1918 - Die Welt im Fieber

Buchseite und Rezensionen zu '1918 - Die Welt im Fieber' von Laura Spinney
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "1918 - Die Welt im Fieber"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
EAN:9783446258488

Rezensionen zu "1918 - Die Welt im Fieber"

  1. Hatschi!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Dez 2020 

    Genau 100 Jahre hatten wir jetzt Zeit, über ein Ereignis in unserer Geschichte nachzudenken, einen Plan für den Wiederholungsfall zu entwickeln und vor allem die Menschen über ein sensibles Thema zu informieren.

    Dieser Aufgabe hat sich die Autorin bravourös gestellt!

    Ein gutes Jahr hatten wir Leser dann Zeit (das Buch ist 2018 hier in Deutschland erschienen), uns vorzubereiten, wenn wir denn damit so schnell gerechnet hätten.
    Ich aber las das Buch erst jetzt und hatte diesen eigenartigen Effekt, mich ständig daran erinnern zu müssen, dass es nicht um die aktuelle Lage ging sondern um das Jahr 1918.

    Die Parallelität der Grippepandemie Ende des Ersten Weltkrieges und die Corona-Pandemie, die heuer um die Welt rast, ist zugleich erschreckend, aber auch ein Stück beruhigend, da wir mit Abstand eine Katastrophe besser einschätzen und besonnener handeln können.

    Es war nicht der erste Grippeausbruch, den die Welt traf und auch nicht die letzte Influenza, die großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft hatte, aber die Spanische Grippe fiel genau in eine Zeit der Umbrüche. Die Medizin hatte das Bakterium schon unter dem Mikroskop, aber das Virus entkam der Entdeckung durch seine Winzigkeit und seiner Weigerung, sich in einer Nährlösung vermehren zu wollen. Ärzte und Wissenschaftler stritten also noch darum, warum die Menschen krank wurden, woher der Fluch kam und welche Behandlungsmethoden, neben erfolgreichem Abstand halten und Quarantäne, wohl die besten seien.

    Auch die Namensgebung war umstritten, schließlich hatte jedes Land seinen eigenen Verdacht, wer die Seuche eingeschleppt haben könnte. Schließlich einigte man sich auf die Spanische Grippe, wobei die Spanier damit nicht wirklich einverstanden waren. Nachvollziehbar, denn der Erste Weltkrieg endete gerade, weltweit kehrten die Truppen heim, geschwächt, hungrig und oftmals krank. Den Daheimgebliebenen ging es auch nicht besser. Fehlende Arbeitskräfte und schlechte Wetterbedingungen ließen die Ernten schrumpfen. Die Friedensverhandlungen verschoben ganze Landstriche in neue Herrschaftsgebiete und die folgenden Flüchtlingsbewegungen verschärften die Lage. In diesem Chaos war an eine Dokumentation der krankheitsbedingten Fallzahlen nicht zu denken und somit war es im Nachhinein eine Herkulesaufgabe, herauszufinden, wieviele Tote auf das Konto des Krieges gingen und wieviele der Pandemie angerechnet werden müssen.

    Eines jedoch war den Nationen spätestens jetzt rund um den Erdball sehr bewusst, dass es keine Länder geben kann ohne Volk, dass kein Wiederaufbau mit kranken, siechenden Menschen möglich ist und dass Vertrauen in eine Regierung maßgeblich auch auf eine gute Gesundheitsfürsorge beruht. Krankenversicherungen wurden eingeführt, oder verbessert, Krankenhäuser besser ausgestattet, Ärzte von Institutionen finanziert und Organisationen gegründet, die die Daten sammeln und auswerten sollten.

    Aber natürlich gab es auch damals schon Skepsis gegenüber den Anordnungen der Regierungen und den Behandlungsmethoden der Ärzte. Zu oft war man mit den indigenen Völkern in den Kolonien unmenschlich umgesprungen, als dass sie jetzt an das Gute glauben sollten. Zu lange war man in den Mietskasernen der Großstädte auch ohne behördliche Anweisungen über die prekären Runden gekommen, als dass man jetzt die Selbständigkeit aufgeben wollte. Und zu erfolglos waren die Bemühungen der Schulmedizin, die gegen ein Bakterium kämpfte, das nicht die Ursache war. Und just als man sich der Alternativmedizin, dem Medizinmann oder der Geistersitzung zugewandt hatte, flaute die Grippe ab.

    Der Schaden war angerichtet, der Schock saß tief, aber wie immer nach einem traumatischen Erlebnis, drehte sich die Erde weiter und der Blick war nach vorn gerichtet.... nicht ganz! Denn schon damals wurde klar, dass nicht alle, die die Krankheit überstanden hatten, wieder voll genesen waren und dass fast ein ganzer Jahrgang an Neugeborenen fehlte.

    Die Autorin erschafft hier einen vollständig anmutenden Überblick über das Geschehen in jenen Jahren, beleuchtet Hotspots über das Erdenrund verteilt, betritt die Künstler-, als auch die Politikerbühne und wirft nebenbei noch einen Blick auf die Erforschung der Viren. Klug und aufs Wesentliche konzentriert, kann man auch als Laie verstehen, wie tiefgreifend die Veränderungen in allen Gesellschaftsschichten waren und wie wichtig eine künftige, genaue Beobachtung der Weltgesundheit ist.

    Denn, wie wir inzwischen schmerzlich am eigenen Leibe erfahren haben, wir werden nicht weniger Menschen und wir werden in unserer Mobilität auch nicht langsamer. Wir sind mittendrin und dürfen gern aus der Vergangenheit lernen. Ein besonderes Buch, das für sich spricht, das erinnern wollte und doch zur Prophezeiung wurde.