Acht Berge: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Acht Berge: Roman' von Paolo Cognetti
4.85
4.9 von 5 (6 Bewertungen)

Eine unerschütterliche Freundschaft. Ein Aufbruch ins Ungewisse. Die Sehnsucht nach Heimat

Wagemutig erkunden Pietro und Bruno als Kinder die verlassenen Häuser des Bergdorfs, streifen an endlosen Sommertagen durch schattige Täler, folgen dem Wildbach bis zu seiner Quelle. Als Männer schlagen die Freunde verschiedene Wege ein. Der eine wird sein Heimatdorf nie verlassen, der andere zieht als Dokumentarfilmer in die Welt hinaus. Doch immer wieder kehrt Pietro in die Berge zurück, zu diesem Dasein in Stille, Ausdauer und Maßhalten. Er ringt mit Bruno um die Frage, welcher Weg der richtige ist. Stadt oder Land? Gehen oder Bleiben? Was zählt wirklich im Leben?

Vor der ehrfurchtgebietenden Kulisse des Monte-Rosa-Massivs schildert Paolo Cognetti mit poetischer Kraft die lebenslange Suche zweier Freunde nach dem Glück. Eine eindringliche archaische Geschichte über die Unbezwingbarkeit der Natur und des Schicksals, über das Leben, die Liebe und den Tod.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783421047786

Rezensionen zu "Acht Berge: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Dez 2018 

    Ein Buch nicht nur über eine wahre Freundschaft

    Ein wunderschönes Buch über die Natur, über eine besondere Freundschaft zweier Jungen, über eine interessante Vater-Sohn-Beziehung und über die politische Lage Italiens.

    Gefreut habe ich mich zudem, dass ich tatsächlich eine Antwort zu Ferrantes Buch habe finden können, wo ich erst dachte, dass dies nur auf dem Umschlag steht, um die Leser*innen anzulocken.

    Daher möchte ich am Ende der Besprechung etwas über dieses Buch diskutieren, über die Antwort auf Ferrantes Werk, weshalb ich gezwungen sein werde, ein paar Details mehr anzubringen, bin aber trotzdem bemüht, nicht alles zu verraten.

    Die Handlung
    Die Handlung wird aus der Ich-Perspektive des Jungen namens Pietro Guasti erzählt. Seine Eltern, die aus dem ländlichen Veneto kommen, sind mit Anfang dreißig in die Großstadt Mailand gezogen. Veneto scheint wie ausgestorben zu sein, als hätten die Bewohner Landflucht betrieben, da die Gegend für Arbeitsplätze nicht mehr lukrativ genug war und die schlechte Infrastruktur die Wirtschaft noch weiter belastet hat. Erst viele Jahre später zog das Bergdorf durch attraktive Umbaumaßnahmen jede Menge Touristen an. Es gab kaum noch Einheimische.

    Pietros Vater ist eine Kriegswaise und von Beruf studierter Chemiker. Die Mutter ist gelernte Krankenschwester, in Mailand allerdings ist sie in einem sozialen Brennpunkt als Familienhelferin tätig.

    Pietro, Einzelkind, wurde Anfang der 1970er Jahre in Mailand geboren.

    Pietros Eltern fühlten sich in dem stickigen Mailand nicht wirklich wohl und vermissten ihre Berge in den Dolomiten. Daher verbrachte die Kleinfamilie die Ferien mehrmals im Jahr in dem kleinen Bergdorf Grana.

    Pietros Vater war Einzelgänger. Er fühlte sich wohl in der Natur, war immer froh, wenn er aus der staubigen Großstadt flüchten konnte. Zusammen mit seinem Sohn ging er in die Berge wandern und klettern.

    Das Bergdorf Grana wirkte wie eine Geisterstadt, verlassen und einsam, nur noch wenige Menschen sind geblieben.

    Pietro lernte in Grana einen gleichaltrigen Jungen kennen, Bruno Guglielmina, der auf der Weide Kühe hütete. Es war schwierig, sich Bruno zu näheren. Bruno war wie Pietros Vater Einzelgänger und schien keine Freunde zu haben. Bruno hatte mit der Schule abgebrochen ... un ist es Pietros Mutter, die es schafft, dass die beiden Jungen freundschaftlich zueinanderfinden. Allmählich fasst Bruno Vertrauen zu Pietro und dessen Familie …

    Durch Pietros Mutter Einfluss gelingt es ihr, dass Bruno wieder zurück in die Schule geht und wenigstens einen Hauptschulabschluss erwirbt … Später setzte sich die Mutter noch dafür ein, Bruno mit nach Mailand zu nehmen, damit er dort mit den höheren Schulen fortsetzen konnte… Das stieß nicht nur bei Pietro auf Widerstand, denn welches Recht hatten seine Eltern, Bruno von seinem Zuhause wegzuholen, wenn er doch glücklich war mit seinem Leben als Kuhhirten …

    Je älter Pietro wurde, desto kritischer ging er mit der Lebensweise seines Vaters um. Ständig hinterfragte er den Charakter und das Verhalten seines Vaters. Nach der Schule verließ Pietro das Elternhaus, denn er ertrug seinen Vater nicht mehr, der aus seiner Sicht nur auf seine Bedürfnisse bedacht war und völlig unprofessionell wirkte, wenn es sich z. B. um das Bergsteigen drehte. Jahre später erfuhr Pietro, dass sein Vater Bruno mit in die Berge genommen hatte ...

    Pietro geht seinen eigenen Weg, bricht mit der Uni ab, um sich auf eine längere Asienreise zu begeben, um die Himalaja zu besichtigen. Zehn Jahre lang hatte er keinen Kontakt mehr zu dem Vater. Als sein Vater schließlich früh an Herzversagen stirbt, reist Pietro wieder in die Heimat zurück. Durch seine Mutter erfährt er, dass der Vater immer um seinen Sohn besorgt war, und der Stress auf der Arbeit zermürbte ihn letztendlich. Um den Tod des Vaters besser verarbeiten zu können, begibt sich Pietro in den Bergen in seine Fussstapfen ...

    Nach zehn Jahren entsteht ein neuer Kontakt zu Bruno, der inzwischen eine Maurerlehre absolviert hatte, und dennoch die Absicht verfolgt, sich beruflich zu verändern, um einen ganz anderen Bereich zu betreten, der ihm trotzdem vertraut war.

    Die beiden Jungen, die zu Männern herangereift waren, kommen sich nach so vielen Jahren über den verstorbenen Freund und Vater wieder näher und setzen ihre außergewöhnliche Freundschaft fort.

    Pietro tritt ein Erbe seines Vaters an. In den Bergen hatte er ein Grundstück mit einer alten Ruine geerbt, auf dem für ihn ein Haus hätte entstehen sollen. Das hat der Vater aber nicht mehr geschafft, und nun fühlt sich Bruno verantwortlich, dieses Haus für Pietro zu bauen. Pietro schließt sich Bruno an, packt am Hausbau mit an und so kommen sich die beiden Freunde durch dieses gemeisame Handwerk näher.

    Ein intensiver Austausch über den verstorbenen Vater findet statt. Durch Brunos Schilderungen bekam Pietro ein ganz anderes Bild von seinem Vater. Während Pietro seinen Vater abgewertet hatte, wertete Bruno ihn wieder auf. Negative Charaktereigenschaften kamen von Pietro, die positiven von Bruno. Bruno schien Pietros Vater besser zu kennen als der eigene Sohn, vielleicht, weil sie beide seelisch verwandt waren; aber auch, weil sie in ihrer Biografie Gemeinsamkeiten aufzuweisen hatten …

    Bruno setzte seine beruflichen Pläne um, und machte sich zusammen mit seiner Partnerin, die er durch Pietro kennengelernt hatte, in der Landwirtschaft selbstständig. Leider scheiterten seine Pläne, obwohl er und seine Partnerin Lara über Jahre Tag und Nacht geschuftet haben. Lara verlässt ihn mit der gemeinsamen Tochter, weil sie ihn für dieses entsetzliche Desaster verantwortlich macht. Bruno war gezwungen, Insolvenz anzumelden … Bruno war nicht bereit, rechtzeitig alle Zelte abzubrechen, um woanders einen Neustart zu wagen. Bruno hat diesen beruflichen Verlust und den Verlust seiner kleinen Familie nur sehr schwer verkraftet und zog sich als Konsequenz noch weiter von der Außenwelt zurück. Auch mit Pietro war er nicht bereit, über seinen inneren Schmerz zu sprechen, und zog wie ein Eremit ein Leben in den Bergen vor.

    Zum Schreibkonzept
    Zwei schöne Zitate sind auf den ersten beiden Seiten namhafter Autoren zu lesen. Auf den folgenden Seiten findet eine kleine Einleitung zu der Familiengeschichte Guasti statt. Der Roman ist auf 245 Seiten in drei Teilen und zwölf Kapiteln gegliedert.
    Es ist ein ruhiger und dadurch auch ein sehr angenehmer Schreibstil.

    Cover und Buchtitel
    Ich wollte gerne das italienische Cover oben mitabbilden, war aber nicht nötig, da der deutsche Verlag das italienische Cover übernommen hat.
    Der Buchtitel: Zu Beginn des Romans dachte ich erst, dass diese acht Berge die Berge der Dolomiten darstellen würden. Ich habe mich aber geirrt. Sie führen in eine völlig andere Richtung, raus aus Veneto, raus aus Italien, raus aus Europa.

    Meine Identifikationsfigur
    Bruno war meine Identitfikationsfigur.

    Was ist die Antwort auf Ferrantes Werk?
    Die Antwort ist für mich eine politische. Als Pietro nach zehn Jahren wieder nach Italien zurückgekehrt war, war er verwundert, wie sehr seine Heimat heruntergewirtschaftet wurde. Er hat sein Land fast nicht wiedererkannt. Selbst sein studierter Vater bangte zu Lebezeiten um seine Anstellung als Chemiker in einer Fabrik, die über zehntausend Arbeiter beschäftigt hat, und auch sie alle besorgt um ihren Arbeitsplatz waren. Politische Unruhen und viele Arbeiterstreiks dominierten das Land. Nun war nicht nur der Süden Italiens von der krankhaften Wirtschaftskrise befallen, auch im Norden schlug sie wie ein Krebsgeschwür um sich ...

    Und im Fall Bruno? Ja, Bruno hat es schulisch nicht weit gebracht, und wenn Pietros Mutter nicht gewesen wäre, hätte er nicht einmal einen Schulabschluss geschafft. Solche schulischen Lebensläufe findet man auch bei uns in Deutschland, aber sie sind sowohl hier als auch dort nicht die Regel. Schulschwänzer findet man überall auf der Welt.
    Biografisch gesehen besaß Bruno zwar einen Vater, aber dieser Vater war kaum für seinen Sohn da. Der Vater verließ eines Tages Sohn und Frau, weil die Frau ihn nicht mehr etrug. Brunos Mutter war eine wortkarge Person, die sich tatkräftig um ihre Wirtschaft gekümmert hat. Über Probleme wurde in dieser Familie nicht gesprochen, man ertrug sie größtenteils jeder für sich stillschweigend ... Pietros Vater war für Bruno ein Vatersubstitut. Der Junge hat in diesem Mann alles gefunden, was er an seinem Vater vermisst hatte. Deshalb betrachte ich Bruno symbolisch als eine Halbwaise. Sicher hatte Bruno seinen Freund bewundert, auch, dass er in der Welt herumkam. Das hätte Bruno auch haben können, zusammen mit Pietro, aber er traute sich das nicht zu. Es fehlte ihm an Selbstbewusstsein, und so hielt er an alt Vertrautem fest ... Und gescheitert ist Bruno am Ende trotzdem. Wer es besser wusste, suchte mutig woanders einen Weg, um die Existenz zu bestreiten, wie es Pietros Familie und viele andere Menschen getan haben.

    Zur aktuellen politischen Lage
    Die italienische Regierung schafft es durch tiefverwurzelte Mafiöse Strukturen nicht, aus der Korruption rauszukommen. Lange, lange Zeit waren auch in Italien die Südländer*innen die Bösen, nun muss auch der Norden zusehen, wo er bleibt. Viele Akademiker*innen verlassen derzeit das Land, denn selbst mit einem abgeschlossenen Studium ist es schwer für einen jungen Menschen, in Italien Fuß zu fassen ...

    Die Mieten sind überteuert, und die Gehälter reichen nicht aus, sich ein eigenes Leben aufzubauen, und so bleiben viele junge Leute erstmal bei den Eltern wohnen, bis sie heiraten oder andere Lösungen, die ins Ausland führen, gefunden haben. Hier in Deutschland heißt es, die erwachsenen Kinder würden im Hotel Mama wohnen bleiben; ein Vorurteil, das nicht mehr aus den Köpfen zu bekommen ist. Ohne den Familienverband ist ein Leben in Italien nach wie vor sehr schwer aufrechtzuerhalten. Das Vertrauen zu den Politkern ist schon längst ausgespielt. Aber sie wählen diese Politiker, weil es keine anderen gibt. Viele verweigern die Wahl, gehen nicht mal mehr an die Wahlurne.

    Bruno und seine Partnerin haben gerackert und geschuftet und sind trotzdem auf keinen grünen Zweig gekommen.

    Derzeit haben die Italiener*innen rechts gewählt, mit der Hoffnung, dass die neue Regierung Arbeitsplätze schafft. Aber tief in ihnen drin, wissen sie, dass sich nichts an dieser maroden Regierung ändern wird, auch wenn die Gesichter im Parlament durch Versagen der Regierung ständig zu wechseln scheinen.

    Elena Ferrante hat die Politik in ihrem Buch völlig ausgeblendet. Ich habe nur den ersten Band gelesen, den ich dermaßen einseitig destruktiv erlebt habe, dass ich die Folgebände boykottieren musste. Ich habe mich gewundert, dass viele studierte Leser*innen hierzulande dieses Werk so hochgelobt haben. Mir fehlt dafür jegliches Verständnis. Ein Buch voller Klischees, voller Vorurteile, wieso finden das die Leser*innen in Deutschland gut? Würde man über Deutschland ein dermaßen einseitiges destruktives Bild abwerfen, da würde jeder Deutsche protestieren. Warum also so unkritisch Ferrante lesen? Ich kenne in Italien so viele Italiener*innen, die ehrlich und hart ihren Unterhalt bestreiten müssen und sie trotz der Armut ihre Kinder dennoch auf die höhere Schule schicken. Es sind viele freundliche und kinderliebende Menschen, die es nicht verdient haben, in der Literatur so abgedroschen zu werden. Keiner würde ihre Kinder aus dem Fenster werfen, wie Ferrante versucht, es uns glaubhaft zu machen. Böse Menschen gibt es überall auf der Welt, aber überall auf der Welt gibt es auch gute. Die Guten musste ich bei Ferrante mit der Lupe suchen und konnte auch mit der Lupe nicht wirklich fündig werden.

    Und wenn man nun beide Werke miteinander vergleicht, Cognettis und Ferrantes Werk, so hat Cognetti schlechter in der Punktevergabe abgeschnitten als Ferrante. Das gibt mir zu denken ...

    Mein Fazit
    Ich selbst fand das Buch richtig toll und freue mich dadurch, Paolo Cognetti kennengelernt zu haben; ein italienscher Autor, der sich wunderbar für mein Italien-Leseprojekt eignet. Ein Buch ohne Klischees und völlig frei von Stereotypen. Ich bin dankbar, dass Cognetti dieses Buch geschrieben hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Jul 2018 

    Weiter Blick

    Bereits als er noch ein Kind war nahm sein Vater ihn mit in die Berge. Er konnte nie schnell genug nach oben kommen. Pietro meint, jeder habe seine eigene Höhe. Sein Vater wollte immer ganz nach oben, während seine Mutter sich eher auf den Almwiesen wohl fühlte. Die ersten Urlaube aus Mailand heraus führten die Familie in einen halb verlassenes Bergdorf. Dort lernt Pietro den nur ein paar Monate älteren Bruno kennen. Der Bergbauernbub zeigt Pietro eine andere Welt. Und gemeinsam mit dem Vater besteigen sie so manchen Berg. Doch die Zeit macht vor den Kindern nicht halt und ihre Wege entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen.

    Will der Vater durch die gemeinsamen Wanderungen mit seinem Sohn die Wanderungen ersetzen, die er mit dem früh verstorbenen Bruder seiner Frau unternommen hat? Ist er deshalb so rastlos? Pietro bleibt den Bergen immer verbunden, wenn auch auf andere Art und Weise. Zur Enttäuschung des Vaters bricht er sein Studium ab und wird Dokumentarfilmer. Sein Weg führt ihn dabei in die Bergwelten Nepals. Müsste sein Vater nicht so etwas wie Stolz empfinden. Sein Jugendfreund Bruno bleibt sehr heimatverbunden, neben seiner Arbeit als Maurer wird es sein Traum einen Bauernhof zu führen.

    Kann der weite Blick von einem Bergwipfel verbinden oder auch entzweien? Es scheint als wolle der Autor dieser oder einer ähnlichen Frage nachgehen. Soll Pietro einen verwaisten Platz einnehmen? Will der dem Vater entfliehen, indem er sich verweigert? Und kommt er doch nicht von den Bergen los? Und welcher Platz kommt Bruno zu, der doch so erdverbunden scheint. Ist er vielleicht der wahre Träumer? Manchmal ist eher der Weg das Ziel. Und so bleiben etliche Schwingungen zwischen den handelnden Personen der Interpretation des Lesers vorbehalten. Diese offene Schreibweise regt die Phantasie an und gibt dem Roman einen gewissen Nachhall. Die einfühlsamen Beschreibungen des kargen Lebens in den Bergen geben dem Buch jedoch seinen eigentlichen Gehalt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Feb 2018 

    Zwei unterschiedliche Lebenswege

    "Ihre ersten Berge, ihre erste große Liebe, waren die Dolomiten gewesen." (S.8)

    Den Roman habe ich mir in einer Buchhandlung in Brixen, Südtirol gekauft, zu Beginn des Skiurlaubs in den Dolomiten. Passende Lektüre für einen Urlaub in den Bergen, die auf mich eine genauso große Faszination ausüben, wie auf den Protagonisten Pietro.

    Worum geht es?
    Pietros Eltern leben in Mailand, kommen aber aus einem kleinen Bergdorf aus dem ländlichen Veneto. Sein Vater ist Kriegswaise und ein besessener Gipfelstürmer, der sich nur in den Bergen zuhause fühlt.

    "Meine Mutter, die ihn schon von klein auf kannte, erzählte, dass er schon damals auf niemanden warten wollte, so wild war er darauf gewesen, jeden einzuholen, den er vor sich hatte. Deshalb musste man gut zu Fuß sein, im in den Augen meines Vaters Gnade zu finden." (S.7)

    In Mailand hingegen ist er ein anderer Mensch, statt auf die Gipfel blickt er auf die Autobahn, so dass sich Pietros Eltern im Juli 1984 ein Haus in Grana mieten, das am Monte Rosa Massiv liegt, am Fuße des Grenon.
    Dort lernt Pietro den Kuhhirten Bruno kennen, der auch 11 Jahre alt ist. Sie freunden sich an und verbringen die folgenden Jahre jeden Sommer gemeinsam, erforschen den Wildbach, erkunden verlassene Ruinen und klettern an Berghängen, wobei Bruno stets vorne weg läuft.

    "Vermutlich war schon damals klar, dass ich ihm überallhin folgen würde." (S.29)

    Pietros Vater kann wegen seiner Arbeit immer nur für wenige Tage bleiben, doch seine Mutter blüht in Grana auf. Sie knüpft Freundschaften, liest, pflanzt Blumen und kümmert sich um das Haus - und sie stellt Nachforschungen zu Brunos Familie an, denn er lebt mit seiner Mutter alleine unter der Fürsorge seines Onkels.

    Blick auf den Sella-Stock, Südtirol
    In diesem ersten Sommer beschließt Pietros Vater, dass sein Sohn ihn auf seinen Bergtouren begleiten soll. Eine seltsame Erfahrung für den Jungen, dem der Gipfel nichts bedeutet. Sein Vater hingegen scheint ein anderer Mensch dort oben zu sein. Gemeinsam mit Bruno unternehmen sie auch eine Wanderung auf den Gletscher, auf dem Pietro höhenkrank wird. Statt der erwarteten Wut, reagiert sein Vater mit Angst und kehrt sofort um. Ein Ereignis aus seiner Vergangenheit scheint ihn zu verfolgen. Warum ist er so besessen davon, alle Berge zu erklimmen, abzuhaken auf einer riesigen Landkarte. Warum fühlt er sich nur auf dem Gipfel wirklich frei?

    Bruno wird Teil der Familie, mit seiner Wissbegierigkeit und Bewunderung für Pietros Vater wäre er der ideale Sohn gewesen. Die Familie unternimmt den Versuch, Bruno mit nach Mailand zu nehmen, damit er weiter auf die Schule gehen kann. Doch dessen Vater verhindert dies, so dass Bruno in den Bergen bleibt und Maurer wird, während die Freundschaft der beiden für eine lange Zeit unterbrochen wird.

    Sie finden wieder zueinander, als Pietros Vater stirbt und ihm ein "Haus" in den Bergen vermacht. Pietro bedauert, dass er seinen Vater Jahre zuvor abgewiesen hat und erkennt, dass er vieles mit seinem Vater gemeinsam hat.

    "Ich wusste nicht mehr, warum ich die Berge hinter mir gelassen, und auch nicht, was ich stattdessen geliebt hatte, als meine Liebe zu ihnen erloschen war. Aber wenn ich allmorgendlich schweigend aufstieg, war es so, als würde ich wieder meinen Frieden mit ihnen machen." (S.138)

    Er begibt sich auf Spurensuche und erfährt, warum sein Vater im Sommer die Berge bezwingen und seine Erinnerungen an Vergangenes auslöschen will.

    "Aber der Gletscher ist der Schnee vergangener Winter, die Erinnerung an einen Winter, der einfach nicht vergehen will." (S.148)

    Bewertung
    Der Roman erzählt die Geschichte zweier ungleicher Freunde. Während der eine sein Leben lang in dem kleinen Bergdorf bleibt, reist der andere in die fernen Bergwelten des Himalaya. Ihre unterschiedlichen Lebenswege spiegeln sich in einem tibetanischen Symbol, das ein alter Nepalese Pietro erklärt:

    "Für uns ist der Mittelpunkt der Welt ein sehr hoher Berg, der Sumeru, der wiederum von acht Bergen und acht Meeren umgeben ist. Das ist unsere Vorstellung von der Welt. (...) Wer hat mehr gelernt? Derjenige, der alle acht Berge gesehen, oder derjenige, der den Gipfel des Sumeru bestiegen hat?" (S.170)

    Die Frage, die man sich beim Lesen zwangsläufig stellt: Welcher Weg ist der bessere? Zu allen Bergen reisen oder den höchsten besteigen. Im eigenen Umfeld bleiben oder Unbekanntes entdecken. Der Roman gibt keine Antworten, sondern stellt viele existentielle Fragen, so dass mehr als nur eine gute Geschichte erzählt wird.

    Neben der Freundschaft steht die schwierige Vater-Sohn-Beziehung im Mittelpunkt. Pietro macht sich Vorwürfe, da er den Vater zurückgewiesen hat - ein Verhalten, das zum Erwachsen werden dazu gehört. Doch die beiden gehen nicht mehr aufeinander zu - bis es zu spät ist? Wann ist es Zeit, den ersten Schritt zu tun? Wie gehe ich mit der Schuld um? Eine Frage, der sich Pietros Vater zeitlebens stellt, warum will ich hier nicht verraten.

    Mich hat dieser Roman nicht nur bewegt, weil ich die Faszination für die Berge teile, sondern weil er zwei Lebensweisen und -einstellungen gegenüberstellt, ohne diese zu bewerten. Und man sich zwangsläufig die Frage stellt, welchen Lebensweg man selbst eingeschlagen hat und ob dies der richtige gewesen ist.

    "Wenn man noch jung ist, kann man vielleicht noch umsatteln. Aber irgendwann muss man in sich gehen und sich eingestehen: Das kann ich, und das kann ich nicht." (S.238)

    Ein Roman, für den man Muße braucht - ein klare Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Okt 2017 

    Ein schönes Buch über die Liebe zu den Bergen.

    Inhalt: Pietro und Bruno sind beste Freunde, die in den Bergen aufgewachsen sind. Während der eine den Drang verspürt, die Welt zu bereisen, verlässt der andere sein Tal nie. Wer von den beiden macht das Richtige? Was bedeutet Glück? Was Schicksal? Das Buch verfolgt Pietro und seinem unsteten Leben, wie er immer wieder zu Bruno zurückkehrt und die beiden Welten, Weltansichten aufeinanderprallen.
    Persönlich gefällt mir das Buch deshalb so gut, weil die Natur der Berge so wunderbar beschrieben wurde. Aber auch der Versuch heute als Bergbauer zu überleben und das Bedürfnis, in einem fremden Land Fuß zu fassen, sind alles Dinge, mit denen ich selbst konfrontiert war und bin. Wer aber nicht wie ich in den Bergen aufgewachsen ist und sich derart in die beiden Freunde hineinversetzen kann, wird wohl dem Buch nicht so viel abgewinnen. Vielleicht täusche ich mich da aber auch. Vielleicht ist diese Bergwelt derart exotisch, dass sie wieder interessant wird. Denn beschrieben wird sie wunderbar. Genauso wie die – traurige? – Veränderung dieser in den letzten 40 Jahren.
    Auch wer schon immer mal wissen wollte, wie die Arbeit eines Hirten funktioniert, wie man auf 2.000 Meter Höhe ein Haus baut, wie Käse produziert wird oder wo ein Fluss entspringt, der sollte hier mal reinschauen. Alles wird so gut erklärt, als wäre man selbst dort und schaut zu.
    Es ist ein ruhiges Buch, das gemächlich dahintreibt wie der kleine Bergbach und dem Leser genug Zeit lässt, selbst über die Fragen des Lebens nachzudenken. Ich habe es dennoch an einem Wochenende verschlungen, so gut hat es mir gefallen. Das Buch wird aber auch von einer interessanten Spannung angetrieben, da man schon wissen möchte, was aus den Beiden wird. Die Frage nach dem Glück muss am Ende aber jeder für sich selbst beantworten.
    Fazit: Sehr zu empfehlen.

    Hier geht es zum Originaltext und weiteren Rezensionen: https://meinekritiken.com/2017/10/28/buch-cognetti-paolo-acht-berge/

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Okt 2017 

    Geschichte einer Männerfreundschaft vor beeindruckender Kulisse

    Angezogen hat mich dieses Buch nicht zuletzt seiner optischen Schönheit wegen: Wenn man den Roman fertig gelesen hat, ist das Cover nicht nur schön, sondern auch absolut passend gewählt.

    Es geht im Kern um die lebenslange Freundschaft von Bruno und Pietro. Beide freunden sich im Bergdorf Grana an, in dem Bruno zu Hause ist und Pietro regelmäßig seine Sommerferien verbringt. Was als gemeinsames abenteuerliches Erkunden der Umgebung beginnt, begleitet die Freunde das ganze Leben lang.
    Sie verlieren sich auch für einige Jahre aus den Augen, ein Todesfall bringt sie als Erwachsene jedoch wieder zusammen, die einmal geschaffene Freundschaftsbasis hält den Widrigkeiten des Lebens stand. Ohne viele Worte versteht und respektiert man sich.

    Es geht aber auch um Lebensentwürfe, Vaterbeziehungen, Familie und Heimat in diesem Roman.

    Der Ich-Erzähler ist Pietro. Auch wenn er in der Stadt aufgewachsen ist, verbindet ihn schon früh eine ganz besondere Beziehung zu den Bergen, sie lassen ihn nicht los, auch wenn er in die Welt hinausgeht. Bruno wird seine Heimat indessen nie verlassen.

    „Acht Berge“ ist ein ruhiges Buch. Beeindruckend die Sprachgewalt, die die Welt der Berge wunderbar beschreibt. Auch Charaktere und Beziehungen sind treffend dargestellt.

    Mich hat das Buch restlos überzeugt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Sep 2017 

    Grandios

    Den Vater haben die Berge nie losgelassen, aber er hatte eine besondere Art sie zu erobern, gar zu bezwingen. Er schaute beim Gehen nicht nach rechts oder links, er machte keine Pausen, er hatte nichts als den Gipfel im Blick. Sobald Pietro alt genug ist, wird er vom Vater mitgenommen, die Touren länger und härter und die Höhenkrankheit, die ihn überfällt, übersieht der Vater meist.
    So hätte Pietro nie die Berge lieben gelernt, wenn nicht die Mutter gewesen wäre. Sie ist eine Frau, die die Mitte liebt, sie braucht keine Gipfel, es genügen ihr die Almen und die Bergdörfer. Grana wählt sie als sommerliches Feriendorf aus, sie mieten eine Wohnung und verbringen viele herrliche Wochen dort, auch wenn der Vater oft nur kurze Zeit aus Mailand kommen kann. Dort lernt Pietro auch Bruno kennen. Der Bub lebt als Hütejunge bei seinem Onkel, der Vater ist ein meist abwesender gewalttätiger Säufer, die Mutter hat sich ganz in sich zurückgezogen.
    Zwischen Bruno und Pietro entwickelt sich eine Freundschaft, die ohne viel Worte auskommt. Sie vertrauen einander, sind fast Brüder im Geist und wenn der Sommer endet, gehen sie auseinander und wissen doch, dass sie bald wieder zusammen sein werden.
    Viel später haben sich die Lebenswege endgültig getrennt, Pietro hat mit seinem Vater gebrochen und sein Studium aufgegeben. Er reist als Dokumentarfilmer ruhelos um die Welt. Bruno ist im Tal geblieben. Das Angebot der Gualdis, Bruno nach Mailand zur Ausbildung mitzunehmen, hat der Vater und auch der Onkel verhindert. Als Maurer verdient Bruno nun gutes Geld, aber es ist nicht der Weg, den er sich erträumte.
    Der Tod von Pietros Vater bringt die zwei wieder zusammen, eine Almhütte sollen sie als Rückzugsort wieder aufbauen, das Grundstück bekommt Pietro mit dieser Bitte vererbt. In diesem Sommer werden die zwei wieder eins. Eine Männerfreundschaft, innig und vertrauensvoll, trotz unterschiedlicher Lebenswelten eine Einheit.
    Eine Freundschaft, die über viele Jahre und Unterbrechungen felsenfest bleibt, die Beschreibung der Landschaft und der Bergwelt, die mich tief beeindruckt hat und dazu die Figuren Bruno, Pietro und die Eltern Gualdi, die mich berührten, das alles hat mir dieses Buch sehr ans Herz wachsen lassen. Dabei wird nicht verschwiegen, dass es die Bergwelt der Kinder nicht mehr gibt, Straßen haben die Täler durchzogen und Skilifte die Berghänge erobert. Die Gefahren lauern nicht mehr nur in Gletscherspalten, sondern in einer Welt, in der Berge zum Erlebnisfaktor geworden sind. Das müssen auch Bruno und Pietro schmerzhaft erfahren.
    Es gibt nicht viele Bücher, die in ihrer Einfachheit grandios sind. Für mich zählen die „Acht Berge“ von Paolo Cognetti dazu. Das Buch lässt mich berührt, traurig und gleichzeitig auch glücklich zurück und ich weiß, dass ich es noch oft zur Hand nehmen werde. Ich bedaure nur, dass ich mit meinen Worten diesem Roman nicht gerecht werden kann.