachwort von Nino Haratischwili. Die georgische Autorin spricht hier von Baku in der Darstellung des Romans nicht nur als Ort, sondern als einer Vision, als einer Möglichkeit, Widersprüche aufzulösen.

    "Dafür braucht es den Raum, die Freiheit, die Selbstbestimmung der Menschen. Es braucht vor allem kein blindes Festhalten an irgendeiner nationalen Identität, die vorgibt über anderen Individuen zu stehen und sich am Ende doch stets als ein Machtinstrument entpuppt, eingesetzt im Interesse Weniger - gegen Tausende und Abertausende."

    Fazit:

    Dieses Thema als zentrale Idee des Buches macht für mich tatsächlich seinen Reiz und Wert aus: Die Liebenden Ali und Nino lebten in wahrhaft utopischen Zeiten.
    Es hat für mich etwas gedauert, bis ich richtig angenommen habe, dass es hier nicht wirklich um eine Liebesgeschichte geht. Dann aber habe ich mich darauf eingelassen, dass der Roman einen sehr viel stärker als gedacht dokumentarischen Inhalt hat. Zwei Menschen aus dem Westen, die das Privileg hatten, in einem besonderen Zeitfenster in dieser fernen Welt zu leben, versuchen auf unterhaltsame Art dem westlichen Publikum einen Einblick in diese besondere Situation zu geben. Die Utopie des möglichen Zusammenlebens in Verschiedenheit haben sie vor Ort im Kaukasus kennen gelernt und versuchen in dem Buch, dieses dem westlichen Publikum zu vermitteln. Wohlgemerkt einem Publikum, das in Europa ebenfalls auf engem Raum mit Verschiedenheit umzugehen hat und wo das gerade zu den Zeiten des Erscheinens des Buches so überhaupt nicht funktioniert.
    Ich liebe diesen utopischen Zug des Buches, der uns vermitteln will: es gibt die Freiheit, sich nicht entscheiden zu müssen zwischen Ost und West, sondern sich genau über diese Vielfalt definieren zu können.
    Wann wäre diese Utopie aktueller gewesen als gerade heute.
    Und auch wenn diese Utopie vermutlich etwas naiv ist und auch im Roman etwas naiv daherkommt, ist es für mich eine wichtige Botschaft, für die ich den Roman gerne gelesen habe und auch gern zum Lesen weiterempfehlen kann.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Mai 2017 

    Doktor Schiwago in Aserbaidschan

    Ich habe mir lange überlegt, ob ich den Roman Ali und Nino von Kurban Said lesen soll. Im ersten Moment erinnerte mich der Titel an eine Schmonzette. Aserbaidschans Antwort auf Romeo und Julia, Tränenströme garantiert. Aber so ist es nicht.

    Kurban Said schildert die Liebesgeschichte zwischen dem Muslim Ali und der Christin Nino in Baku zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Welt ist im Umbruch. Die Vorbehalte und Bedenken der jeweils anderen Glaubensgemeinschaft zu dieser Ehe könnten sich genauso gut auch heute noch abspielen. Nino entstammt einer liberalen, westlich orientierten Familie, in der die Frau als gleichberechtigt angesehen wird. Ali wurde in eine alte, ehrwürdige, muslimische Familie geboren, in der der persische Onkel noch einen Harem unterhält. Wie soll das zusammengehen? Es wird schwieirig, das ist von Anfang an klar. Aber ist es unmöglich?

    Als wäre diese Konstellation noch nicht verfahren und kompliziert genug, geraten die beiden in die Mühlen der Weltgeschichte. Baku ist nicht nur die Grenze zwischen Orient und Okzident, zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Stadt auch reich. Der Nobel-Konzern fördert Öl, zeitweise 50 Prozent des Weltbedarfs. Der Reichtum zieht die unterschiedlichsten Menschen an und macht Baku und Aserbaidschan interessant für die Mächtigen jener Zeit.

    Der erste Weltkrieg beginnt. Die Schlachten, das Sterben scheint nur in weiter Ferne stattzufinden. Noch gehört Baku zum russischen Imperium. Aber der Zar wankt - und stürzt. Die kommunistische Revolution siegt. Auch die Truppen des Britischen Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht haben Interesse am Öl und erobern Baku kurzzeitig. Als sie abziehen ist die Stadt schutzlos und die Bürger, unter ihnen Ali, kämpfen auf verlorenem Posten.

    MIch hat diese Geschichte von Ali und Nino aus einer Zeit, in der die Welt neu geordnet wird, an Boris Pasternaks Doktor Schiwago erinnert. Der Roman spielt in etwa zur selben Zeit wie Ali und Nino. Auch in Pasternaks Erzählung gerät eine Liebesbeziehung unter die Räder der Revolution und bleibt bei allem Bemühen aussichtlos. Es sind diese Schicksale, die beim Versuch ihr eigenes Leben zu ordnen, vom Lauf der Geschichte fortgerissen werden und zugrunde gehen, die dieses Buch für mich zu einer zeitlosen Erzählung machen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Mai 2017 

    ein Buch der Konflikte

    Man mag über den Eurovision Song Contest (früher: Grand Prix d'Eurovision de la chanson) sagen, was man will. Aber eines lässt sich nicht in Abrede stellen. Ohne den ESC hätte ich niemals gewusst, dass Baku die Hauptstadt von Aserbeidschan ist. Aserbeidschan hat in 2011 den ESC gewonnen, übrigens in Düsseldorf. (Der Siegertitel lautete damals "Running Scared" von Ell und Nikki - muss man sich nicht merken). Das Jahr darauf war der Austragungsort für den ESC also Baku.

    Tatsächlich ist Baku weniger für seine musikalischen Talente als eher für seine Ölquellen bekannt, die Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts besonders intensiv sprudelten. So förderte Baku in 1901 etwa die Hälfte des weltweit benötigten Erdöls. Den Ölbaronen ging es damals richtig gut, was sie auch gern, u. a. durch üppige Architekturen, zur Schau getragen haben. Wohlstand zieht die Menschen magisch an. Insofern wundert es nicht, dass Baku innerhalb kürzester Zeit einen enormen Bevölkerungszuwachs hatte. Baku bildete die Grenze zwischen Orient und Okzident. Die Stadt entwickelte sich zu einem bunten Gemisch unterschiedlicher Völker und Religionen.
    Und in dieser wuseligen Stadt zu der damaligen Zeit bringt Kurban Said Nino, eine Christin georgischer Herkunft, und den Muslim Ali zusammen.

    "Viele Geheimnisse birgt unsere Stadt. Ihre Winkel sind voll seltsamer Wunder. Ich liebe diese Wunder, diese Winkel, das nächtlich raunende Dunkel und das stumme Meditieren an den glutstillen Nachmttagen im Hofe der Moschee. Gott hat mich hier zur Welt kommen lassen als Muslim schiitischer Lehre, der Glaubensrichtung des Imam Dschafar. So er mir gnädig ist, möge er mich hier auch sterben lassen, in derselben Straße, in demselben Haus, in dem ich zur Welt kam. Mich und Nino, die eine georgische Christin ist, mit Messer und Gabel ißt, lachende Augen hat und dünne, duftige Seidenstrümpfe trägt." (S. 27)

    Die Handlung setzt zu einem Zeitpunkt ein, als Ali kurz vor seinem Schulabschluss steht. Nino wird ihren Abschluss ein Jahr später machen. Die beiden kennen sich seit Kindertagen. Sie scheinen füreinander geschaffen, eine gemeinsame Zukunft wird von beiden als unumstößliche Selbstverständlichkeit angesehen. Sie gehören einer Generation an, die gelernt hat, trotz Traditions- und Religionsverbundenheit auch andere Völker und Glaubensrichtungen zu tolerieren. Die weltoffene und europäisch geprägte Nino hat keinerlei Berührungsängste, wenn sie sich innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen bewegt. Für Ali jedoch ist das Leben in Baku eine ewige Gratwanderung zwischen der Einhaltung des muslimischen Verhaltenskodex und dem Leben in dem europäisch orientierten Teil der Gesellschaft. Doch seine Liebe zu Nino steht für ihn immer im Vordergrund.

    Die Politik macht den beiden einen Strich durch die Rechnung. Mit dem Beginn der Russischen Revolution machen die Kriegswirren auch vor Baku nicht halt. Ali und Nino sind gezwungen zu fliehen. (Der Grund für die Flucht ist mehr als spektakulär und wird daher von mir nicht genannt ;-)) Ihre Flucht führt sie in ein Bergdorf, in dem sie das einfache Leben der Dorfbevölkerung leben. Ali und Nino, beide Kinder aus wohlhabenden Familien, genießen die einsamen Verhältnisse und ihr gleichberechtigtes Leben als Mann und Frau. Eine weitere Station ihres Lebens ist Persien - ein Land, indem Nino lernen muss, sich den Gepflogenheiten des Landes anzupassen und sich ihrem Ehemann unterzuordnen. Sie ist in dieser Umgebung todunglücklich. Das Leben in einem Harem ist sterbenslangweilig, insbesondere wenn der einzige Mitbewohner ein Eunuch ist. Ali kann sich besser mit der streng muslimischen Umgebung arrangieren.

    Als Aserbeidschan zur Republik ausgerufen und Baku zur Hauptstadt erklärt wird, zieht es Nino und Ali wieder zurück in die Heimat. Es scheint, als ob dies der einzige erreichbare Ort auf dieser Welt ist, an dem beide glücklich sein können. Aber das Glück währt nur von kurzer Dauer. Irgendwann stehen die Bolschewisten vor den Toren Bakus.

    "'Mein Gott, unsere Straßen werden zu Schlachtfeldern. Das Theater zum Generalstabsquartier. Es wird bald schwerer sein, über die Nikolaistraße zu gehen, als früher nach China zu reisen. Um zum Lyzeum der Königin Tamar zu gelangen, wird man entweder die Weltanschauung ändern oder eine Armee besiegen müssen. Ich sehe euch bewaffnet auf dem Bauch durch den Gouverneursgarten kriechen und am Bassin, wo ich mich früher mit Ali Khan traf, wird ein Maschinengewehr aufgestellt sein. Wir wohnen in einer seltsamen Stadt.'" (S. 248)

    "Ali und Nino" ist ein Buch der Konflikte: Religionen, Nationen, Generationen, Geschlechter. Hier wird nichts ausgelassen. Die tragische Geschichte der beiden Liebenden ist lediglich schmückendes Beiwerk. Kurban Said hat mich in eine Welt und eine Epoche geführt, die mir bisher völlig fremd war. Dabei sind die Konflikte, die der Autor schildert, völlig zeitlos und daher auch in unserer Zeit leider topaktuell. Wie wohltuend ist es da, wenn Kurban Said den Beweis antritt, dass es jederzeit möglich ist, Grenzen - egal welcher Art - zu überwinden.

    Die Geschichte, die hier erzählt wird, hat mich begeistert. Und doch gibt es einige Kritikpunkte, die meiner Begeisterung einen Dämpfer verpassen.

    Kurban Said ist das Pseudonym eines österreichischen Autorenduos: die Publizistin Elfriede Ehrenfels (1894 - 1982) sowie der Literat Lev Nussimbaum (1905 - 1942). Nussimbaum konvertierte vom Judentum zum Islam. Er ist in Baku geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. Insofern kann man seinen Schilderungen über das Leben in Baku als durchaus authentisch bezeichnen. Elfriede Ehrenfels hat in Österreich gelebt und den Islam sozusagen aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich daher, ob bei den Beschreibungen über den Islam nicht auf Klischees zurückgegriffen wurde, die der europäischen Sichtweise auf den Islam entsprechen. Diese Klischees finden sich leider reichlich in diesem Roman.

    Hinzu kommt ein sehr blumiger Sprachstil, der dem Orientfeeling gerecht werden möchte, und mich ein wenig an die Bücher von Karl May erinnert hat. Diesen Sprachstil muss man mögen, mir war es manchmal zuviel "Blume".

    Fazit:
    Eine großartige Geschichte, die Konflikte thematisiert, die damals wie heute aktuell sind. Kurban Said zeigt eine fremde und exotische Welt auf, die mir bisher unbekannt war. Leider finden sich in diesem Roman einige Klischees wieder, was vermutlich an der europäischen Sichtweise von Kurban Said liegt. Trotzdem kann ich diesen Roman Lesern empfehlen, die Spaß daran haben, in eine fremde Welt abzutauchen und neugierig gegenüber fremden Kulturen sind.

    © Renie

  1. bewertet:
    1
    (1 von 5 *)
     - 21. Mai 2017 

    Ein Verriss

    Leider musste ich das Buch abbrechen, da es geradezu von Klischees wimmelt. Ich habe es bis zur 200. Seite geschafft. Ich hatte noch auf einen Wandel gehofft, aber der blieb aus, weshalb ich schließlich die Leserunde auf Whatchareadin wieder verlassen habe, da ich noch genug andere Bücher zu lesen habe. Meine Lesezeit ist so knapp bemessen, dass ich keine Zeit zu verschwenden habe.

    Mich nervt, dass der Protagonist Ali von seinen Landsleuten der Einzige zu sein scheint, der es anders machen will mit seiner zukünftigen Frau, die z. B. keinen Schleier tragen müsse und sie als Christin auch nicht in den Islam zu konvertieren brauche ...

    Aber er bekommt jedes Mal Ratschläge von seinen Landsleuten, wie er mit seiner zukünftigen Frau umzugehen habe, denn

    Zitat: Frauen sind wie Kinder, nur um vieles listiger und bösartiger.

    Gegenüber dem Vater verteidigt er seine angehende Frau Nino:

    Zitat:
    >>Vater, aber ich liebe sie doch.<< Er schüttelte den Kopf.

    >>Man soll im Allgemeinen eine Frau nicht lieben. Man liebt die Heimat, den Krieg, manche Leute lieben schöne Teppiche oder seltene Waffen.<< (2016,136)

    Männer, die ihre Frauen lieben würden, bezeichnete der Vater als Irre. Es sei schließlich gottgewollt, dass Frauen ihre Männer lieben, und nicht umgekehrt.

    Zwischen Ali und Ninos Vater, ein Fürst, kommt folgendes Gespräch zustande.

    Zitat:
    Der Fürst war feierlich. Er sprach von der Ehe ganz anders als mein Vater. Seiner Meinung bestand in gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Achtung. Mann und Frau müssen mit Rat und Tat einander beistehen. Sie müssen auch immer daran denken, dass sie beide gleichberechtigte Menschen mit freier Seele sind. (Ebd)

    Und wieder ein Buch, das sämtliche Vorurteile Menschen anderer Religionen und Kulturen schürt. Und so frage ich mich erneut, wer denn hier rückständig ist, wenn die Betrachterin von diesen stereotypen und klischeehaften Bildern nicht loslassen kann?

    Mein Fazit?

    Ich habe schon ein paar Bücher von Ländern aus dem Islam gelesen. Und sie waren in ihrer Denkweise sehr fortschrittlich. Mit so viel Weisheit waren die Bücher bestickt, die ich hier in unserem Buch auch vermutet hatte. Aber leider wurden meine Erwartungen recht schnell enttäuscht.

    Ich habe schon ein paar Seiten weitergelesen, und die rigide Haltung zur Frau nimmt immer mehr zu. Erfüllt so ganz die Erwartungen und Vorurteile vieler Menschen aus der westlichen Welt.
    Ein Buch, das stark nach den Maßstäben und Wertevorstellungen der westlichen Welt geprägt ist. Im Autorenporträt steht, dass Kurban Said ein Pseudonym ist. Dahinter würde sich der Name einer Europäerin namens Elfriede von Ehrenfels verbergen.

    Das Buch erinnert mich ein wenig an Elena Ferrante von meiner Leseerfahrung her.

    Und zum Schluss noch ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe:

    Wer sich selbst und andere kennt
    Wird auch hier erkennen
    Orient und Occident
    Sind nicht mehr zu trennen
    Sinnig zwischen beiden Welten
    Sich zu wiegen lass ich gelten
    Also zwischen Ost und Weste.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mai 2017 

    Eine Liebe zwischen Orient und Okzident

    Der Muslim Ali und die georgische Christin Nino verbindet seit ihren Kindertagen eine intensive Freundschaft, die in Liebe mündet. Sie leben in der russischen Stadt Baku, in der vielerlei verschiedene Völker miteinander leben. Der Hauptteil der Geschichte ist vor und während des 1. Weltkrieges angesiedelt.

    Der Leser lernt viel über das Leben in Baku, über die Anschauungen der Muslime insbesondere in Bezug auf ihren Ehrbegriff, ihr Frauenbild und ihre Kultur. Es gibt zahlreiche Konflikte zwischen den beiden Welten.

    Diese Konflikte gehen an dem Liebespaar natürlich nicht vorüber. Zunächst erscheint eine Eheschließung nicht möglich zu sein, durch geschickte Intervention eines Vermittlers erteilen die Eltern dann doch die Zustimmung.

    Bevor es zur Hochzeit kommen kann, wird die Braut entführt. Der Bräutigam holt die beiden zwar ein. Die muslimische Tradition fordert aber an dieser Stelle blutige Opfer, in deren Folge man fliehen muss...

    Rund um die Liebesgeschichte herum erfährt der Leser vieles über die geschichtlichen Hintergründe und Entwicklungen in Aserbaidschan vor und während des 1. Weltkrieges sowie über die Auswirkungen, die der Einmarsch der Roten Armee 1918 mit sich brachte.

    Im Verlauf der Handlung bewegen sich die Protagonisten aufeinander zu. Der Leser nimmt Teil an Alis Gedanken, die Dialoge der beiden Liebenden haben wunderbare Metaphern und poetische Züge. Darüber hinaus werden aber auch Kriegshandlungen in all ihrer Grausamkeit und Gefahr nicht ausgespart, so das man das Buch auch als Zeitdokument betrachten kann.

    Der Roman liest sich sehr spannend, nimmt oft neue, nicht vorhersehbare Wendungen. Auch das Ende ist sehr realistisch gehalten.

    Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, hat es mir doch eine bis dahin fremde Welt näher gebracht. Interessant, dass die beschriebenen Konflikte auch heute in ihrer Aktualität nichts eingebüßt haben.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Mai 2017 

    Ein Roman mit Charme

    Ali Khan Schirwanschir ist Muslim und lebt in der russischen Stadt Baku. Auch die Christin Nino Kipiani lebt in Baku, eine Stadt die sowohl Asien als auch Europa in ihren Sitten und Religionen eint. Dennoch scheint die Einstellung der Familien Alis und Ninos Liebe im Wege zu stehen. Doch als Nino von einem vermeintlichen Freund Alis entführt wird, muss Ali handeln. Er rettet Nino und begeht einen Ehrenmord, auch seine Geliebte dürfte er nach muslimischen Recht nun töten..........

    Erzählt wird sehr einfühlsam, wie die beiden es schaffen, trotz der unterschiedlichen Erziehung einen gemeinsamen Weg zu finden. Man merkt vor allem bei Ali die Zerrissenheit....auf der einen Seite die Liebe zu Nino, auf der anderen die Pflichten gegenüber der Religion und der Familie.
    Nino wird sehr weltlich erzogen, sie weiß was sie will, und wirkte auf mich sehr aufgeschlossen, vor allem da der Roman zu Beginn des 19.Jahrhunderts spielt.

    Die politischen Wirren um das Ende des Zarenreiches spielen eine sehr dominante Rolle im Roman. Obwohl dieses Buch 1937 verfasst wurde, hat es nicht an Aktualität verloren. Die Diskrepanz ist auch in der heutigen Zeit leider noch greifbar. Die Leser, die gerne etwas geschichtliches aus dieser Epoche lesen möchten, kommen genauso wenig zu kurz wie die Liebhaber einer poetischen Liebesgeschichte.

    Dieser Roman beinhaltet viele schöne Dialoge die zu Herzen gehen. Die Einfühlsamkeit die dem allem zu Grunde liegt hat mich sehr berührt, genau dies macht das Buch für mich zu etwas besonderem. Aber auch die Andersartigkeit des muslimischen Glaubens wird oft zum Ausdruck gebracht. Es wird dabei aber niemand an den Pranger gestellt, man bekommt ein gutes Bewusstsein für die Mentalität der anderen Kultur. Die Probleme, die sich durch die Liebe Alis und Ninos ergeben, sind wunderbar in die Haupthandlung eingebettet, eine Glanzleistung die in meinen Augen nicht vielen Autoren so gekonnt gelingt.

    Kurban Said ist ein Pseudonym, hinter dem sich Elfriede von Ehrenfels und der Literat Lev Nussibaum, der zum Islam konvertierte, verbergen. Es Ranken sich viele Gerüchte um die beiden Verfasser und ihren Anteilen am Roman. Lange war dieser Roman verschollen, bis er in 70ern neu aufgelegt wurde. Seitdem begeistert er immer wieder viele Leser, so wie auch mich.

    Ali und Nino ist ein Roman der mich fasziniert hat. Die Liebesgeschichte der beiden wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Ein Roman der mir nicht nur schöne Lesestunden bescherte , sondern mir auch den Orient ins Wohnzimmer brachte.