6 Uhr 41: Roman

Buchseite und Rezensionen zu '6 Uhr 41: Roman' von Jean-Philippe Blondel
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4 von 5 (2 Bewertungen)

Cécile hat das Wochenende bei den Eltern verbracht. Am Montagmorgen sitzt sie erschöpft im Frühzug und ärgert sich, dass sie nicht doch schon am Vorabend zurück zu Mann und Kind gereist ist. Der Platz neben ihr ist frei, ein Mann setzt sich. Cécile erkennt ihn sofort: Philippe Leduc. Auch Philippe hat Cécile gleich erkannt. Doch sie schweigen geschockt. Beide. Jeder für sich erinnern sich Cécile und Philippe in den eineinhalb Stunden bis Paris, wie verliebt sie vor dreißig Jahren waren, als sie zusammen ein romantisches Wochenende in London verbringen wollten und dort alles aus den Fugen geriet. Je näher der Gare de l’Est kommt, desto mehr will man wissen: Endet die Reise dort, oder gibt es ein nächstes Mal?

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
EAN:9783552062559

Rezensionen zu "6 Uhr 41: Roman"

  1. 4
    (4 von 5 *)
     - 13. Mär 2019 

    Eine leise Geschichte über das Leben

    „Wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie wieder vor mir, die nächtlichen Straßen von London, damals in jenem heißen Juli“.“ (Zitat Seite 138)

    Inhalt:
    Nach einem Wochenend-Besuch bei ihren Eltern sitzt Cécile, 47 Jahre alt und eine erfolgreiche Geschäftsfrau, um 6 Uhr 41 im Frühzug zurück nach Paris. Der Platz neben ihr ist der letzte frei Platz im Waggon und ein Mann setzt sich neben sie. Es ist Philippe Leduc, der Mann, in den sie vor vielen Jahren verliebt war. Bis zu einer gemeinsamen Reise nach London und deren katastrophalem Ende. Siebenundzwanzig Jahre ist das nun her. Soll er sie ansprechen, hat sie ihn erkannt?

    Thema und Genre:
    In diesem Roman schauen zwei Menschen in Gedanken und unabhängig von einander zurück in ihre Jugend und eine Entscheidung, die sie damals getroffen haben. Beide erinnern sich und fragen sich auch, was wäre gewesen, wenn.

    Handlung und Schreibstil:
    Der Geschichte spielt im Zeitraum von weniger als zwei Stunden, nur die Länge einer Bahnfahrt. Durch die jeweiligen Gedanken der beiden Protagonisten ergeben sich erklärende Rückblenden in die Vergangenheit. Sie waren erst zwanzig Jahre alt, als ihre Beziehung in London abrupt zu Ende ging. Wir erfahren auch, wie es im Leben von Cécile und Philippe weiterging, wo sie heute stehen. Wobei beider Leben eine andere Entwicklung genommen hatte, als damals zu erwarten war. Die Spannung ergibt sich aus der Frage, ob die beiden doch noch miteinander reden, oder ob sie schweigend vorgeben, einander nicht erkannt zu haben.
    Die Sprache ist leise und poetisch, aber auch präzise beobachtend und macht aus diesem Buch eine sehr angenehme Lektüre.

    Fazit:
    Zwei Menschenleben, die sich dem Leser nur durch die Gedanken der beiden Protagonisten erschließen, denn sie sitzen schweigend im Zug nebeneinander. Eine leise Geschichte, die nachdenklich stimmt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Sep 2014 

    Begegnung im Zug...

    Cécile, 47, hat das Wochenende bei den Eltern verbracht. Am Montagmorgen sitzt sie erschöpft - die Eltern werden auch immer anstrengender - im Frühzug und ärgert sich, dass sie nicht doch schon am Vorabend zurück zu Mann und Kind gereist ist.
    Der Platz neben ihr ist frei, ein Mann setzt sich. Cécile erkennt ihn sofort: Philippe Leduc. Und auch Philippe hat Cécile gleich erkannt. Doch sie schweigen geschockt. Beide.

    In den eineinhalb Stunden bis Paris erinnern sich Cécile und Philippe - jeder für sich -, wie verliebt sie vor fast dreißig Jahren waren, als sie zusammen ein romantsiches Wochenende in London verbringen wollten und dort alles aus den Fugen geriet...
    Die Schatten der Vergangenheit.

    Eine Situation, wie sie sich jeder vorstellen kann. Nichtsahnend und müde sitzt man da in einem Zugabteil und plötzlich setzt sich jemand neben einen, den man kennt und doch schon längst vergessen geglaubt hat. Wie aus einem früheren Leben.
    Manche Begegnungen sind willkommen - andere eher nicht. Machen unsicher. Ansprechen? Ignorieren? Abrechnen? Genauso geht es Cécile und Philippe, die sich kennen und lieben lernten vor dreißig Jahren, bevor...

    "Es geht sowieso immer alles sehr schnell vorbei, aber die Sache mit London ist immer noch da, selbst nach diesen siebenundzwanzig Jahren." (S. 103)

    Diese Begegnung setzt ein Feuerwerk an Gedanken frei bei Cécile und Philippe, eine Gedankenreise zurück an die gemeinsame Zeit - aber auch an all die Zeit danach und auf das, was heute ist. Eine Bilanz.

    "Für Überraschungen ist mit siebenundvierzig weniger Raum. Man rennt in seinem Hamsterrad, das einen überfordert - Ehe, Scheidung, Kinder, Job, gesellschaftliches Leben, Verpflichtungen. Nur schlaflose Nächte holen einen manchmal dort heraus, indem sie uns vor Augen führen, wie nichtig alles ist, was wir tun." (S. 62)

    Kein schmeichelhafter Blick aufs Leben, schonungslos offen, auch selbstkritisch - und häufig mit depressivem Anklang, was die Stimmung auch beim Lesen drückt.

    " Genauso wenig hat man uns gesagt, dass das Schwerste nicht etwa die Brüche sind, sondern die langsame Auflösung, die Dekadenz. Das Zerfallen von Beziehungen, Lebewesen, Vorlieben, Körpern, der Lust." (S. 67)

    Blondel wechselt dabei abschnittsweise die Perspektive, so dass wir einen Einblick sowohl in Céciles als auch in Philippes Gedankenwelt bekommen. Und obwohl sich zwischen den Personen im Zug kaum etwas ereignet, baut sich eine ganz eigene Spannung auf.
    Was ist in London geschehen? Werden die beiden im Zug miteinander reden - oder gehen sie nach der Fahrt auseinander, immer noch vorgebend, einander nicht erkannt zu haben? Gehen sie trotz der Gedankenreise unverändert in ihr Leben zurück?

    Ein interessantes Kammerspiel im Zugabteil präsentiert uns Jean-Philippe Blondel da. Nur Zufall, dass einer der Hauptcharaktere seinen Vornamen trägt und im selben Alter ist wie er?

    Trotz der depressiven Note hat mir das schmale Buch gefallen. Der Schreibstil ist flüssig, gefällig, lässt einen durch die Gedankenwelten treiben - und stößt eigene Gedankenreisen an.

    Eine Entdeckung!

    © Parden