1965 - Der erste Fall für Thomas Engel: Kriminalroman

Buchseite und Rezensionen zu '1965 - Der erste Fall für Thomas Engel: Kriminalroman' von Thomas Christos
3.35
3.4 von 5 (3 Bewertungen)

Düsseldorf, 1965: Für den jungen Kommissar Thomas Engel ist die Stadt am Rhein der verheißungsvolle Beginn eines neues Lebens. Als er zum ersten Mal ein Konzert der Rolling Stones sieht, gibt es für ihn kein Weg zurück, die Provinz liegt weit hinter ihm. Er stürzt sich in das Leben und in seine Arbeit, die ihm gleich einen spannenden Fall beschert. Ein junges Mädchen wird in der Ruine Kaiserswerth tot aufgefunden. Engel versteht nicht, dass seine Kollegen nicht gleich die Spur verfolgen, die geradewegs in die dunklen 1930er Jahre führt. Versucht man etwas vor ihm zu verheimlichen, und warum will niemand sehen, was so offensichtlich auf der Hand liegt?

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783764507190

Rezensionen zu "1965 - Der erste Fall für Thomas Engel: Kriminalroman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 29. Mär 2020 

    Rezension zu 1965

    Düsseldorf 1965: Der junge Thomas Engel aus der Provinz zieht in die Landeshauptstadt Düsseldorf und kann dort sein neues Leben als Kommissar beginnen. Erst ein Konzert der Rolling Stones katapultiert ihn erst richtig aus der Provinz ins Stadtleben. Als ein junges Mädchen in den Ruinen bei Kaiserswerth gefunden wird, ist Engel über seine Kollegen mehr als erstaunt, denn sie wollen den Spuren nicht folgen, die in das Ende der 30er Jahre führen. Was versucht man zu verheimlichen und warum?

    1965 stammt aus der Feder von Thomas Christos.

    Thomas Engel ist ein junger Mann aus der Provinz, den es nun nach Düsseldorf zur Kriminalpolizei verschlägt. Der Fall eines toten jungen Mädchens in den Ruinen von Kaiserswerth lässt ihn nicht mehr los.
    Thomas Engel ist eigentlich ein sympathischer Protagonist, der oftmals sehr naiv erscheint und in wirklich kurzer Zeit eine immense Entwicklung hinlegt. Die Arbeit als Kriminalbeamter ist ganz anders als Thomas es sich vorgestellt hat. Als Leser war ich oftmals schockiert wie die damaligen Verhältnisse bei der Polizei waren, die Selbstgerechtigkeit, die Engstirnigkeit und auch die wirklich freie Auslegung von Recht und Gesetz waren erschreckend. Auch der mal unterschwellige oftmals aber frei ausgelebte Rassismus und die Homophobie und wie viel Gedankengut aus der Nazizeit es noch immer gab empfand ich sehr beklemmend.

    In einem zweiten Erzählstrang werden Ereignissen beginnend 1939 erzählt, die eine Verbindung zu dem toten Mädchen in Kaiserswerth aufzeigt. In diesem Erzählstrang der direkt in die Nazizeit führt, werden grausame Details erzählt, die einem unter die Haut gehen können. Mir persönlich hat der Erzählstrang der Vergangenheit von seiner Intensität besser gefallen als der Haupterzählstrang.

    Als Kriminalroman konnte mich das Buch aber leider nicht wirklich überzeugen, den der eigentliche Fall nimmt nicht viel Raum ein, es wird mehr über das Leben und die Entwicklung von Thomas Engel erzählt und dann auch noch mit einer Liebesgeschichte garniert, die für mich für einen Kriminalroman zu kitschig ausgefallen ist. Thomas Ermittlungen laufen mir auch viel zu glatt, Kommissar Zufall hat ihr viel zu tun und ist immer zur rechten Zeit da, damit die einzelnen Puzzleteile zueinander finden und Thomas weiterkommt.

    Auch wenn mich der Krimi trotz der Kritikpunkte ganz gut unterhalten hat, konnte mich aber vor allem das Ende nicht für sich einnehmen. Auch wenn alles schlüssig und logisch ist, war mir die Lösung des Autors hier zu einfach gestrickt.

    Mein Fazit:
    Auch wenn es mich unterhalten konnte war es für mich kein richtiger Kriminalroman. Der Fall spielte nur eine untergeordnete Rolle und Kommissar Zufall hatte für mich hier zu viel zu tun um mich überzeugen zu können.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Mär 2020 

    Polizeianwärter

    Nach dem Abitur möchte Thomas Engel zur Polizei. Sein Vater würde ihn lieber als Lehrer oder Buchhalter sehen. Doch Kurt Strobel, der kurz vor einer Beförderung steht, kann den Vater überzeugen, dass der Dienst bei der Kriminalpolizei ein guter Weg für Thomas Engel sein kann. Nach Absolvierung der Polizeiakademie tritt Engel jr. seinen Dienst bei der Kriminalpolizei in Düsseldorf an. Sein Chef ist erstmal Strobel. Die Einarbeitung bringt für Thomas Engel einige Überraschungen. In Düsseldorf herrscht teilweise ein rauerer Ton als er erwartet hat. Als jedoch ein kleines Mädchen tot auf gefunden wird, hat Thomas seinen ersten Mord.

    Es war eine andere Zeit mitte der 1960er, Die erste Nachkriegsgeneration, zu der auch Thomas Engel gehört, drängt ins Berufsleben. Doch sind noch viele derer beschäftigt, die im Krieg waren und von dort nicht nur schlimme Erinnerungen mitgebracht haben, sondern auch solche, die nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollen. Für den Polizeineuling Thomas Engel ist es eine Situation, die ihn zum Nachdenken bringt. Über den Krieg ist in seiner Schulzeit nicht viel zur Sprache gekommen. Da er in seinem ersten Fall Hinweise auf die Vergangenheit findet, beginnt er zusätzlich Nachforschungen über die Nazi-Zeit anzustellen.

    In den 1960ern versuchte man noch, die Nazi-Zeit möglichst schnell zu vergessen. Wahrscheinlich haben doch etliche Schuld auf sich geladen und anstatt sich dem zu stellen, die Vergangenheit lieber verdrängt. Doch die erste Nachkriegsgeneration wächst heran und beginnt, Fragen zu stellen. Der Jungkommissar Thomas Engel ist genau so ein Vertreter der jungen Generation, der sein kleinbürgerlich spießiges Elternhaus verlässt, um in Düsseldorf seine Stelle anzutreten. Er rührt den behäbigen Apparat ganz schön auf. Auch als Leser steht man recht konsterniert vor der Erkenntnis, dass die alten Seilschaften sich zu großen Teilen in die neue Welt gerettet haben. Man kann gut in die Haut von Thomas Engel schlüpfen und sein Entsetzen nachempfinden. Das, was er herausfindet, lässt einen fassungslos den Kopf schütteln. Auch wenn in seinem ersten Fall vielleicht etwas zu viel über Thomas Engel hereinbricht, so hat der Autor ein ausgesprochen wichtiges und fesselndes Thema aufgegriffen. Die Frage nach dem warum? Und wieso sich so wenige gefunden haben, um das Unheil zu verhindern. Eine Antwort findet auch der Autor nicht, aber zum Nachdenken und Nichtvergessen regt er definitiv an und das ist wichtig und richtig.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 23. Mär 2020 

    Plakativer Spannungsroman auf zwei Zeitebenen

    Krimis, die in den 1960er Jahren angesiedelt sind, gibt es bislang nicht viele. Der Titel hat mich sofort angesprochen, zumal das Buch auch haptisch sehr ansprechend gestaltet ist. Insofern wurde ich sehr überrascht, als ich mich schon auf der ersten Seite im Jahr 1939 wiederfand. Der Autor erzählt seine Geschichte nämlich auf zwei Zeitebenen, in beiden geht es unter anderem um Sexualmorde an kleinen Mädchen, die offensichtlich miteinander in Verbindung stehen. Der Einstieg in den Roman ist von daher sehr gelungen.

    Thomas Engel ist in einem bürgerlich-biederen Elternhaus auf dem Land aufgewachsen. Sein Vater ist der Patriarch, der als Polizist extrem konservative Werte verkörpert. Thomas hat Abitur gemacht und träumt davon, Kripo-Beamter zu werden. Vorbild dafür ist sein „Onkel“ Kurt Strobel, ein enger Freund des Vaters. Thomas will raus aus der Enge, will in die Stadt. Dank des Onkels geht der Wunsch in Erfüllung, er absolviert seine Ausbildung bei der Kriminalpolizei Düsseldorf mit Bestnoten.

    Der erste Mordfall führt Thomas und seine Abteilung in eine Zigeunersiedlung, wo ein Schreibmaschinen-Vertreter tot in einem Auto aufgefunden wird. Natürlich geraten zunächst die Roma in Tatverdacht. Der versierte Kurt Strobel findet jedoch Anzeichen einer Selbsttötung, so dass der Fall zu den Akten gelegt werden kann. Allerdings hätte der Tote noch einen Termin in der Sonderkommission für Nazi-Verbrechen gehabt, was den dortigen Ermittler Drezko misstrauisch macht und weiter ermitteln lässt. Bereits hier vermutet man Verstrickungen der Polizei, die in die Nazi-Vergangenheit zurückreichen.

    Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurde die kleine Radschlägerin Lotte verschleppt und Opfer eines Sexualmordes. Spuren am Tatort weisen auf ein seltenes Auto hin, Hauptkommissar Salziger ist zuversichtlich, den Täter stellen zu können. Der Fall wird ihm jedoch von der Gestapo entzogen. Man präsentiert einen bemitleidenswerten Schwulen als Triebtäter, dem man ein Geständnis durch Folter abpresst.

    Im Jahr 1965 geschieht nun ein sehr ähnlicher Mord an einem kleinen Gastarbeiterkind. Der Leser entdeckt sofort die Parallelen zum Fall von 1939. Thomas findet die Leiche, muss aber bereits am nächsten Tag feststellen, dass der Fall manipuliert und als tragischer Unfalltod deklariert wurde...

    Mehr und mehr verliert Thomas den Glauben an die Gerechtigkeit und Ehrlichkeit seiner Idole. Er begehrt auf, ermittelt auf eigene Faust, was ihn nicht beliebt macht bei den Kollegen. Privat wird er dabei von seiner neuen Freundin Peggy unterstützt, die aus einem Fürsorgeheim getürmt ist. Peggy ist ein Kind ihrer Zeit, sie liebt die Musik der Beatles, der Rolling Stones, deren Melodien und Texte den Roman durchziehen.

    Die zweite Zeitebene wird auch weitergeführt. Offensichtlich sind im Jahr 1941 Kriegsverbrechen geschehen, in die Teile der Düsseldorfer Polizei verwickelt sind. Thomas kommt per Zufall ins Archiv und kann anhand alter Akten Zusammenhänge aufspüren, auch den Fall der kleinen Lotte. Unnachgiebig und mit kriminalistischer Spürnase sucht er nach der Wahrheit. Er will die Verantwortlichen stellen, sowohl den Triebtäter als auch diejenigen, die ihn schützen, um weitere Opfer zu verhindern. Das führt zu einer kurzweiligen Lesereise an verschiedene Handlungsorte. Man folgt Thomas nach Amsterdam und Polen, man lernt die grauenhaften Zustände in psychiatrischen Heilanstalten und Fürsorgeheimen kennen, in denen die Schutzbefohlenen unterdrückt und missbraucht werden. Überall ist das Obrigkeitsdenken noch weit verbreitet, die Behörden sind mit Alt-Nationalsozialisten und entsprechendem Gedankengut durchsetzt, alte Seilschaften sind lange haltbar, vom Rechtsstaat ist die Republik noch weit entfernt. Die ersten Gastarbeiter wurden angeworben, sie leben in Barracken, werden beschimpft und haben keine Reputation.

    Christos hat sorgfältig recherchiert und gibt einen guten Einblick in diese Jahre der Vergangenheits-Verdrängung. Auf der anderen Seite begegnen wir rund um Peggy aber auch jungen Menschen, die Freude am Tanzen, der freien Liebe und am Leben haben, die tolerant sind und neue Vorbilder suchen. Wer Düsseldorf kennt, wird auch am Lokalkolorit seine Freude haben.

    Die Kriminalfälle an sich sind interessant verwoben, die Verknüpfung der Zeitebenen schlüssig. Schwierigkeiten hatte ich mit der Art der Darstellung. Mir sind viele Dialoge, Situationen, Einstellungen und Figuren einfach zu plakativ, eindimensional und platt geraten. Christos will uns mit dem Zaunpfahl auf bestehende Defizite, Ungerechtigkeiten und Radikale hinweisen, wo ein Zeigestock genügt hätte. Es gibt dabei aber nur Schwarz und Weiß, keine Grautöne. Die Guten sind gut und die Bösen böse. Als Leser fühlte ich mich bevormundet, weil nichts zwischen den Zeilen steht, sondern alles auf dem Silbertablett präsentiert wird. Die Dialoge geraten dadurch überzeichnet, da kommen Aussagen wie:
    „Ein nordischer Mann kann nie ein Verbrecher sein, geschweige denn ein Kinderschänder. Merken Sie sich, Verbrecher sind Untermenschen, Perverse und Juden.“ (S.105)
    „Wir können die Langhaarigen leider nicht wie früher ins Arbeitslager stecken, aber wir können ihnen mit unseren Schlagstöcken Manieren beibringen.“ (S. 126)
    „Was heißt Kapo?“ „Das waren die Aufseher im KZ. Ich weiß also, wie man mit Kanaken umgeht.“ (S. 163)
    Im Gegensatz dazu erfährt Thomas in kurzer Zeit eine wundersame Wandlung vom biederen Dorfjungen zum Superhelden.

    Das Ende ist schlüssig konstruiert. Hier laufen die verschiedenen Zeitebenen zusammen. Es gibt ein richtig launiges Finale, das Überraschungen bereithält. Man sollte nur nicht zu kritisch sein, inwiefern die Fiktion auch der Realität entsprechen kann.
    Insofern ist „1965“ ein solide konstruierter Krimi mit starkem Bezug in die Jahre des Nationalsozialismus. Er ist unterhaltsam und bildhaft, konnte mich jedoch nicht völlig überzeugen.

    3/5 Sterne