Der Trick

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Trick' von Emanuel Bergmann
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5 von 5 (2 Bewertungen)

Einst war er der »Große Zabbatini«, der 1939 in Berlin als Bühnenzauberer Erfolge feierte, heute ist er ein mürrischer alter Mann in Los Angeles, der den Glauben an die Magie des Lebens verloren hat. Bis ihn ein kleiner Junge aufsucht, der mit Zauberei die Scheidung seiner Eltern verhindern will. Ein bewegender und aberwitziger Roman über verlorene und wiedergewonnene Illusionen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
Verlag: Diogenes
EAN:9783257069556

Rezensionen zu "Der Trick"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Okt 2016 

    Grandios ...

    Ich habe das Buch soeben beendet und ich bin ganz angetan davon. Ich habe gelesen, dass dieses Buch Bergmanns Debüt ist. Wahnsinnig gut gelungen. Von der ersten bis zur letzten Seite war das Buch mit Spannung erfüllt. Allerdings keine Spannung in Form von Action und Sensationsgier. Das Buch besitzt eine gewisse Tragik aber nicht durch die gesamte Handlung hindurch. Und viel Weisheit findet man darin. Zudem ist es noch ein Buch über Freundschaft. Der Autor hat mehrere Fäden in der Hand, und bewegt sie, ohne einen zu verlieren. Diese Art zu schreiben hat mich sehr tief berührt.

    Man bekommt es hier im Wechsel mit zwei verschiedenen Perspektiven zu tun, Perspektiven aus unterschiedlichen Epochen und mit unterschiedlichen Figuren. Aber die Figuren begegnen sich irgendwann in der Gegenwart, die beiden Perspektiven bleiben bis zum Schluss dennoch weiterhin bestehen. Dieser Stil hat etwas Verspieltes und der immerwährende Wechsel von der einen in die andere Geschichte fordert ein wenig Kopfakrobatik ...

    Ich werde etwas um den heißen Brei reden …

    Schon der Buchtitel Der Trick scheint auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches zu sein, und man glaubt, es geht nur um getrickste, banale Zirkuszauberei. Ja, dies schon, aber nicht nur. Hinter dem Titel steckt etwas ganz Anderes ... Das fand ich grandios …

    Die tschechische jüdische Halbwaise Mosche Goldenhirsch, Künstlername Zabbatini, verlässt 1934 mit 15 Jahren seinen Vater namens Laibl, um in einen Zirkus einzutreten. Die Jahreszahl 1934 sagt schon aus, in welchen politischen Umbrüchen Europa sich befindet, hauptsächlich in Deutschland, und dies tiefen Einfluss auch auf Tschechien haben wird …
    Mosche hatte außerdem die Nase von seinem Vater voll, der immerzu auf ihn eindrosch, wenn er nicht die Leistung erbracht hatte, die der strenge Vater von seinem Sohn eingefordert hat. Der Vater hatte als Rabbiner unter den Juden eine hohe Stellung inne, weshalb der Gelehrte sich so streng seinem Sohn gegenüber verhielt.
    Laibls Lebensphilosophie ist:

    Zitat:

    Allein schon da zu sein, allein schon zu leben, (…) ist ein Gebet. (2016, 7.)

    Mosche wird von Kröger, der Chef des Zirkus‘, Künstlername Halbmondmann, sofort angenommen. Mosche betont aber, dass er Jude sei, daraufhin die abwehrende Reaktion des Chefs:

    Zitat:

    „Erspar‘s mir. Wir sind beim Zirkus. Wir sind alle gleich“. Das hatte Mosche noch nie zuvor gehört. „Echt?“
    „Im Theater“, erwiderte Kröger, „ist jeder ein Edelmann, wir sind Künstler, und es gibt nichts Edleres als die Kunst.“ (138)

    Nach der Probephase erkennt Kröger in dem Jungen eine gewisse Begabung. Und so wird Mosche in die Kunst des Magiers eingeführt und erhält den iranischen Künstlernamen Zabbatini. Mosche schlüpft in eine neue Identität und deckt sich mit viel Wissen über die iranische Lebensweise ein. Der Name Mosche Goldenhirsch ist somit abgeschrieben.
    Mosche wird in die Lebensphilosophie der Magier und Zauberer eingeweiht.

    Zitat:

    … >>Denn wir sind die Nachkommen der Hohepriester von Persepolis. (…) Wir sind ihre Nachkommen, zumindest im Geiste. Wir sind die Sprecher der Götter und die Hüter einer zeitlosen Wahrheit.<<
    >>Ja<<, sagte Mosche aufgeregt. >>Was für eine Wahrheit?<<
    >>Die Wahrheit der Lügen.<<
    >>Wie können Lügen wahr sein?<<
    >>Wie nicht? Menschen sind begierig darauf, getäuscht zu werden. Sie wollen an etwas Größeres glauben. Wir aber geben ihnen etwas Kleineres, nur deshalb kommen sie. Die Magie ist eine wunderschöne Lüge.<< (158)

    Im Zirkus bekommt Mosche die Rolle eines Clowns und hat dadurch selbst den SA-Männern gegenüber Narrenfreiheiten, da niemand von ihnen hinter der Maske einen Juden vermutet hat. Mosche nutzt seine Gunst, sich für das Leid, das sie den Juden zufügen, zu rächen. Er zieht einen SA-Mann an sich heran, und flüstert ihm ins Ohr, dass er, der SA-Mann, dieses Jahr sterben werde.

    Zitat:

    Er, Mosche Goldenhirsch, hatte die SA in Angst und Schrecken versetzt! (183)

    Mosche verliebt sich heimlich in die Artistin Julia. Nur durfte der Chef nicht hinter diese Liebelei kommen … Aber er kam dahinter … Nun geschieht ein großes Szenario, das immense Auswirkungen für alle Beteiligten nach sich zieht …
    Julia und Zabbatini gehen nun eigene Wege, nachdem der Zirkus durch tragische Umstände abgefackelt war.
    Mosche macht sich auch ohne den Zirkus einen Namen als der große Zauberer Zabbatini.

    Mosches Ruf wird bekannt. Nicht nur SA-Männer suchen seinen Rat. Auch Hitler wendet sich an ihn mit der Frage, ob die Juden die Nation in den Krieg treiben würden?

    Dazu Zabbatini:

    Zitat:

    Sie werden einen großen Frieden bringen. Einen Frieden, wie die Welt ihn noch nie gesehen hat. Ihr Name wird niemals in Vergessenheit geraten, mein Führer. (284)

    Hitler war ganz gerührt und bot Zabbatini daraufhin an, ihn mit Adolf anzusprechen.

    Leider hat Mosche als Zabbatini gewisse Risiken nicht bedacht, und es ist das eingetroffen, was ich befürchtet habe ...

    Zabbatini, der Zauberer, der mit seiner Kunst sogar die Nazis täuschte ... Ich ahnte schon, dass ein Ereignis kommen musste, wie es gekommen ist. Grausam. Es konnte gar nicht anders kommen. Warum war Mosche nur so naiv? Wieso fehlte ihm dieser klitzekleine Weitblick? ...

    In der zweiten Epoche, 2007, wird das Leben des zehnjährigen Max‘ erzählt, der auch aus einer jüdischen Familie väterlicherseits stammt. Seine Großmutter hat durch ganz besondere Umstände und durch besondere Menschen den Holocaust knapp überlebt ...

    Permanent versucht sie über diese schreckliche Zeit mit ihrer Familie zu reden, doch niemand hat wirklich ein Ohr für sie, auch, weil sie immer und immer wieder dasselbe erzählen würde ...

    Max‘ Eltern möchten sich scheiden lassen, und der Junge leidet fürchterlich darunter. Als der Vater schließlich auszieht, ist Max ganz außer sich. Während des Umzugs findet er unter den Musikplatten seines Vaters eine Platte, die aus dem Rahmen fällt. Max kann eigentlich mit Platten gar nix anfangen, aber der Titel stimmt ihn neugierig. Auf der Platte steht der Name des großen Zauberers Zabbatini. Max fragt seinen Vater, ob er die Platte haben könne. Der Vater schenkte sie ihm. Max zieht los, um den Plattenspieler in der Abstellkammer zu suchen.

    Auf der Platte geht es um die Liebe, wie diese, die gefährdet ist, mit Zauberei wieder zu kitten ist …
    Max ist von der Platte völlig hingerissen, die allerdings gerade dort einen Sprung aufweist, als es um diesen Liebeszauberspruch ging. Nun konnte Max nichts mit der Platte anfangen und begibt sich auf die Suche nach dem großen Zabbatini, da nur Zabbatini es schaffen könne, mit diesem Liebeszauber seine Eltern wieder zusammenzuführen …

    In der Gegenwart nun angekommen, versucht auch Mosche mit jungen Leuten über seine Erfahrungen mit den Nazis zu sprechen. Schließlich zählt auch er zu den Überlebenden des Holocausts und musste schwere körperliche Züchtigungen über sich ergehen lassen.

    Zitat:

    „Fick dich!“, schallte eine Stimme entgegen. Zabbatini fühlte sich, als hätte ihn jemand geohrfeigt. Die jungen Leute starrten ihn alle voller Ekel und Verachtung an. Er schämte sich. Er war nicht wie die anderen. Seine Erfahrungen, im Krieg und auch davor, machten ihn zu einem Ausgestoßenen. In der großen Menschenfamilie war kein Platz für ihn. (313)

    Mich hat diese Textstelle recht betroffen gestimmt. …
    Auch andere Textstellen stimmten mich nachdenklich, wie z. B. dass es verboten war, Jude zu sein. Dies zumindest erkennt der kleine Max, als er schließlich durch einen anderen Menschen erfährt, welches Leid dieser und seine Großmutter als Juden widerfahren ist …

    Wie es nun weitergeht und ob Max den Magier findet, bzw. ob er es schafft, seine Eltern zusammenzuführen, überlasse ich den LeserInnen selbst, es mit Hilfe der Lektüre herauszufinden.

    Mein Fazit?

    Zu gegebener Zeit möchte ich dieses Buch ein weiteres Mal lesen. Diese vielen Facetten möchte ich nochmals erleben und ein weiteres Mal auf mich einwirken lassen.

    Mich hat recht traurig gestimmt, wie sehr diese Menschen wie Mosche und Max‘ Großmutter mit ihrer Geschichte alleingelassen sind. Erst später, zum Ende der Geschichte hin, wird Max‘ Vater zum ersten Mal bewusst, dass er, sein Sohn Max und weitere fünf Verwandte gar nicht am Leben wären, hätte seine Mutter den Holocaust nicht überlebt. Ein wenig absurd, dass nicht vorher genau hingeschaut wurde. Lernt ein Mensch immer erst, wenn das Schicksal ihn dazu zwingt?

    Ich wünsche mir sehr, dass dieses Buch viele Menschen erreichen wird. Lesen wir nur aus Vergnügen, oder auch, um über bestimmte Ereignisse, mit denen sich unsere AutorInnen auseinandersetzen, zu sensibilisieren?
    Bei mir ist auf jeden Fall beides der Fall …

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Feb 2016 

    Ein Buch wie ein Zaubertrick!

    Ein Buch wie ein Zaubertrick. Es steckt voller Überraschungen. Fast, als ob man damit rechnet, dass das berühmte Kaninchen aus dem Hut gezaubert wird und verblüfft ist, wenn ganz andere Dinge zum Vorschein kommen. Genauso erging es mir mit diesem Buch. Emanuel Bergmann spielt in seinem Roman "Der Trick" mit vielen Überraschungsmomenten, die den Leser einfach nur verzaubern.

    Worum geht es in diesem Roman?
    1934, in Prag, bestaunt der fünfzehnjährige Rabbinerssohn Mosche Goldenhirsch im Zirkus die Zauberkunststücke des legendären "Halbmondmanns" und seiner liebreizenden Assistentin - es ist um ihn geschehen, und zwar gleich doppelt. Er rennt von zu Hause weg und schließt sich dem Zirkus an, der nach Deutschland weiterzieht.
    2007, in Los Angeles, klettert der zehnjährige Max Cohn aus dem Fenster seines Zimmers, um den Großen Zabbatini zu finden, einen alten, abgehalfterten Zauberer. Der Junge ist überzeugt: Nur Magie kann seine Eltern, die vor der Scheidung stehen, wieder zusammenbringen. (Klappentext)

    Hier werden also 2 unterschiedliche Geschichten in 2 Handlungssträngen erzählt. Die erste behandelt den Werdegang des Mosche Goldenhirsch und spielt im Europa zur Zeit des 2. Weltkrieges. Der Leser schnuppert Zirkusluft und bekommt einen Einblick in die Geheimnisse der Zauberei. Er begleitet den jungen Mosche auf seinem Weg von Prag bis ins Berlin des Adolf Hitler. Als jüdischer Künstler lernt Mosche die Vorzüge und Schattenseiten des Künstlerdaseins während des Nationalsozialismus kennen. Aber auch der Holocaust macht nicht vor ihm halt.
    Bergmann präsentiert dem Leser eine Welt, die fremd und faszinierend ist. Gleichzeitig lässt er den Leser an einer der dunkelsten Seite der deutschen Geschichte teilhaben.

    "Die Vorstellung war überwältigend. Nicht zuletzt, weil der Halbmondmann eine hübsche, junge Assistentin hatte, die er als Prinzessin Ariana von Persien vorstellte. Nach einer Löwendressur- und einer Akkrobatiknummer stieg sie in einen großen Überseekoffer, der die ganze Zeit unbeachtet am Rand der Zirkusarena gestanden hatte. Der Halbmondmann machte den Koffer zu, packte den Silberknauf seines Gehstocks und zog plötzlich ein Schwert aus dem Schaft. Er hielt es so hoch, damit die Zuschauer es im Rampenlicht funkeln sahen. Dann holte er ein Seidenband hervor und schnitt es entzwei, somit war bewiesen, dass die Klinge scharf war." (S. 93)

    "Was für eine Welt, dachte er, wo schöne Frauen aus Gepäckstücken steigen!" (S. 94)

    Im 2. Handlungsstrang befinden wir uns 60 Jahre später in Los Angeles, lernen die Familie Cohn kennen. Harry und Deborah Cohn haben Eheprobleme und wollen sich scheiden lassen. Sohn Max (10) versucht dies zu verhindern, indem er die rührende Idee hat, seine Eltern mittels eines Zaubers, den nur der Große Zabbatini beherrscht, wieder zusammen zu bringen.

    Es gibt einen ständigen Wechsel zwischen den beiden Handlungssträngen. Ständig fragt man sich, wo die Verknüpfung zwischen diesen beiden Geschichten zu finden ist. Erst nach dem ersten Drittel dieses Romans wird man von der gemeinsamen Verbindung überrascht.

    Dieser Roman macht Spaß. Dank des lebhaften Erzählstils von Emanuel Bergmann, fliegen die Seiten nur so dahin. Wie ich anfangs erwähnte versteht es Bergmann, seine Leser zu überraschen. Man weiß nie, welche Wendung die Geschichte annimmt. Wie bei einem Zaubertrick versucht man als Leser die Handlung zu durchschauen. Doch es gelingt nicht. Denn dafür sind Bergmann's Tricks zu fantasievoll. Und so wird man als Leser von der Handlung gleichzeitig verblüfft und verzaubert. Bergmann erzählt die Geschichte mit viel Galgenhumor. Der Leser durchläuft die komplette Gefühlspalette. Es gab Momente, in denen ich lauthals lachen musste, aber auch Momente der Betroffenheit. (Die eine oder andere Träne ist auch geflossen ;-))

    "Er lernte, dass die Bühnenzauberei nichts anderes war als eine Form des Geschichtenerzählens. Jeder Trick war ein Drama. Der Zauberer, oder Erzähler, erschuf im ersten Akte eine Erwartungshaltung, die dann im dritten Akt gleichermaßen erfüllt und auf den Kopf gestellt wurde. Mosche begriff, dass der wahre Trick sich immer nur in den Gedanken der Zuschauer abspielte. Die Kunst war nicht die Veränderung durch die Mechanik der Handgriffe oder Requisiten, die Kunst bestand in der Verwandlung der Gefühle." (S. 179)

    Was an Komik fast nicht zu überbieten ist, ist das Miteinander des 10-jährigen Max und des alten, abgehalfterten Magiers, der Große Zabbatini. Ein 10-Jähriger, der trotz seiner Kindlichkeit eine große Ernsthaftigkeit an den Tag legt, trifft auf einen egoistischen alten Kerl, der sich benimmt wie ein Kind. Dieses Zusammenspiel der beiden habe ich sehr genossen.

    Fazit:
    Ich war fast ein bisschen traurig, als ich das Buch beendet habe. Die Geschichte hätte für mich ewig weitergehen können. Dies ist eines der Bücher, bei denen einfach alles stimmt: Originelle Handlung, tolle Charaktere, lebhafte Sprache, wunderbarer Humor. Ein Buch, das man mit "einem lachenden und einem weinenden Auge" liest. "Der Trick" ist Emanuel Bergmanns erster Roman. Bitte mehr davon! Absolute Leseempfehlung!

    © Renie

 
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