Abendrot

Buchseite und Rezensionen zu 'Abendrot' von Kent Haruf
5
5 von 5 (10 Bewertungen)

Holt, eine Kleinstadt im Herzen Colorados. Jeder der Einwohner hier hat sein Päckchen zu tragen. Und jeder von ihnen ist bemüht, dem Leben einen Sinn abzutrotzen. Zwei alte Viehzüchter müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. Ein Ehepaar kämpft ums schiere Überleben – und um die Kinder, die man ihnen wegnehmen will. Und zwei Teenager sehnen sich nach Abenteuern fernab von Holt. Aber dann gerät das Leben aller komplett aus den Fugen – und sie begegnen einander neu.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
Verlag: Diogenes
EAN:9783257070453

Rezensionen zu "Abendrot"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Mär 2019 

    Eine wunderbare Geschichte

    Eine wunderbare Geschichte

    Abendrot von Kent Haruf

    Kent Haruf verstarb im Jahr 2014, er hinterließ 6 Romane, die alle in dem kleinen Städtchen Holt spielen.

    In diesem Roman gibt es ein Wiedersehen mit den beiden Viehzüchtern, die bereits im Vorgänger " Lied der Weite" eine zentrale Rolle inne hatten. Die McPheron Brüder nahmen damals das schwangere, junge Mädchen Victoria Roubideaux auf, gaben ihr und später auch ihrer Tochter ein gutes Zu Hause.
    In Abendrot verlässt Victoria die beiden alten Kauze um zu studieren. Ein schwerer Abschied, aber trotz der Distanz bricht der Kontakt nicht ab. Als Raymond seinen Bruder durch einen tragischen Unfall auf der Weide verliert, kommt Victoria zur Unterstützung zurück.
    Ein weiterer Handlungsstrang erzählt von einer Familie, die sehr bescheiden in einem Wohnwagen lebt. Rose und Luther sind nicht in der Lage alle wichtigen Entscheidungen für ihre beiden Kinder zu treffen, sie bekommen Unterstützung von einer Sozialarbeiterin. Die Eltern lieben ihre Kinder, dennoch schaffen sie es nicht sie vor allen Gefahren zu schützen.
    DJ lebt mit seinem Großvater zusammen. Als dieser eine ernste Lungenentzündung bekommt, zeigt der Junge, dass er schon sehr viel Verantwortung übernehmen kann. Trotzdem sollte ein Kind in so jungen Jahren unbedarft durchs Leben gehen. DJ freundet sich mit Dena an, deren Mutter die Trennung nicht verkraftet hat und sich seitdem gehen lässt. Die beiden suchen sich einen Ort, den sie mit alten Dingen herrichten, als Zufluchtsort vor der unangenehmen Realität.

    Diese Menschen werden sich teilweise im weiteren Verlauf des Romans begegnen. Kent Haruf schafft es, dass neue Wege geschaffen werden, die einen Teil dieser Menschen wieder zu einem glücklichen Leben verhilft. Er zeigt aber auch ganz klar die Kehrseite des Lebens, denn nicht für alle verläuft es rosig. Das kleine fiktive Städtchen ist mir ans Herz gewachsen. Auch wenn der Autor keinen blumigen Erzählstil hat, sind dennoch viele emotionale Elemente vorhanden. Durch die Kargheit der Sprache, durch die Schnörkellosigkeit, die meist vorherrscht, bringt er vieles auf den Punkt, ohne Untertöne die missverstanden werden könnte.
    Kent Haruf zählt für mich zu den Autoren, deren Romane ich sehr gerne lese, auch weil sie mir immer nachhaltig in Erinnerung bleiben.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Feb 2019 

    Hart ist das Leben im Mittelwesten

    Hart ist das Leben im Mittelwesten

    “Abendrot” ist der zweite Band der “Plainsong”-Trilogie und gehört damit zu insgesamt sechs Büchern des Autors, die in der fiktiven Stadt Kleinstadt Holt in Colorado angesiedelt sind. Man kann das Buch ohne Vorkenntnis der anderen Bücher lesen. Ich würde die Lektüre des ersten Bands, “Lied der Weite”, dennoch dringend empfehlen, da man dort die Vorgeschichte einiger Charaktere erfährt, die in “Abendrot” wieder eine wichtige Rolle spielen.

    Außerdem ist “Lied der Weite” ein grandioses Buch, das ich gar nicht genug empfehlen kann! Es war eines meiner absoluten Highlights der letzten Jahre.

    Abendrot also – der Tag geht zu Ende, die Nacht bricht an.

    Über lange Strecken des Buches ist der Name Programm: man hat das Gefühl, dass das Licht nur so aus den Zeilen blutet. Einfach hat es im ländlichen Holt ohnehin niemand – es ist eine Welt, in der stoische Menschen harte Arbeit verrichten und nach Schicksalsschlägen immer wieder aufstehen. Angeschlagen, vielleicht sogar verwundet, aber so ist nun mal das Leben, was will man da machen.

    Und Schicksalsschläge gibt es in diesen Buch nicht zu knapp. Kent Haruf schreibt das Leben ungeschönt, wie es nun mal ist, mit all seinen Ungerechtigkeiten und seinen großen und kleinen Tragödien. Manchmal fällt es schwer, das zu lesen – vor allem, weil es über lange Passagen des Buches scheinbar immer nur abwärts geht, weiter und weiter.

    Jeder verheißungsvolle Schimmer entpuppt sich doch nur als das Abendrot einer weiteren Hoffnung.

    Dazu kommt noch, dass diejenigen, die es am härtesten trifft, hier stets die Kinder sind. Kinder, die viel zu früh die Verpflichtungen Erwachsener übernehmen müssen. Kinder, die misshandelt oder vernachlässigt werden. Das ist harter Tobak, da möchte man manchmal mit der Faust ins Buch schlagen.

    “Lied der Weite” war versöhnlicher als “Abendrot”, denn hier bleibt Einiges bis zum Ende ungeklärt – und das Leben ist am Schluss immer noch hart.

    Dennoch: die richtigen Menschen sind sich schon begegnet, man spürt, dass sich da ein echter Zusammenhalt entwickelt hat oder noch entwickeln wird. Der Wille, zu helfen, ist da, jetzt muss nur noch der Weg gefunden werden.Kent Haruf schreibt gerne über Wahlfamilien, die Zusammenhalt und Hilfe bieten, und Holt ist eine kleine Stadt, in der Mitmenschlichkeit noch ein Grundwert ist.

    In tiefster Nacht kann man den Sonnenaufgang am Horizont schon erahnen.

    Auch, wenn das Lesen manchmal traurig stimmt, möchte ich das Buch auf jeden Fall empfehlen. Das liegt zum einen am Schreibstil, der schlicht ist, geradezu minimalistisch, und dennoch eine enorme Aussagekraft hat. In so zurückhaltender Sprache so viel zu sagen, das ist ganz große Kunst.

    Genauso werden auch die Charaktere beschrieben, in kurz umrissenen, einfachen Szenen. Man weiß schon nach wenigen Sätzen, was das für einer ist, wie der so tickt. Und dennoch sind die Charaktere nicht eindimensional – im Gegenteil. Auch hier verbirgt sich unter der Schlichtheit viel, wenn man sich darauf einlässt.

    Das Buch entwickelt schon nach wenigen Kapiteln einen Sog, der anscheinend typisch für Kent Haruf ist. Man will wissen, wie es weitergeht, weil man mit den Charakteren mithofft und mitleidet, trotz ihrer Schwächen, die zum Teil gravierend sein können.

    Betty und Luther zum Beispiel beschützen ihre Kinder nicht und bieten ihnen auch kein sauberes, gemütliches Zuhause – aber das geschieht nicht aus böser Absicht heraus, sondern aus schierer Hilflosigkeit. Und so wünscht man sich gleichzeitig, das Jugendamt würde die Kinder dort rausholen, und leidet dennoch mit den Eltern, die genau davor panische Angst haben.

    FAZIT

    Im kleinen Örtchen Holt ist das Leben nie einfach, aber zur Zeit ist es für viele Bewohner noch härter als sonst. Unfälle und Todesfälle, Abschiede und Abstürze – und dabei ganz viel Hilflosigkeit. Doch immer wieder reichen sich Menschen ganz selbstverständlich die Hand, um zu helfen.

    Kent Haruf beschreibt das Leben in Holt in einer Sprache, die gerade wegen ihrer Schlichtheit wunderschön ist. Auch die Charaktere werden mit leichtem Strich gezeichnet und sind dennoch lebendig und komplex. Daher ist “Abendrot” in meinen Augen ein überaus lohnendes Buch, auch wenn es oft eine sehr schmerzliche Lektüre ist.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Feb 2019 

    Einsame Seelen

    Holt, eine Kleinstadt im Herzen Colorados, mitten in den Great Plains: Die beiden alten Viehzüchter Raymond und Harold McPheron müssen den Wegzug von Victoria Roubideaux (19), ihrer Ziehtochter, verkraften. Sie verlässt mit ihrer zweijährigen Tochter Katie die Farm, um zu studieren. Das Ehepaar Betty und Luther Wallace lebt in einem verwahrlosten Trailer und muss darum kämpfen, dass seine Kinder Richie und Joy Rae bei ihnen bleiben dürfen. Ein elfjähriger Junge, genannt DJ, kümmert sich rührend um seinen kranken Großvater Walter Kephart (75). Und auch einige andere Menschen in dem Ort haben es nicht leicht, doch sie sind entschlossen, dem Leben einen Sinn abzutrotzen…

    „Abendrot“ ist die Fortsetzung des Romans „Lied der Weite“ und der zweite Band der „Plainsong“-Trilogie des bereits verstorbenen Autors Kent Haruf.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus vier Teilen, die nochmals in 46 Kapitel mit einer angenehmen Länge untergliedert sind. Erzählt wird aus der Sichtweise unterschiedlicher Personen. Dieser Aufbau funktioniert gut.

    Sprachlich konnte mich der Roman begeistern. Der Schreibstil ist schnörkellos, unaufgeregt und recht nüchtern, gleichzeitig jedoch eindringlich, atmosphärisch dicht und einfühlsam. Er ist darüber hinaus von viel wörtlicher Rede gekennzeichnet. Nicht nur aufgrund der Kenntnis des Vorgängerromans fiel mir der Einstieg in die Geschichte leicht. Das Buch lässt sich auch unabhängig lesen.

    Im Mittelpunkt stehen einige vertraute Charaktere wie Victoria und die McPheron-Brüder, aber auch neu eingeführte Personen. Auch im zweiten Band zeichnet der Autor ein vielschichtiges und authentisches Bild der Protagonisten.

    Die Schicksale und Probleme der Figuren sind ziemlich verschieden und keine leichte Kost. Sie konnten mich jedoch alle auf ihre eigene Weise berühren. Dargestellt werden unterschiedliche Facetten der Menschlichkeit. Dabei geht es um seelische Abgründe, aber auch um Hoffnungsschimmer. Immer wieder spielt die Einsamkeit eine große Rolle. Man fiebert mit den Personen mit und bangt, für wen sich alles noch zum Guten wendet und für wen nicht. Dadurch konnte mich der Roman fesseln. Dabei bleibt die Handlung allerdings stets realistisch und kommt ohne Kitsch aus.

    Das vom Verlag gewohnt reduzierte Cover passt gut zur Geschichte. Auch der Titel ist treffend gewählt und orientiert sich stark am amerikanischen Original.

    Mein Fazit:
    Auch mit „Abendrot“ konnte mich Kent Haruf überzeugen. Ich bin nun gespannt, wann der dritte Teil auf Deutsch erscheinen wird, den ich mit Sicherheit auch noch lesen werde.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Feb 2019 

    Der Einsamkeit entkommen

    Kent Harufs Bücher spielen alle in der fiktiven amerikanischen Kleinstadt Holt, Colorado. "Abendrot" ist der dritte Teil der "Plainsong-Trilogie", man kann jedoch die Teile unabhängig voneinander lesen.

    Harufs Charaktere haben alle auf die eine oder andere Art mit der Einsamkeit bzw. demVerlassen-Sein und -Werden zu kämpfen.

    Da sind zunächst die Brüder Raymond und Harold, zwei alternde Rancher, die vor einigen Jahren eine junge Frau bei sich aufnahmen, welche mit ihrer kleinen Tochter nunmehr ihren harten Alltag bereichert und mit Freude füllt. Diese zieht jedoch fort, um an einem College zu studieren und lässt die beiden zurück, die nun wieder lernen müssen, ohne sie zurecht zu kommen. Da ereilt sie ein schwerer Schicksalsschlag...

    Betty und Luther, zwei Menschen am untersten Ende der sozialen Leiter, versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sich und ihre zwei Kinder durchzubringen. Dabei erhalten sie zwar Hilfen über die soziale Absicherung, stehen jedoch stets am Rande der Gesellschaft. Dies bekommen auch ihre beiden Kinder jeden Tag zu spüren.Als ein Onkel bei ihnen einzieht, haben sie dessen egoistischer und gewalttätiger Vereinnahmung nichts entgegenzusetzen...

    Und dann ist da noch DJ, ein elf-jähriger Junge, der sich aufopfernd um seinen Großvater kümmert, stets in der Angst, am Ende auch diesen zu verlieren und dann völlig allein dazustehen. Er ist zu stolz, sich anderen Menschen hilfesuchend anzuvertrauen und erfüllt seine täglichen Pflichten über das Maß seiner ihm angesichts seines Alters entsprechenden Möglichkeiten hinaus. Eines Tages lernt er das Mädchen Dena kennen, mit der er sich in einer alten Hütte einen Zufluchtsort schafft.

    All diese Menschen müssen auf die eine oder andere Art mit der Einsamkeit oder dem Verlassensein zurecht kommen. Allen ist eine tiefe Melancholie zu eigen, die den Leser tief berührt und betroffen macht.

    Haruf beschreibt die Schicksale seiner Charaktere auf eine sehr zurückgenommene, unsentimentale Art und Weise. Und doch - oder gerade deshalb? - gelingt es ihm, eine große emotionale Nähe zu seinen Figuren zu schaffen. Mit wenigen Worten lässt er Menschen und deren Gefühlswelt lebendig werden. Der Leser fühlt in jeder Sekunde mit den Akteuren mit, deren Schicksale gehen sehr nahe. Insbesondere die Nöte und Ängste der Kinder machen sehr betroffen, ohne dass es ausufernder Ausschmückungen bedarf. Das ist ganz große Erzählkunst.

    Ich kann dieses Buch wärmstens empfehlen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Feb 2019 

    Melancholisch und doch hoffnungsvoll...

    Holt, eine Kleinstadt im Herzen Colorados. Zwei alte Viehzüchter müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. Ein Ehepaar kämpft in seinem verwahrlosten Trailer um ein Stückchen Würde und um seine Kinder. Ein elfjähriger Junge kümmert sich rührend um seinen kranken Großvater. So hart das Schicksal auch zuschlägt – die Menschen in Holt sind entschlossen, dem Leben einen Sinn abzutrotzen. Und begegnen einander dabei neu.

    Das Leben ist rau in Holt, Colorado. Das durften wir ja bereits im ersten Band der 'Plainsong-Trilogie' erfahren. Ländlich die Umgebung, karg die Landschaft, spielend etwa in den 60er oder 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, agieren hier erneut nur ein paar wenige Figuren.

    Wer wie ich 'Lied der Weite' im Vorfeld gelesen hat, wird sich freuen, hier auf bekannnte Charaktere zu stoßen und im Grunde an die Geschehnisse aus dem vorherigen Band anzuknüpfen. Sowohl die
    zwei alten McPheron-Brüder auf ihrer Rinderfarm tauchen wieder auf als auch ihre Ziehtochter Victoria samt deren kleinen Tochter Katie. Auch dem Lehrer und alleinerziehenden Vater Tom Guthrie begegnet man wieder sowie seiner Kollegin Maggie Jones, die nun seine Feundin ist.

    Doch es gibt auch bislang unbkannte Gesichter, die hier eine Rolle spielen. Betty und Luther beispielsweise, die in ärmlichen Verhältnissen in einem abgehalfterten Wohnmobil leben und sich nicht immer ausreichend um ihre Kinder kümmern. Oder auch der 11jährige DJ, der pflichtbewusst zur Schule geht und sich ansonsten um seinen alten Großvater kümmert, der ihn nach dem Tod der Mutter aufgezogen hat.

    Durch einen stetigen Wechsel der Perspektiven bringt Kent Haruf dem Leser behutsam die Charaktere näher, verflicht ihre Geschichten miteinander und webt daraus erneut eine leise Geschichte der Begegnungen. Dabei beschreibt der Autor die Charaktere nur, positioniert sich selbst nicht, wertet nicht. So erwächst oftmals ein tiefes Verständnis für die Menschen, fast für einen jeden von ihnen, und auch das ist eine große Kunst.

    'Plainsong' bedeutet übersetzt: 'Choral'. Und tatsächlich durchzieht fast hörbar eine leise Musik die Zeilen des Romans, getragen und in Molltönen oft, und durchsetzt mit dem Klang des ewigen Windes über der kargen Graslandschaft.

    Obschon hier kein Wort zu viel gesetzt ist, der Schreibstil nüchtern beschreibend und fast sachlich wirkt, erreichen den Leser unzählige Emotionen. Vieles entsteht zwischen den Zeilen, unaufgeregt und doch eindringlich - und ein zentrales Thema ist die Einsamkeit. Diese betrifft alle Generationen - von jung bis alt. Und vor allem die Kindheiten in Holt sind - nun ja - kein Kinderspiel... Die Begegnungen, die Akzente der Mitmenschlichkeit - sie sind es, die die Einsamkeit zuweilen auflösen und die selbst angesichts mancher Schrecknisse für Hoffnung und Trost sorgen.

    Es ist, wie Bernhard Schlink auf dem Umschlag des Romans schreibt: "Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg."

    Dem ist tatsächlich nichts hinzuzufügen. Außer dem Bedauern, dass ich mich nun zunächst von der kleinen Stadt in Colorado verabschieden muss und auf ein baldiges Erscheinen der Übersetzung auch des dritten Teils der 'Plainsong-Trilogie' hoffe...

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Feb 2019 

    Abschluss der Holt-Trilogie

    Holt, eine Kleinstadt in Colorado in den fünfziger Jahren, das ist der Mittelpunkt in Kent Harufs Trilogie. Eine Stadt, unbedeutend und ein wenig langweilig, mit Schicksalen, wie sie wohl so ähnlich überall in den USA spielen können. Zwei alternde Rancher, im Lauf der Jahre fast symbiotische geworden, haben einen Sinn in ihrem Leben gefunden, als sie vor einiger Zeit ein schwangeres junges Mädchen aufgenommen haben. Ohne viele Worte haben sie ihr und ihrem Kind ein Heim gegeben und nun entlassen sie es in die Welt, in ein College, aber sie hat Wurzeln geschlagen und ein Zuhause gefunden.
    Luther und Betty lieben ihre Kinder, aber ihre Fähigkeiten sind eingeschränkt. Sie leben am Rand der Gesellschaft in einem Trailer und von einem Sozialhilfescheck zum nächsten, aber sie kämpfen um ihre Würde.
    Ein 11jähriger lebt allein bei seinem Großvater und hat unbemerkt von den Nachbarn die Sorge um den alten Mann und den Haushalt übernommen. Unbeschwertes Kindsein darf er nicht erleben.
    Das sind nur einige Figuren, die Holt über seine 3 Bücher begleitet. Er macht nicht viele Worte um sie, aber seine Beschreibungen sind prägnant, lassen sie beim Lesen lebendig werden. Wie überhaupt seine Sprache klar ist, man könnte sie für simpel halten, wäre das nicht die Kunst der großen Schriftsteller. Eine Atmosphäre zu schaffen, die sich einprägt, gelingt ihm mit wenigen Sätzen. Oft entscheiden nur Kleinigkeiten über das Geschick seiner Figuren, aber immer lässt er ein Stück Hoffnung durchschimmern, dass sich die Veränderung vielleicht doch zum Guten wendet. Das klingt melancholisch, aber in seinen Geschichten steckt Lebensweisheit und eine große Liebe zu den Menschen, die er portraitiert. Damit hat mich Haruf mitgenommen und begeistert.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Feb 2019 

    EIn Buch mit starkem Suchtpotenzial

    Seit dem letzten Sonntag bin ich mit dem Buch durch. Aus Zeitmangel habe ich meine Rezension noch nicht schreiben können. Ich musste mir durch den Stress eine kleine Auszeit nehmen. Aber ich hatte den ganzen letzten Sonntag, 27. Januar, gelesen, sodass ich es zeitig ausgelesen hatte ...

    … denn es hat mich dermaßen fasziniert, hat mich gefangen genommen, sodass ich unbedingt wissen wollte, welche Entwicklung diese Geschichte samt ihren Figuren bis zum Schluss eingeschlagen hat. Einige Persönlichkeiten sind mir durch die ersten beiden Bände vertraut gewesen, andere wiederum sind neu hinzugekommen.

    In diesem Buchband werden mehrere Familien behandelt, die in ihrer Lebenswelt problematisch und konfliktbehaftet aufgefallen sind. Auch die innere und äußere Einsamkeit spielt hier bei vielen, bei Jung und Alt, eine große Rolle. Oftmals hat man hier den Eindruck, dass die Kinder seelisch stärker sind als die Erwachsenen, obwohl man ihnen die unbeschwerte Kindheit genommen hat. Die Auswirkung der verlorenen Kindheit bekommen sie häufig erst später, wenn sie erwachsen sind, zu spüren.

    Da wir dieses wunderbare Buch in der Leserunde auf Whatchareadin gelesen habe, werde ich mich hier kurzhalten.

    Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

    Die Handlung
    Ich beginne mal mit der mir bekannten Personengruppe, mit der Wahlfamilie:

    Victoria Roubideaux und die McPheron-Brüder
    Das sind die auf der Farm lebenden McPheron-Brüder, Harold und Raymond. Victoria Roubideaux und ihr Kleinkind Katie lebten noch bei ihnen. Die beiden Brüder haben sich sehr liebevoll um Victoria und Katie gekümmert. Victoria musste allerdings mit ihrer Tochter die Zelte abbrechen, um in Fort Collins ihr Studium anzutreten. Durch ein schweres Unglück eines der Brüder kommt Victoria mit ihrer Tochter wieder zurück auf die Farm, um für den zurückgebliebenen Bruder zu sorgen. Dieser tragische Unfall hat auch uns Leser*innen schwer getroffen. (Um die Spannung nicht zu nehmen, halte ich mich bedeckt, welcher McPheron verunglückt ist). Die beiden Brüder lebten von der Gesellschaft zurückgezogen und hatten nur einander. Seit dem 14. Lebensjahr lebten sie elternlos auf dieser Farm. Die Mutter verstarb recht früh, der Vater ist unbekannt. Eine eigene Familie haben beide Brüder nie gegründet ...

    Zur Erinnerung
    ... Bis ein junges Mädchen namens Victoria, vermittelt durch eine Bezugsperson, bei ihnen auftaucht. Die Brüder nahmen das Mädchen bei sich auf und gaben ihr bei ihnen ein neues Zuhause. Da die junge Victoria, damals noch schulpflichtig, schwanger war, wurde sie von der eigenen Mutter verstoßen und von fremden alten Männern aber aufgenommen …

    Die sozialschwache Familie Wallace
    Betty und Luther Wallace leben mit ihren beiden Kindern Richie und Joy Rae in einem Wohnwagen und werden regelmäßig von der Sozialarbeiterin Rose Tyler betreut. Beide Eltern sind kognitiv eingeschränkt und besonders Luther wirkt sehr naiv. Da die Familie nicht selbst für ihren Unterhalt aufkommen kann, bekommt sie vom Sozialamt Essensmarken ausgestellt. Die Eltern haben schon ein Kind an eine Pflegefamilie verloren. Das älteste Mädchen namens Donna wurde den Eltern aus der Familie genommen, da hier eine Kindeswohlgefährdung vorgelegen hat. Besonders die Mutter, die unter massiven psychosomatischen Beschwerden leidet, vermisst ihre Tochter schmerzlichst und sie versucht immer wieder, Kontakt zu ihr aufzunehmen, obwohl sie die Erlaubnis dazu nicht hat ...

    Eines Tages taucht Bettys Onkel auf, ein Versager auf allen Ebenen, verliert einen Job nach dem anderen, hat keinen festen Wohnsitz und säuft Alkohol was das Zeug hält und nistet sich in dem schon beengten Wohnwagen ein, und lebt auf den Kosten dieser armen Familie. Der Onkel ist zudem gewalttätig und gefährdet die Existenz von Richie und Joy Rae …

    Familie Kephart
    Der elfjährige Dj lebt bei seinem Großvater Walter Kephart. Auch Dj verlor seine Mutter recht früh, sodass er seitdem bei dem Großvater lebt, was Dj zu schätzen weiß. Er übernimmt sämtliche Verantwortung für den kränklichen Großvater, der rau wirkt und niemals ein liebes Wort für den Jungen übrighat. Neben der Schule schmeißt Dj den Haushalt, kocht, putzt und geht anderen Nebenjobs nach. Auch hier erlebt das Kind keine unbeschwerte Kindheit.

    Familie Wells
    Die mittlerweile alleinerziehende Mary Wells wurde von ihrem Mann verlassen, der in den hohen Norden gezogen ist. Mary hofft, dass ihr Mann wieder zurückkommt. Sie leidet psychisch massiv unter dem Verlust ihres Mannes. Eine neue Beziehung mit einem anderen Mann zog sie noch weiter in die Tiefe, da auch diese zum Scheitern verurteilt war … Die beiden Mädchen Dena und Emma sind dadurch häufig auf sich allein gestellt …

    Dies sind für mich die wichtigsten Figuren, wobei andere, die ich nun nicht erwähnt habe, auch bedeutend sind, siehe Diskussion aus der Leserunde.

    Cover und Buchtitel
    Gefällt mir gut, das Cover sieht wie ein Gemälde aus. Auf dem Bild könnte die Ranch von den McPheron-Brüdern abgebildet sein. Über den Buchtitel muss ich noch ein wenig nachdenken.

    Zum Schreibkonzept
    Eine Widmung auf der ersten Seite und ein religiöser Dichtvers auf der folgenden, geschrieben von Henry F. Lyte, der mir sehr gut gefallen hat. Hier bittet jemand um den Beistand Gottes für die Hilflosen. Passt wunderbar zu dem Buch.
    Das Buch ist auf den 416 Seiten in vier Teilen gegliedert. Die Anzahl der Kapitel sind fortlaufend, insgesamt 46. Auf der letzten Seite befindet sich eine Danksagung.

    Meine Meinung
    Wie die beiden anderen Bände fand ich auch den vorliegenden sehr authentisch und sehr empathisch geschrieben. Kent Haruf schafft es immer wieder, sich seelisch und mental in seine Figuren hineinzufühlen und für sie zu sprechen. Er verurteilt niemand, er beschreibt die Dinge und die Menschen so wie sie sind. Das hat mir sehr gut gefallen. Auch wenn man hier den Eindruck gewinnen kann, dass es zu viele Verlierer*innen gibt, so muss ich sagen, Nein, das tut es nicht, es gibt bei vielen der Figuren positive Wandlungen, die so wohltuend sind, weil der Autor auch an das Gute im Menschen glauben lässt. Demnach ist es auch ein Buch über Freundschaft.

    Mein Fazit
    Ein Autor, den ich gerne bei mir auf meinem Blog stehen habe. Leider ist Kent Haruf nicht mehr am Leben. Neue Bücher kann er daher keine mehr schreiben. Insgesamt aber hat er sechs Bücher geschrieben, drei davon sind im Diogenes Verlag erschienen, und ich hoffe, dass der Verlag die anderen drei Bände auch noch vom Amerikanischen ins Deutsche übersetzt wird. Dadurch, dass man schlecht aufhören kann zu lesen, hat dieses und die beiden anderen Bücher "Lied der Weite" und "Unsere Seelen bei Nacht", absolutes Suchtpotenzial.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jan 2019 

    Neues aus Holt, Colorado - Phantastisch erzählt

    „Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein.
    Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
    Wo fänd´ ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier?
    Hilf dem, er hilflos ist: Herr, bleib bei mir!“
    Henry F. Lyte
    (S. 7, Vorspann)

    Dieses ist nun der dritte Roman, den ich von Kent Haruf gelesen habe. Wieder ist er bei Diogenes erschienen, wieder spielt er im fiktiven Städtchen Holt am Rande der Great Plains (Große Ebenen) und nicht weit von Denver gelegen. Bereits im ersten Kapitel gibt es ein Wiedersehen mit den McPheron Brüdern Harold und Raymond. Beide bewirtschaften eine kleine Ranch mit Rinderzucht. Im „Lied der Weite“ hatten sie die schwangere Jugendliche Victoria bei sich aufgenommen, deren Gesellschaft den etwas verschrobenen Brüdern gut getan hat. Sie ist den Brüdern eine Tochter geworden. Doch jetzt steht Victoria davor, ihr eigenes Leben wieder aufzunehmen und die Ranch zu verlassen, um in Fort Collins zu studieren. Den beiden Brüdern fällt der Abschied sehr schwer, zumal sie in die kleine Katie, Victorias Tochter, sehr vernarrt sind.

    Im nächsten Kapitel lernen wir eine neue Familie kennen: Luther und Betty leben zusammen mit den Kindern Joy Rae und Richie in einem relativ verwahrlosten Wohnmobil am Existenzminimum. Die Eltern scheinen retardiert, haben eine falsche Wahrnehmung von sich sowie ihrer Umwelt und können ihren Kindern weder ausgewogene Mahlzeiten noch Geborgenheit oder Schutz bieten – und das, obwohl sie sie lieben. Die Familie wird vom Sozialamt betreut, insbesondere Rose Tyler versucht sie zu unterstützen. Da dem Ehepaar bereits eine Tochter abgenommen und in eine Pflegefamilie vermittelt wurde, hat es Angst, dass dieses noch einmal passieren könnte.

    Im dritten Kapitel ist DJ, ein 11-jähriger Junge, die Hauptperson. Er lebt zusammen mit seinem Großvater Walter Kephart in einem kleinen Haus. Der Junge kümmert sich um den Alten, versorgt den Haushalt, besorgt die Wäsche, während Walter ein sehr schweigsamer, wenig liebevoller Mensch ist. Eines Tages bittet die Nachbarin Mary Wells den Jungen, in ihrem Garten einige Arbeiten gegen Bezahlung zu erledigen. Schnell wird klar, dass sie dies tut, um DJ zu unterstützen. Sie selbst hat auch zwei Töchter, Emma und Dena. Insbesondere Dena und DJ freunden sich miteinander an. Sie richten sich einen alten Schuppen ein, der zu ihrem Refugium wird. Denn leider wird auch Denas Familie nicht vom Schicksal verschont bleiben.
    Es sind im Wesentlichen diese drei Menschengruppen, um die sich das Buch immer im Wechsel dreht. Die Berührungspunkte untereinander sind meist nur kurzer, oberflächlicher Natur, so wie es in einer kleinen Stadt eben immer wieder zu Begegnungen kommen kann. Es wechseln sich trübe, melancholische, zuweilen auch brutale Szenen mit freudigeren und hoffnungsfrohen Momenten ab – wie das Leben eben so spielen kann.

    Kent Haruf hat kein Wohlfühlbuch geschrieben, immer schwingt ein Hauch Melancholie mit. Es gibt große Schicksalsschläge, mit denen die Protagonisten fertig werden müssen: Ein Mensch wird tragisch aus dem Leben gerissen und hinterlässt eine riesige Lücke. Ein gewalttätiger Onkel taucht auf, der auf sadistische Weise Kinder misshandelt, die ohnehin schon nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ein Vater verlässt seine Familie und bringt die verlassene Ehefrau völlig aus dem Gleichgewicht. Auf der anderen Seite gibt es große Gefühle, Freundschaft und neue Perspektiven. Es geht um Dinge, wie sie tausendfach passieren. Harufs Geschichten orientieren sich an der Realität. Entsprechend bietet er auch keine omnipotenten Lösungen an, die in einem Happy End münden. Statt dessen zeigt er, wie die Figuren sich der Situation stellen, wie ihnen Hilfe von anderen Menschen angeboten wird, wie sie, der eine schneller, der andere langsamer, wieder auf die Füße kommen oder sich zumindest ein Hoffnungsschimmer am Horizont auftut.

    Man hat schnell das Gefühl, das Städtchen Holt und seine Bewohner zu kennen. Es gibt wie überall Gute und Böse, Aufmerksame und Oberflächliche. Haruf erzählt seine Geschichten völlig unaufgeregt in einfacher, jedoch wunderschön gesetzter Sprache, in der es übrigens nur wörtliche Rede ohne Satzzeichen gibt. Man kann sich unheimlich gut in die Figuren einfinden, auch die Gegend, das Ländliche wird sehr anschaulich beschrieben. Der Autor behält dabei immer einen sicheren Abstand, er erzählt sachlich, wird nie emotional oder gar kitschig. Phantastisch, wie gut es ihm gelingt, den Leser dennoch nahe ins Geschehen zu führen.

    Man kann den Roman unabhängig von seinem Vorgänger lesen. Trotzdem hat es mir beim Lesen Freude gemacht, manch guten alten Bekannten wieder zu treffen. Ich bin überzeugt, dass bei Erstlesern anschließend der Wunsch aufkeimen wird, auch die anderen Bücher Harufs kennenzulernen.

    Ein wunderschöner, flüssig zu lesender amerikanischer Roman über ganz normale und gleichzeitig besondere Menschen, der viel Raum für eigene Gedanken und Wertungen lässt. Ein Buch, wie ich es liebe!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jan 2019 

    Der Einsamkeit entfliehen

    Nachdem "Unsere Seelen bei Nacht" 2017 mein Lieblingsroman gewesen ist und ich im letzten Jahr mit Begeisterung "Lied der Weite" gelesen habe, musste ich nicht lange überlegen, um mich bei der Lese-Runde zu Abendrot anzumelden. Auch dieser Roman spielt wie alle von Kent Haruf in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, vermutlich Ende der 60er Jahre.
    Der Beginn des Romans ist wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten, da die McPheron Brüder Raymond und Harold als erste auftauchen, die in "Lied der Weite" die schwangere Victoria Roubideaux aufgenommen haben. Das ist zwei Jahre her. Inzwischen gehört sie wie ihre kleine Tochter Katie für die beiden selbstverständlich zu ihrem Leben.

    "Er [Raymond] wandte sich um und musterte ihr Gesicht. Ein Gesicht, das ihm jetzt vertraut und lieb war, nachdem sie drei und das Kind unter demselben freien Himmel, im selben, von der Witterung gezeichneten alten Haus gewohnt hatten." (15)

    Doch Victoria verlässt das alte Haus gemeinsam mit ihrer Tochter, um das College zu besuchen. Obwohl alle traurig darüber sind und sich nicht trennen wollen, wissen sie doch, dass es notwendig ist. Eine einschneidende Veränderung für die beiden Brüder, denn es ist "verdammt ruhig hier" (21) auf der Farm - ohne Victoria und die Kleine. Es stellt sich die Frage, ob sich die beiden weiterentwickeln werden.

    Neben diesem Handlungsstrang gibt es zwei weitere:

    1. Betty und Luther leben gemeinsam mit ihren Kindern Joy Rae und Richie am Existenzminimum in einem Wohnwagen und beziehen Lebensmittelmarken von der Fürsorge.

    "und jetzt mal sehen, sagte Rose. Ich habe Ihre Lebensmittelmarken hier. Sie nahm die Marken aus der Mappe auf dem Tisch Heftchen mit Marken im Wert von einem, fünf, zehn und zwanzig Dollar, alle in verschiedenen Farben." (29)

    Die warmherzige Sozialarbeiterin Rose, neben den Brüdern die Sympathieträgerin des Romans, tut ihr Bestes, um der Familie zu helfen. Doch Betty und Luther sind auf sich und ihre körperlichen Befindlichkeiten fixiert, zudem kognitiv nicht in der Lage, ihren Kindern die entsprechende Fürsorge, ein ordentliches Zuhause und gesundes Essen zukommen zu lassen.

    "Tiefgekühlte Spaghetti, tiefgekühlte Pizzen, Burrito-Packungen, Fleischpasteten, Waffeln, Beerenkuchen, Schokoladenkuchen und Lasagne. Salisbury Hacksteaks. Fertiggerichte mit Makkaroni und Käse. Alles tiefgefroren, in steinharten grellfarbigen Verpackungen." (57)

    Nach einem Streit sucht Betty Rose auf, damit diese sie und die Kinder zu einer Tante fahren kann. Luthers Antwort auf Bettys Fluchtversuch:

    "Ich bin ihr Mann. Die Bibel sagt, der Mann ist König im eigenen Haus. Er baut sein Haus auf einem Felsen. Sie muss auf das hören, was ich sage." (77)

    Haruf wertet ihr Verhalten nicht, sondern schildert das, was sie tun und sagen, überlässt es seinen Leser*innen, was sie von den beiden halten, für die man zunächst Mitleid empfindet.

    Als Bettys gewalttätiger Onkel auftaucht und sich im Wohnwagen einnistet, gerät das labile Gleichgewicht aus den Fugen.

    2. DJ Kephart ist 11 Jahre alt und lebt bei seinem 75-jährigen Großvater Walter, für den er sorgt. Seine Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen und obwohl er ein Zuhause hat, fehlt es auch ihm an entsprechender Fürsorge. Eine junge Frau aus der Nachbarschaft, Mary Wells, lässt ihn in ihrem Garten arbeiten und kann ihn so finanziell unterstützen. Ihre Tochter Dena ist im gleichen Alter wie DJ und beide freunden sich an, nachdem auch diese Familie aus den Fugen gerät. Denas Vater wird nicht aus Alaska zurückkehren, wo er arbeitet, und Mary kommt mit der neuen Situation nicht zurecht. So beschließen die beiden Kinder in einem verlassenen Schuppen sich selbst ein neues Zuhause zu schaffen, manchmal schließt sich ihnen auch Denas kleine Schwester Emma an.

    "So lagen beide Schwestern eine Weile neben dem Jungen auf dem Boden unter den Decken, lasen im schwachen Kerzenlicht Bücher, während die Sonne über dem Kiesweg allmählich unterging, unterhielten sich leise, tranken Kaffee aus der Thermosflasche, und was in den Häusern geschah, aus denen sie kamen, schien für diese kurze Zeit wenig Bedeutung zu haben." (250)

    Im ersten Teil verlaufen die Handlungsstränge nebeneinander, bis sie sich im weiteren Verlauf berühren.

    Zwei weitere Figuren aus "Lied der Weite" spielen ebenfalls eine Rolle: Tom Guthrie und Maggie Jones, inzwischen ein Paar und mit den McPherons befreundet. Sie tauchen aber eher als Nebenfiguren auf, trotzdem ist es schön zu sehen, dass sie glücklich sind, denn Haruf mutet seinen Leser*innen ansonsten einiges zu...

    Bewertung

    ...und schildert die Realität teilweise schonungslos - in reduzierter, klarer, scheinbar emotionsloser Sprache. Nur manchmal erhaschen wir einen Blick in das Innere einer Figur, wie bei Rose, als sie mit den Kindern Joy Rae und Richie zu tun hat.

    "plötzlich hatte sie das Gefühl, weinen zu müssen und nicht aufhören zu können. Sie hatte schon so viel Leid in Holt County gesehen, und alles hatte sich aufgestaut und in ihrem Herzen eingebrannt." (169)

    Gerade die Geschichte um die Familie im Wohnwagen grenzt an das, was ich beim Lesen ertragen kann. Das tut körperlich weh, wenn man mit"ansehen" muss, wie es Betty und Luther nicht gelingt, ihre Kinder zu beschützen.
    Auch für DJ und Dena scheint sich alles zum Schlechten zu wenden, kein Happy End in Sicht - ich will an dieser Stelle nichts verraten, nur soviel: Haruf zaubert kein "Friede, Freude, Eierkuchen" am Ende aus dem Hut, sondern entscheidet sich glücklicherweise für einen realitätsnahen (vorläufigen?) Schluss,

    "wartend auf das, was kommen würde" (414)

    - schließlich sind noch 3 Romane übrig, die bisher nur im Englischen erschienen sind und auch alle in Holt spielen. Hoffen wir, dass sie noch ins Deutsche übersetzt und bei Diogenes erscheinen werden.

    "Abendrot" ist mein Highlight für den Januar und wird eines meiner Lieblingsbücher für dieses Jahr werden.

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 28. Jan 2019 

    Das einfache Leben in Holt - einprägsam und poetisch erzählt

    „Ich will das Gefühl haben, dass ich den nächsten Schritt auch allein kann.“ (Zitat Seite 348)

    Inhalt:
    Mary Wells hat zwei Töchter, Dena und Emma. DJ, elf Jahre alt, hilft ihr bei der Gartenarbeit. Seine Mutter ist vor Jahren gestorben und er lebt bei seinem Großvater, in einem Häuschen im Norden von Holt, Colorado. DJ und Dena schaffen sich in einem alten Schuppen einen Rückzugsort, wo sie lesend ihre Freizeit verbringen. Joy Rae und ihr kleiner Bruder Richie leben mit ihren Eltern in einem Wohnmobil. Rose Tyler vom Sozialamt kümmert sich um die Familie. Victoria Roubideaux zieht mit ihrer kleinen Tochter Katie nach Fort Collins, um dort ihre Ausbildung als Grundschullehrerin abzuschließen. Für die McPheron-Brüder, sie sich in den beiden letzten Jahren wie eine Familie um Victoria gekümmert hatten, ist es nicht einfach, wieder alleine zu sein.

    Thema und Genre:
    Der Roman spielt in der fiktiven Kleinstadt Holt, in der abgeschiedenen Weite Colorados. Es geht um den Alltag von einfachen Menschen, um einzelne Schicksale und darum, einander zu helfen. Thema sind Familienbeziehungen, fehlende Eltern und wie Kinder versuchen, mit der Situation klarzukommen.

    Charaktere:
    Die etwas ruppig wirkenden McPheron Brüder sind liebenswerte Einzelgänger mit einem großen Herzen für die Probleme anderer. Auch Rose Tyler versucht zu helfen, wo sie kann und ist besonders aufmerksam, wenn es um Kinder geht. Kent Haruf versteht es, sich in jede seiner Figuren einzufühlen und er nimmt sich Zeit für Details.

    Handlung und Sprache:
    In diesem Roman geht es nicht um Spannungsbögen und Höhepunkte. Der Autor erzählt Geschichten, manchmal leise, manchmal sehr hart und traurig, realistisch, aber nie deprimierend, sondern immer mit einem positiven Ausblick. Irgendwie schaffen es seine Protagonisten, sich in das Leben einzufügen und ihren Platz darin zu finden. Das Kleinstadtleben in Holt besteht aus vielen Einzelschicksalen, doch man kennt sich, die Wege der einzelnen Protagonisten kreuzen sich und man hilft einander.
    Die poetische Sprache und in diesem Fall auch die Übersetzung sind wunderbar zu lesen. Ereignisse wechseln ab mit Schilderungen, Gefühle finden sich als Metapher in Beschreibungen der Natur wieder.

    Fazit:
    Der Autor erzählt die Geschichten des einfachen, kargen Lebens der Menschen in einer Kleinstadt. Einfühlsam erzählt er von ihren Problemen. Als Leser fühlt man sich in der poetischen Sprache geborgen und bedauert, am Ende des Buches diese Kleinstadt irgendwo in der weiten amerikanischen Ebene und ihre Bewohner wieder verlassen zu müssen.