Adas Raum: Roman

Rezensionen zu "Adas Raum: Roman"

  1. Komplex, auf bestmögliche Art überraschend

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Jun 2021 

    Handlung

    1459 verliert Ada ein Baby im westafrikanischen Totope. 1848 ist sie Ada Lovelace und bricht durch eine Affaire aus dem Käfig ihrer Ehe aus. 1945 existiert sie (Leben mag ich es kaum nennen) im Lagerbordell eines KZs. 2019 ist Ada hochschwanger, hat in Berlin jedoch Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, denn sie ist schwarz.

    Immer ist sie Ada, von Reinkarnation zu Reinkarnation erlebt und erleidet und erkämpft sie sich das Leben. Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, sie erlebt den ganzen Reigen der schändlichen Ismen. Mal rebelliert sie, mal erduldet sie schweigend, doch immer sind ihre Erlebnisse von einer rohen Authentizität und regen die Leser:innen zum Nachdenken an.

    Wer spricht hier? Schnell begreifst du beim Lesen, dass es nicht Ada ist, die die Geschichte erzählt, auch wenn sie immer im Mittelpunkt der Geschehnisse steht.

    Es ist eine Wesenheit, die hier spricht, die Ada von Reinkarnation zu Reinkarnation begleitet und selber so gerne ein Mensch wäre, jedoch immer wieder nur als Gegenstand existiert. Sie ist der Reisigbesen, mit dem Ada in Westafrika geschlagen wird. Der Türklopfer, der den Liebhaber kommen und gehen sieht. Das KZ-Zimmer, erfüllt von unermesslichem Leid. Der Reisepass, der ein neues Leben verspricht.

    Und obwohl diese Wesenheit sieht, mit welchem Schmerz und welchem Kampf das Leben verbunden ist, sehnt sie sich danach, es selber zu erleben.

    Sprechende Gegenstände, das klingt gewöhnungsbedürftig, womöglich sogar nach Disney. Vielleicht graust es dir bei dem Gedanken, siehst du vor dem inneren Auge schon singende Teekessel. Dazu kommt noch, dass die Wesenheit, die ihnen innewohnt, in stetem Dialog mit einem Gott steht, der mit einer amüsierten Distanz auf das Leben schaut, die Ereignisse locker-flockig kommentiert und dabei auch schon mal ‘berlinert’.

    Nein, liebe:r Leser:in, geh noch nicht, schlag das Buch nicht zu schnell zu!

    Ich verspreche dir: das ist weder verkitscht noch pseudoreligiös; es ermöglicht der Autorin, ihre Geschichte zugleich hautnah und mit eíner erwägenden Distanz zu erzählen, mit einer unglaublichen Klarheit. Es ist zutiefst originell, bricht die Geschichte immer dann auf, wenn es nötig ist, um den Leser:innen mehr Raum für Reflektion zu geben. Das Leichte, das Schwere, das ist in jeder Schleife in Balance.

    „Die Zeit war jedenfalls gekommen, um Ada daran zu erinnern, dass alle Wesen – vergangene, gegenwärtige und zukünftige – in Verbindung miteinander sind, dass wir es immer waren und immer sein werden. Die Botschaft kann erdrückend sein, wenn mensch meint, sie zum ersten Mal zu hören. Wir wollten Ada damit nicht überrumpeln. Wir wissen ja, dass sie am Ende ihres Lebens zunächst immer eine Runde Abstand braucht.“

    Und so hangelst du dich von Leben zu Leben…

    Ich konnte mich der Geschichte nicht entziehen. Sie hielt mich auf jeder einzelnen Seite gepackt mit ihrer intelligenten Schreibweise, ihrer unterschwelligen Spannung, ihrem klaren Blick auf eine Frau, die sich quasi häutet und wandelt und doch im tiefsten Inneren immer den selben Funken Leben in sich trägt. Das ist frisch und berührend und mit jeder Drehung der Schraube wieder überraschend.

    Um Ada herum wandelt sich auch die Welt. Mit jedem Perspektivenwechsel fällt der Blick auf gesellschaftliche Veränderungen und zugleich eine ungemein persönliche Lebenswirklichkeit. Immer zieht sie das Trauma all ihrer Leben, das zugleich das kollektive Trauma vieler Frauen ist, hinter sich her wie einen vielgestalten Schatten, das Miasma einer erschütternden Grausamkeit. Das wird so meisterhaft wie subtil in Worte gefasst. Die Gewalt, die Ada unweigerlich in jedem Leben begegnet, wird nicht geschönt, doch für die Leser:innen durch gekonnte Verfremdung erträglich gemacht.

    Überhaupt verzichtet Otoo auf den moralischen Zeigefinger, das hat der Roman gar nicht nötig. Sie traut der:m Leser:in offenbar zu, eigene Schlüsse zu ziehen und eigene Urteile zu treffen; sie gibt ihr:m nur das nötige Rohmaterial an die Hand.

    Andere Charaktere sind eher Statisten in Adas Leben, doch du erkennst: einige davon sind Schlüsselfiguren in ihrer Existenz, auch sie werden in diversen Rollen wiedergeboren. Dieser hier, der war doch im letzten Leben noch ihr Bruder? Ah, da ist wieder der Mann mit der Narbe… Zu verfolgen, welche Menschen und fundamentale Erlebnisse immer wieder auftauchen, in vielfacher Gestalt, das erfordert aufmerksames Lesen – und das ist Vergnügen, keine lästige Pflicht.

    Ein goldenes Armband kommt in jeder Schleife aufs Neue vor; die Wesenheit hält es für ihre Aufgabe, dieses in ganz bestimmte Hände zu bringen und sich damit die Menschwerdung zu verdienen. Ein Leitmotiv, dessen Bedeutung immer wieder neue Facetten zeigt – das wird so innovativ und gekonnt eingesetzt, wie Otoo die ganze Erzählung gestaltet.

    Ach, hier möchte ich schon aufhören, auch wenn ich noch so viel sagen könnte… Aber dies ist ein Buch, dass jede:r selbst für sich entdecken sollte, ohne zu viel Vorwissen oder fremde Interpretation. Lass es auf dich wirken, lass es nachhallen, vergiss erstmal die Meinung anderer Menschen.

    Fazit

    1459, 1848, 1945, 2019: wir folgen Ada in vielen Reinkarnationen (“Schleifen”) durch die Jahrhunderte. Sie ist jedes Mal wieder eine andere und doch im Kern die gleiche Ada. Sie erlebt alle Aspekte des Lebens, des Frauseins; mal kämpft sie ums bloße Überleben, mal um persönliches Glück, oft um Gleichberechtigung, immer um Selbstbestimmung – um Raum für ihre Existenz.

    Und das erzählt Otoo auf eine Art, die so originell ist, dass man aufhorcht, vielleicht erstmal skeptisch die Augenbraue hochzieht. Hier werden Grenzen überschritten oder neu definiert, darauf musst du dich erstmal einlassen. Aber das lohnt sich, denn “Adas Raum” ist ein literarisches Abenteuer, ein sprachliches Fest! Ein Debüt mit erzählerischer Wucht und doch feiner Subtilität.

  1. Eindringlich, aber teilweise zu konstruiert

    3
    (3 von 5 *)
     - 08. Mär 2021 

    „Die neuen Grenzen wirkten fließend, mehrdeutig, und als sie nicht mehr zu gebrauchen waren, verpufften sie. Sie wurden gegen andere Grenzen ausgetauscht.“ (Zitat Position 1701)

    Inhalt
    Ada ist verzweifelt, als ihr Kind im März 1459 kurz nach der Geburt stirbt. Das besondere Perlenarmband, das sie ihrem toten Sohn mitgeben will, macht sich auf eine eigene Reise durch die Jahrhunderte. Es kommt zur Wissenschaftlerin Ada Lovelace, die im März 1848 mit ihrem besonderen Freund Charles Dickens mathematische Formeln diskutiert, während ihr Gatte in Paris weilt. Im besonderen Block 37 im KZ Mittelbau-Dora ist Ada im März 1945 so oft im selben Zimmer, dass es den Namen „Adas Raum“ trägt und in genau diesem Zimmer liegt das Perlenarmband plötzlich auf dem Boden. Ada, Augusta Adaune Lamtey, ist dreiundzwanzig Jahre alt, als sie 2019 aus Ghana nach Berlin kommt, um hier zu studieren. Sie wohnt bei ihrer jüngeren Halbschwester, ist aber auf Wohnungssuche, freut sich auf ihr Baby. In einem Ausstellungskatalog entdeckt sie das Foto eines ungewöhnlichen Armbandes, dreiunddreißig Perlen, Fünfzehntes Jahrhundert, Westafrika, und damit schließt sich das Netz aus Schicksalsschleifen.

    Themen und Genre
    Der Roman handelt von Frauen, Frauen als Mütter, Freundinnen und Schwestern, auch im übertragenen Sinn. Themen sind Gewalt, Unterdrückung, Diskriminierung, aber auch Stärke, Zusammenhalt und die Suche nach Unabhängigkeit.

    Charaktere
    Ada, das ist die Summe aus vier Adas in vier unterschiedlichen Epochen, sie steht für die Summe von möglichen Frauenleben im Lauf der Geschichte. Die Übergänge erfolgen rasch, manchmal innerhalb eines Satzes, und so erfahren wir durch das jeweilige Umfeld und die Situation zwar mehr über die entsprechende Ada, gleichzeitig bleibt sie dadurch als Figur auf Distanz.

    Handlung und Schreibstil
    Die vier Geschichten, in deren Mittelpunkt jeweils eine Ada steht, spielen in unterschiedlichen Jahrhunderten, wobei die Grenzen fließend sind. Die Autorin selbst spricht von Schleifen und ähnlich verknüpfen sich einzelne Situationen, um sich dann, oft mitten im Satz, wieder zu lösen und in die nächste Episode in einem anderen Jahrhundert zu gleiten. Nur das etwas wirre und sehr konstruierte Ende überzeugt mich nicht, Schleifen sind luftig und in Bewegung, wenn man sie bewusst verknüpft, verlieren sie die Leichtigkeit. Die Grundzüge des Settings bleiben in allen vier Geschichten ähnlich, Hausnummern, wie Personen, familiäre Beziehungen und Namen. Lässt die Autorin zunächst jede Ada in der Ich-Form erzählen, wechselt sie rasch zu einem zeitlosen, geistigen Erzähl-Ich, das zu einzelnen Gegenständen wird und so die Ereignisse als Kehrbesen, Türklopfer oder Reisepass schildert, versucht, das Geschehen zu lenken und allwissend kommentiert. Dieses im philosophischen Sinn übergeordnete geistige Ich hat durchaus auch Humor, was zu skurrilen Dialogen führt. Die klare, gerade Sprache des Romans schildert und kann alles zwischen sehr kurzen und eindrucksvoll langen Sätzen, auch Metaphern werden bewusst eingesetzt.

    Fazit
    Ein Roman mit zeitlos aktuellen, politischen und sozialkritischen Themen, geschrieben in einer klaren, geraden Sprache. Unterschiedliche interessante Erzählformen schildern ein ebenso vielschichtiges Bild von Frauenschicksalen. Doch dieses deutlich ambitionierte Bemühen im Sinne der Kriterien der zeitgenössischen Literaturwissenschaften wird für mich teilweise zu offensichtlich und der Roman dadurch zu konstruiert – diese Perfektion ist zu gewollt, es fehlt die Seele.