Das Buch der Spiegel

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Buch der Spiegel' von E.O. Chirovici
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

Die Wahrheit des einen ist die Lüge des anderen.


Als der Literaturagent Peter Katz ein Manuskript des Autors Richard Flynn erhält, ist er sofort fasziniert. Flynn schreibt über die Ermordung des Professors Joseph Wieder in Princeton. Der Fall wurde nie aufgeklärt, und Katz vermutet, dass der unheilbar kranke Flynn den Mord gestehen oder den Täter enthüllen wird. Doch Flynns Text endet abrupt. Als Katz den Autor kontaktieren will, ist dieser bereits verstorben. Besessen davon, das Ende der Geschichte zu erfahren, versucht Katz, Laura Baines ausfindig zu machen, die als Studentin auf undurchsichtige Weise mit Wieder verbunden war. Doch je tiefer Katz in den Fall eindringt, desto mehr scheint er sich von der Lösung zu entfernen ...


Format:Kindle Edition
Seiten:384
EAN:

Rezensionen zu "Das Buch der Spiegel"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Feb 2017 

    Unglaublich spannend

    Die Geschichte erscheint einem als Leser unglaublich. Dem Literaturagenten Peter Katz wird von einem relativ unbekanntem Schriftsteller; Richard Flynn; der Beginn eines Manuskripts zugesendet. Schon das Anschreiben des Autors weckt das Interesse des Agenten. Er beginnt gemeinsam mit dem Leser das Manuskript zu lesen. Alles dreht sich um den ungeklärten Mordfall an dem Psychologieprofessor Joseph Wieder. Der Autor - Richard Flynn - weiß jetzt, was damals geschah. Mittendrin im Geschehen endet das Manuskript.

    Was ist geschehen, wie geht es weiter?

    Nicht nur ich, auch der Agent will wissen, wie es weitergeht. Seine Kontaktversuche mit dem Autor verlaufen jedoch ins Leere. Dieser, schwer erkrankt, stirbt und der Rest des Manuskripts ist nicht auffindbar. Jetzt nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Katz beauftragt den Journalisten John Keller mit weiteren Ermittlungen auf der Suche nach dem Manuskript und stellt die Fortsetzung des Romans in Aussicht. Letztendlich folgt noch ein weiterer Abschnitt mit dem ehemaligen Polizisten Roy Freeman, der als ermittelnder Beamter damals auch in den Fall involviert war.
    Diese Art der Erzählung macht die Story undurchsichtig aber umso interessanter. Denn je mehr wir in den einzelnen Teilen vom damaligen Geschehen erfahren, umso merkwürdiger wird das Ganze. Jeder der Beteiligten erzählt über seine Ermittlungen mit zum Teil völlig veränderten Fakten. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass der ermordete Psychologe sich u.a. genau mit diesem Thema im Geschehen beschäftigt. Es geht um Erinnerungen und Wahrnehmungen der Menschen, die sich bei jedem durch eigene Erfahrungen, Erzählungen und Einflüsse anders darstellen. Im Laufe der Story erfahren wir so die verschiedenen Wahrheiten der alten Geschichte und sind versucht uns ein eigenes Bild über die damaligen Ereignisse und das Geschehen zu machen. Man kommt sich wie in einem großen Puzzle vor, wo am Anfang nicht ein Teil zum anderen passt. Nicht zuletzt bleibt die Spannung bis zum Schluss bestehen in der Hoffnung, dass dieser dreißig Jahre alter Mordfall doch noch aufgeklärt werden kann.

    Die Art, wie dieses Buch geschrieben ist, gefällt mir sehr gut. Aus drei verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Wahrnehmungen und Empfindungen konnten wir einen Blick auf das damalige Geschehen werfen und selbst während des Lesens darüber nachdenken, was wirklich passiert ist.

    Ich fand dieses Buch wirklich beeindruckend und kann es uneingeschränkt empfehlen. Von mir gibt es verdiente fünf Lesesterne.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Feb 2017 

    Die Wahrheit hinter der Wahrheit

    Erinnerungen sind wie Geschosse. Manche zischen vorbei und erschrecken dich nur. Andere reißen dich in Stücke. R. Kadrey Kill the Dead

    Dieses Zitat ist dem Roman vorangestellt. Erinnerungen, die zerreißen, das ist der Auslöser für Richard Flynn, ein Buch über Ereignisse zu schreiben, die sich während seiner Collegezeit zugetragen haben und die sein Leben nachhaltig veränderten. Professor Wieder, ein anerkannter Psychologe, bei dem Flynn einen Aushilfsjob hatte, wurde ermordet, er selbst stand auch unter Verdacht. Er schickt einige Probekapitel zusammen mit einem Anschreiben an den Literaturagenten Katz. Als der sich Wochen später bei Flynn meldet, erfährt er von der Lebensgefährtin, dass Richard kürzlich verstorben ist. Von einem Manuskript weiß sie nichts.

    Katz bittet den Journalisten Keller, die Story zu recherchieren und das Manuskript zu finden. Er erkennt eine Menge Brisanz, denn der Roman scheint auf einem Mordfall und Skandal zu beruhen.
    John Keller taucht tief in die Vergangenheit ein, fördert eine ganze Menge an Spuren und Personen zu Tage, kann jedoch kein ganzes Bild von Richard und den Geschehnissen bekommen. Zu unterschiedlich sich die Sichtweisen der Einzelnen, jeder hat einen ganz eigenen Blick auf die Ereignisse. Frustriert beendet Keller seine Suche und er übergibt eine Kopie seiner Notizen an Roy Freeman, dem pensionierten Cop, der seinerzeit die Ermittlungen führte.

    Der Kunstgriff, ein Geschehnis aus der Sicht von verschiedenen Beteiligten zu erzählen und auch die journalistische einer polizeilichen Ermittlung gegenüber zu stellen, macht die Faszination aus. Der Leser bekommt keine lineare Geschichte vorgesetzt, er muss sich selbst immer wieder hinterfragen. Wem glaube ich? Wer lügt? Diese Fragen beschäftigten mich bis zum Schluss und raffiniert und sicher auch im Sinn des Autors war, dass mit jedem neuen Detail meine Meinung ins Wanken geriet. Das der getötete Wieder sich wissenschaftlich mit der Manipulation von Erinnerung beschäftigt hat, gibt der Geschichte noch eine ganz besonderen Kick.

    Die Erzählweise ist außergewöhnlich und hebt den Roman auch aus der Masse heraus. Ich war von Anfang an gefesselt und dass ich immer wieder meinen Verdacht hinterfragen musste, fand ich besonders reizvoll. Dass ich mir manchmal einige Details und Nebenhandlungen stringenter gewünscht hätte und das der Schluss das Tempo nicht ganz durchhält, fällt als Kritik kaum ins Gewicht.

    Ich habe meine Rezension mit einem Zitat aus dem Buch begonnen und möchte mit einem weiteren enden:
    „Alle hatten sich geirrt und durch die Fenster, in die sie zu spähen versuchten, und die sich am Ende alle als Spiegel herausstellten, nur immer sich selbst und ihre eigenen Obsessionen gesehen“.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Jan 2017 

    Phantasie und Wirklichkeit

    Peter Katz, seit fünf Jahren als Agent in der Literaturagentur Bronson & Matters tätig, erhält ein Manuskript von Richard Flynn. Das Anschreiben und die Leseprobe interessieren ihn, was er bei ungefragt eingesendeten Manuskripten fast schon nicht mehr für möglich hielt. Richard erzählt seine eigene Geschichte, beginnend im Oktober des Jahres 1987. Der in Brooklyn geborene Richard studiert gerade in Princeton Anglistik. Im Sommer hat er seinen Vater durch einen Herzinfarkt verloren, woraufhin seine Mutter mit Eddie, Richards jüngerem Bruder, nach Philadelphia zieht. Für Richard bedeutet dies, dass er seinen Rückzugsort für die Wochenenden verliert. Richtig heimisch hat er sich schon zuvor nicht in Princeton gefühlt, aber nun kommt er sich regelrecht heimatlos vor. Zu dieser Zeit erhält er in dem kleinen Haus, in dem er sich eingemietet hat, eine neue Mitbewohnerin – Laura Baines aus Illinois. Sie studiert Psychologie, nachdem sie bereits über einen Master in Mathematik verfügt. Schnell freunden sich die beiden an und unternehmen sehr viel gemeinsam. Für Richard übernimmt Laura schnell eine wichtige Rolle in seinem Leben, noch ahnt er nicht, dass er für immer mit ihr verbunden sein wird.

    Neben der eigentlichen Geschichte, um Richard und Laura erfahren wir Leser auch viel über die politischen und geschichtlichen Ereignisse der Zeit sowie über das Leben in Amerika. Der Autor E.O. Chirovici erzählt mit ungeheurer Tiefe und geradezu eindringlich. Sehr früh erklärt uns bereits die Figur der Laura, dass unser Gehirn nicht wirklich zwischen Fiktion und Realität unterscheiden könne. Dadurch zweifeln wir Leser an den Erinnerungen Richards. Doch das nimmt nichts von der Spannung, da unklar bleibt, was fiktiv und real ist. Die Charaktere sind wunderbar geglückt und voller Leben. Die Sprache von E.O. Chirovici ist fein und erwählt.

    Nur zu gerne vergebe ich dem Buch fünf von fünf möglichen Sternen und empfehle es unbedingt weiter an Leser, die anspruchsvolle, große Literatur lieben und sich mitnehmen lassen möchten auf die Suche des Peter Katz nach Antworten, der Wahrheit und Erinnerungen.

 
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