88 Namen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu '88 Namen: Roman' von Matt Ruff
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "88 Namen: Roman"

John Chu liebt seinen Job. Als Sherpa begleitet er zahlungskräftige Kunden in Online-Rollenspiele wie das populäre Call to Wizardry und zeigt ihnen die Kniffe des Games. Das Geschäft brummt, und John würde sich als glücklich bezeichnen, wären da nicht zwei klitzekleine Probleme: Zum einen hat seine Ex-Freundin nach einer unglücklich verlaufenen Trennung geschworen, seine berufliche und private Existenz zu vernichten. Zum anderen vermutet er, dass es sich bei seinem neuesten Kunden in Wirklichkeit um den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un handelt, der die virtuelle Welt studieren möchte, um sie für seine politischen Zwecke zu instrumentalisieren. John versucht, der wahren Identität des ominösen »Mr. Jones« auf die Spur zu kommen – und verstrickt sich in ein Komplott, das ihn den Kopf kosten könnte.

Autor:
Format:Broschiert
Seiten:336
Verlag: FISCHER TOR
EAN:9783596700936

Rezensionen zu "88 Namen: Roman"

  1. Das Spiel mit den Identitäten

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Dez 2020 

    Hand aufs Herz. Wer würde nicht gern ab und zu jemand anderes sein, all seine Einschränkungen und Unzulänglichkeiten ablegen, in eine neue Rolle schlüpfen und all das erleben, was im wahren Leben zu gefährlich, kostspielig, oder einfach nur peinlich ist?
    Was früher der Mummenschanz, Karneval und Mottoparty für eine Nacht war, geht heute eigentlich rund um die Uhr im Internet. Anonym darf man sich dort neu erfinden und einsteigen, in die bunte und aufregende Welt der Online-Spiele.
    John Chu kennt diese Wünsche und bietet Kunden seine Dienste als sogenannter Sherpa an. Er verrät unerfahrenen Spielern Kniffe und Tricks, wie sie möglichst unbeschadet und schnell auf höhere Level kommen und steht ihnen mit seiner angeheuerten Truppe von Mitspielern zur Seite. Er verkauft seinen Klienten Erfolgserlebnisse. Verbotenerweise, denn die Spielehersteller sehen das nicht gern, wenn ihre jahrelange Entwicklungsarbeit von ein paar Spezies auf eine simple Anleitung heruntergebrochen wird.
    Deshalb ist es mit Johns neuem Kunden auch nicht wirklich einfach. Er scheint reich zu sein, und seine Interessen richten sich auf das virtuelle Nordkorea, zumindets scheint er sich dort auszukennen. Agressiv und sich nicht an Absprachen haltend, hat John Schwierigkeiten mit ihm im Spiel nicht als Sherpa aufzufliegen und mit seinem Charakter gesperrt zu werden. Will ihm seine Ex-Freundin, die ihm Rache geschworen hat, schaden? Oder handelt es sich bei diesem Auftraggeber vielleicht um den 1. Parteivorsitzenden der nordkoreanischen Volksrepublik? Die Einmischung einer anonymen Agentin spricht dafür.
    Wie gut für John, dass er sich ganz und gar auf seine Freunde und "Mitarbeiter" im Netz und seine Mutter verlassen kann.

    Matt Ruff hat sich in diesem rasanten und kurzweiligen Roman ganz dem Spiel mit Identitäten gewidmet. Eingebettet im Online-Game "Call of Wizardry", beschreibt er hier eine Welt voller Chancen, Träume zu verwirklichen, Geld zu verdienen, aber auch die Möglichkeit seinen Neigungen und Trieben nachzugehen. Auch die Gefahren werden aufgezeigt, wenn sich Agenten aus verfeindeten Staaten gegeseitig ausspionieren wollen, wenn es ums große Geld geht, oder vielleicht sogar um Gedankenbeeinflussung (Brot und Spiele fürs Volk).

    Das Ende hat mich zunächst enttäuscht, weil es meinen Erwartungen so gänzlich zuwiderlief. Doch je länger ich darüber nachdachte, umso breiter wurde das Grinsen auf meinem Gesicht, als mir klar wurde, Ruff hat mit mir gespielt! Er hat mit seinen Lesern gespielt und damit vielleicht die bessere Version einer Lektion erteilt, als er jemals mit einem erhobenen Finger, oder mahnenden Worten je erreicht hätte. Genial! Ruff hat sich mal wieder in der Vermittlung eines Themas als Könner bewiesen, als echter Sherpa eben, auf einem Gebiet, bei dem nichts so ist, wie es scheint, wo Glaubenssätze erschüttert und Wahrheiten ins Gegenteil verkehrt werden. Ruff hat auf Papier das geschafft, was im Netz schon gang und gäbe ist.

  1. Computerspiel in Buchform

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Dez 2020 

    Dieses Buch entführt in die Gamerwelt, spannend und auch etwas verwirrend eröffnet Matt Ruff hier eine Welt, die mir vollkommen fremd ist. Dennoch versteht man nach der Lektüre auch irgendwie den Reiz und die Anziehung dahinter. Denn genau diesen Reiz hat es eine neue Welt zu entdecken, nicht nur in der Phantasie, sondern auch in einer visuellen Weise mittels einer 3D-Brille. Obwohl in der Schreibe Matt Ruffs auch ein gewisser Zynismus steckt und er in seiner Geschichte auch die negativen Möglichkeiten, die in dieser Gamerwelt versteckt liegen, offenlegt und auch einen gewissen Realitätsverlust thematisiert. Allzu leicht könnte die virtuelle Welt eine wichtigere Position bekommen als das reale Leben. Vielleicht trifft die Affinität für Computerspiele aber auch auf eine bestimmte Zielgruppe zu, mir war nämlich bisher die literarische Reise deutlich wichtiger und auch deutlich ergiebiger.

    Auf jeden Fall ist dieses Buch aber interessant gemacht und bietet Einblicke in eine Welt, die sich mir bisher noch nicht eröffnet hat und sich in naher Zukunft auch nicht eröffnen wird. Aber mittels dieses Buches konnte ich mir Einblicke gönnen. Auch nicht schlecht. Ein analoges Mittel, das Buch, bietet Einblicke in das digitale Zeitalter, die digitale Welt. Wobei das Buch als E-Book wieder digital geworden ist. :)

    Absolut interessant fand ich, dass es Matt Ruff geschafft hat, mich mit diesem Buch zu begeistern. Denn thematisch ist es nun gar nicht für mich interessant. Aber durch Matt Ruffs Schreibkunst wurde dieses Thema wieder für mich interessant gemacht. Applaus von mir dafür!!! In einer spannenden Art eröffnet Matt Ruff die Gamerwelt der lesenden Zunft, John Chu ist ein Sherpa, führt zahlungskräftige Kunden durch ein Rollenspiel, bietet so den Kunden ein umfassendes Ergebnis und Erlebnis an, ohne ihre Computerspiel-Charaktere erst langwierig formen zu müssen. Von daher dürfte man davon ausgehen, dass John Chu sich in der digitalen Spielwelt auskennt. Aber auch er lernt Neues dazu! Und mit ihm die Leserschaft. Gut gemacht Matt Ruff!