Abgrund

Buchseite und Rezensionen zu 'Abgrund' von Sigurdardóttir, Yrsa
4
4 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Abgrund"

So hatte sich Anne Detlefsen den ersten gemeinsamen Urlaub nicht vorgestellt: Statt mit ihr die Sonne von Santa Cruz zu genießen, hat Hermann Pauli sich auf die Suche nach einem seltsamen Hai begeben, der selbst den Experten der örtlichen Charles-Darwin-Forschungsstation Rätsel aufgibt. Ist es möglich, dass die Lebensgemeinschaften im Meer sich rasant verändern? Und auch Anne bekommt plötzlich zu tun. Als vor der Insel Nacht für Nacht Schiffe in Flammen aufgehen, juckt es die Leiterin der Kieler Mordkommission in den Fingern, der Sache auf den Grund zu gehen. Kommt der Brandstifter aus den Reihen der Fischer, die zur Durchsetzung ihrer Interessen bekanntlich auch vor Gewalt nicht zurückschrecken? Die Verhältnisse sind kompliziert – im Wasser wie an Land.
Fesselnd und zugleich sachlich fundiert gewährt Bernhard Kegel in seinem neuesten Wissenschaftsroman Einblicke in Faszination und Abgründe der biologischen Forschung – diesmal vor der zauberhaften und legendenumrankten Kulisse des Galapagos-Archipels.

Format:Broschiert
Seiten:400
Verlag:
EAN:9783442758470

Rezensionen zu "Abgrund"

  1. Menschliche Abgründe

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Jul 2020 

    Der Investmentbanker Helgi Fridriksson findet am Galgenfelsen, einer historischen Hinrichtungsstätte, sein tödliches Ende. Es ist ganz klar ein inszenierter Suizid, denn dem Toten wurde auch mit einer Nagelpistole in die Brust geschossen. Gleichzeitig wird die Kinderpsychologin Freya zu einer Wohnung gerufen, in der sich ein Kind alleine befinden soll. Es ist dies die Wohnung des Ermordeten. Doch wer der kleine Siggi ist und wohin seine hochschwangere Mutter verschwunden ist, gibt Freya und Kommissar Huldar einige Rätsel auf.
    Abgrund ist nun der vierte Band aus der Serie von Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freya von der isländischen Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardóttir. Und wieder begibt sich die Autorin in Abgründe menschlicher Verderbtheit.
    „Helgi kam auf seinen unsicheren Beinen ins Schwanken und begriff, dass er am Ende runterfallen würde. Doch aus irgendeinem Grund machte ihm das keine Angst. Es war ja nicht so furchtbar hoch, und außerdem war das ein Traum oder etwa nicht? Die Abgründe in seinen Träumen waren bodenlos.“
    In diesem Thriller legt Yrsa Sigurdardóttir eine eher langsame Gangart an den Tag. Fast schon beschaulich schildert sie, wie Helgi von seinem Mörder in den Tod gebracht wird: in einer schroffen Landschaft, die aus heißen Lavaströmen entstand und - als diese erkalteten - zerklüftete und bizarre Formen annahm. Genauso kalt und bizarr sind die Machenschaften der Freundesclique, der Helgi angehörte. Der Leser (und Hörer) ist den Ermittlern weit voraus und trotzdem hält die Autorin den Spannungsbogen schon straff. Dabei bedient sich Yrsa Sigurdardóttir keiner Effekthascherei und übt auch ganz unverhohlen Kritik am (isländischen) Rechtssystem.
    Die kleinen charmant bissigen Begegnungen zwischen Huldar und Freya dürfen in diesem Teil natürlich auch nicht fehlen, halten sich aber bei diesem Band eher im Hintergrund. Man kann diesem Band auch sehr gut folgen, ohne die Vorgeschichte der beiden zu kennen.
    Was ich besonders zu schätzen weiß, ist die überraschende Auflösung des Falles. Und wenn man glaubt alles zu wissen, dann kommt noch einmal eine kleine Wendung.
    In der Hörbuchvariante besticht Dietmar Wunder wieder einmal mit seiner vielfältigen Erzählstimme.

  1. Spannung mit Niveau

    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Jun 2020 

    „Irgendetwas stimmte hier nicht. Huldar korrigierte sich: Hier stimmte gar nichts. Absolut gart nichts.“ (Zitat Seite 188)

    Inhalt
    Ein Toter hängt zwischen zwei Lavafelsen, auf Grund der historischen Bedeutung des Ortes genannt Galgenfelsen. Es ist Helgi Friðriksson, ein sehr vermögender Investmentbanker. Zuerst denken die Ermittler an Selbstmord, doch ein Nagel mit dem Rest eines Notizzettels in der Brust des Toten zeigt, dass es sich um Mord handelt. Als Huldar zur Adresse des Toten kommt, findet er in der stylischen Wohnung Freyja vor, die sich um einen vierjährigen Jungen kümmert, der seinen Namen, Siggi, kennt und die sehr geläufigen Kurzformen der Vornamen seiner Eltern, aber weder Familiennamen, noch Adresse. Er weiß nur, dass er nicht in dieser Wohnung wohnt, in der das Jugendamt ihn auf Grund eines anonymen Anrufes gefunden hat. Parallel zu den Ermittlungen im Mordfall Helgi muss das Team auch nach den Eltern des kleinen Jungen suchen. Offenbar gibt es keinerlei Zusammenhänge, oder doch?

    Thema und Genre
    In diesem spannenden Thriller geht es um einen mysteriösen Mordfall und die schwierige Suche nach den Eltern eines kleinen Jungen. Gesellschaftskritische Hintergründe sorgen für Tiefgang.

    Charaktere
    Kommissar Huldar und die Psychologin Freya ergänzen einander bei den Ermittlungen und
    auch die junge, engagierte Lína passt sehr gut in das Team von Huldar, auch wenn die schroffe Vorgesetzte Erla dies anders sieht. Die einzelnen Figuren der Ermittler in diesem verworrenen Fall sind als unterschiedliche Charaktere sehr gut und realistisch geschildert.

    Handlung und Schreibstil
    Die packende Handlung spielt in einem knappen Zeitraum, denn in den Ermittlungen drängt die Zeit. Der Hintergrund der Geschichte wird Stück für Stück, gleich kleinen Puzzleteilen, offengelegt. Nach zahlreichen Wendungen ergeben sich am Schluss die nicht vorhersehbaren Zusammenhänge. Die Ereignisse sind jedoch immer nachvollziehbar und stimmig. Eine geniale Wendung bildet den überraschenden Abschluss dieses neuen, vierten Falles des Ermittlerteams. Der Schreibstil ist dem Genre Thriller angepasst, enthält aber auch interessante Beschreibungen und bietet mit einer guten Prise Humor ein spannendes, begeisterndes Leseerlebnis.

    Fazit
    Ein packender Thriller mit sympathischen Ermittlern, der den Lesern Rätsel und überraschende Wendungen bietet. Ein Pageturner und Garantie für eine lange Lesenacht.

  1. Ein unbescholtener Mann

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Mai 2020 

    In einer Wohnung treffen die Psychologin Freya und Kommissar Huldar wieder mal zusammen. Freya soll einen kleinen Jungen abholen, der allein in der Wohnung sein soll. Und wie sich herausstellt, ist der gerade ermordet aufgefundene Helgi Besitzer der Räumlichkeiten. Helgi war alleinstehend, es ist daher erstmal unerklärlich, wie der kleine Junge dorthin kam. Siggi ist noch zu jung, um sich richtig erinnern zu können. Auch der Mord gibt Rätsel auf. Als Investmentbanker war Helgi wohlhabend und ein unbeschriebenes Blatt. Am Abend seines Todes war er mit ein paar Freunden unterwegs, denen erst etwas später aufgefallen war, dass er verschwunden ist.

    Es ist bereits das vierte Mal, dass Freya und Huldar die Klingen kreuzen, wobei ihre kleinen Geplänkel erfrischend friedlich ablaufen. Dafür wird Huldar umso mehr von seiner Chefin Erla und seiner neuen Kollegin Lína mit Beschlag belegt. Lína ist eine der ersten Studierten auf dem Revier und mit ihrem unerschöpflichen theoretischen Wissen eckt sie speziell bei Erla an. Besonders wenn sie recht hat. Das war auch schon am Fundort des Opfers so. Dort war die Untersuchung durch andere Umstände äußerst schwierig. Und wie so häufig passt am Anfang nichts zusammen.

    In diesem Kriminalroman passt die Mischung wirklich. Ein sehr spannender Fall, mit dem ein brisantes Thema angepackt wird und in dem es immer wieder zu Überraschungen kommt. Dann die unterschwelligen Stimmungen auf der Wache, die Kollegen, die sich manchmal eher weniger gut verstehen und Huldar, der mit Ideenreichtum versucht den Kontakt zu Freya zu verbessern. Was so harmlos schien, entwickelt sich zu einem ausgeklügelten Rätsel, dem man als Leser nicht auf die Spur kommt. Man wird hineingesogen und gepackt und man muss einfach weiterlesen, bis man weiß, wie alles zusammenhängt. Hiermit zeichnet sich die Reihe wirklich aus und das angesprochene Thema lässt einen darüber nachdenken, wie Menschen miteinander umgehen. Es ist ein Buch, über dessen Handlung man nicht allzu viel verraten darf, die Offenbarungen, die auf den Leser warten, fesseln einfach dann am meisten, wenn sie jeder selbst entdecken kann.

    4,5 Sterne

  1. Keine Idylle auf den Galapagosinseln...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Sep 2017 

    So hatte sich Anne Detlefsen den ersten gemeinsamen Urlaub nicht vorgestellt: Statt mit ihr die Sonne von Santa Cruz zu genießen, hat Hermann Pauli sich auf die Suche nach einem seltsamen Hai begeben, der selbst den Experten der örtlichen Charles-Darwin-Forschungsstation Rätsel aufgibt. Ist es möglich, dass die Lebensgemeinschaften im Meer sich rasant verändern? Und auch Anne bekommt plötzlich zu tun. Als vor der Insel Nacht für Nacht Schiffe in Flammen aufgehen, juckt es die Leiterin der Kieler Mordkommission in den Fingern, der Sache auf den Grund zu gehen. Kommt der Brandstifter aus den Reihen der Fischer, die zur Durchsetzung ihrer Interessen bekanntlich auch vor Gewalt nicht zurückschrecken? Die Verhältnisse sind kompliziert – im Wasser wie an Land...

    Einen interessanten Ort hat Bernhard Kegel sich hier ausgesucht für seinen dritten Roman um den Meeresbiologen Hermann Pauli. Die Galapagosinseln dürften jedem aus dem Biologieunterricht bekannt sein, als Charles Darwin und seine Evolutionstheorie Thema waren. Doch dass das Archipel zu Ecuador gehört und 1000 km westlich der ecuadorianischen Küste in Äquatornähe in Südamerika liegt, habe ich erst hier erfahren. Blauäugig war ich bislang davon ausgegangen, dass diese weltbekannte Inselgruppe selbstverständlich unter Naturschutz steht und unbewohnt ist, höchstens Forscher mit Ausnahmegenehmigung Zutritt erhalten. Nun, tatsächlich gehören Flora und Fauna der Galapagosinseln zum Weltnaturerbe der UNESCO und werden durch einen Nationalpark geschützt. Doch Menschen gibt es dort tatsächlich auch, Bewohner der Inseln, Siedlungen und Städte, einen Flughafen gar. Neben Fischern gibt es dort v.a. Menschen, die vom Tourismus leben, der zwar die größte Einnahmequelle, zugleich aber auch die größte Bedrohung für das sensible Ökosystem und die Tierwelt des Archipels darstellt. Von ca. 11000 Touristen im Jahr 1979 schnellte die Zahl auf über 200000 Touristen seit 2013 hoch. Aber es gibt dort, wie erwartet, natürlich auch die Forscher, die Charles-Darwin-Forschungsstation und ein großes Engagement hinsichtlich der Erhaltung der Artenvielfalt.

    Die jeweilige Interessenslage der Fischer, der Toursimusbranche und der Forscher kollidieren hier zwangsläufig, und darum dreht es sich in diesem Roman unter anderem. Während Hermann Pauli sich als Meeresbiologe selbst in seinem Urlaub v.a. auf dem Meer aufhält und möglichen neuen Arten nachjagt, hat es seine Freundin Anne Detlefsen an Land mit ganz anderen Problemen zu tun. Mysteriöse Schiffbrände halten die Insel in Atem und sorgen für eine Zuspitzung der Spannungen zwischen den Fischern, den Touristen und den Forschern. Wer hätte das stärkste Motiv, die Schiffe in Brand zu setzen? Schuldzuweisenungen gibt es reichlich, doch Anne kommt schließlich ein grässlicher Verdacht...

    Was sich hier wie ein spannender Plot liest, hätte in der Tat einer sein können. Doch Bernhard Kegel vernachlässigt in seinem Roman den Aspekt der Spannung nur zu schmerzlich. Langgezogene Schilderungen, langatmige Szenen und wenig ergiebige Dialoge nehmen ordentlich Tempo aus dem Geschehen. Noch dazu ist es letztlich keine Überraschung mehr, als der Täter gefunden wird, was ebenfalls ernüchternd ist. Beim Lesen entstand bei mir zunehmend der Eindruck, dass zwar der Rahmen eines Spannungsromans gewählt wurde, jedoch ganz andere Inhalte vermittelt werden sollten. Im Wesentlichen geht es hier doch um die wissenschaftlichen Hintergründe, die zwar nicht uninteressant sind, die aber doch zu viel Raum einnehmen und zudem noch häufig mit einem mahnend erhobenen Zeigefinger präsentiert werden und damit einfach nur ein moralinsaures schlechtes Gefühl vermitteln.

    "Mittlerweile verliert unser Planet neuesten Studien zufolge zwischen 11000 und 58000 Tierarten pro Jahr, ein unaufhörlicher Aderlass unserer biologischen Vielfalt, der sich zu einem katastrophalen Massenaussterben addiert, dem sechsten in der Geschichte des Lebens, verursacht zum ersten Mal durch eine einzige Tierart, durch uns, den Homo sapiens."

    Ein Roman, der interessantes Hintergrundwissen vermittelt, der jedoch keine Spannung aufkommen lässt und damit für mich am Ziel vorbeigeschossen ist. Schade, da hatte ich mir mehr erwartet...

    © Parden