Ada: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ada: Roman' von Christian Berkel
3.9
3.9 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ada: Roman"

In der noch jungen Bundesrepublik ist die dunkle Vergangenheit für Ada ein Buch, aus dem die Erwachsenen das entscheidende Kapitel herausgerissen haben. Mitten im Wirtschaftswunder sucht sie nach den Teilen, die sich zu einer Identität zusammensetzen lassen und stößt auf eine Leere aus Schweigen und Vergessen. Ada will kein Wunder, sie wünscht sich eine Familie, sie will endlich ihren Vater – aber dann kommt alles anders. Vor dem Hintergrund umwälzender historischer Ereignisse erzählt Christian Berkel von der Schuld und der Liebe, von der Sprachlosigkeit und der Sehnsucht, vom Suchen und Ankommen – und beweist sich einmal mehr als mitreißender Erzähler.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
Verlag:
EAN:9783550200465

Rezensionen zu "Ada: Roman"

  1. Die Folgen des Verdrängens

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Nov 2021 

    An „Der Apfelbaum“ bin ich mit einiger Skepsis herangegangen, denn ich dachte „schon wieder ein Prominenter, der sich als Schriftsteller versuchen will“. Doch Christian Berkel hat mich als Autor überzeugt und daher kam ich auch an „Ada“ nicht vorbei.
    In diesem Buch geht es um Ada, eine Frau in den Vierzigern, die auf der Suche nach sich selbst ist. Ada wird 1945 als Tochter einer Jüdin in Leipzig geboren. Sie verbringt daher ihre ersten Jahre in Argentinien und kehrt mit ihrer Mutter als neunjähriges Mädchen nach Deutschland zurück. Sie kommt in ein ihr fremdes Land und muss erst einmal die Sprache lernen. Dann tritt Otto in ihr Leben, der als ihr Vater gilt. Sie leben in Berlin als Familie zusammen und dann bekommt sie noch einen Bruder. Aber ist Otto wirklich ihr Vater? Ihre Fragen bleiben unbeantwortet. Niemand will die vielen Fragen, die sie hat, beantworten, denn niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Erst mit Mitte 40 versucht Ada mit Hilfe eines Psychotherapeuten ihre wahre Identität zu finden und in ihrem Leben anzukommen.
    Christian Berkel erzählt diese Geschichte aus der Perspektive von Ada, so dass ich als Leser mich gut in ihre Gefühlswelt hineinversetzen kann. Der Schreibstil ist schön flüssig zu lesen und wirklich packend. Die Atmosphäre der Nachkriegszeit kommt realistisch rüber. Man will nicht an die Vergangenheit denken, sondern setzt seine ganze Hoffnung auf die Zukunft, die verheißungsvoll aussieht.
    Ada ist eine sympathische junge Frau, auch wenn sie als Jugendliche sehr rebellisch ist. Doch wer kann es ihr verdenken, denn sie fühlt sich nirgendwo geborgen und zuhause. Sie hat viele Fragen, bekommt aber keine Antworten, was dazu führt, dass sie irgendwie entwurzelt ist. Es braucht seine Zeit und einige Umwege, bis sie sich auf die Suche nach sich selbst macht und dabei die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nimmt.
    Das Ende ist ziemlich offen, so dass jeder sich seine Version vom Fortgang der Geschichte machen kann. Das passt, stellt mich aber nicht so ganz zufrieden.
    Eine interessante, aber auch bedrückende Geschichte.

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  1. Ada

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Mär 2021 

    Klappentext:
    „Mit ihrer jüdischen Mutter aus Nachkriegsdeutschland nach Argentinien geflohen, vaterlos aufgewachsen in einem katholischen Land, kehrt sie 1955 mit ihrer Mutter Sala nach Berlin zurück. In eine ihr fremde Heimat, deren Sprache sie nicht spricht. Dort trifft sie auf den lange ersehnten Vater Otto, doch das Familienglück bleibt aus. In einer noch immer sehr autoritär geprägten Gesellschaft wächst Adas Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit. Die Studentenbewegungen der sechziger Jahre werden ihre Rettung. In Paris lernt sie bei ihrer Tante Lola die Mode- und Kunstwelt kennen. Am Ende steht Woodstock - ein dreitägiges mystisches Erlebnis, das Ada verändert.“

    Christian Berkel scheint am Schreiben großen Gefallen gefunden zu haben und das ist auch gut so! Nach seinem Debüt „Der Apfelbaum“ kommt nun „Ada“ daher.
    Wir erleben in diesem Buch eine Reise die einem fast den Atem stocken lässt. Berkel führt unheimlich gefühlvoll aber auch mit gewissem Tempo durch die Geschichte und lässt dabei seine Protagonisten unheimlich tiefgründig werden. So tiefgründig, das einem als Leser, das Buch noch sehr lange in Erinnerung bleibt, es nachhallt. Eigentlich ist das schon das beste Kompliment was man einem Autor nur machen kann aber es gibt noch mehr zu berichten. Berkel analysiert unheimlich detailliert die damalige Zeit und versucht dem Leser ein Abbild zu liefern, welches im sehr gut gelingt. Aber auch Ada wächst einem ans Herz. Ihr Leidensdruck ist unendlich und es tut einem manchmal schon selbst weh beim lesen, wie sehr sie nach Heimat und Geborgenheit sich sehnt, nach einer Mitte für sich selbst. Ada findet verschiedene Haltepunkt und sammelt dadurch Erfahrungen die ihr Leben verändern.
    Diese Buch ist, mal wieder, eine großartige Geschichte, aus der Feder von Christian Berkel - 5 von 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung!

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  1. Interessante Fortsetzung der faszinierenden Familiengeschichte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Jan 2021 

    Mit seinem äußerst erfolgreichen Debütroman „Der Apfelbaum“ hat sich der bekannte deutsche Schauspieler Christian Berkel an ein sehr persönliches Projekt herangewagt, das ihn tief in seine bewegte Familiengeschichte und zu seinen familiären Wurzeln hat abtauchen lassen.
    Mit seinem neuen Roman „Ada“ setzt er nun seine äußerst faszinierende, biografisch inspirierte und als Dreiteiler geplante Familiensaga fort. Obwohl Berkel seine sehr beeindruckende und tiefgründige Familiengeschichte in diesem zweiten Band weiterführt und wir in vielen Episoden seinen Eltern und Großeltern wieder begegnen, kann dieser problemlos auch ohne Vorkenntnisse als eigenständiger Roman gelesen werden.
    In der Rahmenhandlung, die zum Mauerfall und der Wende in Deutschland angesiedelt ist, lernen wir die erwachsene Titelheldin und Ich-Erzählerin Ada kennen, die während ihrer psychotherapeutischen Gespräche auf ihre Kindheit, Jugend und ihre schwierige Beziehung zu ihrer dysfunktionalen Familie zurückblickt. Die Haupthandlung spielt somit hauptsächlich in den 1950er und 1960er Jahren. Angelegt ist die Protagonistin Ada als fiktive, ältere Schwester des Autors, die als kleines Mädchen mit ihrer jüdischen Mutter Sala lange Zeit in Argentinien gelebt hat und Mitte der 1950er Jahren schließlich nach West-Berlin zurückkehrt.
    Abwechslungsreich und einfühlsam lässt uns der Autor aus Sicht seiner jungen Protagonistin an ihrem Einleben in eine ihr gänzlich unbekannte und befremdliche Welt und ihrem schwierigen Gefühlsleben teilhaben. Ada findet sich zwar in ihre Außenseiterrolle ein. Insbesondere nach der Geburt ihres jüngerer Bruders „Sputnik“, dem Liebling der Eltern, fühlt sie sich unerwünscht und emotional vernachlässigt und ist sich oft selbst überlassen. In vielen anschaulichen Episoden erleben wir aus Adas Sicht, die zugleich stellvertretend für eine ganze Generation des jungen Nachkriegsdeutschland steht, ein Aufwachsen in der prosperierenden Adenauer-Ära und Adas wachsenden Problemen mit ihren Eltern, die sich verbissen über ihre teils traumatischen Erlebnisse während des 2. Weltkriegs und der Nazidiktatur in Schweigen hüllen. Gekonnt thematisiert Christian Berkel in seinem Roman das in Familien der damaligen Nachkriegszeit sehr verbreitete Phänomen des großen Schweigens und einer plötzlichen Sprachlosigkeit. In der glorreichen Wirtschaftswunderzeit, in der alle hoffnungsvoll nach vorne blickten und endlich all ihre Traumata hinter sich lassen wollten, stößt auch die junge Ada bei ihren Eltern auf eine undurchdringliche Mauer des Schweigens, wenn es um die Vergangenheit geht.
    Gebannt folgt man Adas Jugenderlebnissen mit all ihren Höhen und Tiefen und jeder Menge schmerzvoller Erfahrungen auf der Suche nach ihrer Identität und ihrem Platz im Leben. Auch sie – ganz ein Kind der wilden 68er-Generation – begehrt mit ihrem rebellischen Charakter schließlich gegen die spießige, einengende Normalität der „Kriegsgeneration“ und das Verdrängen und Schweigen ihrer Eltern auf, geht als Studentin zum Demonstrieren auf die Straße und experimentiert mit Drogen.
    Hervorragend hat Berkel seine unterschiedlichen, sehr faszinierenden Charaktere mit all ihren Eigenheit und inneren Dämonen eingefangen und zum Leben erweckt. Ob nun Adas unnahbare, schwierige Mutter Sala, die wegen ihrer jüdischen Wurzeln aus Nazideutschland fliehen musste, oder ihr Vater Otto, Salas Jugendliebe, ein durchsetzungsstarkes Arbeiterkind, das sich zum Arzt hochgearbeitet hatte und Krieg und russische Kriegsgefangenschaft durchleben musste, der aber möglicherweise gar nicht Adas leiblicher Vater ist, - sie alle sind sehr facettenreich und glaubwürdig gezeichnet. Mit seinem sehr ansprechenden, einfühlsamen Schreibstil versteht es Berkel, die zwiespältigen Stimmungen seiner jungen Protagonistin nachvollziehbar einzufangen und eine oftmals sehr bedrückende Atmosphäre entstehen zu lassen.
    Der Roman endet schließlich mit dem Adas Abnabelungsprozess und ihrer Emanzipation von ihrer Familie recht versöhnlich und hoffnungsvoll. Man darf sehr gespannt sein, wie die mitreißende Familiengeschichte fortgeführt wird, und welche weitere Entwicklung Ada nehmen wird.

    FAZIT
    Eine bewegende und beeindruckende Fortsetzung der Familiengeschichte, äußerst einfühlsam erzählt und eine absolut empfehlenswerte Lektüre!

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  1. interessantes Lesevergnügen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Jan 2021 

    Im Februar 1945 wird Ada von einer jüdischen Mutter in Deutschland geboren. Kurz darauf verlässt sie Deutschland und zieht mit ihrer Mutter nach Argentinien. Ihren Vater lernt sie erst kennen als sie neun Jahre später in Berlin zurückkehrt. Die Familie versucht einen neuen Anfang zu machen. Doch obwohl der schwierige und unaussprechbare Teil der deutschen Geschichte Vergangenheit ist, erträgt es Ada nicht, ausgeschlossen von den Sorgen und Nöten zu sein die einst herrschten. Alles kommt ihr fremd vor, die Stadt, die Sprache, die Menschen, ihr eigener Vater. So beginnt ihre Identitätsreise und der Leser begleitet sie bis in den frühen 90er Jahren.
    Der Roman ist ein Gesellschaftporträt in der sich politisch verändernden Zeit der 68er Jahre und zugleich eine Persönlichkeitsanalyse. Wie wichtig ist unsere Abstammung? Welche Folgen hat das Schweigen über die Vergangenheit für unsere Identität?
    Schnörkellos und sprachgewandt beschreibt Christian Berkel die Zeit des Umbruchs. Reale Geschehnisse und historische Ereignisse gepaart mit fiktiven Personen durch mehrere Dekaden erzählt, bieten ein authentisches Resultat mit teils autobiografischen Wurzeln. Gefühlvoll und aufwühlend zugleich hat dieses Buch mehr mit den Schicksalen seine Protagonisten zu feilschen und deren Entwicklung während der deutschen Nachkriegsgeschichte. Eine klare Leseempfehlung.

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  1. Ada's Blick auf das Handeln von Sala und Otto

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Nov 2020 

    Ich habe Ada beendet und es hat mir gefallen, auch wenn es anders geschrieben ist als der Apfelbaum. Den Apfelbaum empfand ich als runder. Obwohl das wahrscheinlich daran liegt, dass die Erzählstimme Ada etwas sperrig wirkt. Dennoch wirkt das Buch Ada vom Schreibstil her in meinen Augen gereifter und ausgefeilter, kommt mir aber auch eckiger und sperriger vor. Die Entscheidung Christian Berkels, mehr Augenmerk auf die Schriftstellerei zu legen, scheint ganz gut gewählt zu sein und ich habe wieder jemanden, dessen Schaffen ich genauer beobachten werde. Obwohl ich Christian Berkel natürlich auch gern auf der Mattscheibe betrachte!

    Der Blick auf einen Charakter der Nachkriegsgeneration und dessen Betrachtung der Elterngeneration scheint einerseits dünnes Eis zu sein, andererseits wieder ist es vollkommen nachvollziehbar. Ein gutes und wichtiges Buch! Der fünfte Stern fehlt nur deshalb, weil mir das Buch zu distanziert rüberkam, was aber wahrscheinlich am sperrigen Hauptcharakter lag und daher wieder gut gemacht ist. Dennoch kratzt die Handlung an meinem Empfinden des Apfelbaums und auch von daher scheint es ein gut geschriebenes Buch zu sein, denn dieses Kratzen erzeugt ja ein Hauptcharakter, der sich von Sala und Otto ungerecht behandelt fühlt. Dennoch weiß ich noch nicht so recht, ob mir diese veränderte Sichtweise auf Sala und Otto gefällt. Ebenso wie ich nicht weiß, ob man die Taten von Sala und Otto und all den Anderen bewerten darf. Hier fällt mir der Begriff des Glücks der späten Geburt ein. Sicher ist auch die fehlende Kommunikation ein Grund für das Unverständnis der älteren Generation gegenüber den Jüngeren. Aber darf man das zurückliegende Geschehen und daraus resultierendes Verhalten bewerten? Irgendwie ein Dilemma. Einerseits ist das Handeln der Alten durch die Geschehnisse im Krieg erklärbar und vielleicht auch verzeihbar, andererseits kann man auch die junge Generation verstehen. Mit diesem Blick ist dieses Buch ein wichtiges Buch und vielleicht ist eine daraus entstehende Debatte noch wichtiger. Denn das Geschehen was zum Ableben von Benno Ohnesorg führte, ist nach wie vor wenig erklärt oder betrachtet oder geahndet worden. Obwohl das eigentlich geschehen sollte, ... irgendwann.

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  1. Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 28. Okt 2020 

    Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?

    Wie seine Schauspielerkollegen Robert Seethaler, Matthias Brandt, Joachim Meyerhoff, Axel Milberg oder Ulrich Tukurs ist inzwischen auch der 1957 geborene Christian Berkel unter die Romanautoren gegangen. Sein Debüt "Der Apfelbaum" habe ich 2018 leider verpasst. Nun habe ich seinen zweiten Roman gelesen, "Ada", ohne zunächst zu wissen, dass er eine Fortsetzung darstellt. Zwar muss man den ersten Teil nicht unbedingt kennen, weil die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben von Adas Eltern und Großeltern kurz angerissen werden, aber hilfreich wäre es trotzdem gewesen. Vor allem aber habe ich den Eindruck gewonnen, dass mich der erste Teil thematisch mehr interessiert hätte. Sala, die Protagonistin in "Der Apfelbaum" und Mutter von Christian Berkel, war Halbjüdin und wurde während des Zweiten Weltkriegs unter anderem im Lager von Gurs nördlich der französischen Pyrenäen interniert, dessen eindrucksvolle Gedenkstätte und jüdischen Friedhof ich im Sommer 2020 besucht habe. Ada, die Tochter, wird im von einem großen Schweigen geprägten Nachkriegsdeutschland groß:

    "Sie hatten sich ihr Schweigen ebenso hart erarbeitet wie die scheißenden Tauben unseren Dachboden. […] Sie wollten ihre Ruhe. Sie wollten in ihrem Schweigen nicht gestört werden. Nur das interessierte sie.
    „Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?“" (S. 334)

    Während im ersten Teil der geplanten Trilogie mit Christian Berkels Eltern Sala und Otto zwei reale Personen Pate für den Roman standen, ist deren Tochter Ada, die Protagonistin und Ich-Erzählerin im zweiten Band, fiktiv. 1945 in Leipzig geboren und im Alter von zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Argentinien ausgewandert, kehrte sie 1954 in ein ihr fremdes Land mit fremder Sprache und unbekannter Geschichte zurück.

    Ada besteht aus drei Teilen mit den Überschriften „Erinnern“, „Wiederholen“ und „Durcharbeiten“. Der Beginn jedes Teils sowie das Ende des Buches spielen in den Jahren 1989 bis 1993, und handeln insbesondere vom Versuch Adas, ihr Leben mit Hilfe einer Gesprächstherapie zu ordnen. Sie blickt auf ihre von dysfunktionaler Familienkommunikation geprägte Kindheit und Jugend zurück, die sich vor dem Hintergrund von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Mauerbau, Angst um West-Berlin und Aufbegehren der Jugend gegen das Schweigen ab Ende der 1960er-Jahre abspielte. Einerseits teilt Ada damit das Schicksal ihrer Generation, andererseits ist in ihrer Familie das Schweigen noch lauter, denn die Eltern enthalten ihr nicht nur Informationen über den eigenen Leidensweg und ihr Judentum vor, sondern ignorieren auch Adas Zweifel über Ottos Vaterschaft.

    Ein zwiespältiger Leseeindruck
    So spannend die Thematik des Romans unzweifelhaft ist, hatte ich mit der Umsetzung doch meine Schwierigkeiten. Obwohl Adas Verhalten, ihre innere und äußere Unruhe, ihre Rebellion gegen die mühsam aufgebaute Heile-Welt-Fassade und die Mauer des Schweigens, ihre Identitätssuche, ihre Drogenexperimente und schließlich ihr Bruch mit der Familie erklärlich sind, blieb sie mir doch als Figur sehr fremd. Mit einem auktorialen Erzähler oder wechselnden Erzählperspektiven, deutlichen Kürzungen im zweiten Teil und weniger direkter Rede hätte mir das Buch sicher besser gefallen. Statt alle Stationen der 68er-Bewegung kurz anzureißen und Ada bei der Anti-Schah-Demonstration ausgerechnet auf Benno Ohnesorg treffen zu lassen, hätte ich mir eine Fokussierung mit mehr Tiefgang gewünscht.

    Als Fazit bleibt mein Wunsch, den Vorgängerband möglichst bald zu lesen. Auf den Abschlussband der Trilogie werde ich dagegen verzichten.

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  1. Eine Suche nach Identität

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Okt 2020 

    Ada wird 1945 in Leipzig geboren. Die ersten Jahre ihres Lebens verbringt sie mit ihrer Mutter in Argentinien, da diese Jüdin ist. Von einem Vater fehlt jede Spur, bis die beiden 1954 nach Deutschland zurückkehren und nun in Berlin leben. Dort treten zwei Männer in Adas Leben - Otto und Hannes. Mit beiden scheint ihre Mutter eine gemeinsame Vergangenheit zu teilen, und obwohl es Otto ist, der von nun an offiziell als Adas Vater gilt, bleibt in Ada stets ein leiser Zweifel zurück. Die Frage nach ihrer wahren Identität dehnt sich auch aus auf ihre Nationalität und ihre Religion: Ist sie Deutsche, weil dort geboren, oder Argentinierin, weil dort aufgewachsen? Jüdin, da ihre Mutter eine ist, oder Christin, weil sie so erzogen wurde? Oder ist sie alles davon, oder, schlimmer - nichts? Ada selbst äußert ihrem Psychologen gegenüber, den sie später als 45-Jährige aufsucht, sie habe eine glückliche Kindheit verlebt. Und dennoch steht hinter allem stets die Suche nach einer Identität, die Frage nach Heimat und Zugehörigkeit.

    Mit Ada schenkt Berkel seinem Roman eine sympathische, vielschichtige Protagonistin. Aus der Ich-Perspektive geschrieben ermöglicht er dem Leser einen tiefen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt Adas, die sich schon als kleines Mädchen mit vielen schwierigen Themen auseinandersetzen muss, was nicht zuletzt dem gerade erst überstandenen Krieg geschuldet ist. Die Erwachsenen sind Ada keine große Hilfe, denn kaum jemand ist bereit dazu, die Vergangenheit neu aufleben zulassen, und auch Adas Mutter selbst weicht den Fragen ihrer Tochter aus.

    Der Schreibstil gefiel mir gut, trotz der ernsten Thematik musste ich beim Lesen manches Mal schmunzeln. Es gelingt Berkel, die Kulisse der Nachkriegszeit glaubhaft und eindringlich nachzuzeichnen und an vielen Stellen wird die Melancholie, das Bedrückende, geradezu greifbar. Man kann der Geschichte gut folgen, und es macht auch nicht wiklich etwas, wenn man Berkels Debüt "Der Apfelbaum" vorher nicht gelesen hat. Vielleicht hätte das die ein oder andere Frage zur Vergangenheit der Eltern Adas geklärt, aber ich bin auch so zurechtgekommen - ich war in vielen Punkten eben genauso unwissend wie Ada.

    Trotz aller positiven Aspekte hat mir irgendetwas gefehlt. Manche Szenen fand ich zu ausführlich, andere kamen mir dagegen zu kurz vor, da hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht. Außerdem war mir das Ende zu abrupt und nach dem Lesen hatte ich den Eindruck, dass da noch irgendetwas hätte kommen müssen.

    Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn ich nicht zu hundert Prozent damit warmgeworden bin!

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  1. Auf der Suche

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Okt 2020 

    Christian Berkel hat mit „ Ada“ eine Fortsetzung seines Bestsellers „ Der Apfelbaum“ geschrieben.( Das Buch lässt sich aber ohne Kenntnis des Vorgängerromans lesen.). Auch hier bedient er sich seiner komplizierten Familiengeschichte. Im „ Apfelbaum“ stand die Großeltern- und Elterngeneration im Zentrum; dieses Mal geht es um die Tochter. Allerdings ist hier die Protagonistin eine fiktive Figur.
    Ada, die kurz nach Kriegsende mit ihrer jüdischen Mutter Sala nach Argentinien emigriert ist, kehrt 1954 als Neunjährige nach Deutschland zurück. Alles wirkt fremd und kalt auf das Mädchen, die deutsche Sprache kann sie kaum. Doch Ada hofft, endlich eine richtige Familie zu haben. Als die Mutter ihr nacheinander zwei Männer vorstellt mit der Frage, welchen sie lieber als Vater möchte, entscheidet sich Ada für Otto, der ihr ein Fahrrad geschenkt hat. Doch zeitlebens wird sie sich fragen, ob ihre Entscheidung richtig war und wer wirklich ihr Vater ist. Sala und Otto heiraten. Otto arbeitet zunächst als Arzt in einer Klinik, bevor er sich mit einer eigenen Praxis selbständig macht. Ein kleiner Bruder kommt, Sputnik, der Liebling der Eltern.
    Ada ist ein verschlossenes Kind; Freunde findet sie nur schwer. Antworten auf ihre Fragen bekommt sie nicht.
    Es sind die Jahre des Wirtschaftswunders. Die Deutschen arbeiten an ihrer Zukunft, von der Vergangenheit möchten sie nichts hören. Überall herrscht das große Schweigen. „ ...selbst Eheleute schwiegen über das, was sie im Krieg erlebt hatten.“
    Ada erfährt von anderen, dass ihre Mutter Jüdin ist ( und somit sie auch selbst), dass Sala im KZ interniert war.
    Sexualität ist ebenfalls ein Tabuthema, über das nicht geredet wird. Ada macht deshalb völlig unaufgeklärt erste sexuelle Erfahrungen, die nicht ohne Folgen bleiben.
    Als Jugendliche beginnt sie zu rebellieren. Sie sehnt sich nach Freiheit, will weg von den Eltern. Sie zieht in eine Wohngemeinschaft, besucht Rock- Konzerte, probiert Drogen. Sie ist dabei, als gegen den Schah von Persien demonstriert wird, als Benno Ohnesorg erschossen wird. Sogar das legendäre Woodstock- Konzert erlebt sie mit. Ihre Erfahrungen sind typisch für viele der 68- Generation.
    Adas Geschichte bekommen wir im Rückblick geschildert. Sie ist mittlerweile Mitte Vierzig und sucht Hilfe beim Psychotherapeuten. Ihm erzählt sie ihre
    „ ganze verdammte Lebensgeschichte“.
    Christian Berkel konzentriert sich dabei auf die Zeit der 50er und 60er Jahre; danach bleibt eine Leerstelle. Vielleicht erfahren wir im geplanten dritten Teil mehr darüber.
    „ Ada“ ist der Roman einer Generation: Aufgewachsen nach dem Krieg, in einer Zeit des Verdrängens und Verschweigens. Dagegen lehnen sich die Jugendlichen auf; sie wollen endlich Antworten auf ihre Fragen.
    Christian Berkel schreibt schnörkellos und klar. Sehr gut kann er sich einfühlen in die Gefühlswelt eines Mädchens, einer jungen Frau, die auf der Suche ist nach ihrer eigenen Identität und ihrem Platz in der Welt.
    „Ada“ ist ein Buch, das ich gerne gelesen habe und ich bin schon gespannt auf den letzten Teil dieser Familien- und Zeitgeschichte.

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