Agathe

Buchseite und Rezensionen zu 'Agathe' von Anne Cathrine Bomann
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3 von 5 (2 Bewertungen)

Ein alternder Psychiater zählt die Tage bis zu seinem Ruhestand. Bald wird er die Türen seiner Praxis für immer hinter sich schließen.. Doch eine letzte Patientin lässt sich nicht abwimmeln. Und die Gespräche mit Agathe verändern alles: Neue Freundschaften scheinen plötzlich möglich, neue Wege, neue Zuversicht. Eine universelle Geschichte über Nähe und Freundschaft, Liebe und Verbindlichkeit - elegant und zeitlos, voll meditativer Zärtlichkeit und subtilem Humor.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
Verlag: hanserblau
EAN:9783446261914

Rezensionen zu "Agathe"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 05. Mär 2019 

    Zeit für Veränderung

    Paris 1948: Der Ich Erzähler ist Psychiater, wir erfahren seinen Namen nicht. Er steht kurz vor dem Ruhestand, zählt die Tage, die Anzahl der Sitzungen, die er bis dahin noch absolvieren muss. Es wirkt auf mich so wie in den Witzbildchen über Gefängnisinsassen, die Striche in die Wand für die Tahe ihrer Haft ritzen. Er hadert mit dem Altern "wie die Kluft zwischen Selbst und Körper immer größer wird". Er lebt alleine, hat keine Familie keine Kinder, außer den Patienten und der Sprechstundenhilfe keine Kontakte. Die Stille, vor der es kein Entrinnen gibt, lässt in wie in einem "verräterischen Gefängnis" festsitzen, auf den Tod wartend.

    "Waren nicht Angst und Einsamkeit die einzigen Konstanten, derer ich mir sicher sein konnte?“

    Tür an Tür wohnt er mit einem Nachbarn, den er nicht beschreiben könnte. Ein Fremder, um den er sich sorgt, wenn er einmal für einige Zeit keine Geräusche aus der Nebenwohnung hört. Wie mag es wohl dem Nachbarn umgekehrt mit dem Doktor ergehen?

    Er sträubt sich zunächst, die neue Patientin aufzunehmen. Nicht genug Zeit wäre für eine ordentliche Behandlung. Doch während er bei der lauten unmöglichen Madame Almeida, deren Tiraden er für Jammern auf sehr hohem Niveau hält, verächtliche Karikaturen mit einem glatzköpfigen Vogel Strauß zeichnet, macht er für Agathe eine Vögelchen mit gebrochenem Flügel. Agathes Duft erinnert ihn an seine Kindheit. Irgendetwas scheint seinen Panzer zu durchdringen.

    Der Doktor fühlt sich unsichtbar, findet sich nicht im Spiegel, wissen, dass es gar keinen Spiegel in dem Raum gibt. Er bleibt ungesehen, ungehört, im wahrsten Sinne, verwischt seine Konturen, verliert den Halt, die Orientierung.
    Viele Sorgen und Ängste teilt er mit den Patienten. Er gibt Ratschläge, die er selbst befolgen sollte. Zu Agathe fühlt er sich mehr und mehr hingezogen. Er will ihr helfen, sie retten, gleichzeitig beginnt er sie zu begehren, geht ihr nach beobachtet sie. Er weiß, dass er das nicht darf. Wie zynisch, dass er zu dem einzigen Menschen, der ihn aus seiner Isolation holen könnte, keine Beziehung aufbauen darf, die über das Arzt-Patient-Verhältnis hinausgeht.

    Wie erkannt man seine Angst fragt er den todkranken Mann seiner Sekretärin. Indem man mit der größten Sehnsucht beginnt.

    Ist es jemals zu spät, um Nähe zuzulassen? Nein mit Sicherheit nicht. Aber der Wandel vom isolierten Einzelgänger, der nicht mal ein Kind ansprechen will, dass sich weh getan hat, zum gutnachbarlichen Kuchenbäcker, das war mir nach dem so melancholischen Text dann zu sehr Wohlfühlbuch. Mich haben auch einzelne Dinge gewundert bzw. gestört: Dass es keine Ressentiments Agathe gegenüber gab, die Deutsche war, so knapp nach dem Krieg. Die Sorgen der Patientinnen hörten sich eher nach saturierten wohlhabenden Upper East Side Ehefrauen der 80er an als der Nachkriegszeit.

    Ich fand es fast ein bisschen abgeschmackt, dass Agathe ein Missbrauchsopfer war, das aber in zwei Seiten abgehandelt wurde. Fast so als ob die Autorin hier noch ein bisschen dem fahrenden #meetoo Zug nachwinken wollte. Bitte nicht falsch verstehen, ich will das Leid von Missbrauchsopfern nicht herabwürdigen. Aber ich finde es passt nicht in das Buch.

    Das alles hinterließ mir zum Ende doch eher einen schalen Nachgeschmack.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Feb 2019 

    Klischeehaft

    Anne Catherine Bomanns Erstling „Agathe“ ist ein schmales Buch, in dem sie eine Geschichte über Freundschaft, neue Wege und Aufbruch erzählt.

    Ein Psychiater kurz vor dem Ruhestand, desillusioniert, gefangen in einem langweiligen, äußerst einsamen und komplett durchorganisierten Leben ohne Herausforderungen und eine junge psychisch kranke Frau, die sich unbedingt von ihm behandeln lassen will sind die Zutaten, aus denen die Autorin mit eleganter und klarer fast spröder Sprache ihre kurze Geschichte abspult.
    Namenlos, langweilig, schrullig und sozial inkompetent ist der Psychiater, dem Agathe jung und quirlig und aus jahrelanger psychiatrischer Behandlung vorbelastet gegenübergestellt wird. Sie bewirkt einen Wandel in seinem Leben während der Sitzungen, der ihn aus seiner Lethargie löst.

    Es ist letztlich ein Wohlfühl-Buch, in dem aus Abwarten, Eintönigkeit und einem unaufgeregtem Leben in Richtung Ruhestand neue Wege geöffnet werden, Freundschaft und Nähe entsteht und das Leben eines alternden Psychiaters wieder Schwung bekommt.

    Und genau das ist es, was mich unter anderm an dem Roman stört. Ein für mich absolut grandioser erster Teil, in dem die Langeweile des Psychiateralltags aus den Seiten zu tröpfeln scheint, in dem Agathe und andere Patienten fast störend wirken und man beim Lesen ein ausgezeichnetes Gespür für den schrulligen alten Mann bekommt wandelt sich im zweiten Teil des Buches in ein klischeebelastetes Alles-wird-gut-Buch. Es ist schade um die wirklich hervorragende Art der Autorin, Gefühle für die Charaktere zu wecken, um den stilistisch und erzählerisch gekonnten Ansatz und um die Geschichte selbst.
    Verblassen der Figuren, Abgleiten in Positivismus, der für mich nicht nachvollziehbar und glaubhaft wirkt wird dadurch aus einem kleinen feinen und eleganten Gespinst ein Buch, das wie so viele andere Bücher auch eine heile Welt heraufbeschwört, unglaubwürdig und zu schön um wahr zu sein.