Ab heute heiße ich Margo: Roman

Rezensionen zu "Ab heute heiße ich Margo: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Aug 2016 

    Ein beeindruckender historischer Roman

    Inhalt
    Im Mittelpunkt dieses zeitgeschichtlichen Romans stehen zwei Frauen: Margarete und Helene.

    Margo, wie sich nennt, weiß, was sie will: bei Photo Werner lernen. Aus eigenem Antrieb hat sie sich diese Lehrstelle als Bürokraft organisiert.
    Wir schreiben das Jahr 1936 in Stendal.
    Margo Hegewald ist glücklich in ihrer Ausbildung und lernt den Diplomaten Alard von Sedlitz auf einer Soiree der mondänen Familie Seliger kennen. Sie verliebt sich in den Adligen, dessen Vater ein Gut in Schlesien besitzt. Doch Alards Herz schlägt für Helene, eine junge Fotografin, die er gemeinsam mit seinem englischen Diplomatenfreund Liam im spanischen Bürgerkrieg vor den Rotarmisten gerettet hat. Ebenso wie seine Dogge Adalante. Auch Liam liebt die junge Frau und Alard glaubt, Helene habe ebenfalls ihr Herz an den Engländer verloren - eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellt.
    Alard organisiert Helene eine Anstellung bei Photo-Werner in Stendal und so freunden sich Margo und Helene, die Spionage betreibt, wovon Margo nur eine Ahnung hat, an. Inzwischen bricht der 2.Weltkrieg aus und am Beispiel von Margo kann man verfolgen, wie wenig die Propaganda des NS-Regimes hinterfragt wurde - bis Helene von der Gestapo abgeführt wird. Unklar bleibt, ob es ihre jüdische Abstammung oder ihre Spionagetätigkeit ist, die ihr zum Verhängnis wird. In ihrer Naivität verrät Margo Helenes Defätismus, wofür sich Helene später rächen wird..

    Während Helene ins KZ Ravensbrück gebracht wird und dort Furchtbares durchleiden muss, verliebt sich Margo in Henry Seliger und heiratet ihn. Er bringt sie nach der Hochzeit nach Schlesien, weil er glaubt, dort sei es sicher - ebenfalls eine Fehleinschätzung. Helene und Margo treffen dort am Ende des Krieges wieder aufeinander - im Hause Alards und als die Rote Armee sie überfällt, verlieren sie sich aus den Augen. Margo wird schwer misshandelt und nachdem sie wieder bei Sinnen ist, ist Helene verschwunden, ebenso ihr kleines Mädchen Emma - die Folge einer gemeinsam verbrachten Nacht mit Alard.

    Während Margo in einer Elektronikfirma im Westen Karriere macht und sich mit Henry und dem gemeinsamen Kind Leonore eine Existenz im Nachkriegsdeutschland aufbaut, bleibt Helene im Osten und wird zur Botschafterin des Friedens. Sie knüpft somit an ihre Geheimdiensttätigkeit an, wird aber nie eine linientreue Sozialistin - im Gegensatz zu ihrer Tochter Clara.
    Nach vielen Jahren treffen Helene und Margo wieder aufeinander, alte Wunden werden aufgerissen und Verrat und Schuld belasten ihre einstige Freundschaft. Viel mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten, das Ende ist jedoch ein versöhnliches und schließt elegant den gespannten Erzählbogen.

    Bewertung
    Der Roman erstreckt sich von der Zeit unmittelbar vor dem 2.Weltkrieg bis zu einem Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung Deutschlands.
    Dabei liefert er am Beispiel Margos zunächst einen Einblick in die Naivität, die der Propaganda Hitlers erliegt und nichts wissen will, was mit den deportierten Menschen geschieht. Trotzdem bleibt sie aufgrund ihrer Durchsetzungsfähigkeit, ihrem Arbeitswillen und auch mit ihren dunklen Momenten eine Sympathieträgerin des Romans. Lediglich das Verhalten gegenüber ihrer Tochter wirft einen Schatten auf diese starke Frau, die aufgrund der eingestreuten Tagebuchaufzeichnungen im Mittelpunkt des Romans steht.
    Helene, dagegen, erlebt die Willkür und Grausamkeit des Nazi-Regimes mit ihrer Gefangennahme und Inhaftierung und auch nach dem Krieg findet sie sich in einem totalitären Regime wieder, mit dem sie zunächst kooperiert. Doch zunehmend distanziert sie sich von den Ideen des Sozialismus. Obwohl sie die Unnahbarere von beiden ist, gewinnt auch sie die Sympathien der Zuhörer/innen, was auch der Sprecherin Tanja Fornaro zu verdanken ist, die zusätzlich dafür sorgt, dass man den Handlungen der Protagonistinnen Verständnis entgegenbringt.

    Der Roman bietet einen Gang durch die Geschichte, ganz konkret am Alltagsleben dargestellt:
    Der Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder wird zusammen mit Margo erlebbar. Die Ideologie im Osten, die Spionagetätigkeit und das perfide System des Ministeriums für Staatssicherheit, das auch vor Kindern, die als Spitzel angeworben werden, nicht Halt macht, erscheinen durch die Augen Helenes.
    Es ist ein Roman, der anhand menschlicher Schicksale die deutsche Geschichte erfahrbar macht, nicht die große Politik steht im Vordergrund, sondern die Ängste und Sorgen der beiden Frauen. Auch die folgenden Generationen kommen zu Wort und schildern aus ihrer Perspektive die Gefühle einer neuen Generation.
    Trotz der ein oder anderen sentimentalen Szene, die ganz bewusst die emotionale Ebene bedient, ist es ein wunderbarer, historischer Roman mit starken Figuren, der trotz der Länge des Hörbuches immer interessant und spannend bleibt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Jun 2016 

    Leise Töne, große Geschichte...

    Immer schon habe ich Autoren bewundert, denen es gelingt, über viele Seiten hinweg den Bogen einer Geschichte zu spannen ohne dass es zu unwiderbringlichen Brüchen kommt und wo am Ende letztlich wirklich alles erzählt ist. Cora Stephan legt mit diesem Roman ein solches Werk vor, und trotz der stolzen 640 Seiten ließ die Faszination der Geschichte bei mir zu keinem Moment nach.

    Zwei starke Frauen stehen im Mittelpunkt des Geschehens, das zum einen ihr individuelles Schicksal beleuchtet, das die beiden unwiderruflich miteinander verbindet, das zum anderen aber auch eingebettet ist in ein gehöriges Maß Zeitgeschichte, das hier von 1936 bis ins Jahr 2000 reicht.

    In Stendal begegnen sich die beiden Frauen in den 30er Jahren das erste Mal. Margarete Hegewald ist gerade dem Backfischalter entsprungen, als sie beschließt, nicht länger zur Schule zu gehen. Sie schneidet sich die Zöpfe ab, nennt sich künftig Margo und bietet auch ihrem tyrannischen Vater zunehmend die Stirn. Zielstrebig tritt sie ihre Lehrstelle bei Photo-Werner an und ist in dem kleinen Büro des Unternehmens bald unentbehrlich - sie verwaltet die Rechnungen und Bilanzen des Geschäfts. Dort lernt sie die stille Fotografin Helene Pinkus kennen, etwas älter als Margo und eher ein Einzelgänger. Doch allmählich entsteht ein etwas vertrauteres Verhältnis zwischen den beiden, und Margo erfährt, dass Helene als Kriegsfotografin die Geschehnisse im Spanischen Bürgerkrieg dokumentiert hat - und dabei traumatischen Erlebnissen ausgesetzt war. Eine wirkliche Freundschaft entsteht nicht zwischen den beiden Frauen - zu unterschiedlich sind sie, und der zunehmende Druck durch den Nationalsozialismus verschärft diese Unterschiede noch. Die Liebe zu dem Adligen Alard von Sedlitz ist etwas, was die beiden teilen, doch der hat im Grunde nur Augen für Helene. Die Kriegswirren lassen jedoch keine Liebe zu. Helene landet im KZ Buchenholz, Alard und Margo verbringen eine einzige gemeinsame Nacht - als Trost für unerfüllte Liebe, Wärme in Zeiten der Kälte, und doch nicht folgenlos. Emma heißt das kleine Mädchen, von dem Alard nichts erfahren wird, und das Margo schließlich auf der Flucht verliert. Lange Jahre erfährt sie nichts über das Schicksal ihrer kleinen Tochter, und doch hört sie nie auf, an sie zu denken.

    Nach dem Krieg geht das Leben weiter, jeder trägt schwer an den Folgen der Kriegsjahre, tief gezeichnete Spuren. Margo folgt ihrem Jugendfreund und nun Ehemann Henri nach dessen Kriegsgefangenschaft in den Westen, ihre Mutter und Schwester bleiben in Stendal - warten auf den Vater, über dessen Verbleib nichts bekannt ist. Helene lebt fortan im Osten des geteilten Deutschlands, wird von der Stasi angeheuert, schließlich auf Margo angesetzt, die bei einer Firma arbeitet, an deren Daten die Stasi großes Interesse zeigt. So kommt es zu einer erneuten Begegnung zwischen den beiden Frauen, und was einmal Freundschaft hätte werden können, ist nun überlagert von Misstrauen und Verrat. Auch die Jahre nach dem Mauerfall 1989, die hier ebenfalls noch Gegenstand des Geschehens sind, wird keine Wiederannäherung bringen - und doch sind die Schicksale Margos und Helenes unwiderruflich miteinander verbunden und durch ein gemeinsames Geheimnis geprägt.

    "Der Moment ist das Einzige, was am Ende eines Lebens bleibt, und man darf ihn nicht vergeuden mit der Klage darüber, was war und was hätte sein können." (S. 579)

    Ich und dicke Bücher, das ist so ein Kapitel für sich. Wenn ich mich an ein solches heranwage, kämpfe ich jedesmal zunächst gegen einen inneren Widerstand an, und das, was sonst so mühelos gelingt: das Verschlingen der Romane, das dauert bei einem solchen Buch eine gefühlte Ewigkeit. Auch hier erging es mir so - fast zwei Wochen dauerte die Lektüre. Doch ehrlich gesagt: ich habe die Zeit genossen, denn immer mehr lebte ich so an der Seite der Figuren.

    Dabei empfand ich gar nicht immer so etwas wie Sympathie für die Charaktere, denn manche ihrer Haltungen, Handlungen und Entscheidungen waren zumindest fragwürdig - dabei jedoch zutiefst menschlich. Durch das Einbetten des Geschehens in die Zeitgeschichte Deutschlands bekommt der Leser einen Einblick darin, wie es war, einer Doktrin folgen zu müssen, wo selbständiges oder gar kritisches Denken nicht nur verpönt sondern unter Umständen lebensgefährlich war, und das nicht nur unter dem Naziregime, sondern eben auch später in der ehemaligen DDR. Was macht ein solcher Druck mit den Menschen - begeistertes Anhängertum oder zumindest Mitläufertum? Doch auch die Geschichte des Westens ist hier lebendig vertreten: das Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre, die wachsende Gleichberechtigung der Frau - Margo kämpfte darum schon zu einer Zeit, als dies alles andere als selbstverständlich war, Sex and Drugs and Rock and Roll in den 60ern und 70ern, und das alles in einer generationenübergreifenden Erzählung. Gerade die Unterschiede der beiden deutschen Staaten werden hier eklatant deutlich, auch im Hinblick auf die Entwicklung der dort lebenden Menschen.

    Erzählt wird der Roman chronologisch aus wechselnden Perspektiven. Neben Margo und Helene kommen auch andere Figuren zu Wort, wenn es für das Geschehen wichtig ist. Kaleidoskopartig setzen sich so die Bilder zu einer Gesamtkomposition zusammen, und nie geschieht dies losgelöst vom Kontext des Zeitgeschehens. Dabei wird die Geschichte jedoch nicht mit Historie überfrachtet, sondern wie nebenher fließen geschichtliche Zusammenhänge in die Erzählung ein, die mit ihren eher leisen Tönen im übrigen nicht in Klischees verfällt, was mir gut gefallen hat. Die Figuren geraten so authentisch und lebendig, und selbst das etwas pathetisch geratene Ende stört diesen überaus postitiven Gesamteindruck für mich nicht wirklich.

    Ein überaus angenehm zu lesender Roman über zwei starke Frauen, aber auch über ein Stück deutscher Zeitgeschichte, die von vielen Unruhen geprägt war. Sehr interessant und wirklich empfehlenswert!

    © Parden